CHRISTLICHE KIRCHEN
Die Reformation in Europa
Die katholischen Kirche vor der Reformation
Die Zeit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert ist eine der widersprüchlichsten Perioden in der Geschichte Europas. Wichtigste Veränderung neben der das mittelalterliche Weltbild erschütternden Renaissance, den die räumlichen Grenzen durch neue Dimensionen erweiternden geographischen Entdeckungen und dem Vordringen der unseren Kontinent bedrohenden Osmanen war das ständig wachsende religiöse Interesse. Die moderne Geschichtsschreibung sieht die Ursachen der Reformation heute nicht erstrangig im Niedergang der katholischen Kirche und auch nicht im "religiös bemäntelten antifeudalen Kampf", sondern eher in den im 15. Jahrhundert auftauchenden neuen religiösen Ansprüchen sowie den Bestrebungen, die mittelalterlichen Strukturen der Kirche zu reformieren.
Zu den ersten bedeutenderen Kirchenreformen kam es in Italien und Spanien, wo Prälaten mit vorbildlichem Lebenswandel und der Sache verpflichtete Weltliche gegen die Unwissenheit und schändliche Lebensweise des Klerus auftraten. Deswegen ist es unrichtig, die Geschichte der katholischen Kirche im 16.-17. Jahrhundert allein mit dem Ausdruck Gegenreformation zu kennzeichnen, denn die auf innere Erneuerung gerichtete katholische Reform erschien schon vor der Reformation.
Im allgemeinen gingen diese Erneuerungsbewegungen von der unteren Ebene aus. Ihre wichtigsten Erscheinungsformen waren die Reformierung der alten Ordenstrukturen, die Bildung religiöser Bruderschaften und, inspiriert davon, die Gründung von Orden neuen Typs (insbesondere des Jesuitenordens) sowie die Verbreitung einer den neuen religiösen Ansprüchen gerecht werdenden, auf der Bibel beruhenden, in persönlichem Ton gehaltenen Literatur.
Erst auf Einfluß der Reformation entstand aus den die Erneuerung der katholischen Kirche anstrebenden Bewegungen ein umfassendes Reformprogramm, das beim Tridenter Konzil (1545-1563) formuliert wurde. Das Konzil präzisierte die Lehren der katholischen Kirche vordringlich in jenen Fragen, welche die Reformatoren angriffen. Noch wesentlicher war jedoch, daß es mit seinen Anordnungen die Kirchendisziplin festigte und den seelsorgerischen Dienst als wichtigste Aufgabe der Geistlichkeit definierte. Zu Trägern der Reform machte es die Bischöfe, die persönlich für die unmittelbar nach dem Konzil beginnende Durchsetzung der Reformbeschlüsse einstanden. Tempo und Wirkungsgrad dieses Prozesses waren in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich.
Die Luthersche Reformation und das Entstehen der evangelischen Kirche
Anfang des 16. Jahrhunderts verlieh man an zahlreichen Punkten Europas, in kirchlichen Einrichtungen und an Universitäten, der Notwendigkeit einer Erneuerung der Kirche Ausdruck. Ein Teil dieser allgemeinen Refombewegung war das Auftreten des Wittenberger Universitätslehrers Martin Luther (1483-1546) im Jahr 1517, der mit seinen 95 Thesen keineswegs einen Kirchenbruch herbeiführen, sondern lediglich im Geiste der Reformbestrebungen des Zeitalters zur Erneuerung der katholischen Kirche beitragen wollte. Luther wandte sich vor allem gegen die kirchliche Praxis des Erlasses zeitlicher Sündenstrafen gegen Geld, indem er auch deren theologischen Hintergrund angriff.
Einerseits wegen der sowohl von Papst Leo X. (1513-1521) als auch von Luther gezeigten Unbeugsamkeit, andererseits infolge der Unterstützung bei breiten Kreisen der deutschen Bevölkerung (besonders bei den Fürsten), kam es zum Bruch zwischen der katholischen Kirche und den Anhängern Luthers. Das Auftreten Luthers ansich ist also rein als religiöse Erscheinung zu bewerten, während sich der dadurch herbeigeführte Kirchenbruch in erster Linie auf politische Ursachen (die starke Zergliederung des Deutschen Reichs und sein traditionell schlechtes Verhältnis zu Rom) zurückführen läßt.
Das Wesen der Lehre Luthers besteht darin, daß wir allein dank der Gnade Gottes (sola gratia) und allein durch den Glauben (sola fide) seelig werden können. Den mit der Bibel übereinstimmenden Wert der kirchlichen Tradition leugnend, erkannte er als ausschließliche Quelle seiner Lehre die Heilige Schrift (sola Scriptura) an. Von den sieben Sakramenten behielt er nur zwei (Taufe, Abendmahl) bei, und er verwarf die kirchliche Ordnung ebenso wie die Messe und die Verehrung der Heiligen.
Der gleichzeitig gegen die katholische Kirche und gegen die immer radikalere Reformationsbewegung des Volkes (Anabaptisten) geführte Kampf machten es schließlich notwendig, daß sich die lutherische Reformation zu einer Kirche organisierte. Philipp Melanchton (1497-1560) verfaßte das grundlegende Glaubensbekenntnis der Anhänger Luthers, das beim Augsburger Reichstag des Jahres 1530 angenommen wurde (Augsburger Konfession; von daher stammt der alte offizielle Name der lutherischen Kirche: evangelische Kirche des Augsburger Bekenntnisses). 1555 erlangte die evangelische Kirche im Römisch-Deutschen Reich, im Sinne des Augsburger Religionsfriedens, Gleichstellung mit der katholischen Kirche.
Die helvetische Richtung der Reformation und das Entstehen der reformierten Kirche
In der Schweiz entwickelte die Lehre Luthers unter anderem der Zürcher Pfarrer Ulrich Zwingli (1484-1531) weiter. In die Fußstapfen des deutschen Reformators tretend, gestaltete er ab 1519 seine eigene Theologie, die den lutherschen Thesen in mehreren Punkten widersprach. Vor allen Dingen erkannte sie weder die Taufe, noch das Abendmahl als Sakramente an und leugnete die leiblich Gegenwart Christi im Abendmahl. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Reformatoren konnten selbst bei Vergleichsverhandlungen nicht beigelegt werden (Marburger Kolloquium 1529), und das führte zur endgültigen Trennung. Zwingli setzte die Grundpinzipien seiner theologischen Lehre auch in die Praxis um und reformierte gemeinsam mit dem städtischen Rat die Zürcher Kirche (Abschaffung von Zölibat und Fasten, Reform des Gottesdienstes, Predigten in deutscher Sprache, Schmucklosigkeit der Kirchen). Sein Werk wurde von Heinrich Bullinger (1504-1575) zu Ende geführt, dessen Lehre in ganz Europa, so auch in Ungarn, großen Einfluß gewann.
Johannes Kalvin (1509-1564) ging daran, die Lehren der die Theologie Luthers weiterentwickelnden (deutschen und schweizerischen) Reformatoren folgerichtig zu ordnen. Das Wirken Kalvins, eines Schweizers französischer Abstammung mit fundierter theologischer und humanistischer Bildung, läßt sich in erster Linie an die Stadt Genf binden (1536-1538, 1541-1564). Die Lehren seiner Vorgänger überflügelte er vor allem hinsichtlich der Auffassung über die göttliche Gnade. Demnach ist jedem Menschen die ewige Verdammnis oder ewige Seeligkeit von Gott vorherbestimmt (Vorbestimmung, lateinisch praedestinatio). In der Frage des Abendmahls vertrat er einen zwischen Luthers und Zwinglis Aufassung liegenden Standpunkt: Ihmzufolge vermittelt das Abendmahl die Gnade Christi.
Ähnlich wie Zwingli legte auch Kalvin außerordentlich großes Gewicht auf die praktische Durchführung der Reformation. Unter seinem mit allen Vollmachten ausgestatteten Regiment wurde Genf zum Zentrum der helvetischen Reformation. Die von ihm eingeführte Kirchenverfassung fixierte im wesentlichen, daß die Kirchengemeinden von einer aus Geistlichen und weltlichen Gläubigen bestehenden Körperschaft, dem Presbiterium, gelenkt werden. Seine Morallehre, die zu Arbeit und Sparsamkeit anspornte bzw. das Berechnen ehrbarer Zinsen erlaubte, war ein Anstoß für die Herausbildung des Kapitalismus. Mit seinem System der Kirchenverwaltung trug er zur Entwicklung der politischen Demokratie bei. Das Werk des Genfer Reformators setzte sein Nachfolger Theodor de Beze (1519-1605) fort.
Die Verbreitung der Reformation in Ungarn (16. Jahrhundert)
Die katholischen Kirche Anfang des 16. Jahrhunderts
Im 15. Jahrhundert entwickelte sich die Situation der katholischen Kirche Ungarns den europäischen Tendenzen entsprechend: Der hohe Klerus ging vorwiegend politischen und amtlichen Tätigkeiten nach, der niedere Klerus war arm und ungebildet und konnte seiner Aufgabe kaum nachkommen, die monastischen Orden befanden sich (hauptsächlich infolge des sog. Kommendatorensystems) in einer tiefen Krise. Für eine Reformierung der Kirche gab es nur sehr schwache Anzeichen: Einige kraftlose Anstrengunen seitens der Prälaten, (mehr oder weniger erfolgreiche) Versuche zur Erneuerung der Orden, auf Erneuerung drängende Predigten franziskanischer Autoren waren die ersten zwar lohnenden, aber durchaus nicht als durchschlagend zu bezeichnenden Versuche. Gleichzeitig kam es unter Aufsicht des lokalen Klerus zu einem bedeutenden Wandel in der Religiosität der Gläubigen: Die Gründung zahlreicher religiöser Bruderschaften (Konfraternitas), die steigende Zahl der Wallfahrten, die Stiftungen zugunsten der Kirche oder das Blühen der Kodexliteratur sind Beweise dafür, daß die Menschen ihr Glaube sehrwohl interessierte. In vieler Hinsicht war die Wende des 15./16. Jahrhunderts die Blütezeit der religiösen Kultur in Ungarn.
Die lutherische Reformation in Ungarn
In diesem für religiöse Einflüsse besonders empfänglichen Medium tauchten auch bald die neuen Ideen auf. Die Überlieferung der protestantischen Kirchengeschichte bindet das Erscheinen der Reformation in Ungarn an das Jahr 1521. Es war das Jahr, als mehrere Lehrer an der Ofner Hochschule bereits im Geiste Luthers unterrichteten. Ab 1522 gingen dann mehr und mehr junge Ungarn an die als Zentrum der neuen Lehre geltenden Wittenberger Universität. Vor Mohács fanden die neuen Lehren hauptsächlich in der Landeshauptstadt, im Kreis der deutschen Bürgerschaft und unter den deutschen Mitgliedern des Königshofes Anhänger, sogar die Gemahlin Ludwigs II., Königin Maria, sympatisierte mit ihnen. In den 1520er Jahren kamen auch die deutschen Bürger der Städte Westungarns, des Oberlandes bzw. Siebenbürgens mit der Lehre Luthers in Berührung, die sich ihr sehr zahlreich anschlossen.
Hauptgegner des neuen Glaubens waren die Prälaten und der Adel. Erstere sahen in den sich mit Windeseile ausbreitenden neuen Ideen gefährliche Ketzerei, letzterer hielt sie für "deutsche Praktiken". Dieser Widerstand fand seinen Niederschlag in dem vom Landtag des Jahres 1525 verabschiedeten 4. Gesetzartikel, der für Anhänger Luthers (im Sinne der mittelalterlichen Gesetze zur Verfolgung von Ketzern) den Feuertod androhte. In der Folge kam es im Sinne des Gesetzes zwar tatsächlich zu Hinrichtungen, jedoch zu keiner Massenverfolgung (dazu fehlte der Zentralmacht und der katholischen Kirche die Kraft).
Die infolge der Schlacht bei Mohács und des anschließenden Vordringens der Türken entstandenen chaotischen politischen Verhältnisse sowie die veralteten Strukturen der katholischen Kirche waren der Verbreitung der Reformation ausgesprochen förderlich. Den frühesten dauerhaften Erfolg konnten die lutherischen Lehren im Kreis der siebenbürgischen und Zipser Sachsen verzeichnen. An der Spitze der siebenbürgisch-sächsischen Reformationsbewegung stand der Kronstädter Pfarrer Johannes Honterus (1498-1549), die Sachsen des Oberlandes führte der Bartfelder Rektor Leonhard Stöckel (1510-1560) dem neuen Glauben zu. Stöckel setzte das erste bedeutende schriftliche Glaubensbekenntnis der ungarländischen Reformation im Geiste Luthers auf, mit dem sich fünf königliche Freistädte des Oberlandes vor König Ferdinand I. gegen den Vorwurf der Ketzerei verteidigten (Confessio Pentapolitana, 1546).
Der erste Abschnitt der ungarischen Reformationsgeschichte, den man zurecht Rezeptionszeitraum nennt, dauerte im großen und ganzen bis 1540. Von der Wittenberger Universität heimkehrende Studenten bzw. katholische Geistliche, die den neuen Glauben annahmen (hauptsächlich Franziskaner), verkündeten als Seelsorger in den deutschen und ungarischen Städten oder als Wanderprediger die Lehre Luthers. Die wichtigsten Verterter der ersten Generation waren Mátyás Bíró Dévai (um 1500-1545), ihn taufte die Geschichtsschreibung den "ungarischen Luther", Imre Ozorai, er schrieb das erste lutheranische Buch in ungarischer Sprache, und András Gálszécsi (?-um 1543).
Verdienst der nächsten Generation von Predigern war es, daß sie mit unermüdlicher literarischer und Bekehrungsarbeit die Lehren der Reformation auch hinter die Mauern der ungarischen Marktflecken und in die Dörfer trugen. Einen besonderen Namen erwarben sich dabei der Gedichteschreiber und Prediger András Horvát Szkhárosi aus Tállya, der Reformator des Eroberungsgebiets Mihály Sztárai (?-1575) sowie der Prediger und Drucker Gál Huszár (?-1575), der das halbe Land bereiste. Hierbei ist es wichtig zu wissen, daß die Lutherschen Ideen in Ungarn vorranging in der von Luthers Mitarbeiter Philipp Melanchton vermittelten Form Verbreitung fanden, der die ungarischen Studenten in Wittenberg stark beeinflußt hatte.
Im ersten Stadium der Reformation war die Lehrtätigkeit noch keine konfessionsformende Kraft, wählten die Gläubigen doch ziemlich frei unter den theologischen Elementen und kirchlichen Handlungen. Diese eklektische Religiosität kennzeichnete die die Reformatoren unterstützenden Magnaten ebenso wie die Gemeinden der Marktflecken oder die Dorfpfarrer. Viele adlige Grundherren (Elek Thurzó, Ferenc Révay, Péter Perényi, Tamás Nádasdy, Péter Petrovics) setzten sich zwar für die Reformation ein, hielten aber dennoch an zahlreichen Elementen der Ausübung des katholischen Glaubens fest. Obwohl die Grundherren durchaus zur raschen Verbreitung der Reformation beitrugen, entschieden sich die unter ihrer Macht stehende Dörfer und Marktflecken in vielen Fällen unabhängig von ihnen für die eine oder andere Konfession. Jahrzehntelang hing die religiöse Zugehörigkeit der Gemeinden nur davon ab, welche Ideen die bei ihnen lebenden Geistlichen vertraten.
Die helvetische Reformationsströmung in Ungarn
Der Einfluß der beiden bedeutenden helvetischen Reformationszentren Zürich und Genf läßt sich in der Geschichte der ungarischen Reformation vom Anfang der 1550er Jahre an belegen. Der erste im Geiste Zwinglis tätige Reformator war der ehemalige Karslburger Domherr und spätere Prediger Márton Sánta Kálmáncsehi (?-1557). Kálmáncsehi schloß sich nicht nur Zwinglis Auffassung über das Abendmahl an, sondern folgte auch dem praktischen Programm des Schweizer Glaubenserneuerers, indem er aus den Kirchen jenseits der Theiß alle Altäre, Bilder und Skulpturen entfernen ließ. Er entzweite sich mit den Katholiken und sogar mit den Lutheranern. Nur sein Tod verhinderte die Schaffung einer auf seinen Lehren gründenden Kirchenorganisation.
Die von Kálmáncsehi begonnene Arbeit wurde im folgenden Jahrzehnt von Predigern fortgesetzt, die sich der helvetischen Strömung in immer größerer Zahl anschlossen. Neben dem ungarischen Adel fand die wegen ihrer Auffassung vom Abendmahl auch sakramentarische (sakramentverweigernde) genannte schweizerische Reformation hauptsächlich unter der Bürgerschaft der Marktflecken, dem Militär der Grenzburgen und im Kreis der Bauernschaft Verbreitung. Als Ergebnis der Lehr- und Organisationstätigkeit dieser Prediger - im Eroberungsgebiet (unter anderem) des hochbegabten István Kis Szegedi (1505-1575), jenseit der Theiß des ebenfalls begabten und unermüdlich tätigen Péter Juhász Mélius (1536-1572) - bildete sich bis zur zweiten Hälfte der 1560er Jahre eine selbständige reformierte Kirchenorganisation heraus. Notwendig war die Festigung der Lehre und Kirchenverwaltung vor allem deswegen, weil sie seitens der Katholiken und Lutheraner häufig Angriffen ausgesetzt waren bzw. weil sich von Siebenbürgen her eine neue Strömung, die Antitrinitarier (Leugner der Dreifaltigkeit) ausbreitete. In Nordost- und Ostungarn bzw. Siebenbürgen vollzog sich die Trennung der deutschen und schweizerischen Reformationsrichtung bis zu den Jahren 1566-1567. Ihre wichtigste Station war das Debreziner Konzil von 1567, bei dem das II. helvetische Glaubensbekenntnis angenommen wurde.
In Nord- und Westungarn erfolgte diese Trennung erst Ende des 16. Jahrhunderts, und zwar infolge eines Bruchs innerhalb der evangelischen Kirche. Ein Teil der evangelischen Prediger und Adligen neigte nämlich auf Einfluß der Lehren Melanchtons zur symbolischen Interpretation des Abendmahls (Kryptokalvinisten, geheime Kalvinisten). Diese Gruppe schloß sich nach dem Glaubensdisput 1591 in Csepreg auch formell der reformierten Kirche an und die beiden bis dahin zur gleichen Kirchenorganisation gehörenden Konfessionen trennten sich endgültig.
Die Theologie der ungarländischen reformierten Kirche hat nicht auschließlich und nicht in erster Linie Kalvins Lehre beeinflußt. Eine ebenso wichtige Rolle spielten die Vertreter der zweiten Generation der schweizerischen Reformation, Bullinger und Beze. Mehrere Punkte der kalvinistischen Lehre wurden aufgrund der spezifischen Gesellschaftlsentwicklung in Ungarn nur in stark modifizierter Form verwirklicht. Die die Grundlage der kalvinistischen Kirchenverfassung bildenden Presbyterien erschienen bei uns erst ab dem 17. Jahrhundert, davor lag die Lenkung der Gemeinden direkt in den Händen der Geistlichen. Auch die Lehre Kalvins von der Zinserhebung konnte hier nicht zum Zuge kommen. Die These vom bewaffneten Widerstand gegen einen tyrannischen Machthaber allerdings wirkte zur Zeit der Aufstände gegen die Habsburger befruchtend auf die Ideologie des ungarischen Adels.
Die Antitrinitarier
Den radikalsten Zweig der ungarischen Reformation innerhalb einer festen Kirchenorganisation bildeten die Antitrinitarier. Die Ideen dieser Strömung tauchten zuerst in Italien und Polen auf. Ihre Anhänger leugneten das göttliche Wesen Jesu und deshalb auch die Dreifaltigkeit. Bekannteste Vertreter waren der spanische Arzt und Theologe Miguel Servet (1511-1553), den Kalvin wegen seiner Ansichten in Genf verbrennen ließ, und der eine gemäßigtere Linie vertretende Fausto Sozzini.
Das Erscheinen der antitrinitarischen Lehren in Siebenbürgen ist an den Namen Georg Blandrata (1515-1588) zu binden, der Hofarzt bei Fürst János Zsigmond war. Auf seinen Einfluß wandten sich der Fürst und der Klausenburger reformierte Bischof Ferenc Dávid (1510-1579) den Ideen der Antitrinitarier zu. Die freie Ausübung dieser Religion in Siebenbürgen wurde 1568 vom Landtag in Thorenburg beschlossen, und damit erhöhte sich die Zahl der rezipierten Religionen im Fürstentum auf vier. Bischof Dávid stand im Ruf eines genialen Redners und Glaubensstreiters, so daß sich der neuen Konfession große Teile der Klausenburger Einwohnerschaft anschlossen. In den achtziger Jahren des Jahrhunderts vertrat mehr als die Hälfte der ungarischen Bevölkerung Siebenbürgens antitrinitarische Ansichten. Die im Gegensatz zu den immer radikaleren Bewegungen (Sabbatisten) gemäßigtere Linie organisierte sich Ende des 16. Jahrhunderts zu einer Kirche und festigte ihre Lehre. Das war vor allem der Tätigkeit der Bischöfe Demeter Hunyadi (?-1592) und György Enyedi (um 1551-1597) zu verdanken. Von der unitarischen Kirche kann man ab Anfang des 17. Jahrhunderts sprechen.
Unter allen Strömungen des Protestantismus waren die Antitrinitarier zweifellos am flexibelsten. Schon in den 1570er Jahren tauchten ihre radikaleren Vertreter in der Temeschgegend und im Komitat Baranya auf; Fünfkirchen wurde eines ihrer wichtigsten Zentren. Erst nach Vertreibung der Türken, im Zuge der Gegenreformation, konnten ihre Kirchengemeinden im Komitat Baranya aufgelöst werden. Ihre Expansion im Gebiet jenseits der Theiß verhinderten die sich zu einer Kirche organisierenden Reformierten, die mit zahlreichen Glaubensdisputen und polemischen Werken auch zu vereiteln suchten, daß sich die antitrinitarischen Lehren in Siebenbürgen ausbreiten.
Die katholischen Kirche im 16. Jahrhundert
Die katholische Kirche verlor im Laufe des 16. Jahrhunderts praktisch alle Stellungen in Ungarn. Sechs der zwölf Bischöfe des Landes fielen in der Schlacht bei Mohács. In den folgenden Jahrzehnten belohnten die beiden Könige vorrangig ihre eigenen Anhänger mit Bischofsstühlen (d.h. den damit verbundenen Einkünften), und diese interessierte die religiöse Situation in ihren Diözesen nur wenig. Sie lebten in Wien oder Preßburg, wo sie politischen, diplomatischen bzw., der spätmittelalterlichen Praxis entsprechend, in erster Linie amtlichen Tätigkeiten nachgingen. Die Päpste zögerten angesichts des Mißbrauchs, die von den Monarchen unter Berufung auf ihr oberstes Patronatsherrenrecht ernannten Bischöfe zu bestätigen. Infolge dessen gab es im Land kaum geweihte Bischöfe (im Jahr 1538 drei, 1574 vier). Selbst der König hatte es nicht eilig, die reichen Kirchenpfründe zu vergeben, da diese eine der wichtigen Geldquellen für den Ausbau des Verteidigungssystems gegen die Türken darstellten.
Für die Grundherren waren die im allgemeinen ungeschützten kirchlichen (Bischofs-, Kapitel-, Kloster-) Güter eine leichte Beute, die sie sich, die wirren politischen Verhältnisse ausnutzend, aneigenen konnten, wobei die religiöse Zugehörigkeit so gut wie keine Rolle spielte. Den ansich in der Krise steckenden Ordensgemeinschaften versetzten die türkische Eroberung und die Angriffe auf ihre Ordenshäuser den "Gnadenstoß": Ende des 16. Jahrhunderts konnten nur noch die Franziskaner und Pauliner einige Klöster vor dem Untergang bewahren, die übrigen Orden gab es nicht mehr. Ungeachtet dessen, daß die erste Generation der Reformatoren zu einem beträchtlichen Teil aus den Reihen der Franziskaner kam, ist von Übertritten ganzer Klöster jedoch nichts bekannt.
Ausgangspunkt der katholischen Restauration in Ungarn wurde die Stadt Tirnau, wohin das Erzbistum Gran angesichts der Türkengefahr umgezogen war. Erster bedeutender Vertreter der katholischen Erneuerung und der Gegenreformation war Miklós Oláh, Erzbischof von Gran (1553-1568). Mit großem Enthusiasmus ging der mit den Lehren des Humanismus und Erasmismus aufgewachsene Prälat daran, die katholische Kirche zu reformieren. Gemeinsam mit seinen Beauftragten begab er sich zu Kirchenvisitationen in die Pfarrgemeinden seiner Erzdiözese. Auf sein Betreiben wurden zwischen 1560 und 1566 auf fünf Bistumskonzilen Gesetze zur Behebung der aufgedeckten Mängel verabschiedet. Seine Bischöfe hielt er zu ähnlichen Reformmaßnahmen an.
Als anderes wichtiges Werk legte Oláh 1554 die Tirnauer Stadtschule und die mit dem Kapitel nach Tirnau geflüchtete Kapitelschule zusammen und gründete 1558 ein bischöfliches Priesterseminar. 1561 siedelte er in seiner Residenz den Jesuitenorden an, doch 1568 mußten die Pater die Stadt aufgrund von materiellen und personellen Schwierigkeiten wieder verlassen. Oláhs Reformversuch war also gescheitert. Doch die vorbereitende Arbeit, die er und seine Mitarbeiter (Miklós Telegdi, András Monoszlai, György Draskovics) geleistet hatten, war keineswegs vergeblich und trug im kommenden Jahrhundert reiche Früchte. Nach kaum zwanzig Jahren Pause erschienen die Jesuiten 1586 erneut in Ungarn.
Auf kurze Sicht ähnlich erfolglos blieb der Versuch Fürst István Báthorys, die Position der katholischen Kirche in Siebenbürgen zu stärken. Die dortigen Gesetze schränkten seine diesbezüglichen Bemühungen stark ein (z.B. durfte der Bischof von Siebenbürgen das Gebiet des Fürstentums nicht betreten). Auch Báthory wandte sich an die Jesuiten als wirkungsvollste Vertreter der katholischen Restauration. Er siedelte sie 1579 in Kolozsmonostor und zwei Jahre später in Klausenburg an, wo sie vor allem mit ihrer Schule bedeutende Erfolge erzielten. In den wechselvollen Jahrzehnten nach dem Tod des Fürsten mußten sie Siebenbürgen desöfteren verlassen, und 1603 verwüsteten die erzürnten Klausenburger sogar ihr Ordenshaus. Dennoch traten dem Orden viele junge Leute bei (darunter der spätere Graner Erzbischof Péter Pázmány), aus deren Reihen in den folgenden Jahrzehnten die Träger der katholischen Restauration in Ungarn hervorgingen.
Interessant gestaltete sich die Lage der katholischen Kirche im türkischen Eroberungsgebiet. Die Bischöfe der von den Türken besetzten Gebiete konnten nicht an ihre Sitze zurückkehren und lebten fern von ihren Gläubigen, im allgemeinen in Wien, Tirnau oder Preßburg. Die überwiegende Mehrheit der alleingelassenen ungarischen Einwohner schloß sich der lutherischen bzw. dann der helvetischen Reformation an. Katholische Kirchen blieben nur in solchen Städten bestehen, wo es zwischen den Einwohnern und dem dortigen Franziskanerkloster ein gutes Verhältnis gab, wie beispielsweise in Szeged oder Gyöngyös. In anderen Gegenden (z.B. im Komitat Baranya) hielten katholischen Laienprediger (im 17. Jahrhundert nannte man sie Lizentiaten) den Glauben in den Dörfern aufrecht. Zusammen mit den zahlreichen von Süden eintreffenden Neuansiedlern, darunter katholische Kroaten und Bosnier, kamen auch die bosnischen Franziskaner, die sich besonders im Süden des Eroberungsgebiets bzw. entlang der Donau niederließen.
Das konfessionelle Bild Ungarns Ende des 16. Jahrhunderts
Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts vollzog sich in Ungarn die Organisierung der protestantischen Strömungen zu Kirchen und ein im großen und ganzen stabiles Verhältnis der einzelnen Konfessionen bildete sich heraus. Etwa die Hälfte der ca. 3,5 Millionen Christen des Landes gehörte zur reformierten, ein Viertel zur evangelischen Kirche. In das verbleibende Viertel teilten sich die Gläubigen der unitarischen, orthodoxen und katholischen Kirche. Das heißt also, daß 85-90 Prozent der Gesamteinwohnerschaft des Landes Protestanten wurden.
Die Gläubigen der reformierten Kirche kamen in erster Linie aus den Reihen des ungarischen Adels, der Ackerbürgerschaft der Marktflecken, des Militärs der Grenzburgen und der Bauernschaft, die hauptsächlich in den mittleren und östlichen Teilen des Landes lebten. Die evangelische Kirche wurde in die Randgebiet abgedrängt; ihr gehörten Großgrundbesitzer aus Transdanubien und dem Oberland, die deutsche Bürgerschaft der Städte und die slowakische Bauernschaft an. Die Unitarier waren mit Ausnahme von Siebenbürgen nur im türkischen Eroberungsgebiet in Südungarn vertreten, im Fürstentum allerdings bildeten sie die Hälfte der ungarischen Einwohnerschaft. Bedeutendere Gruppierungen katholischer Gläubiger gab es nur noch in bestimmten Städten und auf den Gütern einiger katholisch gebliebener Adliger bzw. im Szeklerland. Die Zahl der Orthodoxen erhöhte sich durch die serbischen Einwander des Eroberungsgebiets sowie die rumänischen Einwanderer aus Siebenbürgen. Im Kreis der Kroaten konnte die Reformation keine wesentlichen Erfolge erzielen, sie blieben also mehrheitlich katholisch.
Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war auch die Organisierung der protestantischen Konfessionen zu Kirchen abgeschlossen. Evangelische und reformierte (daneben in Siebenbürgen unitarische) Inspektorate und Superintendanturen wurden gebildet, an deren Spitze die Superintendenten standen. Zwischen letzteren gab es jedoch keinerlei organisatorische Verbindung, eine selbständige Nationalkirche kam also bei keiner der Konfessionen zustande. Das Leben innerhalb der Kirchen regelten Konzile. Neben der protestantischen Kirchenorganisation hatte sich als Teil des ungarischen Ständewesens aber auch die katholische Hierarchie erhalten, die im folgenden Jahrhundert zum Gegenangriff überging, um die verlorenen Positionen des Katholizismus zurückzuerobern.
Katholische Restauration und Gegenreformation (17. Jahrhundert)
Die erste Welle der Gegenreformation an der Wende 16./17. Jahrhundert
Von der verlorenen Schlacht bei Mohács bis zum Ende der 16. Jahrhunderts waren Herrscher und Staatsmacht im königlichen Ungarn praktisch nicht in der Lage, die Ausbreitung des Protestantismus zu verhindern. Die diesbezüglichen, nicht allzu entschiedenen Landtagsbeschlüsse setzte niemand durch. Der erste ernsthaftere Gegenangriff fiel in die Regierungszeit Rudolfs I., als einige katholische Prälaten (nach österreichischem und böhmischem Vorbild) mit militärischer Unterstützung begannen, protestantische Kirchen und Schulen zu besetzen und deren Geistliche und Lehrer zu vertreiben. Dabei kamen ihnen auch die Befehlshaber der in Oberungarn stationierten Söldnertruppen zu Hilfe.
Bei den protestantischen Mitgliedern des Adels und der städtischen Bürgerschaft stieß diese Rekatholisierung mit Waffengewalt auf heftigen Widerstand. Besonders große Empörung lösten die Einnahme der Kaschauer evangelischen Kirche und ihre Rückgabe an die Katholiken sowie der den Landtagsbeschlüssen von 1604 eigenmächtig hinzugefügte 22. Gesetzesartikel aus, der es dem Landtag für die Zukunft untersagte, Religionsangelegenheiten zu verhandeln. Unter anderem diese Schritte waren der unmittelbare Anlaß des 1604 von István Bocskai ausgelösten Aufstands gegen die Habsburger.
Staatsmacht und hohe katholische Geistlichkeit zogen jedoch rasch die Konsequenz aus dem Mißerfolg der bewaffneten Rekatholisierung: Mit Gewalt, wie man sie in den österreichischen Ländern angewandt hatte, konnten sie gegenüber dem auf ein starkes ungarisches Ständetum gestützten Protestantismus nichts erreichen. Deshalb gingen der Hof und die Stände 1606 im Wiener Frieden und auf dem diesen besiegelnden Landtag des Jahres 1608 auch in Sachen Religion einen Kompromiß ein. Demzufolge sicherte der Monarch den Großherren und allen Adligen, den Soldaten der Grenzburgen sowie den königlichen Freistädten und Marktflecken freie Religionsausübung zu. Das bezog sich natürlich nur auf die lutherische (evangelische) und helvetische (reformierte) Richtung. Diese Religionsfreiheit wurde in den kommenden Jahrzehnten bei den Friedensschlüssen der Habsburger mit Siebenbürgen bekräftigt bzw. ergänzt und bildete bis 1671 die Grundlage des Rechtsverhältnisses zwischen Staat und Kirche.
Péter Pázmány und die katholische Restauration
Einer der spannendsten Wendepunkte in der Geschichte der Reformation und Gegenreformation waren die Ereignisse der Jahrzehnte nach 1608. Von da erreichte die nach innerer Erneuerung strebende katholische Kirche nämlich das, was sie mit Gewalt und im Schatten der Waffen nicht hatte verwirklichen können. Die beiden führenden Gestalten der katholischen Restauration in Ungarn waren die Graner Erzbischöfe Ferenc Forgách (1607-1615) und Péter Pázmány (1616-1637). Forgách (früher selbst Befürworter der bewaffneten Rekatholisierung) hielt 1611 in Tirnau ein Konzil seines Kirchendristrikts ab, das über die Durchsetzung der Beschlüsse des Tridenter Konzils entschied. Obwohl dieser Entscheid in Ungarn nur in den Bistümern Agram und Raab verkündet wurde, begann man in den Jahren nach 1610 allerorts, die wichtigsten Beschlüsse zur Kirchendisziplin (Konzile, Kirchenvisitationen, Priestererziehung usw.) in die Praxis umzusetzen. Im gleichen Zeitraum erschienen auch die Jesuiten wieder in Ungarn; 1615 gab es im Land bereits zwei jesuitische Seminare (Tirnau und Homonna). Ihre Einrichtungen waren nicht nur durch ihre berühmten Schulen wichtige Zentren, sondern auch durch ihre Missionstätigkeit, die sie auf den Güter der sich in immer größerer Zahl zum Katholizismus bekehrenden Magnaten ausübten.
Noch größere Bedeutung als der seines Vorgängers kam der Tätigkeit des vom Jesuitenpater zum Graner Erzbischof aufgestiegenen Péter Pázmány zu. Das Geheimnis seines gewaltigen Einflusses lag darin, daß er sämtliche Instrumente der Restauration meisterhaft handhaben konnte. Er war in jeder Gattung der religiösen Literatur heimisch (Disputationsliteratur, theologische Zusammenfassung, Predigt, Gebetbuch) und schuf darin bleibendes, er schenkte den Schulen und der Erziehung katholischer Priester Aufmerksamkeit und förderte die Gründung von jesuitischen Kollegien. Ihm ist unter anderem die Gründung der Tirnauer Universität im Jahr 1635 zu verdanken. Daneben berief er Konzile aller Ebenen ein und besuchte mit seinen Bevollmächtigten die Pfarrgemeinden seines Bezirks. Auf Einfluß Pázmánys und der Jesuiten traten viele Magnaten und Adlige zum katholischen Glauben über, und ihr Übertritt zog mit der Zeit auch die Katholisierung der auf ihren Gütern lebenden Leibeigenen nach sich. Seine Zeitgenossen sagten also zurecht (wenn auch mit ein wenig Übertreibung), daß Pázmány in einem protestantischen Land geboren und in einem katholischen Land gestorben sei.
So herausragende Persönlichkeiten wie Pázmány waren seine Mitarbeiter und Nachfolger zwar nicht, doch auch sie trugen mit ihrer unermüdlichen Arbeit zum Erfolg der katholischen Restauration bei. Hauptakteure dieses Vorgangs waren neben den Prälaten, die im allgemeinen in Rom studiert hatten, die Jesuiten. 1650 gab es in Ungarn vier Kollegien, acht Residenzen und 14 Missionsstationen mit insgesamt 149 Jesuiten, deren Zahl sich bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts verdreifachte. Darüber hinaus übten im Land auch andere Orden (in erster Linie Franziskaner, Pauliner und Piaristen) seelsorgerische, Lehr- und Missionstätigkeit aus. Mitte des Jahrhunderts hatte bereits ein Großteil des Klerus ein Seminar absolviert und verfügte über die notwendige Grundausbildung. Auch die erscheinende katholische Literatur erwies sich - sowohl was ihre Qualität, als auch ihre Quantität anlangte - als würdige Konkurrenz der Reformationsliteratur.
Im türkischen Eroberungsgebiet und in Siebenbürgen zeigten sich die Ergebnisse der katholischen Restauration kaum oder nur mittelbar. Seit 1612 wurden die unter türkischer Herrschaft lebenden Katholiken von jesuitischen Missionaren aufgesucht, die die Arbeit der ungarischen und bosnischen Franziskaner bzw. der von Rom entsandten Missionare gut ergänzten, obwohl die Zusammenarbeit der einzelnen Ordnen nicht immer reibungslos verlief. Pázmánys Konzile hatten auch die Tätigkeit der Lizentiaten legalisiert, deren Gläubige bis zum Ende der Türkenherrschaft fest zum Katholizismus hielten. Im Gebiet des Fürstentums Siebenbürgen vertraten die katholische Kirche nur ein Häufchen Szekler Franziskaner und Laienpriester sowie die ständig von Ausweisung bedrohten Jesuiten.
Die innere Krise und Erneuerungsbewegungen der protestantischen Kirchen
Der Erfolg der von Pázmány und seinen Nachfolgern vertretenen katholischen Restauration führte (hauptsächlich durch die Übertritte der Aristokratie) zu einer wesentlichen Schwächung der Stellungen des ungarländischen Protestantismus. Daneben erschütterte die protestantischen Kirchen im Laufe des 17. Jahrhunderts eine schwere innere Krise. Die evangelische und reformierte Orthodoxie waren in zahlreichen Glaubensdisputen und dogmatischen Klärungsversuchen erstarrt, ihnen traten nun neue Erweckungsbewegungen entgegen. Die bedeutendste Strömung innerhalb der reformierten Kirche war der Puritanismus und innerhalb der evangelischen Kirche der Pietismus (letzterer ist in Ungarn erst seit Anfang des 18. Jahrhunderts vertreten).
Der Puritanismus erschien Anfang des 17. Jahrhunderts in England. Seine Vertreter erstrebten ein auf der Frömmigkeit des einzelnen beruhendes, verinnigtes religiöses Leben. Daneben traten sie für Reformen und die Verwirklichung der Presbyterialverfassung ein. Nach Ungarn und Siebenbürgen gelangte der Puritanismus durch Studenten, die in den 1630er Jahren in England oder Holland studiert hatten. Darunter so bedeutende Persönlichkeiten wie János Dali Tolnai (1606-1660), Pál Medgyessy (1605-?) und János Csere Apáczai (1625-1659), die sich bemühten, mit Einführung von Kirchen- und Schulreformen bzw. Herausgabe von Büchern zur inneren Erneuerung ihrer Kirche beizutragen.
Ihre mächtigste Gönnerin fanden sie in Zsuzsanna Lorántffy (1600-1660), der Gattin des siebenbürgischen Fürsten György Rákóczi I. Und obwohl die Ziele der Bewegung schließlich am Widerstandstand der Anhänger der reformierten Orthodoxie (allen voran Bischof István Katona Geleji [1589-1649]) und des Fürsten scheiterten, hat der Puritanismus bedeutenden Einfluß auf die Führungsstrukturen der reformierten Kirche und die spätere religiöse Entwicklung in Ungarn ausgeübt.
Die Kirchenpolitik der siebenbürgischen Fürsten des 17. Jahrhunderts - Gábor Bethlen und die beiden György Rákóczi - richtete sich auf eine Stärkung der reformierten Kirche, obgleich Bethlen den Unitariern und Katholiken gegenüber sehr tolerant war. Erst unter György Rákóczi I. und besonders unter der Herrschaft seines Sohnes, György Rákóczi II., verstärkte sich der Druck auf die beiden Konfessionen. Die unitarische Kirche durchlief im 17. Jahrhundert eine schwere Krise und wurde mehr und mehr in eine Verteidigungsposition gedrängt. Ein Entscheid des Landtages von Dés erhob 1638 die gemäßigteste Richtung des Antitrinitarismus zur Pflichtreligion und verschärfte zugleich die staatliche Kontrolle über die unitarische Kirche (Déser complanatio). Von da an verfolgte man die radikaleren Strömungen (vor allem Sabbatisten) gesetzlich und die Jesuiten waren 1653 sogar gezwungen, Siebenbürgen vorübergehend zu verlassen. Infolge dieser Kirchenpolitik der Fürsten wurde der reformierte Glaube im 17. Jahrhundert in Siebenbürgen zur Staatsreligion.
Die zweite Welle der Gegenreformation
Die Erfolge der Katholiken in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren eindeutig ihren Anstrengungen zu verdanken, die Kirche von innen zu erneuern. Selbstverständlich kam es auf lokaler Ebene auch damals zu gewaltsamen Schritten, die bereits in Richtung Gegenreformation wiesen. Von den 1660er Jahren an gewann die gegenreformatorische Linie immer mehr Boden, was neben der wachsenden politischen Spannung unter anderem im intoleranteren Wesen des Kaisers und ungarischen Königs Leopold I. sowie in den erstarkenden Tendenzen des habsburgischen Absolutismus begründet lag. Darüber hinaus sahen auch die ungarischen Prälaten angesichts der Schwäche des protestantischen Ständetums die Zeit für gekommen, entschiedener aufzutreten. Die Ereignisse dieses entschiedeneren Auftretens spielten sich nach dem bekannten Drehbuch der dem Bocskai-Aufstand vorausgehenden Jahrzehnte ab: Besetzung von Kirchen und Schulen, Vertreibung der Pfarrer und Lehrer, an deren Stelle man katholische Geistliche einsetzte.
Eine Bewegung der mit dem religiösen Unrecht unzufriedenen ungarischen Stände, die Wesselényi-Verschwörung, wurde niedergeschlagen. Im folgenden, als "Trauerjahzehnt" bezeichneten Zeitraum von 1671 bis 1681 versuchte der König ohne gesetzlich Handhabe und mit Hilfe der katholischen Prälaten, den ungarländischen Protestantismus ganz zu brechen. Im Interesse dessen zitierte man im Laufe der Jahre 1673-1674 rund vierhundert protestantische Geistliche und Lehrer vor ein Preßburger Gericht, das unter Vorsitz des Graner Erzbischofs György Szelepchényi (1666-1685) stand, und klagte sie des politischen Verrats an. Einzelnen Quellen zufolge wurden 41 von ihnen zu Galeerenstrafen verurteilt (1675). Die 30 am Leben gebliebenen Galeerensträflinge löste der holländische Admiral De Ruyter ein Jahr später aus.
Wie im Falle der ersten zeigte auch die zweite Welle der gewaltsamen Gegenreformation sehr deutlich, daß solche Methoden - ob nun in der lokalen oder Landespolitik - nur dem stärkeren Zusammenschluß der Protestanten Vorschub leisten. Seinen Höhepunkt erreichte der Widerstand in dem von Imre Thököly angeführten Aufstand der Kuruzen, der den Hof erneut zu Kompromissen zwang. Der Ödenburger Landtag des Jahres 1681 stellte die ständischen Freiheitsrechte wieder her und gestattete an den Artikelorten die freie Ausübung der reformierten und evangelischen Religion.
Zusammenfassung
Das 16.-17. Jahrhundert war der vielleicht komplizierteste Zeitraum der Geschichte des Christentums. Die ungarländische Reformation übertraf in ihrer Vielfalt die europäische Entwicklung, denn in Siebenbürgen gründeten sogar die Antitrinitarier eine eigene Kirche. Ein anderes ungarisches Spezifikum besteht darin, daß sich die religiöse Vielfalt bei uns dauerhaft etablieren konnte. Keine der protestantischen Konfessionen erlangte gegenüber den anderen absolutes Übergewicht, die einzelnen Kirchenorganisation entwickelten sich parellel zueinander. Daneben ging auch die katholische Kirche nicht ganz unter, die Kontinuität der katholischen Hierarchie blieb gewahrt, und nach einigen Jahrzehnten der Zwangspause zog sie Anfang des 17. Jahrhunderts als gleichrangiger Partner in den Kampf um die Rückeroberung der Seelen. In Ungarn hat sich also (abweichend von anderen europäischen Ländern) keine protestantische Nationalkirche herausgebildet (England, deutsche Fürstentümer, Länder Skandinaviens), aber auch die katholische Kirche verlor ihre Hegemonie (Italien, Spanien) oder konnte ihre Positionen nicht zurückgewinnen (Frankreich, Polen, Habsburgländer).
Eine andere wichtige Lehre aus der ungarländischen Entwicklung ist die Dialektik von katholischer Reform, Reformation und Gegenreformation, die sich in der Kirchengeschichte der beiden Jahrhunderte deutlich verfolgen läßt. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bedeutete die Reformation eine auf reale Bedürfnisse gegebene Antwort, deren Inhalt an alle Schichten der Gesellschaft adressiert war. Daher kann man ihre Erfolge nicht ausschließlich an eine soziale Gruppe (z.B. Grundherren) oder einen Siedlungstyp (z.B. Marktfleck) binden. Die Reaktion auf die religiösen Bedürfnisse der Gesellschaft hat mindestens ebenso zu ihrem spektakulären Sieg beigetragen wie die politische Anarchie oder der Verfall der katholischen Kirchenstrukturen. Im folgenden Jahrhundert nahm dann der Katholizismus im Zeichen der inneren Erneuerung erfolgreich den Kampf mit den geschwächten protestantischen Kirchen auf. Doch als sich die katholische Kirche im Schulterschluß mit der Habsburgmacht für die Methode der gewaltsamen Rekatholisierung entschied (erstes und siebtes Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts), scheiterten alle ihre Anstrengungen am Widerstand der Protestanten. Dauerhafte Erfolge konnten beide Seiten also nur mit den Mitteln der Überzeugung und wirklichen Erneuerung erzielen.
VOLKSABERGLAUBE
Wallfahrtsstätte
Als 1456, drei Monate nach dem Tode János Hunyadis, im sirmischen Újlak der Franziskaner Johannes von Kapistran - einer der populärsten Redner seiner Zeit und Mitstreiter Hunyadis bei den Kämpfen gegen die Türken - verstarb, pilgerten Tausende aus den entlegensten Teilen des Landes zu seiner Bahre und später an sein Grab. Diese Pilger verschiedensten Ranges und Standes - Leibeigene, Handwerker, Aristokraten - hatten nur ein Ziel vor Augen, nämlich die Kleider des schon zu Lebzeiten als Heiligen verehrten Predigers zu berühren und an seinem Grabe niederzuknieen, um seine Fürbitte zu erflehen und Linderung von ihren seelischen oder körperlichen Gebrechen zu erfahren. Alle diese von vielerlei Krankeiten geplagten Menschen - Gelähmte, Blinde, Fiebernde, Epileptiker, Teufelsbesessene - hofften auf das Wunder bzw. auf die Hilfe des wundervollbringenden Priesters. Dieses wahllos herausgegriffene Beispiel spiegelt die Gesinngung des Menschen der damaligen Zeit sehr anschaulich wider. Unabhängig von seiner sozialen Stellung begab er sich auf in- und ausländische Pilgerfahrten: Wohlhabendere Bürger und Adlige gingen ins Heilige Land, nach Rom, Aachen, Köln oder Mariazell, um dort Wunder zu erleben und an Körper und Seele geläutert heimzukehren.
Das Vordringen der Türken setzte den ausländischen Wallfahrten Grenzen, so daß viele nun die heimischen Wallfahrtsstätten aufsuchten, gab es doch auch hier in nahezu jeder größeren Region einen Gnadenort. Ende des 15. Jahrhunderts hatten sich die Bittschriften an den Papst gemehrt, in denen um Ablaßgenehmigungen bzw. Reliquien ersucht wurde. Von der Reliquienverehrung erhofften sich die Menschen wirkungsvolleren Schutz vor den zunehmenden türkischen Angriffen. Sie traten ihre Fahrt aber auch an, um die Möglichkeit der Buße zu suchen. Die ins Ausland unternommenen Pilgerfahrten markieren zugleich die Wege, auf denen Ungarn Anschluß an das europäische Geistesleben fand, und geben ein Bild davon, wie groß der Kult der ungarischen Heiligen (hl. Elisabet, hl. Margarete, hl. Stephan, hl. Ladislaus aus dem Arpadenhaus) in Europa war. Bei den meisten der in- und ausländischen Wallfahrten handelte es sich damals noch um Eigeninitiativen, von deren Art und Weise wir nur wenig wissen. Bekannt ist dagegen, wie das Pilgergewand aussah, zu dem der unerläßliche Pilgerstab und Beutel gehörten. Viel Proviant konnte auf die Tage, Wochen, ja oft sogar Jahre dauernde Reise nicht mitgenommen werden; für Nahrung sorgte man an Ort und Stelle.
Pilgerfahrte
Dabei halfen ihnen die Orden oder frommen Bruderschaften. Am Weg nach Aachen beispielsweise bewirteten sie die ungarländischen Pilger mit Brot, Fleisch, Fisch, Obst, Bier und Wein. Die Aachner Gruppe der Ungarn zog mit einem Kreuz an der heiligen Stätte ein. Unterwegs kamen sie in Häusern, Hospitälern, Ställen oder Scheunen unter. Die mittelalterlichen Pilgerfahrten trugen Bittcharakter. Durch Umgehen bzw. Berühren der Reliquie kam es an dem heiligen Ort zu wunderbaren Heilungen. Infolge der türkischen Eroberung wurden unter den heimischen Wallfahrtsstätten besonders die Maria-Gnadenorte populär. Die in alten Traditionen wurzelnde Marienverehrung gewann ein neues Gesicht, die Person Mariens wurde hauptsächlich auf Einfluß des Franziskanerordens zum Sinnbild der Türkengegnerschaft. Ein solches Sinnbild waren auch die Gnadenskulptur von Csíksomlyó und das Gnadenbild in der Kirche der Szegediner Unterstadt, von dem die Legende berichtet, daß man es 1552 in dem vor der Kirche liegenden See vor den Türken verbarg. Einige Jahre später tränkte ein türkischer Soldat sein Pferd an dem See, wo er das - auf wunderbare Weise unversehrt erhaltene - Bild wiederfand und den Franziskanern zurückgab.
Der Gnadenskulptur von Csíksomlyó schrieb man zu, daß durch ihre Vermittlung die katholischen Szekler 1567 den Sieg über das Heer János Zsigmonds davontrugen, der diese mit Gewalt zum protestantischen Glauben hatte bekehren wollen. Eine Wallfahrt zählte im Leben der gläubigen Menschen dieses Zeitalters als besonderes Ereignis. Doch ihr Alltagsleben war von der kirchlichen Liturgie ebenso geprägt wie vom abgergläubischen Vorstellungen. Die Sakramentalien der Kirche erstreckten sich auf das ganze Leben des Menschen. Geweiht wurden die lebendige und die nicht lebendige Natur, die Stationen des irdischen Lebens sowie die alltäglichen Bedürfnisse. Symbol der Reinigung und Weihe war das Weihwasser, das sowohl bei der Segnung, als auch beim Exorzieren eine Rolle spielte. Weiters zählten als Sakramentalien die geweihte Kerze, das geweihte Feuer, die geweihten Speisen und Getränke, die den auf sie Vertrauenden Gesundheit und Schutz vermittelten. Ein schon im 16. Jahrhundert bekanntes Ritual war auch die Weihe des neuen Brotes. Hauptsächlich an Gnadenorten gab es den weit verbreiteten Brauch, daß die Gläubigen geweihte Texte, Bilder oder Münzen mit sich führten, die sie bei Gefahr beschützen sollten.
Aus dem 16.-17. Jahrhundert sind zahlreiche Texte auf uns gekommen, die keine sakralen, sondern abergläubische Elemente gegen Krankheiten oder die Versuchungen des Teufels beinhalten. In der Bibliothek des Franziskanerklosters von Gyöngyös beispielsweise blieb ein Büchlein zur Teufelsaustreibung aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Es empfiehlt verschiedene Segnungstexte, die dem Fernhalten böser Geister dienen. Wer einen solchen Text bei sich trug, war gegen die teuflischen Anfechtungen gewappnet. Auch in anderen Fällen hielt man diese Texte für nützlich. Wenn man je einen an den vier Ecken des Gartens, Ackers oder der Weinplantage vergrub, hoffte man, daß diese von Naturkatastrophen verschont blieben. Ebenso beschützten sie das Haus oder den Stall. Die mittelalterliche Kirche besaß eine ganze Sammlung von Texten zum Gesundbeten bzw. zur Abwehr von Bösem, die sich auf alle Angelegenheiten des menschlichen Lebens, auf sämtliche körperlichen und seelischen Gebrechen bezogen. Damals herrschte nämlich die Auffassung, daß Krankheiten von schädlichen Geistern verursacht würden, die dem Menschen nach Gesundheit und Leben trachten, seinen Körper behexen, ihm Leid und Ungemach bringen, sein Vieh vernichten und seine Ernte verderben. Durch die Berufung auf Gott und die Heiligen aber könne man diese bösen Geister zwingen, sich zu entfernen.
Grundlage des Gesundbetens oder der Abwehr von Bösem war der Glaube an die geheimnisvolle Kraft des Wortes. Im Laufe der Zeit hatten sich die Texte zur Heilung dienender heidnischer Zaubersprüche mit christlichem Inhalt gefüllt. Bei Segnungen flehte man um die wirksame Anwesenheit Gottes und auch bei der Exorzierung wollte man die teuflischen Versuchungen mit Hilfe Gottes vertreiben. Die ersten überlieferten Texte von Gesundbetungen stammen vom Ende des 15. Jahrhunderts und sind vermutlich kirchlichen Ursprungs. Péter Bornemisza veröffentlicht in seinem Werk Teuflische Versuchungen (1578) acht Gesundbetungen, welche ihm die Frau des Benedek Szerencse von Tardoskedd erzählte, die sie wiederum von ihrer Großmutter und einem Priester gehört hatte. Diese gegen Gicht, Kopfschmerzen, Heiserkeit, den Bann, Würmer und Bauchschmerzen wirkenden Texte berichten von einer blühenden Praxis der Gesundbeterei. Damals war das nicht nur im Kreis der Leibeigenen gang und gäbe, sondern ein typischer Ausdruck bzw. Erfordernis der ganzen Gesellschaft. Die Nüchternheit des Protestantismus drängte dieses Praxis mehr oder weniger zurück. Von den Franziskanern aber wurde sie bewahrt, hatte dieser Orden doch von allen die engste Verbindung zum Volk.
Die Franziskaner paßten sich den seelischen Bedürfnissen des Volkes an, kannten für alle körperlichen oder seelischen Gebrechen Sakramentalien und Heilmittel. Auch das dürfte einer der Gründe gewesen sein, daß die verbliebenen Klöster der Franziskaner zum Herd der volkstümlichen Frömmigkeit (und meist zugleich auch zu Wallfahrtsorten) wurden, deren Licht und Wärme in diesem von den Türken zerstückelten und vom Streit der Konfessionen erschütterten Lande weithin erstrahlten.
MUSLIMISCHES RELIGIONSLEBEN
Dschamis, Moscheen und Derwischorden in Ungarn
Die Gesamtbevölkerungszahl Ungarns betrug damals 3,5 Millionen, davon lebten im Eroberungsgebiet 900.000 Menschen. Im Vergleich dazu war die Zahl der osmanisch-türkischen Bevölkerung - Militär und Zivileinwohnerschaft zusammen etwa 50-80.000 - geringfügig, für deren religiöses Leben die aus christlichen Kirchen umgestalteten oder neugebauten Moscheen und Dschamis sorgten. In den größeren Kirchen, den Dschamis, fand der Freitagsgottesdienst statt, und hier konnten auch die freitäglichen Predigten, Hutbe, gehalten werden.
Wichtigste Person war der Imam, der vor der versammelten Gemeinde betend das Zeremoniell leitete. In größeren Orten gab es extra eine Freitagsprediger, Hatib genannt, doch in kleineren Orten fiel auch diese Aufgabe dem Imam zu. An Wochentagen lauschte die Gemeinde den Worten des Vaiz, eines einfachen Predigers. Auch mehrere Hafiz dienten in den Dschamis, also Personen, die den einen oder anderen Abschnitt des Koran auswendig kannten. Der bekannteste Diener der Dschami war der Muezzin, er rief die Rechtgläubigen fünfmal täglich zum Gebet. Die Entlohnung der Moscheediener und die Erhaltung der Kirchen wurde aus wohltätigen staatlichen oder kirchlichen Stiftungen - Vakuf - finanziert.
Neben den orthodoxen islamischen hatten sich im Eroberungsgebiet auch zahlreiche Derwischorden angesiedelt, als wichtigste darunter die Bektaschiten, Halvetiten und Mevleviten. Das Ofner Gül Baba-Kloster des den Janitscharen nahestehenden Bektaschiordens ließ der dritte Ofner Beglerbei, Jahjapaschasade Mehmed Pascha, während seiner Statthalterschaft (1543-1548) errichten, und zwar in der Nähe der Türbe (Grabkapelle) des Gül Baba. Während in den anderen Ofner Ordenshäusern nur zehn bis zwanzig Derwische lebten, fanden im Gül Baba-Kloster 60 Derwische ein Zuhause.
Das berühmteste Kloster der Halvetitenderwische entstand um 1576 neben dem Grabmal Sultan Suleimans I. (1520-1566) in Szigetvár. Es wurde innerhalb kurzer Zeit zum religiös-kulturellen Zentrum der Umgebung. Fünfzig Soldaten bewachten die Türbe und das Kloster. Namhaftester Vorsteher des Zavije (Ordenshaus, Kloster) war der Bosnier Sejh Ali Dede, eine herausragende Gestalt der osmanischen Kultur des 16. Jahrhunderts, der zwischen 1589 und 1598 in Szigetvár lebte und hier sein bekanntes Werk "Die Siegel der Weisheiten" schrieb.
Im 17. Jahrhundert erlebte das Fünfkirchner Mevlevitenkloster des Jakovali Hassan Pascha seine Blütezeit. Der berühmteste, in Fünfkirchen geborene Vorsteher des Klosters, Pecsevi Arifi Dede, hatte im Zentrum des Ordens in Konja studiert. 1686 floh er vor den christlichen Truppen nach Philippopel, wo er ein neues Kloster gründete, und ließ sich dann in Istambul nieder. Hier lebte er bis zu seinem Tode im Jahr 1724 als Vorsteher des Jenikapi Mevlevihane, gab Unterricht und befaßte sich mit der Übersetzung religiöser Werke.
Muslimische Schulen, muslimische Bildung
In 39 Städten des Eroberungsgebiets waren im 17. Jahrhundert 165 Elementarschulen (Mekteb) sowie 77 theologische Mittel- und Hochschulen (Medresse) tätig. In der Mekteb lehrte man das Schreiben, die vier Grundrechenarten, das Koranlesen und die wichtigsten Gebete. Die Medressen boten eine in mehreren Etappen erfolgende Mittel- und Oberstufenausbildung in den Fachbereichen islamische Religionswissenschaften, Kirchenrecht und Naturwissenschaften. In Ungarn gab es die meisten Medressen in Ofen: sieben in der Burg und fünf in der Víziváros (Wasserstadt). Daneben konnten die Studenten unter fünf Medressen in Fünfkirchen sowie jeweils vier in Erlau und Esseg wählen.
Die angesehenste Medresse des Erobengsgebiets hatte Sokollu Mustafa Pascha während seiner zwölfjährigen Statthalterschaft (1566-1578) in Ofen errichten lassen. Im Sommer des Jahres 1575 übergab man die Schule, deren jeweiliger Lehrer der Mufti von Ofen war, d.h. die höchste religiöse Instanz aller Moslems im Eroberungsbiet. Am berühmtesten unter den Lehrern der Schule war Issa Efendi, der als Leiter der türkischen Delegation an den Friedensverhandlungen von Gyarmat (1625) und Szony (1627) teilnahm. 1634 wurde er zum Kadi von Bursa, 1637 zum Istambuler Kadi und 1637 zum rumelischen Kadiasker, also zum höchsten Heeresrichter der europäischen Provinzen des Osmanisches Reiches, ernannt.
Entgegen der allgemein verbreiteten Auffassung waren die osmanischen Herren des Eroberungsgebiets keineswegs ungebildete Barbaren. Die Dschamis dienten nämlich nicht nur zum Beten, sondern auch um im Schreiben und Lesen zu unterrichten, grundlegende Kenntnisse der Religion zu vermitteln, das Lesen des Koran und Gebete zu lehren. Und die bei den Freitags- und Feiertagsgottesdiensten gehaltenen Predigten waren die wirkungsvollste Form der moralischen und politischen Erziehung. Neben den Moscheen gab es eine ganze Anzahl Grund- und Mittelschulen, und auch die Klöster der Derwischorden standen im Dienste von Kultur und Bildung.
Ebenfalls zur Bildung trugen die Bibliotheken der Moscheen und Schulen bei. In der Ofner Schulbibliothek Sokollu Mustafa Paschas konnten Interessenten neben Werken der islamischen Religionswissenschaft auch Arbeiten finden, die Rhetorik, Dichtung, Geographie, Astronomie, Musik, Architektur oder Medizin zum Gegenstand hatten. Ungeachtet der ständig aufflammenden kriegerischen Auseinandersetzungen bildeten sich mehrere religiös-kulturelle Zentren heraus, lebten berühmte Derwische und Wissenschaftler für kürzere oder längere Zeit in dieser entlegenen Grenzregion des Reiches. Die Gebildeteren unter ihnen verfügten über eigene Bibliotheken, wie z.B. der 1587 verstorbene Ofner Finanzbeamte Ali Tschelebi, in dessen Nachlaß man 119 Bücher in arabischer, persischer und türkischer Sprache fand: Neben Werken über Religion, Geschichte, Politik, Astronomie und Medizin auch Romane und Gedichtbände, ja sogar zwei Bücher, die sich mit Traumdeutung bzw. dem Schachspiel beschäftigten.
