ALLTAGSLEBEN
Familienleben
Die Interpretation des Wortes Familie ist zur heutigen grundlegend verschieden. Denn im damaligen Zeitalter gehörte zu einer hochherrschaftlichen bzw. adligen Familie neben mehreren Generationen von Eltern und Kindern auch das gesamte Dienstpersonal, d.h. alle, die der Familie im engeren oder weiteren Sinne dienten. Eine vornehme Person, ob nun Frau oder Mann, war selten einmal allein, da sie in jeder Lebenslage von einem Mitglied der Dienerschaft begleitet wurde, so daß es schwerfiel, mit jemandem ein vertrauliches Verhältnis anzuknüpfen oder gar einer Dame unter vier Augen den Hof zu machen. Adlige, reichere Bürger und sogar wohlhabendere Bauern schliefen in einem Raum mit ihren Dienern, selbst dann, wenn es zwischen den Ehegatten zum intimen Beisammensein kam. Auch den einfachen Bauern dürfte es nicht an Gesellschaft gemangelt haben, weil ein Bauernhof nicht von einem Menschen allein bewirtschaftet werden konnte. Deshalb lebten häufig mehrere erwachsene Brüder im elterlichen Haushalt - "von einem Brot", wie die zeitgenössischen Quellen schreiben. Vorteilhaft war das in dem Fall, wenn die staatliche Direktsteuer pro Haus eingezogen wurde, unabhängig davon, wieviele Personen zum Haushalt gehörten. Auf solchen Fronbauernhöfen wurde die Arbeit von den Familienmitgliedern, die zueinander in einem komplizierten Verwandtschaftsverhältnis standen, sowie von Häuslern und einer ganzen Armee von Knechten und Mägden verrichtet.
In dieser Zeit brachte die heiratsfähigen jungen Leute meist der Wille der Eltern bzw. Verwandten zusammen. In Aristokratenkreisen, wo Reichtum und gesellschaftliche Stellung die Interessen bestimmten, kam es nur selten zu Liebesheiraten. Häufiger war, daß sich das Paar nach der ehelichen Bindung ineinander verliebte. György Thurzó beispielsweise schrieb seiner Frau Anfang des 17. Jahrhunderts folgende Zeilen: "Ich suchte unter den Preßburger Mädchen ein schöneres als Dich, doch konnte ich weder in Preßburg, noch anderswo eine finden, die schöner war, als Du es für mich bist." Viele der damals oft in den Krieg ziehenden und deshalb fern von ihren Familien weilenden Großherren schrieben ihren Gemahlinnen zärtliche Liebesbriefe. Vielleicht am berühmtesten wurden die Briefe, die Palatin Tamás Nádasdy und Orsolya Kanizsai in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einander schrieben. Ein verbreiteter Brauch war der Austausch von Verlobungsringen, was zur damaligen Zeit einen Ring mit Edelstein bedeutete. Die Bürger der Städte, Ackerbürger der Marktflecken und Bauern in den Dörfern tauschten bei der Verabredung einer Heirat meist nur ein Verlobungstuch aus. Danach galt es dann in allen Kreisen als Schande, von der Verabredung zurückzutreten. In der frühen Neuzeit kann man sehen, daß die gefühlsmäßigen Bindungen in dieser engen menschlichen Beziehung, der Ehe, immer wichtiger wurden.
Der Lebensstandard im zeitgenössischen Ungarn
Infolge der Preisrevolution, die Europa im 16. Jahrhundert erlebte, stiegen die Preise für Getreide und Lebensmittel auf ein vielfaches an. Deswegen brachen im Westen häufig große Hungersnöte aus, oder die Menschen mußten sich mit weniger Lebensmitteln schlechterer Qualität begnügen. Untersucht man den damaligen Lebensstandard, sind zwei Unterschiede zu beobachten: Der Preisanstieg in Ungarn war im Verhältnis zu Westeuropa geringer, und durch die florierende Rinderhaltung ging auch der einheimische Fleischverbrauch nicht so stark zurück wie im Westen. Andererseits wirkten sich auch Hungersnöte in Ungarn nicht so verheerend aus, weil bei uns eine unverändert große Zahl von Bauernwirtschaften existierte, die für den Eigenbedarf produzierten, und selbst Stadtbürger besaßen ein kleines Stück Acker oder einen Weingarten. Die Fronhöfe in Siebenbürgen waren dagegen ärmer, da der Ackerboden in den Hügel- und Berggegenden vielerorts eine schlechtere Qualität hatte und weniger Ertrag brachte. In Kriegszeiten, im Falle einer schlechten Ernte oder Naturkatastrophe standen die ansich über wenig Reserven verfügenden Leibeigenenhaushalte oft am Rande des Untergangs. Einer Quelle zufolge herrschte 1603 im Komitat Hunyad eine solche Hungersnot, daß die Menschen Stiefelsohlen, Sattelleder, Baumrinde und Knochenmehl verzehrten und selbst davor nicht zurückschreckten, das gebratene Fleisch von Leichnamen zu essen.
Die Luxusartikel
Im 17. Jahrhundert mehrten sich in den ungarischen Städten die gegen den Luxus erlassenen Verbote. Schon Péter Bornemisza hatte im 16. Jahrhundert den sich in Adelskreisen breitmachenden Luxus gegeißelt, wo man die aristokratische Mode nachzuahmen begann. Später strebten dann - sehr zum Verdruß der vornehmen Damen und Herren - auch die armen Dienstmägde und Knechte danach, sich in der Art der wohlhabenden Stadtbürger zu kleiden und zu betragen. Ödenburg, Kaschau und größere Städte versuchten, die Bekleidung durch strenge Vorschriften zu regeln: Jeder sollte sich seinem Stande gemäß kleiden. Diese Erscheinungen lassen sich damit erklären, daß sich die Wertverhältnisse im 17. Jahrhundert wandelten und daß durch die neuen Preisverhältnisse breitere Schichten neben den biologisch notwendigen Dingen auch mehr oder weniger Luxusartikel erwerben konnten. Die meisten dieser Luxusartikel kamen als Produkte der auf einen höheren Stand der Arbeitsteilung stehenden west- und mitteleuropäischen Industrie auf die einheimischen Märkte, wo sie zu Preisen angeboten wurden, die auch für niedrigere soziale Schichten erschwinglich waren.
Eßgewohnheiten
Die Einwohnerschaft Ungarns verzehrte im 16.-17. Jahrhundert wesentlich mehr Fleisch als die Bewohner westeuropäischer Länder. Das war in erster Linie der Rinderhaltung zu verdanken. Neben Rindfleisch standen Schaffleisch, Schweinefleisch, verschiedene Geflügelarten und Fisch auf dem Speiseplan. Üblich war auch die Zubereitung des Fleisches von Wildtieren (Hase, Reh, Hirsch) und kleinen Wildvögeln (Auerhuhn, Rebhuhn, Wachtel, Schnepfe), wozu man schmackhafte Soßen reichte. Am häufigsten wurde das Fleisch mit Kohl gekocht oder gebraten, denn das war sowohl bei den ärmeren Schichten, als auch in Adelskreisen die beliebteste Gemüsesorte. Kohl galt als Königin unter den Pflanzen der ungarischen Gärten. Er wurde ganz oder geschnitten, mit Salz, Dill und Meerrettichwurzel gewürzt, für den Winter eingelegt. Man hielt ihn für ein ausgesprochen schmackhaftes und gesundes Nahrungsmittel. Ein beliebtes Gericht der Menschen dieses Zeitalters war auch Fisch - die Quellen berichten von Hecht, Hausen, Grundel, Stör, Wels und Aal -, der vowiegend während der Fastenzeit, mit Pfeffer und einer aus Zitrone und saurer Sahne zubereiteten Soße angerichtet, auf den Tisch kam. Schweinefleisch mußte man wesentlich teuerer bezahlen als das reichlich vorhandene Rindfleisch, so daß auch der Speck als teueres Nahrungsmittel zählte. Schweine wurden überall auf den Meierhöfen gehalten, und sogar Stadtbürger mästeten ein oder zwei Schweine für den Eigenverbrauch. Als besondere Leckerbissen waren darüber hinaus Krebse und Schnecken bekannt.
Milch- und Milchprodukte hatten sich bei uns noch nicht in dem Maße verbreitet wie in den westlicher gelegenen Ländern. Käse servierte man bei Festessen in der Regel nach den fünf oder sechs Hauptgängen, zusammen mit den mit Quark und sauerer Sahne zubereiteten Gerichten. Da Rinder und Schafe überall gehalten wurden, stellte man Butter und Käse im allgemeinen zu Hause her. Im Kreis des in Siebenbürgen und im Oberland lebenden Rumäntentums, das sich ausgesprochen mit Schafzucht beschäftigte, war der Verbrauch von Milchprodukten verbreiteter. Wasser war zur damaligen Zeit bekanntlich fast ungenießbar und krankheitserregend. Deshalb trank man anstelle von Wasser mit Vorliebe Wein, und durch die deutsche Bürgerschaft wurde auch das Bier ein immer beliebteres Getränk.
Gewürze, Obst
Das im 16.-17. Jahrhundert über Europa hinwegfegende "Gewürzfieber" erreichte auch Ungarn. Anfang des 16. Jahrhunderts gelangte das kostbarste und populärste Gewürz, der Pfeffer, noch auf der levantinischen Handelsroute über Siebenbürgen ins Land. Später konnte man ihn nur noch auf dem Umweg über die Walachei und Kaschau oder aber aus dem Westen einführen. Safran und Ingwer waren heimische Gewürzpflanzen, doch Gewürznelke, Muskatnuß, Zimt und Zitrone wurden importiert. Gemüse für den Inlandsbedarf baute man in den Küchengärten oder Meierhöfen schon damals an: Erbsen, Bohnen, Petersilie, Möhren, Spinat, Kürbis und Gurken, ja sogar Blumenkohl und Spargel. Im Garten des berühmten Magnaten Boldizsár Batthyány in Transdanubien gab es 1588 bereits ein Beet mit Kartoffeln, die in dieser Zeit bei uns gerade heimisch zu werden begannen. Auch eine Beschreibung des Tabaks ist aus dem Jahr 1577 überliefert, den man ebenfalls im Garten Batthyánys in Güssing anpflanzte. Vom Reichtum der ungarischen Obstsorten hatte Mitte des 16. Jahrhunderts schon Miklós Oláh in seiner Hungaria geschwärmt; am verbreitetsten waren Apfel, Birne, Pflaume, Kirsche, Pfirsisch und Aprikose. Die Aristokraten pflegten in ihren Gärten seltene Obst- und Zierbäume sowie exotische Pflanzen zu sammeln. Auf diese Weise wurden bei uns auch die ersten Arten der Wildkastanie, des Flieders oder der Tulpe heimisch.
Die Kleidung
Das 16.-17. Jahrhundert ist jener Zeitraum, in dem sich die typische ungarische Kleidung herausbildete. Die Männer trugen einen bis zur Hüfte engen, von da an weiter werdenden Dolman unterschiedlicher Länge und darüber einen Mantel, der von der Schulter an gerade oder von der Hüfte an weiter geschnitten sein konnte. Diese Kleidungsstücke zierten Stickereien, Borten, Schnüren und prächtige Knöpfe. Ergänzt wurde die Kleidung durch ein Hemd, die eng geschnittene sog. ungarische Hose, hartschäftige Stiefel oder Schuhe, eine Mütze und einen Umhang. Die Gewänder der Aristokraten waren selbstverständlich aus kostbareren und teuereren Stoffen (Samt, Brokat, Atlas) geschneidert, mit Pelz (Marder, Luchs, Fuchs) besetzt oder gefütter und mit Goldknöpfen geschmückt. Die Stickerei an den darunter getragenen weißen Seidenhemden bestand nicht selten aus Gold- und Silberfäden.
Auch die charakteristischen Stücke der ungarischen Frauenkleidung stammen aus dem 16. Jahrhundert. Dazu gehörten Rock, Hemd, Mieder, Schürze, Mantel und Umhang. Beliebt waren sowohl bei Frauen, als auch bei Männern die unterschiedlich langen Schafpelze. Vornehme Damen trugen anstelle des für bäuerisch gehaltenen Wolltuchs feine Stoffe guter Qualität. Anfang des 17. Jahrhunderts kamen Textilien mannigfaltiger Art und Farbe in Mode. Am kostbarsten waren die verschiedenen Seidenstoffe, aber auch Samt oder Atlas galten als vornehm. Für den Preis eines der aus diesen Stoffen gefertigten Kleider hätte man damals schon ein Haus in der Stadt oder einen Meierhof kaufen können. Am deutlichsten veranschaulichten die als Verzierung gebräuchlichen Gold- und Silberstickereien, Goldknöpfe- und Schnüren oder teuren Spitzen den Wert dieser Kleider. Pelze als Besatz oder Futter waren ebenfalls gebräuchlich. Bei den Stickereien verbreitete sich die Mode der türkischen Muster (z.B. das Nelkenmotiv), wobei man die Unterwäsche am häufigsten weiß, das Mieder dagegen rot bzw. blau bestickte. Als Material der Bauerntracht diente hauptsächlich Tuch, einfachere Leinen- und Wollstoffe. Aber auch diese Kleidungsstücke wurden meist reich bestickt.
Leben an den Grenzen: Beutezüge, Hinterhalte
Formell lebten die beiden Großmächte überwiegend in friedlichem Nebeneinander. Deshalb war es dem Militär der Grenzgegend streng verboten, den Frieden bzw. die Gebiete des anderen zu stören. Dieses Verbot zeigte jedoch kaum Wirkung. Denn der ewig ausbleibende Sold, die schlechte Versorgung und der Drang nach Berühmtheit zwangen die Soldaten beider Seiten, durch erbeuten von Gefangenen, Vieh und anderen Gütern selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Sobald der Winter vorüber war, begannen die Kämpfe, die nur im Sommer während der Erntezeit und bei zu großer Hitze vorübergehend eingestellt wurden. Beutezüge hießen damals Feldarbeit, während die auf Jagd nach Gefangenen gehenden oder Hinterhalte legenden Trupps in die Schlacht zogen. Letztere gingen immer bei Nacht an die Arbeit und wurden vom sog. Schlachtführer befehligt. An der Spitze sondierten Späher und Spurensucher das Gelände, das Ende des Zuges bildete die sog. Nachhut. Die für den Hinterhalt auserwählte Stelle (in der Regel an einer Straße) war der Haupthinterhalt, wo die Mehrheit der am Einsatz Beteiligten Stellung bezog. Gaben die aufgestellten Wachen das Zeichen, schickte man den Vortrupp (höchstens 15-20 Reiter) los, der die feindlichen Truppen in den Hinterhalt lockte, wo sie dann vom Hauptkorps umzingelt und niedergemetzelt oder ausgeplündert und gefangen genommen wurden. Die eine gegnerische Seite kannte die Tricks der anderen (Hinterhalt, Gegenhinterthalt, Verkleidung usw.) genau, und häufig gelang es auch, deren Absichten auszuspionieren, so daß diese abenteuerlichen Streifzüge nicht selten mit einem Mißerfolg endeten.
Spionage und Kundschafterdienst in der Türkenzeit
Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Kampf gegen die Türken war, daß die den Grenzschutz organisierende Wiener Heerführung und die ungarischen Hauptkapitäne immer rechtzeitig und genau von den Plänen des Gegners erfuhren. Im Interesse dessen baute die christliche Heeresleitung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einen mehrstufigen Kundschafterdienst auf. Über die Pläne des Sultans berichteten die am Hof in Istambul weilenden Gesandten Habsburgs (diplomatische Spionage), die sich hauptsächlich von den serbischen, bosnischen, ungarischen oder deutschen Beamten des Diwans, einflußreichen Dolmetschern, jüdischen Ärzten des Sultans, Diplomaten anderer Länder und ihren eigenen "bezahlten Agenten oder Korrespondenten" geheime Informationen beschafften. Über die Absichten der an den Grenzen stationierten türkischen Truppen (Grenzspionage) informierten die ungarischen Besatzungen der Grenzburgen in erster Linie die ungarischen Schreiber der Paschas und Beis, aber auch die ungarischen Richter und Leibeigenen der Dörfer im Eroberungsgebiet - die unter dem Vorwand des Steuerzahlens freien Zutritt zu den türkisch Grenzburgen hatten -, die zwecks Auftreiben von Lösegeldern entlassenen christlichen Gefangenen, die bei Streifzügen in Gefangenschaft geratenen türkischen Soldaten - man nannte sie die "Zungen" -, und nicht zuletzt die ungarischen, ragusanischen und griechischen Kaufleute, die sich ebenfalls uneingeschränkt bewegen durften. Auf ähnliche Weise - die diplomatische Spionage ausgenommen, da sie keine ständigen Gesandtschaften unterhielten - versuchten die Türken, die Absichten der christlichen Seite auszukundschaften.
Gefangenenhandel an der türkisch-ungarischen Grenze
Entgegen der allgemein verbreiteten Auffassung haben die sich in Ungarn etablierenden Türken niemals mehrere zehntausend Gefangene aus Ungarn verschleppt. Doch im 16.-17. Jahrhundert bildete sich an der türkisch-ungarischen Grenze eine spezielle Form des Gefangenenhandels für Lösegeld heraus. Diese Lösegelder wurden für das Militär beider Seiten zu einer wichtigen Einnahmequelle neben dem nur unregelmäßig gezahlten Sold. Und so lief der Handel ab: Anläßlich der sog. Beuteverteilung wurden die bei den Streifzügen gefangen genommenen ungarischen oder türkischen Soldaten untereinander aufgeteilt, versteigert und verkauft. Danach kam es zwischen den Gefangenen und ihren Eigentümern zu langen und oftmals blutigen Verhandlungen, bei denen man sich über die Höhe des Lösegeldes (Schatzung) "einigte". Für die Rückkehr der freigelassenen Gefangenen, die das Lösegelde auftreiben mußten, bürgten deren Mitgefangene mit ihren Ohren, Nasen oder Zähnen bzw. die reicheren Marktflecken des Eroberungsgebiets - im allgemeinen gezwungenermaßen - mit Geld. Mitunter dauerte es Jahre, bis sie das Lösegeld zusammenbrachten, denn viele mußten dafür bettelnd durch das halbe Deutsche Reich wandern. Zahlreiche ungeschriebene Gesetze schützten diese umherziehenden Gefangenen (z.B. war es verboten, sie zu schlagen, aber Pflicht, sie auf Wagen mitzunehmen), während ihre Interessen gegenüber der Person, die sie gefangenhielt, von einem ihrer erfahreneren Gefährten vertreten wurden. Zur Beglaubigung von Schriftstücken im Zusammenhang mit der Beschaffung des Lösegeldes gab es sogar extra einen Gefangenenstempel.
Türkisch-ungarische Zweikämpfe
Die auf beiden Seiten zum Schutz der Grenze stationierten ungarischen bzw. türkischen Soldaten unternahmen nicht nur Streifzüge auf feindlichem Territorium, sondern lieferten sich häufig auch Zweikämpfe (Duelle). Ähnlich wie im Falle des Gefangenenhandels für Lösegeld bildete sich in der Grenzregion ein spezielles System der Zweikampfbräuche heraus. Häufig forderte ein vornehmerer christlicher oder türkischer Offizier die gegnerische Seite zum Duell heraus. In der schriftlichen Herausforderung gab man den Grund, den Ort, die Zeit, die Art und Weise des Zweikampfes (mit welcher Waffe er ausgetragen werden sollte) an, und mitunter verhöhnte der Herausforderer seinen Gegener sogar mit beleidigenden Worten, damit dieser die Herausforderung nicht ablehnen konnte. In Friedenszeiten waren nämlich Zweikämpfe per herrscherlichen Erlaß streng verboten, in Wirklichkeit aber fanden sie häufig statt. Nachdem sich beide Seiten über das Duell geeinigt hatten, stellten sie sich gegenseitig einen Garantiebrief darüber aus, daß keiner dem anderen unter dem Vorwand des Zweikampfes eine Falle stellen würde. In dieser Urkunde legte man auch die Stärke des bewaffneten Gefolges und die Austragungsumstände fest. Der Zweikampf wurde dann am vereinbarten Tag, zur vereinbarten Zeit, unter Leitung der Sekundanten und im Beisein mehrerer hundert Soldaten auf einer größeren Wiese ausgetragen. Berühmtere Zweikämpfer (z.B. György Thury, László Gyulaffy oder Bálint Magyar) schlugen sich gelegentlich sogar nacheinander mit mehreren türkischen Gegnern.
Türkische Häuser und Heime
Die von den Türken in Besitz genommenen Stadthäuser mußten sich bald einer eigenartigen Verwandlung unterziehen: Man vernagelte die Fenster der unteren Geschosse mit Brettern. Auf diese Weise schützten sich die muslimischen Familien vor den neugierigen Blicken der Außenwelt. Anschließend nahmen sie auch im Inneren Umgestaltungen vor: Die großen Räume wurden durch Trennwände in kleine Zimmer aufgeteilt, damit man sich nicht nur innerhalb der Familie zurückziehen konnte, sondern damit auch Männer und Frauen ihre gesonderten Gemächer bekamen (den Hausteil der Männer nannte man Selamlik, den der Frauen Harem). Türkische Familien, die kleinere Häuser bezogen, ließen alles so, wie sie es vorgefunden hatten, und das aus den alten ungarischen Häusern verdrängte Militär baute sich aus Flechtwerk und Lehm (Strohlehm) neue, anspruchslose Behausungen. Möbel gab es in den türkischen Häusern kaum, dafür aber umso mehr Textilien. Die Kleidung bewahrte man in Truhen oder zu Bündeln verschnürt auf. Zum Sitzen und Schlafen dienten ihnen Kissen, Matrazen und Teppiche. Das Kücheninventar bestand aus einfachen Ton- und Metallgefäßen. Größere, prunkvolle Möbel, wertvolle Waffen und Pferdegeschirr, kostbare Textilien, Duftstoffe, bedeutendere Lebensmittelvorräte und vor allem Bücher kamen nur in den Heimen der wohlhabenderen Türken vor.
Türkische Speisen und Getränke, Kaffee und Kaffeehäuser
Besonders beliebte Gerichte der Türken waren verschiedene mit Fleisch, Kräutern und Gewürzen gefüllte Gemüsesorten und am Spieß oder auf dem Rost gebratenes Fleisch (hauptsächlich Hammelfleisch). Das die Mehrheit der hiesigen türkischen Einwohnerschaft ausmachende Militär ernährte sich jedoch zumeist von billigen, in Gemeinschaftsküchen gekochten Suppen und von Obst. Die in den Krieg ziehenden Soldaten bekamen getrocknetes Räucherfleisch, Honig, Gerstengraupen und Zwieback als Wegzehrung. In friedlicheren Zeiten bestand große Nachfrage nach Süßigkeiten aus Honig, unter den Getränken dagegen nach dem mit Obstsäften verdünnten Sorbett, nach Most oder dem scharfen, gegorenen Bosa.
Der Kaffee wurde irgendwann Mitte des 15. Jahrhunderts im Jemen "entdeckt" und verbreitete sich Anfang des 16. Jahrhunderts - gemeinsam mit den zwischenzeitlich in Mode gekommenen Kaffeehäusern - überall im Nahen Osten. In Istambul, der Hauptstadt des Osmanisches Reiches, öffneten Mitte des Jahrhunderts die ersten Kaffeehäuser. Und obwohl die Behörden davon keineswegs begeistert waren, traten sie bald darauf auch ihren Eroberungszug in Richtung Balkanhalbinsel und Mitteleuropa an. Ein Kaufmann namens Behram brachte Ende des Jahres 1579 zum ersten Mal Kaffeebohnen nach Ungarn mit, und von da an trank man auch bei uns die nach türkischer Art zubereitete "schwarze Suppe". Doch während Kaffee bei allen hier lebenden Schichten der Türken durchgängig beliebt war und die Stadtbewohner (mit Ausnahme der Frauen) ihre Freizeit nach Möglichkeit in Kaffeehausgesellschaft verbachten, gewöhnten sich die Ungarn (die obere Gesellschaftsschicht) das Kaffeetrinken vorwiegend erst nach dem Ende der Türkenherrschaft an.
