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LANDSCHAFT UND VOLK

NATURKUNDE
BEVÖLKERUNG, ETHNIKA
SIEDLUNG UND WOHNORT



NATURKUNDE

Extreme Witterungserscheinungen

Den Ergebnissen der historischen Klimatologie zufolge war das 16.-17. Jahrhundert in Europa die Periode der sog. kleinen Eiszeit. Die jährliche Durchschnittstemperatur sank zwar nur um ein Grad, das aber hatte extreme Witterungserscheinungen zur Folge. Von Oktober bis Ende Februar lag alles unter einer dicken Schneedecke, die Getreidepflanzen benötigten drei bis vier Wochen länger zum Reifen, die Größe der zum Anbau geeigneten Nutzflächen verringerte sich etwas. Diese Erscheinungen komplizierten - insbesondere wegen der zeitgenössischen Produktionstechnik - die Umstände der Agrarproduktion. Neben extrem kalten Wintern erschwerten heiße Sommer, zu feuchte und kalte Nächte sowie eine unerträgliche Hitze bei Tage das Leben der Menschen. Das Territorium des Landes war zu einem Großteil von Sümpfen, Marschen und ausgedehnten Wasserflächen bedeckt. Über deren Ausdünstungen bzw. die Feuchtigkeit beklagten sich viele Zeitgenossen. In einem Bericht kann man z.B. lesen, daß die in dicken Militärzelten schlafenden Soldaten infolge der Luftfeuchtigkeit morgens mit durchnäßtem Hemd erwachten.

Waldsterben

Vom Anfang des 16. Jahrhunderts an konnte man - wie in anderen Waldgebieten Europas - auch in Ungarn Zeuge einer immer stärkeren Ausforstung werden. Die infolge der Agrarkonjunktur ständig besser florierende Rinderzucht verlangte nach immer größeren Weidegebieten und die Schaf- oder Ziegenhaltung verschonte unsere Wälder ebenso wenig. Neben dem Holzbedarf des alltäglichen Lebens wuchs auch die Holzverwendung für militärische Zwecke. Zum Bau von Palisadenburgen und Burgbefestigungen, für den Schiffbau, zum Kanonengießen und zur Herstellung von Schießpulver wurden gewaltige Mengen an Holz benötigt. Die vom Landtag verabschiedeten Gesetze verpflichteten mehr und mehr Komitate, das Militär mit Holz aus ihren Wäldern zu beliefern. König Ferdinand I. hatte die Forstnutzung zwar schon 1557 geregelt. Doch später achtet die Zentralregierung darauf, neue Forstordnungen einzuführen. Auch in der Umgebung der Bergwerke und Hütten in Ober- und Niederungarn wurden laufend riesige Waldgebiete abgeholzt. 1565 gab der König im Interesse der vernünftigen Holzverwendung schließlich ein Forstpatent heraus, das die Forstwirtschaft im Oberland detailliert regelte.

Gewässer und Äcker

Infolge der Ausforstung der Wälder begannen sich die wasserbestandenen Flächen zu vergrößern. Die viel Schlamm mitführenden Flüsse verstopften die Flußbetten, bildeten kleine Seen oder Sümpfe. Aber auch eine der militärischen Abwehrtechniken - wenn man Gebiete bewußt unter Wasser setzte bzw. versumpfen ließ - führte zum Anwachsen des Wasserreservoirs. Vielerorts wurden die Naturgegebenheiten genutzt und neue Burgen direkt an Flußmündungen bzw. von Wasser umgebenen Punkten errichtet. Häufig kam es im 16.-17. Jahrhundert vor, daß Mühldämme die Flüsse absperrten, und auch diese kleineren oder größeren Dämme trugen zur Ausbreitung der Wasserflächen bei. Was heute bereits fast unglaublich erscheint, war damals eine alltägliche Angelegenheit: In großen Teilen der Großen Ungarischen Tiefebene fuhren die Einwohner mit Booten von Dorf zu Dorf und an den Stegen ihrer Gärten lagen kleine Kähne. Ein zum Waldsterben im Tiefland und in der Umgebung der Grenzburgen genau entgegengesetzter Prozeß vollzog sich in den Randgebieten des Landes. Auf den brachliegenden Äckern breitete sich zuerst Gestrüpp aus und dann wurden sie nach und nach von den Wäldern erobert. Das Verwildern der Ackerböden resultierte hauptsächlich aus dem Rückgang der Getreiproduktion, einer allgemeinen Erscheinung im Europa des 17. Jahrhunderts.

BEVÖLKERUNG, ETHNIKA

Ursachen des Bevölkerungsschwundes

Im 16.-17. Jahrhundert waren Kriege, Epidemien und Hungersnöte die schlimmsten Feinde der menschlichen Existenz. Die sich immer länger hinziehenden Kriege brachten nicht nur Ungarn, sondern auch anderen Gegenden Europas Leid und Verwüstungen. Es machte keinen Unterschied, ob die Soldaten nun Türken, Deutsche oder Angehörige einer anderen Nationalität waren, alle plünderten sie die Ställe und Scheuern der Einwohnerschaft, töteten den vermeintlichen Feind, und auf dem Fuße folgten ihnen Hungersnot und Seuchen. Auch die ungesunde natürliche Umgebung bzw. die wenig Sorgfalt auf Hygiene verwendende Lebensweise förderten den Ausbruch von Seuchen. In Ungarn brachen in diesem Zeitalter häufig Pestepidemien aus, die nicht selten drei bis fünf Jahre grassierten. Die Städte waren überfüllt, auf öffentliche Hygiene achtete man mit wechselnder Intensität. Es verwundert also nicht, daß Seuchen gerade in den Städten die meisten Opfer forderten. In Ödenburg starb 1655 annähernd die Hälfte der Stadtbewohner an der Pest. In den Militärlagern, wo katastrophale hygienischen Zustände herrschten, starben die Soldaten massenhaft an Ruhr, Typhus und an Morbus hungaricus, einer in Quellen als furchtbar beschriebenen Krankheit.

Zu- und Abnahme der Bevölkerung

Ende des 15. Jahrhunderts hatte Ungarn etwa 3,3 Millionen Einwohner. Hundert Jahre später war diese Zahl auf ca. 3,5 bis maximal 4 Millionen angestiegen. Denn entgegen der türkischen Eroberung machte jener Prozeß, der im frühneuzeitlichen Europa einen bedeutenden Bevölkerungszuwachs brachte, auch vor Ungarn nicht halt. Anfang des 18. Jahrhunderts aber zählte die Bevölkerung noch immer etwa 3,5 Millionen, was bedeutet, daß die Bevölkerungzahl abnahm oder bestenfalls stagnierte. Das war in erster Linie dem fünfzehnjährigen Krieg (1591-1606) sowie den Rückeroberungskriegen (1683-1699) zuzuschreiben, als sich infolge der wiederholten Kriegszüge und Überwinterungen der türkisch-tatarischen bzw. kaiserlichen Truppen sowie der damit einhergehenden Verwüstungen ganze Landstriche entvölkerten. Denn bis zum ersten modernen Krieg im Lande hatte die Bevölkerung eine beispiellose Überlebensfähigkeit bewiesen. Trotz der ständigen Streifzüge von türkischer oder ungarischer Seite verließen sie ihre Wohnorte nur vorübergehend, um in einer besser geschützten Siedlung in der Nähe eine zeitlang Ruhe zu finden. Doch vor den breit auseinander gezogen Marschsäulen der mehrere zehntausend Mann starken Heere und ihren wiederholten Verwüstungen gab es kein Entrinnen mehr.

Die Gesamtbevölkerung des Landes

Die jüngsten Forschungen setzen die Gesamtbevölkerung Ungarns Ende des 15. Jahrhunderts, Siebenbürgen und Slawonien eingeschlossen, auf ca. 3,3-3,5 Millionen an. Im 120.000 Quadratkilometer umfassenden Eroberungsgebiet mögen vor dem fünfzehnjährigen Krieg etwa 900.000 Menschen gelebt haben, und davon dürften ungefähr 50-100.000 Eroberer, d.h. türkische Burgmannschaften, Besitzer von Timargütern und muslimischen Zivilbevölkerung, gewesen sein. Das Territorium des königlichen Ungarn betrug 120.000 Qaudratkilometer. Die hier lebende Bevölkerung wird, einer Hauserfassung aus dem Jahr 1598 zufolge, auf 1,8 Millionen geschätzt. Siebenbürgen mit einem Territorium von 60.000 Quadratkilometern (ohne Partium) hatte damals um die 800.000 Einwohner. Nach den oben erwähnten Angaben kann man die Bevölkerung des Landes also auch Ende der 16. Jahrhunderts auf ca. 3,5 Millionen ansetzen, was im Vergleich zu den Daten vom Ende des vorangegangenen Jahrhunderts einen geringfügigen Zuwachs oder Stagnation bedeutet. Mit anderen Worten, im Kriegszeitraum kam das natürliche Bevölkerungswachstum zum Stillstand. Aus dem 17. Jahrhundert stehen weniger sichere Angaben zur Verfügung. Der fünfzehnjährige Krieg, die nachfolgende Pestepidemie und Hungersnot führten zu einem ernsthaften Bevölkerungssterben. Die Kriegszüge der 1660er Jahre sowie die Pestepidemien von 1653-1656, 1660-1666 und 1676-1678 verursachten weitere Verluste. Im Jahr 1683, am Vorabend der Rückeroberungskriege, hatte das Land eine Gesamtbevölkerung von schätzungsweise 4 Millionen Menschen.

Flucht aus den Dörfern

Zweifellos gab es zu bestimmten Zeiten infolge der Kriegszüge bzw. Kriege große Migrationswellen innerhalb des Landes. Dennoch lassen sich die früheren Meinungen in bezug auf gewaltiger Wanderbewegungen heute nicht mehr aufrecht halten. Wenn die Dorfbewohner angesichts der Kriegsgefahren auch in die Wälder oder Moore flüchteten, kamen sie danach doch meist zurück und setzten ihr gewohnte Wirtschaftstätigkeit fort. Es kam auch vor, daß ein Teil der Leibeigenen vor den ungarischen oder türkischen Steuereintreibern davonlief, dann aber ebenfalls zurückkehrte. Ein Großteil der Einwohnerschaft lebte in kleinen Dörfern, die nur aus 20-25 Häusern bestanden. Ein durchschnittliches Dorf im Eroberungsgebiet hatte ca. 140, im Gebiet des königlichen Ungarn dagegen etwa 150-170 Einwohner. Besonders in den Jahrzehnten der Agrarkonjunktur zogen mehr und mehr Menschen von den Dörfern weg in die Marktflecken. (Im Eroberungsgebiet betrug die durchschnittliche Bevölkerungsdichte 7-8 Einwohner pro Quadratkilometer und im westlichen Landesteil 15 Einwohner pro Quadratkilometer, während in den entwickelteren Gebieten Europas in diesem Zeitraum z.B. in Italien 100-120 bzw. in den Niederlanden und Frankreich 34-40 Einwohner auf einen Quadratkilometer kamen.)

Ethnische Veränderungen

Die großen Einwanderungswellen lassen sich an das von den größeren Kriegszügen verursachte Bevölkerungssterben binden. Schwere Verluste hatte im fünfzehnjährigen Krieg z. B. die von Ungarn bewohnte Region Mezõség in Siebenbürgen zu beklagen. Danach siedelten sich hier bedeutende rumänische Volksgruppen an. Ähnliche Folgen hatten die siebenbürgischen Kriege von 1657-1661. Das Rumänentum gelangte bis an den Nord- und Ostrand der Großen Tiefebene sowie in die von Sachsen und Szeklern bewohnten Gebiete. Im Eroberungsgebiet und den anderen Gegenden des Landes war vor allem die im Tiefland lebende Bevölkerung ungarischer Nationalität von den Verlusten betroffen. Die rumänische, ruthenische oder slowakische Bevölkerung in den geschützteren Bergregionen überstand die verschiedenen Kriegszüge glücklicher, und sie bildeten auch die große Mehrheit der Neuansiedler, als nach Beendigung der Kriege in den verweisten Dörfern wieder Landwirte gebraucht wurden. Daneben trafen auch Siedler aus dem Deutschen Reich ein, in nennenswerter Zahl allerdings erst nach der Vertreibung der Türken. Fest steht jedoch, daß die hundertfünfzigjährige Türkenherrschaft und die ständigen Kriege das ethnische Bild des mittelalterlichen Ungarn entscheidend verändert haben.

Rumänen in Siebenbürgen

Das in Siebenbürgen angesiedelte Rumänentum bildete keine Standesnation. Die Umsiedlungen organisierten seit dem Mittelalter die Knesen und Woiwoden, und wer sich unter ihnen vor dem König auszeichnete, wurde geadelt, bekam Grundbesitz und gehört dann zum ungarischen Adelsstand. Doch der größere Teil des Rumänentums, das weiterhin die Lebensweise von Hirten führte, ließ sich auf den Gütern des Königs oder anderer Grundherren nieder und sank in den Leibeigenenstand ab. Die Schafsteuer blieb auch im Zeitalter der Fürsten ihre wichtigste Abgabe. Das heißt, sie schuldeten dem König und dann dem Fürsten für jedes fünfzigste Schaf ein junges und ein erwachsenes Tier. Neben ihrer Lebensweise als Hirten sonderten sie sich auch durch ihren orthodoxen Glauben vom Ungartum ab. Ihr eigenes Bistum wurde aber erst 1574 auf Anweisung von István Báthori gegründet. Nach dem fünfzehnjährigen Krieg setzte erneut eine Einwanderungswelle aus den rumänischen Woiwodschaften in Richtung Siebenbürgen ein, und im 17. Jahrhundert war die Zahl der im siebenbürgischen Becken sowie in der nördlichen und östlichen Hälfte der Großen Tiefebene lebenden rumänischen Bevölkerung schon beträchtlich angewachsen. Im 17. Jahrhundert widmeten die Fürsten von Siebenbürgen dem religiösen Leben der Rumänen große Aufmerksamkeit.

Ansiedlung von Serben und Kroaten

In den südlichen Gegenden Ungarns hatten sich infolge der türkischen Expansion schon vor Mohács bedeutende serbische Bevölkerungsteile orthodoxen Glaubens angesiedelt. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts trafen südlich der Linie des Flusses Marosch, in Verlängerung dieser Linie im Donau-Theiß-Zwischenstromgebiet und auch in den davon südlich liegenden Gegenden Transdanubiens mehr und mehr Serben ein. Die Verwüstungen des fünfzehnjährigen Krieges, die hauptsächlich die von Ungarn bewohnten Gebiete der Großen Tiefebene betrafen, boten dem Serbentum erneut Möglichkeiten, sich immer weiter nördlich anzusiedeln. Zunächst wanderten sie in das Gebiet zwischen der Marosch und den Köröschflüssen und ließen sich im Laufe des 17. Jahrhunderts dann nach und nach auch entlang der Donau sowie im Donau-Theiß-Zwischenstromgebiet nieder. Gemeinsam mit ihnen kamen die muslimischen Bosnier - zusammen nannte man sie damals Raizen. 1627 lagen ihre nördlichsten Siedlungen in der Umgebung von Simontornya bzw. Dunaföldvár. Ende des 17. Jahrhunderts, nachdem Belgrad in türkische Hand gefallen war (1690), trafen unter Führung des Ipeker Patriarchen Arsenije Cernojevic wiederum mehrere tausend serbische Familien in Ungarn ein. Die katholischen Kroaten, die in der Mehrzahl als Söldner an der Grenze dienten, flüchteten vor den Türken in die westliche Hälfte Transdanubiens, wo sie im 16.-17. Jahrhundert in immer größerer Zahl erschienen.

Slowaken, Deutsche und Walachen im Oberland

Die Grenzlinie der ungarischen Siedlungen war im 17. Jahrhundert die Linie Preßburg - Tirnau - Rimaszombat - Rosenau - Hernád-Tal - Tarca-Tal - Gálszécs - Ungvár - Munkács- Huszt. Entlang der Flußtäler begann sich vereinzelt slowakische und ruthenische Bevölkerung anzusiedeln. Verstärkung erhielt die ungarische Einwohnerschaft des Oberlandes durch das vor den Türken aus der Großen Tiefebene flüchtende Ungartum, in erster Linie ungarische Adlige. Unterdessen büßten die Bewohner der hauptsächlich im Zipserland und am Fluß Gran gelegenen deutschen Städte des Oberlandes viel von ihrer Stärke ein, denn unter den Deutschen ließen sich zahlreiche Slowaken nieder. Ende des 17. Jahrhunderts waren die kleineren deutschen Bergsiedlungen entlang der Flüsse Rima und Sajó schon vollständig slowakisch. In den Bergregionen tauchte im 16. Jahrhundert aus Richtung Bereg bzw. Máramarosch das Schaf- und Ziegenhaltung betreibende ruthenische Ethnikum auf. Infolge der schrittweisen Assimilation dieser ursprünglich rumänischen Hirten sprachen sie zu dieser Zeit bereits Slowakisch oder Ruthenisch. Ihre weidenden Herden gefährdeten die Wälder, weshalb man in den Bergstädten regelmäßig Verbote gegen sie erließ. Im 17. Jahrhundert breiteten sich die Siedlungen der walachischen Hirten über ganz Mähren aus.

Türken - Südslawen

Anfangs gewährleisteten die Expansion des osmanischen Staates auf dem Balkan und die Konsolidierung seiner Macht zwei Faktoren: das überwiegend aus Türken bestehende Heer und die große Zahl türkischer Siedler aus Anatolien. Doch je näher man der Linie Donau-Drau kam, desto schwächer wurde die ethnische Expansion (bzw. erreichte nur mehr einzelne Regionen, wie z.B. in Bulgarien die Gegend von Vidin). Nach Ungarn kamen dann schon nicht mehr ausschließlich türkische Siedler, und sogar die Besatzungstruppen mußten großenteils aus Elementen balkanischer Völker rekrutiert werden. Die anfänglich gemischt zusammengesetzten Burgmannschaften des Ofner Vilajets beispielsweise wurden später ausschließlich mit Soldaten aus Bosnien, der Herzegowina, Nordserbien und dem Gebiet zwischen Drau und Save ergänzt. Die meisten der aus Bosnien-Herzegowina eintreffenden Rekruten hatten, als sie in den Dienst des osmanischen Staates traten, bereits den islamischen Glauben angenommen (sie erhielten in der Regel eine Stellung bei den besseren Waffengattungen). Das aus Nordserbien (dem Gebiet zwischen Donau-Timok-Morava) stammende und überwiegend als Marodeur dienende raizisch-walachische Militär dagegen behielt seinen christlichen Glauben zumeist. Weniger bekannt ist die ethnische Abstammung der die Timar-Güter in Ungarn verwaltenden Spahis und ihres Gefolges. Doch allen Anzeichen nach waren sie in der Mehrzahl ebenfalls sog. Renegaten, so daß man in den "türkischen" Garnisonen und Städten neben Türkisch allgemein auch Südslawisch sprach.

SIEDLUNG UND WOHNORT

Städte im königlichen Ungarn im 16.-17. Jahrhundert

Obwohl Ungarn trotz Dreiteilung auch während der Türkenherrschaft Bestandteil des Systems der europäischen Wirtschaftsbeziehungen blieb, erschwerten die Kriege sowie die Teilung des Landes die Entwicklung unserer Städte dennoch maßgeblich. Das mittelalterliche Stadtnetz zerfiel, da mehrere königliche Freistädte (Ofen, Pest, Szeged) unter türkische Oberhoheit gerieten. Gleichzeitig gelangten die Marktflecken im Eroberungsgebiet dank des Rinderhandels zu beträchtlichem Wohlstand. In den nach Westen und Norden gerichteten Rinder- und Weinexport schalteten sich allerdings - hauptsächlich als Vermittler - auch königliche Freistädte ein (z.B. Tirnau, Preßburg, Kaschau, Ödenburg, Raab), woraus deren Bürgerschaft ebenfalls ansehnliche Einkünfte erwuchsen. Dieses angehäufte Kapital legten sie jedoch nicht in industriellen oder finanziellen Unternehmungen an, sondern erwarben stattdessen Ackerboden und Weinplantagen, um sich mit ihren eigenen Produkten stärker am Außenhandel beteiligen zu können. Deshalb vermochte das städtische Handwerk nicht, die herkömmlichen Rahmen der Zünfte zu sprengen. Folge davon war, daß die Entwicklung der königlichen Freistädte im Vergleich zu früher immer weiter hinter der der westeuropäischen zurückblieb und daß deren Bürgerschaft im Leben des Landes eine wesentlich geringere Rolle spielte als beispielsweise die Bürger deutscher oder französischer Städte.

Das Zentrum Oberungarns: Kaschau

Die königliche Freistadt Kaschau war schon vor der Schlacht bei Mohács eines der wichtigsten Wirtschaftszentren des Landes. Durch das Vordringen der Türken entwickelte sich die Situation der seit dem Zeitalter der Angeviner über ein bedeutendes Zunfthandwerk und Handelsbeziehungen verfügenden Stadt in mancherlei Hinsicht günstig, unter mehreren Aspekten jedoch nachteilig. Mit der Herausbildung des Systems der Grenzburgen und der Entstehung des Fürstentums Siebenbürgen wurde Kaschau in den 1560er Jahren das militärische und diplomatische Zentrum Oberungarns. Von hier aus lenkte der in der Stadt residierende Hauptkapitän die Verteidigung der Grenzburgen sowie die Beziehungen zu den siebenbürgischen Fürsten bzw. zu den Türken. Darüber hinaus war Kaschau das Zentrum der Finanzverwaltung, denn hier hatte die die Ärareinkünfte des Landesteils verwaltende Zipser Kammer ihren Sitz. Alle diese Funktionen verhalfen der Stadt zu einer, verglichen mit früher, bedeutenderen Rolle innerhalb des Landes. Für die Bürgerschaft hatte dieser Vorteil allerdings einen hohen Preis. Denn sie mußte es sich desöfteren gefallen lassen, daß der Hauptkapitän sich in die städtischen Belange einmischte, wenngleich das anwesende Militär für die Kaufleute und Handwerksmeister einen sicheren Markt bedeutete. Wirtschaftswachstum konnte die Stadt auch während der Türkenzeit verzeichnen, gelang es ihr doch, ihre früher führenden Positionen auf dem Handels- und Industriesektor in Nordostungarn beizubehalten. Das trug dazu bei, daß Kaschau in der Lage war, seine Privilegien als königliche Freistadt auch im 16.-17. Jahrhundert zu bewahren.

Bollwerk der Kaiserstadt Wien: Raab

Für den bischöflichen Marktflecken Raab brachten die türkischen Eroberungen einschneidende Veränderungen. Als im Jahr 1543 Stuhlweißenburg und Gran fielen, befand sich die Stadt am Ufer des Flusses Raab mit einemmal in der Nähe der türkischen Frontlinie. Infolge dessen baute sie der Wiener Hofkriegsrat bis zu den 1560er Jahren als militärisches Verwaltungszentrum der die Kaiserstadt verteidigenden Hauptmannschaft aus. Raab wurde zu einer modernen Festung, einer sogenannten Festungstadt. Sie erhielt ein regelmäßiges Straßennetz, ihre Wehranlagen wurden in bedeutendem Maße erweitert und in der Festung eine mehrere hundert Mann starke ungarische und deutsche Garnison stationierte. Die militärischen Ziele gingen also weit über die Interessen der Bürgerschaft hinaus, was damit verbunden war, daß der Hauptkapitän die Privilegien und Wirtschaftstätigkeit der Bürger auf jedem Gebiet stark einschränkte. Aber auch für Raab hatte die Nähe der türkischen Frontlinie Vorteile. Einerseits bedeutete das Militär einen Absatzmarkt für die Händler und Handwerker der Stadt, andererseits konnten sich auch die Raaber Kaufleute als Vermittler am einträglichsten Zweig des Außenhandels beteiligen, nämlich am Rinderexport des türkischen Eroberungsgebiets in Richtung Westen. In erster Linie diesem Umstand hatte es die Bürgerschaft zu verdanken, daß ihre Privilegien nicht nur bestehen blieben, sondern trotz Einmischung des Militärs sogar erweitert wurden, und daß Raab im 16.-17. Jahrhundert eine der bedeutendsten Festungs-, Handels-, ja sogar Schulstädte des Landes war.

Ofen zur Zeit der Türkenherrschaft

1541 wurde Ofen, die Renaissance-Hauptstadt von König Matthias, das Militär- und Verwaltungszentrum der Grenzprovinz eines Weltreiches und Sitz eines Paschas. Seine ungarische Einwohnerschaft, die zwar 150 Jahre hindurch ausharrte, schrumpfte auf die Hälfte. An ihre Stelle traten Moslems (überwiegend serbischer und bosnischer Abstammung), jüdische und Zigeunerbevölkerung, die hauptsächlich Soldaten, Beamte oder Kaufleute waren. Insgesamt lebten in der Stadt dennoch weniger Menschen (7000-7500) als zu Matthias' Zeit. Die einzelnen Religionsgemeinschaften waren streng voneinander getrennt. Die Türken nahmen zwar die leerstehenden oder geräumten Wohnhäuser in Besitz, bauten aber nur selten neue. Lediglich mit dem Bau der für ihre Lebensweise notwendigen öffentlichen Gebäude (Dschamis, Moscheen, Bäder, Schulen, Armenküchen, Basare) befaßten sie sich, und auch das überwiegend auf den Grundmauern oder durch Umbau mittelalterlicher ungarischer Gebäude. Das Wirtschaftsleben der balkanisch geprägten Grenzstadt ruhte auf drei Pfeilern: dem Handwerk (und innerhalb dessen den typisch türkischen Gewerken wie z.B. Leder- und Kupferhandwerk), der Landwirtschaft (Weinbau, Kelterei, Getreideanbau, Gärtnerei) sowie dem Handel. Obwohl der Warenverkehr zwischen dem türkischen Eroberungsgebiet und dem königlichen Ungarn zum großen Teil über Ofen abgewickelt wurde, was dem türkischen Zollamt beträchtliche Einnahmen brachte, hatte die Stadt ihre frühere Rolle als Wirtschaftszentrum und Marktorganisator verloren.

Siebenbürgische Städte

Die größten Städte des Fürstentums Siebenbürgen waren jene - zumeist - sächsischen Städte (Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz, Schäßburg, Medwisch, Klausenburg), die durch die Aufsicht über die Siebenbürgen durchquerenden spätmittelalterlichen Handelsrouten und den Handel mit levantinischen Waren schon Anfang des 16. Jahrhunderts zu außerodentlichem Reichtum gelangten. Infolge der zunehmenden Isolation Siebenbürgens vom Handelsgeschehen kam die Entwicklung der sächsischen Städte im Laufe des 16.-17. Jahrhunderts ins Stocken, denn ein Teil der wichtigsten Handelsrouten in Richtung Moldau und Walachei blieb ihnen verschlossen. Dank der verbliebenen Handelsbeziehungen zu Süddeutschland gelang es den sächsischen Gewerken jedoch, ihre weithin berühmten Produkte des Goldschmiedehandwerks auf westeuropäischen Märkten umzusetzen, wodurch der Wohlstand der sächsischen Städte auch unter der Herrschaft der siebenbürgischen Fürsten gewährleistet war. Siebenbürgische Marktflecken bildeten sich an solchen Orten heraus, wo die größten Märkte stattfanden (Neumarkt, Udvarhely), allerding in wesentlich geringerer Zahl und mit weniger Einwohnern. Die meisten davon waren sog. "Taxationsstädte", d.h., sie erhielten ihre Privilegien vom Fürsten und durften ihre Steuern als Gesamtbetrag an die fürstliche Schatzkammer abführen.

Schatzkästchen Klausenburg

Diese früher sächsische, Ende des 16. Jahrhunderts aber überwiegend schon ungarische Großstadt hat in der Geschichte Siebenbürgens eine führende Rolle gespielt. Sie kontrollierte die Handelsroute in Richtung Ungarn und erhielt 1558 von Königin Isabella das Stapelrecht, was entscheidend zum Reichtum der Stadt beitrug. Auch die Fürsten von Siebenbürgen hielten sich häufig hier auf, was für die Klausenburger Anreiz war, ihrer Stadt mit dem Bau von kleinen Renaissancepalästen bzw. neuen Häusern das Antlitz einer angemessenen Residenzstadt zu geben. Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts ergriff die Bürger ein regelrechtes Baufieber. Ganze Straßenzüge wurden verschönert oder umgestaltet, so daß Klausenburg neben Karlsburg zur zweiten Hauptstadt Siebenbürgens wurde. Lokale Steinmetzmeister schmückten nach dem Vorbild der italienischen Architektur Tore, Fassaden und Gewölbe, die die Stilmerkmale der siebenbürgischen Blumenrenaissance trugen. Hier traf sich die einfache Eleganz der auf Arkaden ruhenden Renaissanceloggien mit den typischen Zügen der volkstümlichen Baukunst, was besonders an den größeren Stadthäusern und adligen Landsitzen zu beobachten ist. Begleitet wurde der wachsende Reichtum der Stadt von einem pulsierenden Geistesleben. War es doch die Klausenburger Druckerei Gáspár Heltais, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Vielzahl der Werke der schöngeistigen. Disputations- und Wissenschaftsliteratur druckte.

Karlsburg

Die 1556 nach Siebenbürgen zurückkehrende Königin Isabelle bemühte sich zuerst darum, den verlassenen Karlsburger Bischofspalast als würdige Fürstenresidenz einzurichten. Sie ließ die Säle mit den hauptsächlich als Geschenke von Sachsen erhaltenen Silber- und Goldgegenständen, mit Tapisserien aus Seide und Brokat schmücken. Zu einem wirklichen Renaissancefürstensitz wurde die Stadt unter den Báthoris. Da die Landtage am häufigsten in Karslburg zusammentraten und die Stadt als fürstliche Residenzstadt fungierte, waren auch viele siebenbürgische Aristokratenfamlien bestrebt, hier ein Haus zu erwerben oder als Schenkung vom Fürsten zu bekommen.

Temeschwar im Zeitalter der Türkenherrschaft

Während Ofen dazu ausersehen war, Wien gegenüber die Pforte zu vertreten, bot es die geographische Lage von Temeschwar geradezu an, daß der hiesige Beglerbei (mit den ihm unterstellten 6-7000 Mann Burgbesatzung und Spahis) von hier aus Siebenbürgen im Auge behielt. Die Stadt hatte ähnlich wie Ofen mehrzählig türkische Einwohner und zeigte ein eher ländliches Bild. Ihre alte Burg benützten die Eroberer als innere Burg, wo es nur Militärbauten gab und der Burghauptmann wohnte. Eine der beiden Vorstädte nannte man Raizenstadt, aber türkische Moscheen standen überall, auch in den Vierteln der Raizen. Die unmittelbare Umgebung der Stadt hatten der Fluß Temesch und seine Nebenarme in ein Sumpfgebiet verwandelt, und selbst die Stadt fußte auf morastigem Gelände, so daß man die Straßen mit auf Pflöcken befestigten Brettern belegen mußte. Das Geschäftsleben spielte sich im Zentrum der Innenstadt und in einer seiner Straßen ab, hier befanden sich der Markt und zahlreiche Läden. Neben Moscheen verstärkten Karawansereien, Bäder, Schulen und Kaffeehäuser den Eindruck einer orientalischen Stadt. Der Großteil der Türken und Raizen wohnte in Häusern mit einem Zimmer, Küche und Hof. Ihre Wein- und Obstgärten lagen außerhalb der Stadt, und verborgen zwischen diesen die Klöster der Derwische.

Die "selbständigen" Marktflecken der Sultane in der Großen Tiefebene

Die wohlhabendsten Marktflecken im Eroberungsgebiet unterstanden als sog. Hassgüter in der Regel unmittelbar dem Schatzamt. Diese Siedlungen wurden nie bzw. erst vom Ende des 16. Jahrhunderts an türkisch verwaltet, und auch türkisches Militär oder Zivilisten wohnten nicht darin. Ihre Selbständigkeit erkauften sie sich mit gewaltigen Steuersummen. Die zuständigen türkischen Behörden schrieben die laufend wachsenden Geld- und Naturalienabgaben nur aus. Sie unter den Bürgern aufzuteilen und einzuziehen, war Aufgabe der Städte, deren Vetreter sie dann den türkischen Ämtern überbrachten. Das alles gewährte den Marktflecken relative Unabhängigkeit. Sie konnten eigenverantwortlich wirtschaften, hatten einen eigenen Haushalt und dadurch die Möglichkeit, sich bei der Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Aufrechterhaltung der inneren Ordnung nach den ungarischen Gesetzen zu richten. Die ökonomischen, richterlichen und Verwaltungsaufgaben versah der jährlich gewählte Stadtrat mit einem obersten Richter an der Spitze. Die Sitzungsprotokolle und Rechnungsbücher führte der Notar. Für die alltäglichen Belange der Wirtschaftstätigkeit waren Richter niedrigeren Ranges zuständig (Weinrichter, Marktrichter, Stuhlrichter). Die Stadt unterhielt die Kirche und die Schule, sie berief den Geistlichen und kam für seinen Unterhalt auf. Diese bis zum 17. Jahrhundert erstarkende Selbständigkeit der Marktfleckgemeinden, zu der auch die Selbstverteidigung gehörte, übte auf die Bewohner der Dörfer eine große Anziehungskraft aus.

Gartenstädte

Vor der Niederlage von Mohács war die Große Ungarische Tiefebene eine dicht besiedelte Region, in der es viele Dörfer mit großer Einwohnerzahl gab. Nach der Dreiteilung des Landes aber verweisten diese Dörfer eines nach dem anderen. Ihre Bewohner wurden entweder als Sklaven verschleppt, oder sie fanden in einer der nicht verwüsteten Gemeinden Zuflucht, wo mehr Menschen lebten und sie bessere Überlebenschancen hatten. Diese zu Marktflecken angeschwollenen Orte rissen dann die Fluren der vernichteten Dörfer an sich. (Debrezin hatte schon im Zeitalter der Hunyadis eine Gemarkung von 90.000 Katastralmorgen, die Gemarkung von Nagykõrös umfaßte 50.000, und auch zu Kecskemét gehörte der Boden von sechs zerstörten Dörfern.) Die weiten Fluren der ausgedehnten Marktflecken und Riesendörfer der Tiefebene wurden nur innerhalb der inneren Zone bestellt. Einen großen Teil des Bodens ließ man brach liegen und verwendete ihn in erster Linie als Weideland zur Tierhaltung. Historischen Angaben zufolge wurden die großen Rinderherden, die man als Export in Richtung Westen auf den Weg brachte, im wesentlichen auf den Weiden der Marktflecken des Tieflandes gezüchtet.

Die im großen Stil betriebene Haltung und Ausfuhr von ungarländischen Rindern entfaltete sich ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Im Südwesten wurde das ungarische Rind von Venedig, im Westen in größeren Mengen von den expandierenden deutschen Städten (Wien, Augsburg, Nürnberg), aber auch von böhmischen und mährischen Städten aufgekauft. In Nürnberg beispielsweise konnten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts jährlich 70.000 und in Wien in den Sommermonaten sogar wöchentlich 7-11.000 Rinde an den Käufer gebracht werden.

Der rasch aufblühende Wirtschaftszweig, die Rinderhaltung, benötigte jedoch riesige Weidegründe, und diese waren in der Tiefebene, hauptsächlich im Donau-Theiß-Zwischenstromgebiet, vorhanden. Kecskemét gehörte zu den wenigen Städten, die die Verwüstungen der Türken überlebt hatten. Es nahm einen Teil der Bewohner der zerstörten kleinkumanischen Siedlungen seiner Umgebung auf und vereinnahmte dann nach und nach auch die Fluren dieser verlassenen Dörfer. Das gepachtete Brachland wurde in Winter- und Sommerfluren aufgeteilt. Das Vieh der ärmeren Bewohner trieb man zu Gemeinschaftsherden zusammen und ließ es auf den Sommerfluren grasen. Jene Teile des Brachlandes, die sich für den Ackerbau eigneten, beließ man als Winterfluren. Sie wurden umgepflügt und darauf das notwendige Getreide angebaut. Hier überwinterten die Rinder. Diese Weiden nannte man Quartier, Garten oder Gehöft. Die Bezeichnung Garten bedeutete jedoch nicht, daß es sich um Kulturboden handelte, sondern dies waren lediglich Hürden ohne Überdachung, in denen man das Vieh hielt, damit es nicht auseinander laufen konnte.

Flurgärten konnten sich sowohl in den inneren, als auch den entlegeneren Gemarkungen der Marktflecken herausbilden. Die ältesten Flurgärten entstanden durch freie Besitzergreifung. Diese Ländereien wurden dann von Generation zu Generation weitervererbt, verkauft oder erworben. (In Nagykõrös nannte man sie "von den Ahnen überkommene" oder "nach dem Erbrecht besessene" Gärten.) Ähnliche Zustände wie in der Umgebung von Kecskemét herrschten im 15.-17. Jahrhundert auch in Szeged, Jazygien und Großkumanien.

Im Jahr 1570 erfaßten die Türken in der Gemarkung der Stadt Szeged und den umliegenden Fluren insgesamt 154 Quartiere. Die Szegediner Quartiere des 16. Jahrhunderts wurden gleichermaßen zur Heumahd wie zum Überwintern der Tiere und zur Bodenbestellung genutzt. Ihre Besitzer waren großenteils wohlhabende Ackerbürger, Szegediner Civis-Bauern, aber es gab darunter auch Handwerker, ja sogar türkische Beamte.

Einen besonderen Typ der Marktflecken mit zwei Innengrundstücken bildeten die Heiduckenstädte, die in den von den Türken verwüsteten Gebieten zu Verteidigungszwecken gegründet wurden. Den Kern der Städte, die aus der Kirche und den umliegenden Wohnhäusern bestehende Innenstadt, umgaben ein Wall und starke Palisaden. Die Gärten mit den Viehherden und den sonstigen landwirtschaftlichen Produkten bzw. Geräten befanden sich außerhalb der Palisaden. In Hajdúböszörmény war selbst der Garten durch einen Wall geschützt, weshalb es seine Kreisform bis in die Gegenwart behalten hat.

Osmanisch-türkische Architektur

Die Bautätigkeit der Türken, die sich in erster Linie in den Städten ansiedelten bzw. in den eroberten Burgen stationiert waren, hatte zwei Seiten. Bautätigkeit zu militärischen Zwecken bedeutete, daß die Burgen besser befestigt bzw. im Falle wichtigerer Zentren - wie z.B. Ofen oder Gran - das System der Wehranlagen bedeutend ausgebaut wurde. Die zivile Bautätigkeit war dazu berufen, den alltäglichen Ansprüchen des sich etablierenden Türkentums zu dienen. Die Veränderungen im Bild der von den Türken eroberten ungarischen Siedlungen vollzogen sich schrittweise. Innerhalb weniger Jahre tauchten in unseren Städten die charakteristischen Bauten der türkischen Architektur auf: die Dschamis, Moscheen, Medressen, Türben und die unentbehrlichen Bäder. Häufig nutzten die Eroberer die Werke der mittelalterlichen ungarischen Baukunst, hauptsächlich öffentliche Gebäude, die sie gemäß ihren eigenen Bedürfnissen um- oder neugestalteten. Entgegen diesen Umgestaltungen behielten unsere Städte ihr mittellaterliches Gefüge bzw. Straßennetz auch im Zeitalter der Türkenherrschaft. Nach der Rückeroberung von den Türken Ende des 17. Jahrhunderts bedurfte es eigentlich nur weniger Jahre, bis die türkischen Gebäude verschwanden. Und im Rahmen der großangelegten Umgestaltungen der Städte, die im 19. Jahrhundert einsetzten, wurden die noch stehenden Basteien oder Wehranlagen in den meisten Orten endgültig abgerissen.

Dschamis

Die wichtigste Gruppe der Bauten osmanisch-türkischen Ursprungs bilden die Dschamis bzw. Moscheen. Viele dieser Gebäude entstanden, indem man christliche Kirchen ganz oder teilweise umbaute. Die Inneneinrichtung, Altarbilder und Skulpturen wurden entfernt, die Wandgemälde bzw. Fresken ließ man unter einem Kalkanstrich verschwinden. Wo es möglich war, wie z.B. in der Pester innerstädtischen Pfarrkirche, richteten die Türken in der Südmauer des Chores eine Mihrap (Gebetsnische) ein. Bedeutende Umbauten nahmen sie an der Südseite der nach der Eroberung Ofens im Jahr 1541 rasch zu einer Dschami umgestalteten mittelalterlichen Liebfrauenkirche vor, ohne jedoch deren typische Masse bzw. gotische Grundrißanordnung wesentlich zu verändern. In ähnlicher Weise verfuhren sie mit der Sankt Georgskirche in der Ofner Burg, wo sie neben neben dem Kirchenbau, der seine mittelalterliche Architektur in vollem Umfang behielt, ein separates Minarett errichteten. Ein eigenwilliges Beispiel für die Verwendung vorhandener Gebäude ist die Graner Usitscheli Hadschi Ibrahim-Dschami, die durch Umbau eines aus dem 13. Jahrhundert stammenden Torturms der Stadtmauer entstand.

Man unterscheidet zwei Haupttypen der von den Grundmauern an durch und durch türkischen Dschamis. Zur ersten, allgemein verbreiteten Gruppe gehörten die Gebäude mit quadratischem Grundriß, deren Kuppeln auf einer außen achteckigen und innen kreisförmigen Trommel ruhten. Vor ihrer Hauptfassade erhob sich meist eine ebenfalls kuppelbedeckte Vorhalle mit drei Gewölbefeldern. Gemäß den Vorschriften des Islam wandten sich die Gläubigen beim Gebet in Richtung Mekka, dementsprechend waren die in Ungarn errichteten Dschamis südöstlich ausgerichtet. In der Mitte der SO-Mauer brachte man die Mihrap unter und daneben die Minbar (Kanzel). Ihr gegenüber, an der NW-Seite, lag der Eingang des Gebäudes. Neben diesem erhob sich an der NW-Ecke das zumeist aus dem Inneren der Dschami oder der Vorhalle zugängliche Minarett. Das schönste Beispiel für diesen Typ ist die Dschami des Gasi Kassim Pascha in Fünfkirchen. Sie wurde in den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts an der Stelle der mittelalterlichen St. Bartholomäuskirche und unter Verwendung ihrer Steine erbaut. Ebenfall zu dieser Gruppe gehören unter den noch heute stehenden, bekannten Gebäuden die Dschami des Jakováli Hassan Pascha von Fünfkirchen, die Dschami des Malkotsch Bej in Siklós sowie die Ali Pascha-Dschami von Szigetvár.

Den anderen Typ der Dschamis bildeten die einfacheren Gebäude mit rechteckige Grundriß und Flachdecke oder einem Zeltdach. Bislang hat die Forschung zwei Bauten dieses Typs freigelegt. Beide wurden nach 1566 in der Burg von Gyula bzw. Szigetvár errichtet. Heute steht davon nur noch die Szigetvárer Suleiman-Dschami, das Gebäude in Gyula wurde bis zu den Grundmauern abgerissen. Seine ursprüngliche Form konnte aufgrund der hier durchgeführten Grabungen bzw. der aus dem 18. Jahrhundert erhalten gebliebenen Stiche rekonstruiert werden. Sein noch stehendes Minarett bewahrt das Andenken der Anfang des 17. Jahrhunderts erbauten Kethüda-Dschami von Erlau bzw. der Hamscha Beg-Dschami in Érd.

Grabdenkmäler (Türben) mit Achteckgrundriß und Kuppel gab es im türkischen Eroberungsgebiet Ungarns in großer Zahl, von denen jedoch nur zwei erhalten geblieben sind. Die Ofner Türbe des Gül Baba ließ Jahjapaschasade Mehmed Pascha zwischen 1543 und 1548 über dem Grab des Bektaschitenderwischs Gül Baba errichten, der zur Zeit des ersten Freitagsgebets nach der Eroberung der Burg von Ofen verstarb. Architektonisch sehr ähnlich ist dieser die Ende des 16. Jahrhunderts erbaute Idriss Baba-Türbe in Fünfkirchen. Die inneren Organe Sultan Suleimans I. (1520-1566), der bei der Belagerung von Szigetvár fiel, wurden laut Überlieferung in Turbék bestattet. Während der Türkenzeit war dieser kuppelbedeckte, weiße Marmorbau mit Achteckgrundriß eine bedeutende Wallfahrtsstätte. Wo genau er gestanden hat, ist heute nicht mehr bekannt.

Bäder

Auch die türkischen Bäder lassen sich zwei großen Gruppen zuordnen. Die über natürlichen Quellen errichteten Warm- oder Thermalbäder werden Ilidsche, die Dampfbäder dagegen Hamam genannt. Der Unterschied zwischen beiden liegt in der Wasserversorgung bzw. in der Lösung des Problems der Beheizung. Bezüglich des Grundrisses bestehen keine wesentlichen Abweichungen. In beiden Fällen folgte man dem funktionellen Aufbau der römischen Bäder. Im türkischen Eroberungsgebiet Ungarns wurden beide Typen gebaut. Die sich einrichtenden Eroberer verwendeten auch in diesem Fall vorgefundene mittelalterliche Vorgängerbauten, und zwar in erster Linie dort, wo natürliche Thermalquellen entsprangen. Als türkisches Bad betrieb man in Ofen beispielsweise das heutige Kaiserbad (Bad des Veli Bej), das Raitzenbad und das Rudasbad (Jeschil direkli - Bad mit grünen Säulen). An ihrer Stelle hatten bereits im 15. Jahrhundert Badehäuser gestanden, lediglich im Falle des Király-Bades ist der mittelalterliche Vorgängerbau unbekannt. Dieses Bad, das türkenzeitliche Quellen übereinstimmend als Bad am "Hahnentor" erwähnen, wurde von Sokollu Mustafa Pascha (1566-1578) gegründet. Es ist ebenfalls ein Thermalbad, wurde allerdings von der im Garten des heutigen Lukács-Bades entspringenden Quelle gespeist, deren Wasser man durch Lehmrohre hierher leitete.

In der Stadt Erlau gab es zwei türkische Bäder. Das im Garten des Bischofspalastes noch heute stehende Bad des Arnaut Pascha wurde von Károly Esterházy vor dem Untergang gerettet. Er ließ das Gebäude renovieren und sogar noch zwei Räume anbauen. Gegenüber dem Eingang zur Burg lag das Valide Sultana-Dampfbad, von ihm sind heute nur noch die Grundmauern vorhanden. Es wurde nach der Rückerberung von den Türken noch kurze Zeit genutzt, doch nach 1765 erwähnen es die Quellen nicht mehr.

Den Namen des Ofner Paschas Güseldsche Rüstem (1559-1563) trugen zwei in Ungarn gegründete Bäder: Das in der Graner sog. Wasserstadt über einer Thermalquelle errichtete Ilidsche sowie das Stuhlweißenburger Hamam ähnlichen Namens. Von beiden Gebäuden blieben nur die Grundmauern erhalten. Unter den zahlreichen in Quellen erwähnten Fünfkirchner Bädern schließlich wurde bei archäologischen Forschungen in den vergangenen Jahren das als Teil einer Stiftung des Memi Pascha erbaute Bad freigelegt.


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