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LITERATUR

UNGARISCHE LITERATUR
TÜRKISCHE LITERATUR



UNGARISCHE LITERATUR

Die Wandlung der Rahmenbedingungen des Literarischen Lebens nach 1526

Niedergang der monastischen Kultur

Im 16. Jahrhundert wandelte sich das institutionelle System der ungarischen Kultur von Grund auf. Diese Veränderung war anfangs ein langsamer, Mitte des Jahrhunderts aber immer rascher voranschreitender Prozeß. Aus dem sich umformenden mittelalterlichen Institutionensystem gingen die Vorreiter der ungarischsprachigen Literatur hervor. Jene Intellektuellen, welche die erasmistische, protestantische, Vaganten- oder Hofliteratur schufen.

Bis 1526 existierte ungarischsprachige Literatur fast ausschließlich in den Klöstern. Obwohl das Auseinanderfallen des mittelalterlichen Staates mit einem unumkehrbaren Niedergang der Ordenshäuser verbunden war, verschwanden sie dennoch nicht gänzlich. Fünf oder sechs Klöster des Paulinerordens entgingen der Schließung, und die Ordenshäuser der Franziskaner blieben im ganzen Land, so auch in Siebenbürgen und im türkischen Eroberungsgebiet, weiterhin wichtige Zentren des Geisteslebens. Unter den Nonnenklöstern überlebten den Untergang nur die Klarissen von Tirnau und Preßburg; ihnen ist der Erhalt vieler ungarischsprachiger Kodizes zu verdanken.

Der König und die neuen Zentren des kirchlichen Mäzenatentums

1526 verwüsteten die Türken Ofen, 1541 eroberten sie die Landeshauptstadt endgültig. Im dazwischenliegenden Zeitraum hatte Ungarn zwei Könige: Ferdinand von Habsburg und János Szapolyai. Einen richtigen, mit Matthias Hunyadis vergleichbaren Königshof gab es damals in Ungarn nicht mehr, und dieser Mangel führte zum langsamen Verfall der Kultur. Das war jedoch ein außerordentlich widersprüchlicher Prozeß. Denn eigentlich wuchs in der undursichtigen politischen Lage die Rolle der ungarischen Intellektuellen, da zwei königliche Hofhaltungen und zwei königliche Kanzleien bestanden und keiner der beiden Herrscher auf gebildete humanistische und in der Rechtswissenschaft bewanderte Intellektuelle verzichten konnte. Im Jahr 1543 fiel Gran, so daß das Erzbistum nach Tirnau umziehen mußte. Die Zerstörung der Bischofssitze, Kapitel und Klöster hatte zur Folge, daß die authentische Tätigkeit ausübenden Orte ihre Tätigkeit ebenfalls einstellten und somit wichtige Zentren des mittelalterlichen Schrifttums verschwanden. Ausnahmen gab es allerdings. Das Domkapitel Raab beispielsweise bestand ungeachtet der Kriegsumstände weiter und konnte unter Bischof Demeter Náprágyi die humanistischen Traditionen bewahren. Von einer vollständigen Lahmlegung der politischen und religiösen Zentren des Landes - und mit ihnen des königlichen und kirchlichen Mäzenatentums - kann man also nicht sprechen. Die notgedrungene Umgestaltung brachte es mit sich, daß Preßburg und Tirnau bzw. Siebenbürgen eine zunehmende kulturelle Rolle spielten. Der Königshof war schon 1526 nach Preßburg geflohen. Hierher zog es auch die Würdenträger der von den Türken eroberten Kirchenprovinzen, was dazu beitrug, daß die humanistische Literatur eine zweite Blütezeit erlebte. Ebensowenig war es Zufall, daß die ungarische Gegenreformation später gerade von Tirnau ausging.

Großherren als Patrone der Literatur

In Zeiten bedeutender politischer und religiöser Bewegungen nahm die Literatur an den Höfen der Magnaten Zuflucht. Die wichtigsten Förderer der ungarischen Literatur wurden jene Oligarchen, die über Besitztümer von der Größe eines Landesteils herrschten. Ohne diese hochherrschaftlichen und fürstlichen Patrone wären ein Aufschwung des literarischen und religiösen Lebens oder die Modernisierung von Kultur und Bildung undenkbar gewesen. Von Tamás Nádasdy wurden in Sárvár-Újsziget, von der Familie Batthyányi in Güssing, von der Familie Perényi in Sárospatak, von Zsigmond Rákóczi in Vizsoly und vom siebenbürgischen Fürsten János Zsigmond in Karlsburg kulturelle Zentren geschaffen. Die Intellektuellen des Zeitalters fanden an den Höfen der Großen den Landes ein Zuhause, die - in Ermangelung einer ungarischen Universität - nicht selten deren Auslandsstudium finanzierten, die Herausgabe von Büchern unterstützten und natürlich auch auf die Inhalte der Literatur Einfluß nahmen. Eine ähnlich wichtige Rolle in der literarischen Umgestaltung spielten die Städte und Marktflecken: Leutschau, Bartfeld, Ödenburg, Debrecen, Klausenburg, ja selbst Tolna und Ráckeve im Eroberungsgebiet, brachten ihre eigenen bürgerlichen und ackerbürgerlichen Intellektuellen hervor oder nahmen sie auf.

Das Vordringen der ungarischen Sprache

Um 1526 gebrauchte man im Briefverkehr immer häufiger die ungarische Sprache - offizielle Schreiben und mitunter auch Urkunden wurden ungarisch formuliert -, während die Benutzung der lateinischen Sprache nach und nach zurückging. Die Ursachen dieser Veränderung sind nicht vollständig geklärt. Das durch die türkische Bedrohung erweckte Nationalgefühl, die Entwicklung des Bildungswesens, das nationalsprachige literarische Programm der Reformation und die literaturformende Rolle der Frauen, die zwar nicht Latein konnten, aber nach Bildung strebten, dürften in diesem Prozeß gleichermaßen bestimmend gewesen sein. Im ausgehenden 16. Jahrhundert wimmelte es in den ungarischsprachigen Briefen bereits von Latinismen, obwohl man sich anfangs meist dennoch der direkten Wendungen, Vergleiche und Sprichwörter der gesprochenen Sprache bediente. Alldas wirkte sich auch auf die Sprache der Literatur aus. Das Schreiben brachten den jungen Mädchen gelegentlich Nonnen bei, die ihren Orden verließen. Schreiber, die das Formulieren ungarischer Briefe erlernt hatten, standen nicht nur bei den weder Lesen noch Schreiben könnenden Adligen, sondern auch bei den Türken hoch im Kurs: Im 16. Jahrhundert korrespondierten die Ofner Paschas mit ihrem christlichen Gegner, den Habsburg-Hof eingeschlossen, in prächtigem Ungarisch.

Die Buchdruckerei

Buchdrucker als Vermittler zwischen Patron und Literatur

Parallel zum Vordringen des Ungarischen in den Bereichen Kommunikation, Unterhaltung-Bildung und religiöses Leben kam es zu einer raschen Verbreitung der Buchdruckerei. Die großzügigsten Förderer der Literatur gründeten im königlichen Ungarn und in Siebenbürgen eine ganze Reihe Druckereien (im türkischen Eroberungsgebiet betrieb man keine Druckwerkstätten). Als dritte wichtige Person im institutionellen System der Literatur hat neben dem Patron und dem Autor der Drucker zu gelten. Tamás Nádasdy berief Benedek Abádi deshalb nach Sárvár-Újsziget, damit dieser das erste in Ungarn erschienene ungarischsprachige Buch drucken konnte: das Neue Testament von János Sylvester (1541). Häufig waren Autor und Drucker ein und dieselbe Person. Péter Bornemisza zum Beispiel gründete zur Herausgabe seiner eigenen Werke eine Wanderdruckerei im königlichen Ungarn, wo das Betreiben von Druckereien übrigens an ein Privileg gebunden war. In Siebenbürgen benötigte man dazu keine Genehmigung. Die meisten ungarischen Druckereien dienten den Ansprüchen der Reformation. Die von Gáspár Heltai und Georg Hoffgreff 1550 in Klausenburg gegründete Druckerei konnte sogar schon unternehmerische Erfolge aufweisen, was sie nicht zuletzt den Werken der schöngeistigen ungarischen Literatur bzw. den Übersetzungen verdankte.

Die Verbreitung literarischer Texte

Zur Herausgabe literarischer Texte verwendete man damals bereits allgemein Papier, das wesentlich weniger kostete als Pergament (1/24 des Pergamentpreises), obwohl seine Beschaffung recht kompliziert war. In der Regel wurde es importiert, und zwar überwiegend von deutschen oder polnischen Papierfabriken. Hinweise auf den Herkunftsort sind die Meisterzeichen des Papierherstellers, die Wasserzeichen. Die erste ungarische Papiermühle entstand Anfang des 16. Jahrhunderts in Leutschau. Aus dem 16. Jahrhundert blieben nur sehr wenige Autorenmanuskripte erhalten. Nach dem Setzen fertigte man in der Druckerei einen Bürstenabzug an, auf dem der Autor den Text korrigierte. Für das Ausbessern der Fehler stellte die Druckerei offizielle Korrektoren ein. Auch János Sylvester und Albert Molnár Szenci verdienten sich zeitweilig als Korrektoren ihren Lebensunterhalt. Erhalten blieb beispielsweise ein von Gáspár Károlyi eigenhändig korrigierter Abzug der Vizsolyer Bibel. Dennoch verdrängte das Drucken die handgeschriebenen Bücher nicht ganz, oftmals verbreitete man handschriftliche Kopien der Texte. Viele dieser literarischen Texte, die aus verschiedenen Gründen nicht im Druck erscheinen konnten, sind als Handschriften auf uns gekommen. Ein Großteil der Liebeslyrik des Zeitalters wurde in handgeschriebenen Liederbüchern überliefert. Offiziell war der Druck solcher von Liebe handelnder literarischer Werke zwar nicht verboten. Doch die Kirchen beider Konfessionen - sowohl Protestanten, wie auch Katholiken - kämpften entschlossen gegen jede Erscheinungsform der Thematik Liebe, und die Mehrzahl der Druckereien stand unter strenger Kontrolle der Kirche.

Das gedruckte Buch

Die geistige Erneuerung des 16. Jahrhunderts war auch in Ungarn untrennbar mit dem von Johann Gutenberg im 15. Jahrhundert erfundenen Schriftgießen und der Presse verbunden. Im Anfang ähnelten die Druckausgaben noch stark den prächtigen handgeschriebenen Modellen des vorangehenden Zeitalters, den Kodizes. Nach 1550 aber gewannen praktische Aspekte die Oberhand und das gedruckte Buch begann sich von den Handschriftenmustern zu unterscheiden. Die Entwicklung von Druck, Spiegel, Verzierung und Illustration nahm eine neue Richtung. Bücher gab es in mannigfaltigen Abmessungen, von mächtigen Foliantbänden bis hin zu kleinen, nur handtellergroßen Exemplaren. Die komplexe, hierarchisierte Typographie spiegelte den mittelalterlichen, für scholastische Werke typischen Textaufbau wider. Damals wandte man zum ersten Mal Absätze an. Das Titelblatt wurde einfacher, der Satzspiegel übersichtlicher, mit Hilfe von Kolumnentiteln konnte man sich schneller orientieren, ja selbst der Umschlagbogen blieb nicht ungenutzt, denn hier waren Marginalien zu lesen. Anstelle der Seiten- gab es die Bogennumerierung und über die richtige Reihenfolge der Blätter wachte ein Kustos. In Siebenbürgen betrieb man neben den Druckereien auch Buchbindereien, die in der Regel nach dem Geschmack der deutschen Drucker arbeiteten.

Buchhandel und Bibliotheken

Auf die Entwicklung des Buchhandels wirkte sich das wachsende Interesse an Büchern nur langsam aus. Die bedeutende Sammlungen besitzenden Magnaten und siebenbürgischen Fürsten betrauten damals hauptsächlich im Ausland studierende ungarische Studenten, Bücher für sie zu erwerben. Doch mit der Zeit erschienen auch bei uns Fachbuchhändler und -agenten, die meist für das Binden der Bücher sorgten. Ab dem 16. Jahrhundert kennen wir sogar Kataloge von Buchhändlern. (Unter anderem den Katalog des Kaschauer Händlers Hans Gallen aus dem Jahr 1583, der einen Lagerbestand von 604 Positionen ausweist.) Die niveauvollsten Büchersammlungen befanden sich zu dieser Zeit in privater Hand. Boldizsár Batthyány beispielsweise hatte eine moderne europäische Bildung genossen und sammelte auch schöngeistige Werke zeitgenössischer Autoren, wie spanische Ritterromane. Über umfangreiche Bibliotheken verfügten daneben die ungarischen oder ungarländischen humanistischen Wissenschaftler - z.B. Hans Dernschwam, János Zsámboky, András Dudith -, wobei diese Bände natürlich vorwiegend im Ausland erworben wurden. In den Eigenbibliotheken der Prälaten standen weit mehr Bücher als in den Kirchenbibliotheken zugänglich waren. Die Bücher eines Miklós Oláh, Miklós Telegdi, Zakariás Mossóczy oder Demeter Náprágyi bildeten später den Grundstock kirchlicher Sammlungen. Aber auch die Bibliotheken von Intellektuellen oder Adligen geringeren Standes konnten sich sehen lassen. Die meisten dieser Sammlungen fielen den Kriegswirren zum Opfer, und nur die Eintragungen der Possessoren, der ehemaligen Eigentümer, sowie die Nachlaßverzeichnisse sind Zeugen ihrer einstigen Existenz.

Das Schulsystem

Die Sprache der Schule, des Lernens, der Wissenschaft war damals - und noch einige Jahrhunderte hindurch - das Latein. Auch in der Renaissance ordnete man den Lehrstoff aufgrund mittelalterlicher Prinzipien nach den Gegenstandsbereichen der sog. sieben freien Künste (septem artes liberales). In der Unterstufe wurden die Trivium-Fächer Grammatik, Rhetorik und Dialektik (d.h. Logik) unterrichtet. Die Quadrivium-Fächer der Oberstufe waren nur in den besten Schulen Bestandteil des Lehrplans. Die Muttersprache spielte im Bildungsprozeß - insbesondere auf der unteren und mittleren Ebene - eine wichtige Rolle. Zum richtigen Verständnis der lateinischen Texte enthielten die Schulbücher ungarische Beispielwörter. Dem gleichen Ziel dienten die für Kinder geschriebenen mehrsprachigen Gesprächssammlungen. Tag für Tag lernten die Schüler viele lateinisch-ungarische Wortpaare auswendig, wobei sie die auch gedruckt erscheinenden Wörterbücher zu Hilfe nehmen konnten. Das nach humanistischen Prinzipien reformierte Schulsystem setzte sich die vollkommene Aneignung der Humanwissenschaften, studia humanitatis, zum Ziel. Die ungarischen Übersetzungen der Fabeln Äsops, der Sentenzen Catos oder der Ode von Horaz spiegeln die gehobenen Ansprüche des Grammatik- und Rhetorikunterrichts in den Schulen wider.

Humanistische Intellektuelle

Seit dem Mittelalter gab es in den Städten und Marktflecken von der Kirche betriebene Parochialschulen. Im Zeitalter der Reformation, als es in den Städten zum Konfessionswechsel kam, wurden diese Schulen häufig Zentren neuer, radikaler Religionsideen und zugleich des neuen protestantischen Kulturideals. An den Schulen von Sárospatak, Klausenburg, Debrecen und Tolna im Eroberungsgebiet unterrichteten namhafte protestantische Humanisten dieser Zeit, die auch auf dem Gebiet der ungarischsprachigen Literatur bedeutendes vollbrachten. Wo die Domkapitel weiterbestanden, waren wieder Kapitelschulen tätig, deren Unterichtsstoff man erneuert hatte. Eine solche Schule war die von Erzbischoff Miklós Oláh neuorganisierte Schule in Tirnau. Daneben gab es andere Foren der Grund- und Mittelstufenbildung: Ein Teil der Kinder von adligen ungarischen Grundherren und Offizieren des Grenzburgenmilitärs besuchten die Wiener Provinzschule. In den städtischen Schulen kam auch das Theater zu seinem Recht. Hier wurden die ersten Schuldramen in ungarischer Sprache aufgeführt. Einzelne Adlige und Magnaten ließen ihre Kinder nicht an Schulen, sondern in irgendeinem Nachbarschloß oder Adelssitz erziehen. Am Hof der Familie Battyány gaben gleichzeitig mehrere Schulmeister Unterricht. Eine Universität fehlte in Ungarn auch weiterhin. Höhere Bildung konnten Ungarn an den Hochschulen von Krakau, Wien oder Padua, später dann in Wittenberg oder Heidelberg erwerben. Die Auslandsaufenthalte ermöglichten es, daß die Studenten einerseits direkten Kontakt zu den herausragenden Persönlichkeiten des Zeitalters fanden und andererseits die neuesten Ergebnisse der Wissenschaften erfuhren, die sie nach ihrer Heimkehr auch weitergaben. Dies war die niveauvollste Form der Ausbildung ungarischer Intellektueller und des wissenschaftlich-religiösen Lebens. Häufig faßten die von Stadt zu Stadt reisenden Studenten ihre Erlebnisse in Reisebeschreibungen oder -tagebüchern zusammen. Die beste und erfolgreichste europäische Reisebeschreibung in ungarischer Sprache schrieb Márton Csombor Szepsi: Europica varietas (Kaschau 1620). Die Studenten zogen aus, um zu lernen und etwas von der Welt zu sehen. Sie schrieben sich an zahlreichen Universitäten ein und trachteten danach, die Vorlesungen möglichst vieler berühmter Professoren zu besuchen, denn den meisten bot sich die Möglichkeit einer Auslandsreise nur einmal im Leben.

Die ungarischen Erasmisten

Der Erasmismus

Erasmus von Rotterdam war in den Jahrzehnten um Mohács der ungekrönte Humanistenfürst Europas. Schon vor Mohács hatten ungarische Intellektuelle miteinander gewetteifert, seine Schriften zu lesen und zu studieren. Sie bildeten die erste Generation der ungarischen Erasmisten. Der Meister erfüllte den Humanismus mit der Idee der "devotio moderna" und verkündete eine grundlegend neue, aufrichtige und innige christliche Lebensanschauung, in deren Mittelpunkt das nach den originalen griechischen Quellentexten herausgegebene Neue Testament stand. Erasmus widersprach den offiziellen Lehren der katholischen Kirche häufig, der Reformation schloß er sich dennoch nicht an. Obwohl er nie auch nur eine Zeile in irgendeiner vulgären Sprache schrieb, trat er für die muttersprachliche Übersetzung und Verbreitung der Bibel ein. Dem verlieh er unter anderem mit seiner Meinung Ausdruck, daß jede Frau die Bibel bzw. die Briefe des Apostels Paulus lesen sollte. Dieser Ermutigung suchte die zweite, nach Mohács tätige Gruppe der ungarischen Erasmisten mit ihrem Bestreben zu entsprechen, eine breite Schichten der Bevölkerung ansprechende Bibel zusammenzustellen. Oftmals verfolgten die ungarischen Erasmisten diesselben Ziele wie die Reformatoren, dessen ungeachtet blieben sie dem Katholizmus treu.

Literatur nationaler Bestimmung

Die Werke der ungarischen Erasmisten basieren auf einer einheitlichen, gut durchdachten literarischen Konzeption. Unter anderem das unterscheidet sie von den Werken der monastischen Literatur. Sie wollten zuvor die ungarische Sprache so formen, daß sie sich zur Übersetzung der Bibel eignet, und erst dann beabsichtigten sie, die Heilige Schrift ins Ungarische zu übertragen. Ihr Wunsch war es, eine in rhetorischer Hinsicht hochkultivierte ungarische Literatursprache zu schaffen. Zu diesem Zweck begannen sie mit methodischen ungarischen Sprachstudien. Auch eine gewisse nationale Erneuerung gesellte sich zu ihrem literarischen Programm, lernten sie im Laufe ihrer Arbeit doch als erste die Schönheiten der ungarischen Muttersprache zu entdecken und zu schätzen. Das Schaffen der Erasmisten blieb außerhalb der Rahmen, in denen sich das Ringen der Konfessionen abspielte: Die Reformation hat ihre Bibelübersetzungen nicht verwendet. Dennoch war ihre Tätigkeit nicht isoliert von den übrigen literarischen Bestrebungen des Zeitalters. In der Person des protestantischen Humanisten János Decsi Baranyai, der Erasmus' Sprichwörtersammlung ins Ungarische übertrug, erwuchs dem erasmistischen Sprachbildungsprogramm sogar ein später Fortsetzer.

Benedek Komjáti

Der erste Ungarisch schreibende Anhänger Erasmus' war Benedek Komjáti. Mit Unterstützung der Familie Perényi gab er 1533 in Krakau die ungarische Übersetzung der Briefe des hl. Paulus heraus, das erste Druckwerk in ungarischer Sprache. Namentlich berief er sich zwar nicht auf Erasmus. Tatsächlich aber hat er mit Erasmus' Übersetzung gearbeitet, dessen Einleitungen zu den Briefen übernommen und auch dessen Kommentare in seine Übersetzung eingebaut. Dies waren zwar nur erste, unbeholfene Schritte, dennoch kann man Komjáti bewußtes literarisches Schaffen nicht absprechen.

Gábor Pesti

Daß sich das literarische Programm der Erasmisten voll entfalten konnte, ist ein Verdienst des zum Kreis der Intellektuellen der königlichen Kanzlei gehörenden Gábor Pesti. Er studierte an der Wiener Universität und baute dort gute Beziehungen zu einer Gruppe Professoren aus, die Erasmisten und Gegner Luthers waren. 1536 gab er in Wien zwei ungarischsprachige Bücher heraus: die Fabeln Äsops und das Neue Testament. Zwei Jahre später erschien, wiederum in Wien, sein sechsprachiges Wörterbuch. Die antiken Lehrfabeln des Äsop vermittelte er in einfachem und klarem Ungarisch. Zu seinen Grundzielen erklärte er die Bereicherung der Sprache und die ethische Erziehung. Zugleich war er sich bewußt, daß der "faszinierende Charme" der Märchen die Leser mit "wunderbarer Wonne" erfüllt. Auch zur Annäherung an die Bibel stützte sich der Erasmist Gábor Pesti auf die im Zuge der Untersuchung antiker Texte angewandten Methoden. Die Ähnlichkeit der Heiligen Schrift und der antiken Werke wurde gerade dadurch beweisbar, daß erstere genausolche fabelähnlichen Parabeln enthält wie letztere.

János Sylvester

Der begabteste Vertreter des ungarischen Erasmismus, der diesen am nachhaltigsten beeinflußte, war János Sylvester (1504-1552), der Begründer der ungarischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Ab 1534 leitete er auf dem Gut von Tamás Nádasdy in Sárvár-Újsziget die Werkstatt zur Bibelübersetzung, wobei ihm die Drucker Johannes Strutius und Benedek Abádi zur Seite standen. Parallel zur Übersetzung des Neuen Testaments nahm er sich Zeit, das grammatische System der ungarischen Sprache zu studieren. 1539 erschien sein Werk Grammatica hungarolatina, die erste ungarische Sprachlehre. Beim Aufschreiben der Lautordnung unserer Sprache nutzte er auch seine hebräischen Sprachkenntnisse. Sein 1541 herausgegebenes Neues Testament folgt in allem der Übersetzung und den Kommentaren Erasmus'. Während der Übersetzungsarbeit erkannte Sylvester, daß sich die ungarische Sprache für das quantitierenden Versmaß eignet. Also faßte er die Summierung seiner Bücher des Neuen Testaments in Distichons. Darüber hinaus enthält die Ausgabe eine Abhandlung über Wörter mit mehrfacher Bedeutung, in der er erstmals von den ungarischen Blumengesängen berichtet. Dieser Bericht Sylvesters ist die erste fundierte Information zur Sachlage der ungarischen Poesie.

Die ungarische Literatur im Dienste der Reformation

Die Ausbreitung der Reformation in Ungarn

Über die Anfänge der Verbreitung der Reformation in Ungarn wissen wir sehr wenig. Gewiß ist, daß der Prozeß in königlichen Hofkreisen schon vor 1526 zu reifen begann. Viele bezichtigten Ludwig II. und seine Gemahlin einer lutherfreundlichen Gesinnung.Maximilian I. von Habsburg neigte - später - ebenfalls zum Protestantismus. Einige Humanisten der Jagiellonenzeit sympathisierten mit den Ideen Luthers, und auch unter den Mitgliedern der ersten Generation der ungarischen Erasmisten gab es Sympathisanten - z.B. János Henckel, den Kaplan der Königin Maria. Von der nach Selbständigkeit strebenden städtischen Bürgerschaft wurden die neuen Ideen dankbar aufgenommen. Die deutschsprachige Einwohnerschaft des Landes stand geschlossen hinter der lutherischen Reformation, und damit kam in ihren Kreisen der religiöse Reformprozeß auch zum Abschluß. Die Siebenbürger Sachsen wurden von Johannes Honterus, die Deutschen des Oberlandes unter anderem von Leonhard Stöckel ins Lager des Protestantismus geführt. Schon vor 1514 hatten viele Mitglieder des Observantenzweiges der Franziskaner die Ursachen für den Niedergang des Landes in den Sünden der Kirche und der Großherren gesehen. Auch dieser franziskanische Radikalismus trug zum schnellen Erfolg der Reformation bei. Der Namenlose Kartäuser beispielsweise, der den Érdy-Kodex verfaßte, wollte mit seinem Werk die Verbreitung des "verruchten lutherischen Ketzertums" verhindern. Nicht zuletzt leisteten auch die Großherren mit ihrem Besitzdrang dem Zerfall des institutionellen Systems der katholischen Kirche Vorschub.

Territoriale Verbreitung der Reformation

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bot das geteilte Land auch in konfessioneller Hinsicht ein reichlich buntes Bild. Im Gebiet des königlichen Ungarn konnte der Katholizismus seine Position nur noch in der Umgebung von Preßburg behaupten. Die anfängliche Einheit des Protestantismus währte nicht lange. So fanden die auch Sakramentarier genannten Reformierten (Kalvinisten), die sich mit den Lutheranern in erster Linie über die Frage des Abendmahls stritten, vorwiegend in Oberungarn Zuspruch. Im türkischen Eroberungsgebiet lebten ebenfalls mehrzählig Gläubige der reformierten Konfession. Sie säuberten ihre Kirchen restlos von Heiligenbildern, und diese Bilderstürmerei stand im Einklang zur Auffassung des Islam. Im unabhängigen Fürstentum Siebenbürgen gab es nach der Ermordung Frater Georgs (1551) so gut wie keinen Katholizismus mehr, wenn er auch nie ganz verdrängt werden konnte. Unter János Zsigmonds Herrschaft kam es hier nicht nur zur Verbreitung, sondern zu einer schrittweisen Radikalisierung der Reformation; die das Dreifaltigkeitsdogma verwerfenden Unitarier erschienen. Ihr namhaftester ungarischer Vertreter war Bischof Ferenc Dávid, dessen radikale Ansichten selbst innerhalb des Unitarismus hervorstachen: Er negierte die Anbetungswürdigkeit Christi. 1579 warf man ihn für seine Gesinnung ins Burggefängnis von Diemrich, wo er noch im gleichen Jahr verstarb. Die Wandlung Klausenburgs zu einer reinen Unitarierstadt dauerte nur kurze Zeit. Ende der 1570er Jahre brach die unitarische Kirch auseinander. Ihr radikaler Flügel organisierte sich zur Sekte der Sabbatisten. Siebenbürgen gewährte - auf eine in Europa beispiellose Art und Weise - den europaweit (auch in den protestantischen Ländern!) wegen ihrer religiösen Gesinnung verfolgten Freidenkern jahrzehntelang Zuflucht. Die hier ein Zuhause findenden ketzerischen Religionsphilosophen - z.B. Jacobus Palaeologus, Christian Francken und Matthias Vehe-Glirius - konnten im Unitarierkollegium unterrichten, in Ruhe arbeiten, ihre Ansichten relativ ungehindert verbreiten und dadurch die Entwicklung des Geisteslebens in Siebenbürgen nachhaltig beeinflussen.

Die ersten ungarischen Protestanten

Das von den ungarischen Reformatoren verfolgte literarische Programm zur Muttersprachenentwicklung war von Anfang an dem Ringen der Konfessionen unterworfen. Die ersten protestantischen Schriftsteller - z.B. Mátyás Bíró Dévai und Imre Ozorai - griffen nicht nur die katholischen Zeremonien, sondern auch die in der Kirche gebräuchliche lateinische Sprache scharf an, da diese nach ihrer Meinung der Irreführung des Volkes dienten. Wie am Beispiel der Dramen und unitarischen Disputdramen von Mihály Sztárai zu sehen ist, mußten sich ihre Partner bei Streitgesprächen auf die Muttersprache beschränken. Sie trugen die abstrakten theologischen Dispute unter das Volk, feilten aus Glaubenseifer an der Volkssprache. Ihr Stil war einfach, klar und deutlich, weil es in ihrem ureigensten Interesse lag, daß Zuhörer und Leser verstanden, was sie zu sagen hatten. Viele von ihnen waren gebildete, an Auslandsuniversitäten studierte Männer, protestantische Humanisten, die ihre Kenntnisse der antiken lateinischen und griechischen Literatur jedoch in den Dienst der moralischen bzw. religiösen Ziele stellten. Im Prinzip legten sie auf die ethische Erziehung immer den größten Wert und verurteilten die ergötzende Rolle der Literatur. In Wahrheit aber wurden im Zeichen der Reformation" zahlreiche ausgezeichnete Werke geschaffen.

Hauptgattungen der Reformationsliteratur

Gemeindegesang

Die Protestanten hatten die begeisternde und zusammenhaltende Kraft des ungarischsprachigen Gemeindegesangs schnell erkannt, und bald entstanden verschiedene Typen von Liedersammlungen. Mit diesen wurden vielen Menschen die im religiösen Leben unentbehrlichen Gesangstoffe zugänglich. Gleichzeitig dienten sie zur Säuberung und Ordnung der sakralen Kunstgattungen, indem sie alles das, was man aus theologischer oder moralischer Sicht für beanstandbar erachtete, ausschlossen. Die Messe war zwar abgeschafft, aber auch der protestantische Gottesdienst kam nicht ohne liturgische Gesänge aus, die man im Gradual fand. Vielleicht noch größerer Beliebtheit erfreute sich der Kirchengesang während des Gottesdienstes. Diese geistlichen Lieder wurden in Gemeindeliederbüchern gesammelt. Höchster Ausdruck des protestantischen Identitätsbewußtseins aber waren die alttestamentarischen Psalme. Dem Beispiel der ausgezeichneten westeuropäischen Psalmdeuter - Théodore de Beze und George Buchanan - folgend, wetteiferten ungarische Liedautoren miteinander, die schönsten Psalmparaphrasen zu schreiben, und langsam strebte jede protestantische Konfession danach, ihr eigenes, vollständiges Psalterium zusammenzustellen.

Biblische Geschichten

Ein besonderer Typ der protestantischen Gesangsammlungen faßte die zur persönlichen Lektüre bestimmten umfangreichen Predigtgesänge und erzählerischen religiösen Werke (biblische und andere Geschichten) zusammen, wie z.B. das Hoffgreff-Liederbuch (Klausenburg 1554-1555). Diese Bände enthielten Lehrgesänge, die mit großer Überzeugungskraft und prophetischem Eifer die Ideale der Reformation verkündeten. Ihre Verfasser waren Prediger, die für den Untergang des Landes und die Erfolge der türkischen Eroberung die um sich greifende Sündhaftigkeit verantwortlich machten. Das Geschichtsbild des ungarischen Protestantismus wurde von den an der Wittenberger Universität studierenden ungarischen Studenten geformt, und zwar auf der Grundlage der sog. Wittenbergischen Geschichtsanschauung, einer Auffassung, die in den mittelalterlichen Ideen Luthers und besonders Philip Melanchthons wurzelte. Demnach gestaltet allein Gott die Geschichte: Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß das Ende der Welt naht, und der in Gestalt des biblischen Antichristen vordringende Türke ist nichts anderes als die Strafe Gottes für die Sünden der Welt. András Farkas zieht in einem 1538 verfaßten Gesang Parallelen zwischen der Geschichte des jüdischen Volkes im Alten Testament und der Geschichte der Ungarn: Für die gleichen Sünden, mit denen die Juden ihren eigenen Untergang verursachten, bestrafe Gott nun auch das ungarische Volk. Diese jüdisch-ungarische Schicksalsparallele wurde ein beliebtes Thema der ungarischen Literatur; im Epos von Miklós Zrínyi taucht sie ebenso auf wie in Kölcseys Hymne. Mit noch größerer poetischer Kraft stellt András Horvát Szkárosi diesen Gedanken dar, der in seinem tadelnden Gesang über den Fluch die in Sünde befangenen, halsstarrigen Ungarn mit den biblischen Flüchen Mose überschüttet. Nicht zuletzt war die auf ungarische Verhältnisse angewandte Wittenbergische Geschichtsanschauung von maßgeblichem Einfluß auf die türkenfeindliche Propaganda des 16.-17. Jahrhunderts.

Predigtbände und Bibelübersetzungen

Die Predigtbände, auch Postillen genannt, bilden innerhalb der protestantischen Prosaliteratur ein großes Korpus. Ihr Lehrziel erreichten sie durch die häufige Verwendung von Exempeln, die man oft zu interessanten Erzählungen bzw. Anekdoten abrundete. Den anderen, bedeutenden Anteil vertreten die Werke polemischen Inhalts bzw. Glaubensdispute. Doch die größte Wirkung auf die ungarische Literatursprache erzielten die Bibelübersetzungen. An der Bibel von Vizsoly war außer Gáspár Károlyi eine ganze Gruppe von Mitarbeitern beteiligt, deren Namen wir nicht kennen. Der Text dieser Bibelübersetzung hat in der ungarischen Literatur - ungeachtet der zahlreichen Überarbeitungen - bis zum 20. Jahrhundert eine entscheidende Rolle gespielt. Vermutlich gab es auch von Péter Juhász Melius eine vollständige Übersetzung des Neuen Testaments, die aber verloren ging. Miklós Fazakas Bogáti schrieb eine Praphrase zum Lied der Lieder, deren sehr individuelle Sprache aus dem Instrumentarium der ungarischprachigen Liebeslyrik schöpft. Im Umfeld der Klausenburger Druckerei Heltai war ebenfalls eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Übersetzen der Bibel befaßt, die ihre Arbeit jedoch nicht beendete.

Gáspár Heltai

Der hervorragendste und vielseitigste Vertreter der ungarischen Prosaliteratur des 16. Jahrhunderts, Gáspár Heltai, entstammte einer siebenbürgisch-sächsischen Familie und hieß eigentlich Kaspar Helth. Als Drucker in Klausenburg errang er sich rasch einen Platz unter den Großen der ungarischen Prosa. Das Ungarisch seines Dialogs über die Gefährlichkeit der Trunkenheit und Prasserei (1552) ist zwar hier und da noch etwas holperig, doch die Lebhaftigkeit und der Sprachreichtum der Dialoge sind dafür ausreichende Entschädigung. In seinen den Fabeln Äsops nachempfundenen Hundert Fabeln (1566) gibt er ohne Abstriche die Origanalfassung der deutschen Quelle wieder. Gegenüber den genauen, aber trockenen Märchen von Gábor Pesti ist jeder Satz Heltais noch heute mit Leben erfüllt, sein Humor frisch und geistreich. Sein Buch mit dem Titel Netz ist eine Adaption der romantischen Inquisitionsgeschichte eines abtrünnigen spanischen Mönchs. Auch als Geschichtsschreiber leistete er bedeutendes. Seine Chronic, von Bonfini ungarisiert und vollständig überarbeitet, erschien erst nach seinem Tod, im Jahr 1575. Dieses Buch stand bereits ganz im Zeichen des Matthiaskults. Heltai hat als erster die moralisierede protestantische Geschichtsanschauung konsequent auf die gesamte ungarische Geschichte bezogen.

Péter Bornemisza

Die zweite herausragende Persönlichkeit der ungarischen protestantischen Literatur des 16. Jahrhunderts neben Gáspár Heltai war Péter Bornemisza, der sein umfangreiches Lebenswerk voll und ganz den Dienst der Reformationsideen stellte. Seine Begabung als schöngeistiger Schriftsteller scheint durch jedes seiner Worte. Noch heute ist es ein Genuß, seine Schriften zu lesen. Obwohl er als Dichter relativ wenig schrieb, gehört ein in den 1550er Jahren entstandenes Abschiedsgedicht von ihm zu den prägnantesten Stücken der ungarischen Lyrik. Während seines Studiums in Wien empfahl ihm sein Lehrer, Georgius Tanner, die Elektra von Sophokles als Lektüre, die er ins Ungarische übersetzte und gemeinsam mit seinen Kommilitonen vermutlich auch aufführte (Wien 1558). In diesem Stück kommt der protestantische Humanismus in seiner reinsten Form zum Ausdruck. Bornemisza verfolgte die Entwicklung der ungarischsprachigen Prosa mit Aufmerksamkeit und wollte sie nach dem Beispiel der antiken Klassiker, z.B. Cicero, sowie der zeitgenössischen gebildeten Nationen bereichern. Der Grundgedanke seines Werkes ist absolut protestantisch: Mit dem Sturz Egisthos' und Klüthemnestras verurteilt er die schwersten Sünden gegen Gott, den Mord und die Unkeuschheit, und hält angesichts dieser Verbrechen sogar den Tyrannenmord für statthaft. Ähnlich wie Gáspár Heltai formt und schreibt er die Quelle vollständig um bzw. aktualisiert sie. Die Rolle des Chores im griechischen Drama überträgt er einem einzigen Darsteller und fügt auch eine ganz neue Figur in das Stück ein. Sie trägt den Namen Parasitus und ist der Typ des späteren Hofintriganten.

1578 erschien Péter Bornemiszas Buch Teuflische Versuchungen, das bei den Lesern der damaligen Zeit einen außerordentlich Eindruck hinterließ und vermutlich auch heute noch eine der spannendsten Schriften des 16. Jahrhunderts ist. Ausgehend von Wittenberger Quellen schrieb Bornemisza nahezu sämtliche Teufelsgeschichten der Weltgeschichte auf, wobei er die unermeßliche Boshaftigkeit des zur Wollüstelei animierenden Teufels und das Ausgeliefertsein des Menschen hervorhob. Mit unbemäntelter Offenheit, weder sich selbst, noch die mächtigen Großherren (z.B. die Familien Balassi, Perényi oder Török zu Enying) schonenend, legte er die sexuellen Sünden seines Zeitalters frei. Das Erscheinen der Teuflischen Versuchungen löste einen Riesenskandal aus. Für die Nachwelt ist dieses Buch ist ein unerschöpflicher Quell' ethnographischer und kulturhistorischer Angaben. Hier kann man die ersten bekannten - außergewöhnlich archaischen, auch heidnische Elemente enthaltenden - Zaubersprüche lesen, die Bornemisza von einer gewissen Frau Szerencse aus Tardoskedd erfuhr. Den offiziellen Kirchenforen waren diese Zaubersprüche sehr suspekt, mitunter kam es sogar zu Verfolgungen. In der lebendigen Volksüberlieferung stießen die Etnographen unseres Jahrhunderts auf zahlreiche ganz ähnliche Folkloretexte. Auch zwei Schwänke zeichnete Péter Bornemisza auf, deren Held, Balázs Trágár, ein landauf, landab bekannter Spaßmacher vom Schlage Till Eulenspiegels war. Wie man den Teuflischen Versuchungen entnehmen kann, wurden im 16. Jahrhundert nicht nur die scherzhaften Reden von Salomon und Markalf, sondern auch die Geschichten über Balázs Trágár mündlich und vielleicht sogar schriftlich überliefert.

Albert Molnár Szenci

Erfüllt wurde das literarische Programm der protestantischen Humanisten von Albert Molnár Szenci. Obwohl er beinahe sein ganzes Leben im Ausland, im deutschen Sprachraum, verbrachte, stellte er sein Schaffen dennoch ausschließlich in den Dienst der ungarischen Reformation und bereicherte damit die heimische Wissenschaft. Seine grammatischen und literarischen Werke sowie seine theologischen Schriften bilden eine harmonische Einheit. Seine Ungarische Grammatik (Hanau 1610) und das sehr erfolgreiche lateinisch-ungarische bzw. ungarisch-lateinische Wörterbuch (Nürnberg 1604, Hanau 1611, Heidelberg 1621) brachten der ungarischen Sprachwissenschaft den Anschluß an das europäische Niveau und schufen eine sichere Grundlage für die ungarische Literatursprache. Der reformierten Kirche schenkte er die Gesamtausgabe des Psalters, das Psalterium ungaricum (Herborn 1607), eine formgetreue Übersetzung der hugenottischen Psalme. Mit seiner bravourösen Übersetzung der 130 verschiedenen Strophentypen ins Ungarische gelang es ihm, die für ungarische Ohren fremd klingenden französischen Melodien zu verpflanzen. Auch auf dem Gebiet der Bibelwissenschaft, der Theologie und der Philosophie hat sich Szenci hervorgetan, und mitunter fand er sogar Zeit für poetische Spiele (Lusus poetici, Hanau 1614) oder Bildverse.

Dichtung für die Allgemeinheit, Volkskultur

Der Platz der profanen Dichtung in der Literatur

Einen der interessantesten Komplexe der alten ungarischen Literatur bilden jene Gattungen und Werke, die, von konfessionellen, sozialen und kulturellen Aspekten mehr oder weniger unabhängig, für ein breites Publikum geschrieben wurden. Diese profane Literatur war bei weitem nicht einheitlich, denn es gab zahlreiche Typen von Autoren und Rezeptoren. Das gemeinsame Kennzeichen der populären literarischen Gattungen war die Allgemeinverständlichkeit. Dabei existierte dieser Literaturtyp nicht völlig isoliert von den anderen: Man kann in protestantischen Predigten, Dialogen oder Gedichten beobachten, daß sie der profanen Literatursphäre durchaus offenstanden. Die bei Hochzeitsfeiern oder anläßlich von Taufen vorgetragenen scherzhaften Heiratsgesänge bzw. Taufgesänge haben ihre Gattungsduplizität - kirchlich und weltlich - zumindest eine zeitlang bewahrt. Doch vom Ende des 16. Jahrhunderts an kleidete sich die protestantische Literatur mehr und mehr in düstere Farben; "unpassende" Späße wurden weder verstanden, noch geduldet. Auch in die Rahmen der Hofkultur ließen sich die Elemente der profanen Dichtung erst in veränderter, veredelter Form einfügen. Man denke nur an die volkstümlichen Figuren der Ungarischen Komödie von Balassi oder sein Gedicht über die "Wiener Blumen", in denen der Hofpoet stets die Überlegenheit gegenüber dem Ordinären zum Ausdruck bringt.

Vagantendichtung

Ein unverfälschtes, authentisches Volkslied aus dem 16. Jahrhundert kennen wir nicht. Die Stücke der schriftunkundigen, mündlich überlieferten Lieddichtung wollte damals noch niemand aufzeichnen. Bekannt sind jedoch einzelne Stücke aus dem Repertoire der über einigermaßen Bildung verfügenden wandernden Studenten, der "Fiedler" genannten Unterhalter - dies ist der Grenzbereich zwischen Schrifttum und schriftunkundiger Dichtung. Überall wo sie sich aufhielten, in Wirtshäusern oder an Adelshöfen, gaben sie die ungarischen Entsprechungen der in ganz Europa blühenden Vagantendichtung zum besten. Sie sangen Blumengesänge und Tanzlieder, trugen Tanz- oder Spottgedichte vor, je nach dem Geschmack des sehr differenzierten Publikums. Bei dem im Fanchali Jób-Kodex überlieferten Pikanten Gesang handelt es sich eigentlich nicht um ein Gedicht, sondern um eine Reihe von Versen, welche die wenig salonfähigen Themen und Gattungen der namenlosen Spielleute dieses Jahrhunderts zusammenfaßt: Raub, Saufgelage, die Verspottung einer alten Jungfer, das Lied eines liebeshungrigen Mädchens, Vergewaltigung, die Liebensabenteuer einer vornehmen Dame mit ihrem Kutscher usw. sind Inhalt dieser aneinander gereihten, "pikant" genannten, d.h. also schlüpfrigen Szenen. Das in seiner Art außerordentlich seltene Werk zeigt Verwandtschaft zu den ältesten Schichten der Volkslieder.

Der Historiengesang

Nach und nach begann sich unter den "Volksunterhaltern" eine Gruppe von Spielleuten herauszuheben, die mehr Bildung besaßen und die sich von den mündlich überlieferten literatischen Formen der Schriftlichkeit zuwandten. Ähnlich ihren einfacheren Gefährten nannten auch sie sich zwar Fiedler oder Lautenspieler, in Wirklichkeit aber verachteten sie die Wirtshausmusikanten. In ihren Stücken erscheinen die poetischen Mittel der schriftunkundigen Dichtung und die Verhaltensweise des Fiedlers häufig in ironischer Form. Anstelle von frivolen Inhalten wählten die Lautenspieler eher historische Themen. Ihre Gedichte suchten sie mit Akrostichon und Kolophon vor unbefugter Benutzung zu schützen. Sie waren die Autoren der Historiengesänge. Der früheste Historiengesang, der Triumph von Schabatz, stammt aus dem Zeitalter Matthias' und erzählt die siegreiche Eroberung der Burg an der Save am 15. Februar 1457. Die Authentizität dieses Gesangs mit überraschend entwickelten Reimen wird heute noch von vielen angezweifelt. In Versen, die reich an Alliterationen sind, erzählt Demeter Csáti, ein Franziskanermönch vom Anfang des 16. Jahrhunderts, den Erwerb Pannoniens. Die Historie von Mihály Szilágyi und László Hagymási lebt in Volksballaden und in der Dichtung der Nachbarvölker weiter. Auch Péter Selymes Ilosvai schrieb zahlreiche historische Gesänge. Berühmt gemacht hat seinen Namen jedoch ohne Zweifel nur ein Werk: das Lied von Miklós Toldi - János Aranys Ballade Toldi.

Zu wahrhaftem Rang verhalf dieser Gattung Sebestyén Tinódi, den man heute vielleicht als Kriegsberichterstatter bezeichnen würde. Er suchte die Schauplätze der türkisch-ungarischen Kämpfe auf und zog mit Nachrichten über die neuesten Ereignisse von Burg zu Burg. Seine Verse, die er selber vortrug und zu denen er auch die Melodien komponierte, begeisterten mit Beispielen der Tapferkeit viele Helden des Landes. Noch zu seinen Lebzeiten gab Georg Hoffgreff in Klausenburg eine Sammelausgabe von Tinódis Gesängen heraus. Bereits der Titel der 1554 erschienenen Cronica deutet an, daß er für dieses in ungarischer Sprache und Versform verfaßte Historienwerk die gleiche Wertschätzung beanspruchte, wie man sie der humanistischen Geschichtsschreibung entgegenbrachte. Die Schilderung der Realität hielt er für wichtiger als alle Fiktionen oder jedes noch so verschnörkelte Reimemachen: "Weder für Geld noch gute Worte, weder aus Freundschaft noch Angst habe ich etwas Falsches hineingeschrieben - das wenige, das ich schrieb, schrieb ich wahr", sagt er im Vorwort zu seinem Buch. Von den Humanisten wurden Tinodis Verdienste als Geschichtsschreiber anerkannt. János Zsámboky setzte dessen Lied über den Triumph der Burg Erlau in lateinische Prosa um. Selbst heute kommen mitunter noch Angaben zutage, welche die historische Glaubwürdigkeit von Tinodis Dichtung bekräftigen.

Ferenc Wathay

Das Wirken Ferenc Wathays fällt in die Zeit der Wende vom 16. auf das 17. Jahrhundert. Als Grenzburgensoldat hatte er sich jene vielseitige literarische Bildung angeeignet, die die "Schule des Heldentums" an den Grenzen zu geben vermochte. Sein Lebensweg war das typische Schicksal eines Soldaten. 1602 geriet er bei der Belagerung Stuhlweißenburgs in türkische Gefangenschaft und verbrachte viele Jahre in der Burg Galata zu Konstantinopel. Im Gefängnis stellte er zum Zeitvertreib ein Liederbuch mit eigenen Versen zusammen und schrieb auch seine Biographie. Balassis Dichtung war ihm bereits bekannt, ohne daß er jedoch den Charakter der höfischen Minne nachempfunden hätte. Er schrieb protestantische Bibelgeschichten und religiöse Gedichte. Den Großteil seiner Werke machen dennoch die im Stil Tinodis geschaffenen Historiengesänge, Soldatenlieder sowie lyrischen Stücke aus, die den populären Liebesgedichten der handschriftlichen Liederbücher verwandt sind. Sein schönstes Gedicht, das seiner Frau im fernen Ungarn gewidmete Lied der Nachtigall, gründet auf dem Motivschatz der aus Volksliedsammlungen wohlbekannten Gefangenengesänge. Seine Handschrift schmückte er mit geschickt gemalten, aber naiven Illustrationen aus. Wenn man sie näher betrachtet, kann man in diesen ergreifenden Aquarellen vielleicht sogar den Einfluß der türkischen Miniaturmalerei entdecken. Zugleich ist das Liederbuch von Wathay eine Art Zusammenfassung der profanen Verskultur des 16. Jahrhundert. Mit der muttersprachlichen Bewegung des Potestantismus verband diese Kultur sehr viel, doch bis zur Sphäre des Humanismus oder des Hofes drang sie kaum vor. Im 17. Jahrhundert rückten modernere Varianten der öffentlichen Meinungsbildung in den Vordergrund. An die Stelle der Historiengesänge traten zum einen Zeitungen bzw. die politische Publizistik, zum anderen das barocke Epos.

Elitedichtung, Hofkultur

Herausbildung der höfischen Poesie

Den Vertretern der höfischen Poesie verdanken wir die bewußte Entwicklung der ungarischen Nationalsprache zu einer kultivierten Literatursprache. Die Herausbildung der Theorie und Praxis der Redekunst in der Sprache des Volkes war keine Errungenschaft der Renaissance, sondern des Mittelalters. Schon im 11.-13. Jahrhundert blühte an den Höfen der Provence, der Toskana und auf Sizilien die höfische Liebeslyrik. Zur Zeit Dantes nannte man die höfische Poesie den "süßen, neuen Stil" (dolce stil nuovo). Das "Neue" daran waren die Liebesthematik und der ritterliche Frauenkult, unter seiner "Süße" verstand man die rhetorische Kultivierung der Volkssprache, mit den Worten Dantes: die "ausgezeichnete Volkssprache". Bei uns schufen Bálint Balassi und dessen Schüler aus der Liebesthematik und dem Anspruch nach Kultivierung der ungarischen Sprache ein einheitliches literarisches Programm, das - dank der außergewöhnlichen Begabung Balassis - auch bis ins letzte verwirklicht wurde.

Die Versnovellen

Gleichzeitig mit dem Auftreten Bálint Balassis begann sich im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts - vermutlich auf seinen und den Einfluß seiner Dichterfreunde - die Mode der Liebesgeschichten in Versform, der Versnovellen, zu verbreiten. Sie wurden in Form gebundener Hefte herausgegeben und von ihren Lesern buchstäblich verschlungen. Der Dichter der 1577 in Sárospatak entstandenen Versnovelle Eurialus und Lucretia ist unbekannt. Ihr Verfasser, der Namenlose von Patak, bediente sich einer erotische Novelle in lateinischer Sprache und arbeitet sie im Stil der ungarischen Hofdichtung auf. Die poetische Sprache dieses Werkes zeigt so starke Verwandtschaft zur höfischen Liebeslyrik Balassis, daß viele ihn für den Verfasser halten. Bálint Balassi schuf unter Verwendung der neunzehnsilbigen Lucretia-Zeile die Balassi-Strophe. Eine der schönsten Versnovellen ist zweifellos Argirus von Albert Gergei, die Mihály Vörösmárty als Quelle für sein Werk Csongor und Tünde diente. Der höchste Wert dieser die Liebesabenteuer eines Königsohnes und einer Fee im Dieseits und Jenseits erzählenden Verse liegt darin, daß sie, frei von jeglicher Moralpredigt, ein reines Feenmärchen sind. Ihre folkloristischen und mythischen Motive passen genau in die Konzeption der höfischen Minne: die Liebesdialoge zwischen Argirus und der Fee erklingen in der poetischen Sprache Balassis. Der Argirus von Albert Gergei gehört zu den größten Rätseln in der Geschichte der alten ungarischen Literatur. Laut eigener Aussage hat der Autor die Versnovelle aus einer "italienischen Chronik" übersetzt, die jedoch bis heute nicht gefunden wurde. Die Bemühungen, in der europäischen Literatur oder in der Weltfolklore auf Spuren der Handlung zu stoßen, blieben erfolglos. Vieles spricht ebenso für ihren antiken griechischen, als auch orientalischen und keltischen Ursprung. Allerdings ist uns kein Text bekannt, in dem alle wichtigen Momente der Handlung des Argirus gemeinsam zu finden wären.

Bálint Balassi

Die Bedeutung Bálint Balassis

Balassi ist der Begründer der ungarischsprachigen Liebeslyrik und die erste große Gestalt der religiösen Dichtung individueller Tonart. Langezeit hielt ihn die Nachwelt nur als letzteren in Evidenz, da lediglich seine göttlichen Gesänge im Druck erschienen, und auch diese erst eine ganze Weile nach seinem Tod. Seine Liebesgedichte wurden Ende des letzten Jahrhunderts im sog. Balassi-Kodex entdeckt, welcher das vermutlich fragmentarische Buch von eigener Hand beinhaltet. Der unbekannte Kopist des 17. Jahrhunderts schrieb in der Einleitung zum Kodex: "Es folgen Liebeslieder von Bálint Balassi, unter denen sich auch einige göttliche Hymnen und Gesänge über Heldentum befinden."

Balassi gehörte zu den begabtesten Pflegern der Renaissancepoesie: Er arbeitete das Versgefüge auch innerhalb der geschlossenen Komposition aus und er erneuerte die Versform (Balassi-Strophe). Im Laufe seines Schaffens gelangte er zur Trennung von Melodie und Text. Seine frühen Gedichte waren noch mit Notenzeichen versehene Gesänge, am Ende seiner Laufbahn ließ er die Zeichen dann weg. Als Neuheit dieser Gattung schuf Balassi das höfische Renaissancedrama, die Ungarische Komödie. Der vollständige Text dieses Werkes wurde erst in den 1950er Jahren entdeckt. Sehr wahrscheinlich war Balassi auch die zentrale Gestalt jener Dichterakademie, die man als die "acht jungen Burschen" zu erwähnen pflegt, und die "miteinander im Schreiben ungarischsprachiger Gedichte wetteiferten".

Liebeslyrik

Balassi lebte ein leidenschaftliches Leben. Als Poet waren ihm die zeitgenössischen Blumengesänge gewiß bekannt. Dennoch ähneln seine Liebesgedichte anfangs eher der ritterlichen Poesie: Der liebende Mann verehrt die Dame seines Herzens als Göttin, das Verhältnis beider erinnert an Vasallenhörigkeit. In dieser frühen Phase nennt er die Damen, denen er seine Verse widmet, beim Namen. Erst später wählt er für sie Pseudonyme (so wird aus Anna Losonczy eine Julia, bei anderen verwendet er Celia oder Fulvia). Unter anderem diese Geste zeigt die Annäherung Balassis an das dichterische Ideal der Renaissance. Nach der Übernahme antiker Muster (Ovidius) und mythologischer Gestalten (Cupido) erscheint auch der Einfluß der neolateinischen Dichtung (Marullus, Angerianus, Joannes Secundus).

Der Renaissancecharakter seiner Kunst ergibt sich aber nicht nur aus der Imitation. Ein anderer wichtiger Zug ist, daß er seine Gedichte zu einer größeren Komposition zusammenfügte. Im Balassi-Kodex findet man nach dem ersten vollständig erhalten gebliebenen Zyklus (mit 33 Versen) einen zweiten, der vermutlich ebenfalls im Umfang von 33 Versen geplant war. Er beruht auf der Liebesgeschichte Balassis (Credulus, was soviel wie leichtgläubig bedeutet) und Annas (Julia). Hier schildert der Dichter in 25 Versen (man pflegt sie den Julia-Zyklus zu nennen) alle Qualen der hoffnungslosen, petrarkistischen Liebe.

Forscher wähnen in dem nur fragmentarisch überlieferten Lebenswerk Balassis Bruchstücke verschiedener Bandentwürfe bzw. - möglichkeiten zu entdecken. Seine letzte bekannte - und zugleich als einzige in seiner eigenen Handschrift erhalten gebliebene - Verskomposition ist die Sammlung ohne Titel. Jedes Stück in diesem Zyklus, das immer nur aus jeweils einer Balassi-Strophe besteht, ist ein epigrammartiges, kompaktes Bild.

Religiöse Dichtung

Beide Zyklen im Balassi-Kodex enthalten auch göttliche Gesänge. Diesen sollte vermutlich noch ein dritter Zyklus mit 33 religiösen Gedichten folgen. Wenn das verwirklicht worden wäre, dürften die Drei Hymnen mit 99 Zeilen, das Gedicht An die Dreifaltigkeit, als Einleitung gedacht gewesen sein. Die Zahlen haben symbolische Bedeutung: Die Zahl 3 mag auf die Dreifaltigkeit, die 33 auf das Alter Christi und des vielleicht gleichaltrigen Dichters hindeuten.

Balassis göttliche Gesänge könnte man als über den Konfessionen stehend bezeichnen. Grund dazu bietet nicht nur die Tatsache, daß der Dichter im Laufe seines Lebens einen anderen Glauben annahm, sondern auch der Umstand, daß seine Sammlung Göttlicher Gesänge später von Katholiken und Protestanten gleichermaßen häufig herausgegeben wurde. Untersucht man jedoch die Texte, zeigt sich, daß ihre protestantische Prägung dominiert: Quellen der Psalmdichtung sind die lateinischen Psalterparaphrasen des Théodore de Beze und George Buchanan. Dort, wo er einen rechtenden, die Verbindung zu Gott persönlich (ohne Vermittler) herstellenden Ton anschlägt, schöpft er auch aus den Gemeindegesängen. Außergewöhnlich modern mutet die zweifelnde, grüblerische, Gott und den Glauben an ihn suchende Geste an, die als Motiv in den schönsten religiösen Gedichten von Balassi ständig wiederkehrt.

Die Ungarische Komödie

Zu dieser seiner Anna Losonczy-Liebe sehr gemäßen Komödie setzte Balassi (1588) das italienische Schäferspiel Amarilli von Cristoforo Castelletti (1587) um. (Die Namen der Hauptpersonen sind wie im Julia-Zyklus auch hier Julia und Credulus.) Das Werk hat - im Gegensatz zum wirklichen Leben - einen glücklichen Ausgang: Im Laufe ihrer Abenteuer, die sich aus verschiedenen Mißverständnissen ergeben, verlieren die Liebenden einander, erkennen einander später nicht wieder, und heiraten am Ende doch. Dieser Schluß ist nicht nur ein an Anna gerichteter Antrag, sondern bindet das Stück gleichzeitig an die humanistische Auffassung, wonach eine ehrenhafte Liebe immer mit Heirat endet.

Im Prolog der Komödie formuliert Balassi seine literarischen Prinzipien und Ziele. Neben der Intension, eine neue Gattung zu schaffen, legt er großes Gewicht auf das Programm zur Bereicherung der ungarischen Sprache. Abweichend von den erasmistischen und protestantischen Traditionen wählt sich der Dichter weder die Geschichte, noch religiöses Moralisieren, sondern die Liebe zum Gegenstand. Zeitgemäß ist neben der für die Renaissance charakteristischen Themenwahl auch sein Ziel. Er möchte, anstatt zu lehren, ergötzen und unterhalten.

Ein Soldatengesang - In laudem confiniorum

Das Gedicht ist das Musterbeispiel des geschlossenen, proportionalen Aufbaus. Es besteht aus insgesamt neun Strophen. Mit der ersten (Anrede und dichterische Frage) und letzten Strophe (dichterischer Ausruf und Bitte um Segen) wird das Werk in den Rahmen einer Ode gefaßt, in deren Mitte, genau in der mittleren Zeile der fünften Strophe, der Dichter das Wesen seiner Botschaft formuliert. Diese drei Strophen bilden den rhetorischen Rahmen des Gedichts, die wiederum von jeweils drei Strophen gesäumt werden. In den Strophen zwei bis vier und sechs bis acht schildert er in einer Art Lebensbild die typisierten Szenen der heldischen Lebensweise. An den Anfang der beiden inneren Abschnitte stellt er das Auftauchen des "Gegners". Doch während er den Streifzug im ersten Teil mit der nächtlichen Ruhe beschließt, endet der Kampf im zweiten Bild für viele schon mit der letzten Ruhe, d.h. mit dem Heldentod. Dabei sind die paarigen Abschnitte bewegungsreicher und die unpaarigen - angepaßt an die drei Rahmenstrophen - eher beschreibend.

Die erste und letzte Strophe stimmen auch grammatisch überein: Bei beiden steht das Subjekt in der zweiten Person Plural. Die Recken sprechen den Dichter als einen, der zu ihnen gehört, mit "ihr" an. In den übrigen Strophen erscheint das Subjekt in der dritten Person Plural. Damit bringt der Verfasser sehr feinfühlig zum Ausdruck, daß er sich zwar innerhalb dieses Kreises befindet, doch die hymnischen, erhabenen Worte muß er, um seinem Lob Glaubhaftigkeit zu verleihen, als Außenstehender niederschreiben.

János Rimay und die Literatur der Spätrenaissance

Die Umwälzungen der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts veränderten auch das geistige Antlitz Europas. Die konfessionellen Gegensätze verschärften, die ideologischen Fronten verhärteten sich. Diese Periode war die Krisenzeit der Renaissance. Zweifellos entsprach das humanistische Kulturideal den "modernen", praktischen Anforderungen des Zeitalters immer weniger. Bálint Balassis Schüler und Anhänger versuchten, dessen literarisches Erbe zu pflegen, obwohl sie häufig gezwungen waren, es gegen die Strenge der Konfessionen zu verteidigen.

Der treueste Schüler Balassis war János Rimay. Er stand im Ruf eines Wunderkindes, so daß Balassi den zehn oder zwölfjährigen Dichter oft nach dessen Meinung über seine Gedichte fragte und diese auch berücksichtigte. Rimay widmete dem Andenken seines Meisters einen eindrucksvollen Trauerzyklus, das Balassi-Epicedium (1596). Dieses komplizierte, tiefgründige Werk stellt Bálint Balassi, der im fünfzehjährigen Krieg den Heldentod starb, und dessen jüngeren Bruder Ferenc als Musterbeispiele von Pallas und Mars, d.h. der Kultur und des Heldentums, dar. Es ist voll mit Hinweisen auf Homer und hat einen spürbar epischen Aufbau, der auch auf Miklós Zrínyi großen Einfluß ausübte. Rimay stellte das poetische Lebenswerk Balassis in einem Sammelband zusammen und wollte diesen drucken lassen, woraus jedoch nichts wurde. Lediglich das Vorwort des Bandes ist bekannt, in dem er die Liebeslyrik seines Meisters in Schutz nahm, da sie seiner Meinung nach die Grundvoraussetzung zur Schaffung der nationalen Literatursprache war.

Rimays Liebeslyrik ist keine Nachahmung der Poesie Balassis, sondern deren bewußte Imitation. Innerhalb der von Balassi geschaffenen Rahmen der höfischen Dichtung verschaffte Rimay den poetischen Anforderungen der humanistischen Literatur Geltung. Das führte zu einem neuen Stil, in welchem anstelle der Formordnung der Renaissance die Übertreibung, Rafinesse und Disharmonie dominierten. Dieser neue Stil war der Manierismus. Als ideelle Grundlage des literarischen Programms der Spätrenaissance diente der letzte Trieb des Humanismus, der Neostoizismus. Die schönsten Verse Rimays, z.B. das Gedicht, das er beim Tod seines Sohnes schrieb, sind von diesen tröstenden Gedankengängen durchdrungen. Mit dem Begründer der Strömung, dem niederländischen Philosophen Justus Lipsius, stand Rimay im Briefwechsel. Im Themenkreis der sich über das konfessionelle Ringen erhebenden Religiosität und stoischen Moral schuf Rimay einen in dieser Gattung einzigartigen, Verse mit Prosa verschmelzenden Zyklus. Sein mit den Worten Diese Welt, wie ein Garten... beginnendes Gedicht voller Schwermut und stoischer Ironie ist das Paarstück zu Balassis Soldatengesang. Er beabsichtigte, seine komponierte Gedichtssammlung in einem gemeinsamen Band mit Balassis göttlichen Gesängen herauszugeben. Doch dieses Vorhaben wurde erst nach seinem Tod und unabhängig von seinen Absichten Wirklichkeit.

Daneben war Rimay sehr intensiv als Literaturorganisator tätig. Die Lyriker der Dichtung höfischen Typs hatte schon Bálint Balassi zu einer Gruppe von Versemachern organisiert, der wahrscheinlich auch Rimay angehörte. Später gründete dieser mit den Liebhabern der Poesie seines Meisters eine lockere Literaturgruppierung namens Pallas. Er pflegte ständige Kontakte zu den ungarländischen Anhängern von Lipsius und stand in literarischem Briefwechsel mit den Vertretern des Späthumanismus bzw. der sich formierenden Gegenreformation, z.B. mit Demeter Nápragyi und Péter Pázmány. Rimay gilt auch als erster Repräsentant der ungarischsprachigen Literaturkritik: In einem an György Rákóczi gerichteten Brief beurteilte er den im Geiste des Stoizismus entstandenen Fürstenspiegel von András Prágai (Bartfeld 1628) nach den Kriterien der manieristischen Poetik.

Die Gegenreformation entfaltet sich

Mit dem Abschluß des Tridenter Konzils (1564) stand auch die Kirchenspaltung unwiderruflich fest. Zwar hatten vorher noch viele an die Überwindbarkeit der Gegensätze geglaubt. Zu dieser Zeit aber war die katholische Kirche in Ungarn von den Kräften der Reformation schon weit zurückgedrängt worden. Die von Péter Pázmány angeführte katholische Wiederbelebung ging von jenen Zentren aus, die der Kirche das ganze 16. Jahrhundert hindurch verblieben waren, von Tirnau und Preßburg. So konnte Miklós Telegdi - mit der Tirnauer Schule und Druckerei im Hintergrund - den Kampf mit Péter Bornemissza erfolgreich aufnehmen. Eine echte Chance zur Rekatholisierung des Landes bot die Ansiedlung der Jesuiten. Diese entschlossenen, modern geschulten Vorkämpfer des Katholizismus versuchten sowohl im königlichen Ungarn, als auch in Siebenbürgen mehrfach, Fuß zu fassen, und bauten nun ihr institutionelles System aus. Insbesondere die Jesuitenschulen, denn in diesen lag ihre Stärke. Ihr erster bedeutender Vertreter in Ungarn war István Szántó. Angeblich soll er aufgrund der Vulgata eine vollständige katholische Bibelübersetzung angefertigt haben - leider ging sein Manuskript jedoch verloren. Daher fiel die Aufgabe der katholischen Bibelübersetzung einem anderen Jesuiten zu, nämlich György Káldi. Wieder und wieder versuchte man, die Jesuiten aus Ungarn und Siebenbürgen zu vertreiben. Im Jahr 1603 wurde ihr Klausenburger Ordenshaus bis auf die Grundmauern zerstört. Doch die Patres kümmerte der Haß, der sie umgab, nur wenig, und sobald sich eine Gelegenheit bot, kehrten sie zurück.

Péter Pázmány

Den Erfolg der Gegenreformation hatten die neuen politischen Strukturen vorbereitet, die sich im Zeitraum nach dem Bocskai-Aufstand herausbildeten. Beim Landtag des Jahres 1608 kam es zu einem Vergleich zwischen dem Hause Habsburg und den ungarischen Hauptständen, die nach und nach erkannten, daß sie ihre Interessen innerhalb der katholischen Kirche am erfolgreichsten geltend machen können. Unumkehrbar wurde dieser Prozeß unter anderem durch das literarische, organisatorische, schulgründerische und missionarische Schaffen des Graner Erzbischofs Péter Pázmány. Der vom Jesuiten zum Kardinal aufgestiegene Prälat gehörte zu einem ganz neuen, modernen Typ des Intellektuellen, den erstaunliche Bildung, Scharfblick, frappante Reaktionsfähigkeit, Konsequenz und vor allen Dingen durchschlagendes schriftstellerisches Talent kennzeichneten. Innerhalb kurzer Zeit, nachdem er von seinen Aufenthalten in Italien und Graz zurückgekehrt war, gehörte die führende Rolle im Geistesleben Ungarns zweifellos ihm - das erkannten auch seine protestantischen Widersacher an. Mit ausgezeichnetem Humor handhabte er die "Waffe" der nationalsprachigen Literatur, die zuerst von den Vertretern der Reformation eingesetzt worden war und die er nun mit ganzer Kraft gegen sie - z.B. gegen den Lutheraner István Magyari oder den Kalvinisten Péter Alvinczi - kehrte (Antwort, Tirnau 1603; Fünf schöne Briefe, Preßburg 1609). Pázmánys Hauptwerk ist eine auf glasklarer Logik aufbauende, polemische theologische Schrift: der Wegweiser (Preßburg 1613), in der er die katholischen Grundthesen - den protestantischen Beanstandungen entgegnend - zusammenfaßte und klassifizierte. Seine Gegner waren über dieses Buch dermaßen erschüttert, daß sie kaum Worte fanden und sich gezwungen sahen, es ins Lateinische übersetzen zu lassen und nach Wittenberg zu schicken, damit die dortigen Theologen angemessen darauf antworten konnten. An seinem Lebensabend erschien sein zweites grandioses Werk, die Predigten (Preßburg 1636). Sie sind am ehesten von Pázmánys unnachahmlichem Stil geprägt: Obwohl er nicht danach strebte, für "Ohrenschmaus" zu sorgen, tat er es im Endeffekt dennoch. Ohne Zweifel ist dies vollendete, reichlich mit Schachtelsätzen durchwobene Prosa. Doch das Geheimnis ihres Zaubers läßt sich nicht enträtseln, und man kann sie auch nur schwer in die literarische Kategorie Barock zwängen. Viele Schriftsteller der Gruppe "Westen", insbesondere Dezso Kosztolányi, hat der Stil Pázmánys stark beeinflußt.

Miklós Zrínyi

Die Bedeutung Miklós Zrínyis

Er entstammte einem alten kroatischen und ungarischen Adelsgeschlecht. Sein Urgroßvater war der Held von Szigetvár (1566). Zrínyi ist nicht nur als bedeutende Gestalt der ungarischen Literaturgeschichte zu sehen, sondern auch in europäischer Relation als historische Persönlichkeit mit herausragender Bildung und Weitblick: als Politiker und Feldherr. "Zrínyi gehörte ganz seiner Zeit" - schrieb János Arany über ihn, was so zu verstehen ist, daß Zrínyi sich bewußt und zeitgemäß als Politiker und Künstler aufbaute. Sein Geschmack, Pflichtbewußtsein und seine Lebensanschauung entsprangen seinem Zeitalter. Er war einer jener seltenen Menschen, bei dem Lebenswerk, Ideologie, hohe Moral, gesellschaftlicher Rang und Berufung, Bildung und konkrete Tätigkeit eine organische, untrennbare Einheit bildeten. Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch in den Hautpwerken Zrínyis wider.

Als Politiker hatte er erkannt, daß die einzige Chance Ungarns, souverän zu bleiben, darin bestand, die Türken aus eigener Kraft zu vertreiben - wenn es sein mußte, sogar gegen die Habsburger. Im Interesse dessen drängte er in seiner leidenschaftlich polemisierenden Prosa ebenso wie in seiner Korrespondenz und seinen belletristischen Werken auf einen möglichst breiten Zusammenschluß aller politischen Kräfte Ungarns, und im Rahmen dieses Programms der nationalen Einigung gelang es ihm sogar, den katholisch-protestantischen Gegensatz zu überwinden. Seine Ideale waren ein modernes ungarisches Heer und ein starkes nationales Königtum, seine Vorbilder Attila bzw. König Matthias, womit er den Matthiaskult des 16. Jahrhunderts wieder aufleben ließ. Dem Kunstideal des Barock war die Verflechtung von ideologischer Propaganda und Literatur durchaus nicht fremd.

Als Autor war Zrínyi ein bewußter Neuerer: Zahlreiche Gattungen wurden von ihm in die ungarische Literatur verpflanzt, er gab als erster gedruckte Liebesgedichte heraus und, was vielleicht am wichtigsten ist, er schrieb das erste Epos in ungarischer Sprache.

Syrena des Adriatischen Meeres

Seine Dichterwerke stellte Zrínyi - ähnlich wie Balassi und Rimay - in einem Sammelband zusammen (Wien 1651). Der Titel des Bandes bedarf der Erklärung: Syrena bedeutet Sirene, während das Adriatische Meer die südliche Grenze der Zrínyi-Besitzungen bildete. Man kann den Titel also auch folgendermaßen lesen: Graf Miklós Zrínyi, der Dichter Ungarns. Der Band enthält Liebesidylle, die dem Epos vorausgehen, diesem folgen Elegien, philosophierende Epigramme, eine religiös-patriotische Ode, und eine Peroratio beschließt die Komposition. Bestimmend für diesen Aufbau ist nicht allein von die Chronologie. Die Hauptrolle im geistigen Leben des Menschen gehört zunächst der Liebe, danach kommt das Mannesalter mit dem Eintreten für die Heimat und irdischem Ruhm, aber beidem setzt der Tod ein Ende. Nur der gute Ruf überlebt den Tod, ja bei Zrínyi besiegt er sogar die Zeit und wird wichtiger als die religiöse Verklärung. Diese Unsterblichkeit ist jedoch nicht die des Dichters, sondern des heldenmütigen Kriegers.

Der Heroismus ist ein wichtiges Element in Zrínyis Lyrik. Darin folgte er Marino, einem Vertreter des italienischen Barock, wobei seine Verse tragischer, dramatischer und zugleich einfacher klingen. Er strebte danach, ungarische Varianten der italienischen Formen zu schaffen, und führte bezüglich der Gattung und Komposition Neuerungen ein.

Obsidio Szigetiana - Die Belagerung von Sziget

Das Epos verfolgt mehrere Ziele. Zunächst enthält es ganz eindeutig eine Botschaft. Nämlich mit der Erinnerung an den hundert Jahre früher stattgefundenen türkisch-ungarischen Kampf will es die Leser darauf aufmerksam machen, daß die Vertreibung der Türken das Hauptziel ist. Der Türke verkörpere die von Gott gesandte Bestrafung für das Ungartum, weil Ungarn in Sünde versinke (I. Gesang, 7-11), und diese Rache würde bis ins "dritte-vierte Glied" andauern, d.h., sie könnte gerade zur Zeit des Urenkels Zrínyi zu Ende gehen. Zugleich bedeuten der Zorn und die Einmischung Gottes aber auch, daß nur die Rechtgläubigen das Christentum vor den ungläubigen Heiden bewahren können. Zrínyis moralische und religiöse Botschaft steht im Einklang zu den Ideen der Gegenreformation. Im Hinblick auf seine Vorbilder und Ausformung spiegelt das Epos den Geschmack des Barock wider.

Die Grundkonzeption der Belagerung von Sziget ist ein Paradoxon: Die unterlegenen Helden von Szigetvár müssen so dargestellt werden, daß der Leser sie dennoch als Sieger sieht. Diese Aufgabe entspricht voll und ganz dem barocken Ideal. Der Autor löst sie, indem er das türkische Heer in Szigetvár nicht mit dem sündigen Ungartum, sondern mit einer moralisch hochmotivierten Truppe kämpfen läßt. Physisch kann man die Soldaten zwar vernichten, doch die von ihnen repräsentierten moralischen Werte zersetzen das türkische Heer und reiben es auf. (Ebenso wichtig ist natürlich, daß der Dichter Zrínyi den Tod des Sultans seinem eigenen Urgroßvater zuschreibt: 15. 97-100.) Auch der Aufbau untermauert den Ruhm der Belagerten: Das Epos nimmt seinen Anfang im Himmel, mit dem Zorn Gottes, und es endet im Himmel damit, daß Gott verzeiht und alle Helden von Szigetvár zu sich erhebt (15. 107-108).

Die Quellen

Zu den Quellen des Epos' äußert sich der Dichter im Vorwort. Seine antiken Vorbilder waren in erster Linie Homer und Vergil. Stark beeinflußten Zrínyi auch die Werke der zeitgenössischen italienischen Eposdichter, insbesondere das Epos Befreites Jerusalem von Tasso. Die Themenbezeichnungen für Aeneis bzw. Zrínyias stimmen wortwörtlich überein. Laut mittelalterlicher Überlieferung ist die Gestalt des Aeneas eine figura Christi, d.h. ein Symbol bzw. Ebenbild Christi, und nach diesem religiösen, frommen (pius) Muster schuf Tasso den Helden in seinem Epos. Zrínyi hat die Figur des Urgroßvaters einerseits wesentlich lebendiger, mit mehr menschlicher Nähe dargestellt als seine Vorgänger ihre Helden. Andererseits war der Held von Szigetvár für ihn ein athleta Christi, ein Streiter des Glaubens, der, indem er sein eigenes Blut dem Beispiele Jesu folgend opferte, das gesamte Ungartum von seinen Sünden erlöst, so daß es die göttliche Gnade gewinnt.

Ebenfalls im Vorwort deutet Zrínyi an, daß er die Arbeiten der bedeutenden humanistischen Geschichtsschreiber kennt und verwendet (die lateinischen Werke von János Zsámboky und Miklós Istvánffy). Als wichtiges künstlerisches Prinzip fügt er jedoch hinzu: "Ich habe Fabeln mit Geschichte vermischt."

Zrínyi besaß eine umfangreiche Bibliothek. Mit dem Verzeichnis seines Nachlasses wurde auch eine Aufstellung der Bücher überliefert, von denen viele noch heute in der National- und Universitätsbibliothek Zagreb zu finden sind. Leider nicht erhalten blieb die im Inventar erwähnte Handschriftensammlung, die auch Balassis "unzüchtige Lieder" (Liebesgedichte) enthielt. Diese Angabe ist außerordentlich wichtig. Zeigt sie doch einmal, wie sich Balassis Lyrik in den Jahrzehnten nach seinem Tod verbreitete bzw. wie bekannt sie war. Zum anderen ist sie ein Hinweis auf die Kontinuität der höfischen Poesie in Zrínyis Liebeslyrik.

Die barocke Hofdichtung

Da Zrínyis Werk sehr komplex war, konnte es nicht mit einem breiten Publikumserfolg rechnen. Unter seinen Zeitgenossen bzw. Nachfolgern aber gab es viele, die mit populären, angenehm zu lesenden Schriften eine wirkliche Unterhaltungsliteratur erschufen. Schriftstellerisch begabte Bischöfe, Domherren und Hofpriester mit poetischer Ader malten die wirkungsvolle, barocke Thematik um das Heilige Herz, die vier endgültigen Dinge (Tod, Gericht, Hölle, Himmel) oder die "letzten Trompetenstöße" des Letzten Gerichts aus. Den Gegenstand letzteren Themas arbeitet auch die ausgezeichnete Prosaübersetzung von Kristóf Darholcz d.J. auf, unter dem Titel Novissima tuba (Kaschau 1639).

Die Vertreter des Geisteslebens, die adliger Geburt waren, hielten sich an den Höfen der Großherren auf, wo sie in mannigfaltiger Weise tätig wurden. Im Rahmen des höfischen Repräsentationsdienstes gehörte es unter anderem zu ihren Aufgaben, die Taten des Großherren zu heroisieren und sein Familienleben für die Nachwelt festzuhalten. Der hervorragendste Vertreter dieses Typs, István Gyöngyösi, erlangte schon zu Lebzeiten Popularität. Seine Versepik gründet auf der von Tinódi und Zrínyi geprägten Geschichtstradition. Da er Balassis Liebeslyrik kannte, fand diese dichterische Tradition in seinem Lebenswerk Fortsetzung. In poetisch-rhetorischer Hinsicht gehörte er, das bezeugen die Vorworte mehrerer seiner Werke, zu den bewußtesten Autoren. Dank seiner bravourösen Verskunst und ausgefeilten Technik, seiner flüssigen und bildreichen Sprache wurde er mit Beginn des 18. Jahrhunderts zum populärsten unter den Schriftstellern, der auch nachfolgende Generationen maßgeblich beeinflußte. Zielstrebig arbeitete er an der Weiterentwicklung der ungarischen Sprache. Und obwohl Kazinczy ihn später bezichtigte, den Geschmack der Ungarn verdorben zu haben, hielt er ihn als Spracherneuerer dennoch für seinen Vorgänger. János Arany schrieb: "Gyöngyösi war im Grunde ein lyrischer Dichter... Auf den Lippen seiner Helden zerschmilzt die Erzählung, der Dialog zu einem Lied. "

Die Förderer von Gyöngyösi gehörten den verschiedensten politischen Kreisen an: der die Ansichten Zrínyis repräsentierende Palatin Ferenc Wesselényi, der dem Hof treue Pál Esterházy (auch er ein vielseitiger Künstler), der Fürst der Kuruzen, Imre Thököly (zu dessen Heirat er das berühmte Epithalamium schrieb), der Labanze István Koháry, der langezeit Thökölys Gefangener war und sich ebenfalls mit Dichtung befaßte, sowie der kaisertreue Péter Andrássy, dem er sein Werk Chariclia widmete.

Puritaner und Enzyklopädisten

Durch den Vormarsch des Katholizismus wurden die Kräfte der Reformation, die sich im 17. Jahrhundert immer weniger einig waren, in den Hintergrund gedrängt. Mit einer neuen Literaturanschauung meldeten sich Mitte des Jahrhunderts am ehesten die von den holländischen und englischen Universitäten heimkehrenden Puritaner zu Wort. Sie fanden in Sárospatak, am Hof der Witwe György Rákóczis I., Zsuzsanna Lorántffy, Zuflucht. Mit großer rhetorischer Intension übertrug Pál Medgyesi eines der Grundlagenwerke des englischen Puritanismus, die Praxis pietatis von Lewis Bayly, ins Ungarische (Debrecen 1636). Dieses Werk ist das Handbuch der auf strenger Selbstprüfung gründenden, von äußeren Bindungen freien, individuellen Religiosität. Seine praktische Anschauungsweise lehnt die manieristische "höfische Beschönigung" ab.

Die auf eine Reform des Bildungswesens drängenden Enzyklopädisten formulierten das moderne Kulturideal der Puritaner. Damals unterrichtete in Sárospatak gerade der größte Pädagoge des Zeitalters, der die Möglichkeit des "allumfassenden Wissens" erforschende Comenius. Der Siebenbürger János Csere Apáczai untersuchte aufgrund der besten Handbücher und auf europäischem Niveau die Methoden zur Erlangung enzyklopädischen Wissens. Er übernahm es, die Gesamtheit der wissenschaftlichen Kenntnisse nach einem logischen System - in ungarischer Sprache - zu ordnen (Ungarische encyclopaedia, Utrecht 1653). Zu seinen Quellen gehörten unter anderem die Werke des Franzosen René Descartes. Doch Apáczais Kartesianismus war inkonsequent und widersprüchlich, so daß auch er nicht von blutarmen Anfeindungen verschont blieb. Eine der begabtesten protestantischen Persönlichkeiten des Zeitalters, Miklós Kis Tótfalusi, war in Amsterdam in die Lehre gegangen und hatte sich dort zu einem bedeutenden Buchstabengraveur und Typologen entwickelt. Die von ihm geschnittenen, zum Klassizismus neigenden "holländischen Antiquabuchstaben" gelten europaweit noch heute als maßgebliche Meisterleistung. Um sein fachliches Können ganz in den Dienst der ungarischen Leser zu stellen, ließ er in Amsterdam (1685) eine Ausgabe der Bibel in billigem Kleinformat drucken. Er korrigierte die Heilige Schrift nach den rationellen Prinzipien der Bibelkritik, was ihm in Ungarn Verachtung und Beschimpfungen einbrachte. Vergeblich war sein verzweifeltes Bemühen, sich in seiner berühmten, biographische Züge tragenden Entschuldigung (Klausenburg 1698) zu verteidigen. Am Ende gelang es den kirchlichen und weltlichen Behörden, diesen Typographen mit edlem Selbstbewußtsein und moderner bürgerlicher Mentalität seelisch zu brechen.

Verfasser von Erinnerungsschriften

Zu den herausragenden Werken der barocken Prosa gehören die Memoiren, Tagebücher und Biographien. Im allgemeinen erschienen sie nicht im Druck, sondern wurden als Handschriften verbreitet und bekannt. Dabei handelte es sich nicht um eine typisch ungarische Erscheinung, waren Memoiren doch eine in ganz Europa beliebte Gattung, die in der ungarischen Literatur bereits Vorläufer hatte. Mihály Vörösmarti (1572-1645) begann im Jahr 1610 die Geschichte seiner Bekehrung (1634) zu schreiben. Ihr Verfasser, ein kalvinistischer Prediger, katholizierte auf den Einfluß Péter Pázmánys. Sein Buch ist zum einen Geständnis, zum anderen ein mit der Literatur der Glaubensdispute verwandtes theologisches Werk.

Die Verfasser der Erinnerungsschriften waren im allgemeinen namhafte Persönlichkeiten, meist Politiker, und ihre Werke entstanden in Gefangenschaft oder in der Emigration. Darin versuchten sie überwiegend, ihre historische Situation und ihre Handlungsweise zu klären, weshalb diese Werke einen bewußt subjektiven Charakter haben. Dessen ungeachtet sind Memoiren aber auch wichtige historische Qeullen.

János Kemény (1607-1662), der spätere Fürst von Siebenbürgen, lebte zwei Jahre auf der Halbinsel Krim als Gefangener der Krimataren, wo er die entscheidenden Ereignisse seines Lebens und seiner Epoche aufschrieb, die trockene Geschichte mit zahlreichen Anekdoten versüßend.

Über dasselbe Zeitalter berichtet die Traurige ungarische Chronik von János Szalárdi (1616-1666). Obwohl er sich selbst stets in der dritten Person Singular nennt, zählt man sein Werk angesichts der subjektiven Details bzw. Beschreibungen eher zur Katergorie Memoiren als zur Kategorie Geschichtsschreibung.

Miklós Bethlen schrieb seine Werke großenteils schon nach der Rückeroberung Ofens bzw. des Landes, gedanklich aber beschäftigen sie sich mit dem vorhergehenden Zeitalter. Als seine Vorbilder betrachtete er den hl. Augustin und Petrarca. Seine Biographie, die er an seinem Lebensabend in Wiener Gefangenschaft verfaßte, zeichnet das Bild der Verbannung eines hochgebildeten, nuanciert denkenden Politikers und eines tiefgläubigen Menschen. Bethlen war auch bei der Jagd zugegen, als Miklós Zrínyi ums Leben kam. Aus seiner Beschreibung kennen wir die Einzelheiten des Unfalls.

Als die Türken endlich vertrieben waren, bedeutete das jedoch weder für die Vertreter des literarischen, noch des politischen Lebens Erleichterung oder einen wirklichen Schnitt. Die Rahmenbedingungen der Kultur blieben noch eine ganze Weile unverändert, und das Geistesleben bzw. die öffentliche Stimmung wurden - wenn möglich - noch bedrückter.

TÜRKISCHE LITERATUR

Die Sphären der türkischen Literaturgeschichte

Ein nicht wegzudenkendes, wenn auch bislang kaum untersuchtes Kapitel der Kulturgeschichte des türkischen Eroberungsgebiets ist die Literaturgeschichte. Qualitativ sind in der osmanischen Literatur grundlegend drei Spären zu unterscheiden: die volkstümliche Literatur, die Aschik- und die Diwanliteratur. Eine andere Möglichkeit der Klassifizierung bietet sich, wenn man die Beziehung der einzelnen Autoren und ihrer Werke zum Eroberungsgebiet betrachtet. Unter diesem Aspekt können zwischen den im Eroberungsgebiet bekannten, aber nicht dort entstandenen Werken bzw. zwischen den vom Eroberungsgebiet handelnden und den dort entstandenen Werken Unterschiede gemacht werden. Die erste Gruppe spiegelt die ins Eroberungsgebiet "exportierten" geistigen Güter, die zweite das dem Eroberungsgebiet entgegengebrachte Interesse und die dritte die lokalen geistigen Aktivitäten wieder. Diese beiden Annäherungsweisen haben wir unserer Untersuchung zugrunde gelegt.

Die volkstümliche Dichtung

Über die volkstümliche Dichtung im Eroberungsgebiet wissen wir so gut wie gar nichts und können nur vermuten, daß die Eroberer auch ihre Volkslieder mitgebracht haben. Fest steht hingegen, daß hierher kaum noch türkische Siedler kamen, und die Mehrzahl der Soldaten war südslawischer Abstammung. Es ist also gut möglich, daß die "türkischen" Volkslieder damals in der Sprache der Serben oder Bosnier erklangen. Vielleicht existierte hier eine reich mit muslimischen Elementen durchwobene slawische Dichtkunst, wie sie noch Anfang des 20. Jahrhunderts in Bosnien blühte. Einige Angaben zu den Volksliedern in türkischer Sprache liegen uns dennoch vor; viele besingen den Fall von Ofen oder der anderen wichtigen Städte. Diese Volkslieder waren überall auf der Balkanhalbinsel bekannt (Ignác Kúnos hat solche Volkslieder zur Jahrhundertwende in Ada Kale zusammengestellt), und gelangten sogar bis nach Anatolien.

Die Aschikdichtung

Aschik nennt man auf Türkisch die wandernden Spielleute. Ihre Kunst ist im Grunde mündlich, ihre Gesänge begleiten sie mit einem Instrument: dem Kopus oder der Tschögür (Gitarre oder große Geige). Die vom Anfang des 16. Jahrhunderts an ständig wachsende Zahl der Aufzeichnungen zeigt einen bereits vollständig ausgereiften, abgeklärten Stil, der mit geringfügigen Änderungen bis in die Gegenwart weiterlebt. Sprachlich-musikalisch ist die Aschikdichtung einerseits das Erbe der traditionellen vorislamischen Kultur der Türken. Die Gedichte haben immer einen syllabischen, gebundenen Aufbau in sog. Koschma-Form. Andererseits weist der Inhalt bzw. die Formulierung - demgegenüber - eine starke Bindung an die mystische und Liebespoesie Persiens auf. Zahlreiche Wendungen und Bilder sind Spiegelübersetzungen des persischen Originalwerkes.

Die Aschik waren die Musiker bzw. Hymnendichter einer spezifisch türkischen Religionsströmung, des im Kreise der anatolischen Nomaden verbreiteten Alewi-Bektaschi-Glaubens und des sich daraus entwickelnden Bektaschi-Derwischordens. Da die Janitscharen - wenn auch nur formell - ebenfalls dem Bektaschiorden angehörten, erschienen die Aschik auch auf den Kriegsschauplätzen. Im Eroberungsgebiet kannte man die Aschikdichtung gut und viele pflegten sie. Zum einen, weil die Spielleute bei den an den Grenzen stationierten Soldaten immer beliebt waren. Zum anderen, weil die sich hier niederlassenden Bektaschi Derwische für ihre Verbreitung sorgten. Das berühmteste Zentrum der Derwische war das Ofner Ordenshaus des Gül Baba, aber auch in Erlau, Weißenburg und Lippa standen ihre Klöster.

In zahlreichen Reisebeschreibungen von Christen, hochherrschaftlichen Briefen oder muslimischen Chroniken wird der Aschik des Eroberungsgebiets gedacht. Beredte Zeugnisse ihrer Anwesenheit sind die ihre Gedichte überliefernden türkischen Handschriften (z.B. der Palatics-Kodex). Die Namen vieler tauchen nur in Quellen des Eroberungsgebiets auf, sie mögen Ortsansässige gewesen sein. Einer von ihnen, Kul Piri, beklagte den Tod des beim Kampf um die Burg Tata gefallenen türkischen Helden Deli Bajasdid, ein anderer, Ramasan, verglich die Schönheit von Ofen mit der Bagdads. Karadschaoglan sang über die Plünderung von Peterwardein und Temeschwarli Gasi Aschik Hassan beklagte den Verlust der Eroberungsgebiete.

Neben den ortsansässigen Dichtern hielten sich andere nur für kurze Zeit, für die Dauern eines Feldzuges, in Ungarn auf. Gewheri, einer der bedeutendsten Aschik des 17. Jahrhunderts, beweinte in seinen Versen einen Erlauer Aga. Sein Zeitgenosse Aschik Ömer drohte dem "deutschen König" mit einem zweiten Mohács. Üsküdari besang die Einnahme von Neuhäusel, Kul Mustafa meditierte über die blutigen Wellen der Donau. Die von Feldzug zu Feldzug mitziehenden Aschik, und natürlich die wandernden Derwische, gewährleisteten den Austausch der literarischen Kenntnisse zwischen den entlegenen Teilen des Reichs. Es überrascht daher nicht, daß man im Eroberungsgebiet auch die Werke solcher Aschik kannte, die niemals hier gewesen waren. Die im 14. Jahrhundert enstandenen Gesänge von Kajgussus Abdal brachten offenbar die Derwische des Bektaschiordens mit, während der Aschik Kerem aus der Welt der türkischen Versnovellen (Hikaje) ins Eroberungsgebiet verschlagen wurde. Eine ähnliche Liebensgeschichte wie sie Kerem geschrieben hatte - Karadschaoglan und Sultan Ismigan - ist vielleicht sogar bei uns entstanden.

Diwanliteratur

Die Entwicklung der Diwandichtung wurde von der auf dem quantitierenden Versmaß (Arus) beruhenden arabisch-persischen Literatur beeinflußt. Aber da sich die türkische Sprache nur wenig zur genauen Einhaltung der Metrik eignet, bereitete dies den Dichtern ernsthaftes Kopfzerbrechen, so daß entweder die Sprache, oder das Versmaß darunter litten. Eine Lösung brachte erst die Veränderung der Literatursprache: Nach und nach kam eine Vielzahl arabischer und persischer Wörter hinzu, mit deren Hilfe die Einhaltung des quantitierenden Versmaßes möglich wurde. Diese Sprache - das Osmanli - benützte ausschließlich die kulturelle Elite, das einfache Volk verstand sie gar nicht. Ihren Höhepunkt erreichte die "Osmanisierung" der Sprache im 18.-19. Jahrhundert.

Als Sprache einer bestimmten Schicht gelangte das Osmanli in alle Teile des Reiches, auch im Eroberungsgebiet war es bekannt. Diese Sprache wurde von den Beamten und den Männern der Religion gesprochen, in den Medressen unterrichtet, und natürlich entstand jedes anerkannte literarische Werk in dieser Sprache.

Grundelement der Diwandichtung ist der Beyit, auf dem die meisten Versformen basieren: das Gazel, die Kasside, das Messnewi. Nur ganz wenige Formen gab es, z.B. das Murabbah oder das Muhammes, die nicht vom Beyit ausgingen. Die Gedichte wurden entweder nach Verfassern in Bänden (Diwan) geordnet, oder zu Antologien (Medschuma) zusammengestellt.

Im Eroberungsgebiet kannte man die Diwandichtung gut. Die Werke der großen Vorgänger (Nisami, Sadi, Ahmedi) und der zeitgenössischen Dichter (Fusuli, Hataji, Sati, Rewani, Muhibbi, d.h. Suleiman der Große) wurden von Hand zu Hand weitergereicht. Auch von mehreren ortsansässigen Dichtern weiß man. Wüdschudi Mehmed beispielsweise besang die Schönheiten Ofens, Hissali gedachte des Gül Baba. Der Derwisch Lamekani wuchs in Pest auf, Miri in Ofen, und Saji war als Kadi in Szigetvár tätig. Taschli-dschaji Jahja Bei, der an sämtlichen Kriegszügen Suleimans teilgenommen hatte, schrieb seine im Eroberungsgebiet sehr populären Werke auf seinem Gut in Zvornik. Will man Ewlia Tschelebi Glauben schenken, waren Gasi Tschelebi, Nasi Tschelebi und Sami Tschelebi die herausragendsten Ofner Dichter der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Den anderen Zweig der Diwan-Dichtung bilden die epischen Werke (Messnewi), die Romane in Versform. Die großen Klassiker dieser Gattung, das Messnewi von Mewlana oder das Schahname von Firdaussi, wurden auch im Eroberungsgebiet gelesen. Der Khan der Krimtataren, Gasi Girej II., schrieb in Fünfkirchen, als er hier überwintern mußte, eine Paraphrase zu dem Werk Opium und Wein von Fusuli. Allzu bekannt dürfte das seither verloren gegangene Werk (Kaffee und Wein) allerdings kaum gewesen sein.

Die ausgesprochen von Kriegsereignissen handelnden Messnewi nennt man Gasavatname. Einigen dienten die Eroberungskriege als Thema; die Einnahme von Ofen, Gran, Siklós, Raab oder Kanizsa. Die meisten wurden vielleicht über die Belagerung von Szigetvár geschrieben. Diese Werke entstanden, obwohl ein Teil der Verfasser selbst an den Kriegszügen teilgenommen hatte, nicht im Eroberungsgebiet. Deshalb ist das Messnewi über die Helden von Görösgál so interessant, das angeblich der dortige Kadi verfaßt haben soll und das in der Chronik von Petschewi erhalten blieb. Ein gewisser Gyulewi (Gyulaer), der die Einnahme von Gyula in Verse gefaßt hat, könnte seinem Namen nach ein Ortsansässiger gewesen sein.

Unter den Prosawerken der Diwanliteratur beschäftigen sich in erster Linie die historischen Abhandlungen mit dem Eroberungsgebiet. Größtenteils arbeiten sie die Geschichte des Hauses Osman auf (Neschri, Saddedin, Lutfi Pascha). Als ihre Fortsetzung ist die unter anderem auf Istvánffy und Heltai zurückgreifende Chronik des in Fünfkirchen geborenen Ibrahim Petschewi sowie die Arbeit von Ketib Tschelebi zu betrachten. Andere Werke verewigen den Ruhm des einen oder anderen osmanischen Herrschers. Unter diesen stößt man hauptsächlich in den Suleimannamen auf ungarische Bezüge (Dschelalzade). Einige erzählen nur die Geschichte eines Feldzuges, wie beispielsweise Kemalpaschazades Mohács-name, von dem Ibrahim bin Ali 1575 in Szolnok eine Kopie anfertigte. (Diese Kopie ist auch das einzige Denkmal der Miniaturmalerei im Eroberungsgebiet.) Die den Ofner Paschas Sokollu Mustafa und Tirjaki Hassan gewidmeten Chroniken behandeln ausgesprochen lokale Ereignisse. Als ein Kuriosum zählt die von dem ungarischstämmigen Renegaten Terdschüman Mahmud verfaßte Tarih-i Üngürüs (Geschichte Ungarns).

Der Diwanprosa sind auch die Reisebeschreibungen sowie wissenschaftlichen, religiösen und mystischen Abhandlungen zuzuordnen. Die bedeutendste der Reisebeschreibungen, und zugleich eine der wichtigsten Quellen der Kulturgeschichte des Eroberungsgebiets, ist das Sejahatname von Ewlia Tschelebi, weniger wichtig die wortkarge Abhandlung Behram Dimiskis vom Ende des 17. Jahrhunderts. Wissenschaftliche und religiöse Werke gab es in jeder Medresse. So ist beispielsweise ein Lehrbuch auf uns gekommen, das eine Koran-Auslegung, Rechtslehre und Metrik beinhaltet. Mitunter griffen die Lehrer der Medressen (Hodscha) auch selbst zur Feder. Ein Ofner Schulmeister, Ömer Efendi, schrieb ein juristisches Buch, und die Ofner Rechtsgutachten (Mufti Fetwa=Gutachten nach Scheriatrecht) Ibrahims füllen ganze Bände. Ali Dede verfaßte seine mystischen Abhandlungen als Wächter von Suleimans Türbe, während Ahmed Dede im Mevlevi-Kloster zu Fünfkirchen tätig war. Das Werk des türkischen Mystikers Ahmed Bidschan aus dem 15. Jahrhundert konnte man auch in ungarischer Sprache lesen. Der türkische Sekretär Gábor Bethlens, János Házi, hatte es übersetzt und 1626 in Kaschau drucken lassen.

Der Einfluß der türkischen Literatur

Die kulturellen Beziehungen zwischen Türken und Ungarn waren in erster Linie materieller Natur, auf dem Gebiet der Literatur lassen sie sich gegenwärtig kaum nachweisen. Daß Bálint Balassi die Poesie der Eroberer sehr gut kannte, besitzt symbolischen Wert. Zwei seiner Lieder entstanden auf Einfluß und nach der Originalmelodie eines Aschik-Gedichts. Bei einer dritten, sehr freien Übersetzung ist die türkische Quelle unkenntlich. Unter dem Titel "Sämtliche türkischen Beyits, die man ins Ungarische übersetzt hat" stellte Balassi die zum Kreis der Diwandichtung gehörenden türkischen Beyits und deren umgedeutete Übersetzungen in einem Band zusammen. Außer seinen Werken deuten nur wenige Gedichte auf türkischen Ursprung hin: ein in Aschik-Form, aber ungarisch geschriebenes Gedicht, ein zweisprachiges Murabbah und einige Türkische Weisen bislang nicht identifizierten Ursprungs. Es ist jedoch durchaus denkbar, daß sich hinter zahlreichen Motiven der ungarischen Liebeslyrik türkische Vorbilder verbergen.


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