AUTOREN, KUNSTGATTUNGEN, WERKE
Das neue Lebensgefühl
In ganz Europa ist das 14. Jahrhundert eine Zeit großer Veränderungen. Eine zwar noch immer mit Leib und Seele mittelalterliche Welt wird von solchen Monarchen regiert, die bereits der Hauch einer neuen Welt gestreift hatte. Ludwig I. und seine Barone wählten sich ihre Beichtväter meist unter den Franziskanern aus, welche als Autoren literarischer Werke nicht selten zu Dolmetschern des neuen religiösen Gefühls wurden. Schon ebnete die Hinwendung der Formen der Religiosität zum individuellen, persönlichen einer neuen Art von Weltanschauung den Weg, dem Humanismus, der in den Mittelpunkt seines Interesses das Individuum stellte. Wohl konnten die gebildeten Schichten sich noch immer an den gerade erst entfalteten höfischen/ritterlichen Idealen begeistern, doch auch die Anzeichen eines neuen Lebensgefühls verdichteten sich mehr und mehr: König Ludwig korrespondierte mit dem Dichter Petrarca und dem berühmten Kanzler von Florenz, Coluccio Salutati. Der Humanist der Stadt Padua, Giovanni da Ravenna, kam als Sohn von Ludwigs Leibarzt in Ungarn zu Welt. König Sigismund holte sich Pier Paolo Vergerio, einen der bedeutendsten Vorläufer des Humanismus, an seinen Hof. Dantes Divina Commedia, das erste Werk der Frührenaissance, war in Ungarn schon zu Ludwigs Zeit bekannt, und Giovanni Serravalle schickte Sigismund gar die lateinische Übersetzung.
Ungarn im Ausland, Ausländer in Ungarn
Latein galt als Muttersprache der Literatur, und durch die Kirchenorganisation bestanden für die Autoren ungarischer Abstammung weiterhin gute Chancen, gesellschaftliche Anerkennung zu finden. Alexander von Ungarn, ein Mitglied des Augustinerordens, wurde nach Abschluß des Studiums in Paris ab 1302 Magister der Universität, dessen Meinung seine Schüler, Verfasser von Kommentaren, später nicht selten zitierten. Als Autor mehrerer Werke ist uns Herbord von Ungarn bekannt. Er schrieb einen Psalmenkommentar, Predigten sowie ein Traktat gegen das Ketzertum. Sein literarisches Schaffen mag wesentlich dazu beigetragen haben, daß ihm an seinem Lebensabend das Amt des Bischofs von Bergamo zufiel. Ende des 14. Jahrhunderts war in Wien Ladislaus Ungarus als Lehrer tätig, der eine Abhandlung über die Hege der Jagdfalken verfaßte.
Auch zu dieser Zeit zog es viele ausländische Autoren nach Ungarn. Der deutsche Meistersinger Heinrich von Mügeln kam, nachdem er am Hof des böhmischen Königs und des Kaiser geweilt hatte, vermutlich auch nach Ofen. Er faßte für einen seiner Mäzene, den österreichischen Herzog Rudolf IV., die ungarische Geschichte bis einschließlich 1333 in dessen Muttersprache zusammen. Als Quellen verwendete er dabei neben der Hartwickschen Stephanslegende auch eine solche Chronikausgabe, deren Eintragungen bezüglich der Zeit Gézas II. und Stephans III. heute in ihrer Originalform bereits nicht mehr vorhanden sind. Um 1361 widmete er Ludwig I. ein Rhythmische Chronik betiteltes Geschichtswerk in lateinischer Sprache, das in vier Teilen mit rhythmisch unterschiedlich betonten Abschnitten die Geschichte der Ungarn bis 1072 erzählt. Lorenzo de Monacis weilte als Gesandter der Republik Venedig am Hof von Königin Maria. Hier verfaßte er höchstwahrscheinlich sein der Königin gewidmetes Epos über die unglückliche Herrschaft Karls (des Kleinen) II. (Carmen seu historia de Carlo II. cognomento Parvo, rege Hungariae), das in Prosa auch Thuróczy in seine Chronik übernahm.
Die Geschichstschreibung der Anjouzeit
Ein Ofner Minorit zur Zeit Karls I.
Das 14. Jahrhundert war auch eine Blütezeit des Interesses an der Vergangenheit. Historische Werke beherrschten die Literatur sowohl im Hinblick auf den Reichtum der Kunstgattung wie auch ihren Umfang. Damals begann man im Kreis der Stadtbevölkerung und Mitglieder kirchlicher Institutionen, historische Erinnerungen aufzuzeichnen (z.B. Chronik von Szepesszombat). Die Franziskaner als Vertreter der neuen Religiosität verliehen der ungarischen Geschichstschreibung im Zeitalter der Angeviner eine neue Richtung. In der ersten Hälfte der 1330er Jahre erhob sich erstmals der Anspruch, im Gegensatz zur früher üblichen, monographisch geprägten Form der Gesta eine umfassende Nationalgeschichte zu schaffen. Es war gewiß ein Ofner Franziskaner leider unbekannten Namens, der die Denkmäler der Geschichtsschreibung vom Ende des 13. Jahrhunderts - die Werke des Simon Kézai und Meisters Ákos - zusammenfügte und den so erhaltenen Text bis zum Jahr 1334 weiterschrieb. Doch seine Arbeit als Autor blieb nicht auf die Fortsetzung beschränkt, denn sehr wahrscheinlich entstammt seiner Feder auch der entsetzt von der Tat des Felician Zah zu Papier gebrachte Abschnitt über das Attentat des Bans Bánk.
Beim Schreiben hatte den Autor sein - überhaupt für die Geschichstschreibung der Franziskaner typischer - Hang zur Anekdote stark beeinflußt. So mögen unter seiner Feder einige ausführlich geschilderte Episoden entstanden sein: Wie König Otto seine Krone verlor, wie die Ofner den Papst exkommunizierten oder wie König Karl und Dezsõ Szécsi in der Schlacht ihre Kleider vertauschten. Obwohl seine Konzeption Ungenauigkeiten zuläßt, ist sein Stil lebhaft. Bewußt setzt er rhythmische Prosa, Gleichnisse, bildliche Ausdrücke und frappierende Wendungen ein. Ganz offensichtlich war es Ziel des Verfassers, den Leser mit seiner Kunst zu fesseln. Keine seiner Arbeiten blieb in selbständiger Form bis heute erhalten, lediglich die Ofner Chronik hat die Kodizes der Familie der Ofner Chronik überliefert.
Die Bilderchronik
Im Jahr 1358 ging man - wohl auf Wunsch des Königs - an die Zusammenstellung eines weiteren großen Historienwerkes, das die ungarische Geschichte in repräsentativer Form vorstellen sollte. Obwohl sich der Autor in seinem Werk nicht benennt, meinen viele, daß er mit dem Stuhlweißenburger Kustoden Mark Kálti, zugleich Sachwalter der königlichen Schatzkammer und des Archivs, identisch war. Seine Methode folgte der vorangehender Chronisten: Zum Teil goß er frühere Texte in eine andere Form und schrieb dazu teilweise neue Kapitel. Als Grundlage diente ihm die Konzeption aus der Zeit Karls I., in die er Kapitel aus damals schon sehr alten Chroniken bzw. kürzere oder längere Textabschnitte einfügte (Interpolation).
Mit großer Wahrscheinlichkeit war er jener Verfasser, der die unter dem Titel Gesta Ladislai regis am Hof König Kolomans geschriebene Gesta zur Hand nahm, sie in den Mittelpunkt seines Werkes stellte, und damit bewußt das Ritterideal der Anjouzeit bzw. König Ladislaus den Heiligen zu dessen Hapthelden erkor. Große Teile entnahm er aber auch der zur Zeit Stephans III. entstandenen Gesta. Daß der Autor ein Amt als Hofpriester bekleidete, daran läßt die Arbeit keinen Zweifel. Seine Betrachtungs- und Schreibweise waren davon bestimmt, daß er das darzustellende Ideal stets im Auge behielt. An den Anfang seines Werkes schrieb er einen fast schon als Abhandlung zu wertenden Prolog, in welchem er das Wesen der die Staatsidee zur Anjouzeit vertretenden Idee des Königtums darlegte: Alle Macht kommt von Gott, und Gott setzt die Könige deshalb auf ihren Thron, damit sie ihre Völker nach dem Vorbild der himmlischen Herrschaft Gottes in Frieden und Überfluß regierten und die Seelen so vor den Richterstuhl Gottes führten. Konkreter als jemals zuvor ward hier am Ende des Mittelalters das karolingerzeitliche Bild eines Monarchen gezeichnet.
Von der hohen theologischen Bildung dieses Mannes kündet der Umstand, daß er im Prolog neben anderen Autoritäten auf seinen "Meister der Geschichte" (magister historiarum - ihn stellt eine zurecht berühmt gewordene Miniatur in der Bilderchronik dar), Petrus Comestor, verweist und ihn auch zitiert, ebenso wir er die Arbeit von Nicolaus de Lyra verwendet und zitiert. Mit ihrem Ausdruck, ihrem Stil und ihrer bewußten Methode der Konzipierung verrät diese Chronik deutlich, daß ihr Autor am Hofe gelebt hat und daß dessen Auffassung stark von der des wenige Jahrzehnte früher tätigen Minoriten abwich. Auch dieses Werk wurde uns nicht in ursprünglicher Form überliefert. Nur in einer um 1370 kopierten, als Geschenk vorgesehenen prächtigen Handschrift, die bei den Ereignissen der 1330er Jahre abbricht (was einzelne mit dem Tod von Mark Kálti erklären) sowie in ihren Nachfolgern, der Familie der Bilderchroniken, blieb sie erhalten.
Johann von Küküllõ
Das Erscheinen der Kunstgattung Biographie markiert den wirklichen Wandel in der Betrachtungsweise der Geschichte. Johann von Küküllõ, der zunächst als weltlicher Schreiber am Königshof begonnen und seine kirchliche Laufbahn erst in der ersten Hälfte der 1350er Jahre angetreten hatte, ging in den 1360er Jahren daran, eine Lebensbeschreibung (vita) mit dem Titel Chronicon de Ludovico zu verfassen, in deren ersten 25 Kapiteln er die Ereignisse der Feldzüge gegen Neapel als Augenzeuge schilderte. Nach 1382 ergänzte er seine Arbeit durch weitere 30 Kapitel. Hier stellte er in den Mittelpunkt seiner gefühlsreichen Darstellung die Eigenschaften und Taten des alternden Königs. Als Muster wählte er die von Guillelmus de Nangis verfaßte Biographie König Ludwigs (IX.) des Heiligen, einem Vorfahren der Angeviner, dem sie besondere Verehrung entgegenbrachten.
Charakteristisch für die Arbeitsweise des Johann von Küküllõ war, daß er - als ein Mann der Kanzlei, der an die verschiedenen Urkunden herankam - in stärkerem Maße als frühere Autoren ganze Passagen aus Urkunden (Arenga, Narratio) wortwörtlich in sein Werk übernahm. Und um das Idealbild eines Monarchen entstehen zu lassen schreckte er selbst davor nicht zurück, die Tatsachen zu verdrehen. Im Endergebnis ist sein Werk eine moderne Version der frühmittelalterlichen Königsspiegel und der im Hochmittelalter entstandenen Lebensbeschreibungen heiliger Könige, in welchem das Ideal, das man darzustellen wünschte, den Stoff beherrscht. Dabei arbeitete der Autor nach einer sorgfältig vorbereiteten Konzeption und den Regeln der rhythmischen Prosa. Unter seinen Quellen findet man selbstverständlich das Lieblingsbuch Ludwigs, den Kodex Secreta secretorum, das die Gestalt Alexanders des Großen als Maßstab neben den Haupthelden stellte (dieser Kodex aus Ludwigs Hofwerkstätte wird in Oxford aufbewahrt). Daneben bezieht er sich aber auch auf die Arbeiten über Kriegskunst von Aristoteles und Vegetius. Die Originalhandschrift des Johann von Küküllõ ging verloren, doch wurde sein Werk sowohl in die Chronik des Johann Thuróczy als auch die Ofner und Dubnicer Chroniken übernommen.
Der Namenlose Minorit
Die eingehende Schilderung der neapolitanischen Ereignisse steht auch im Mittelpunkt jenes Chronikfragments, das mit dem Text der Dubnicer Chronik auf unsere Zeit gekommen ist. Schon seit langem weiß man, daß dieses Fragment Teil eines umfangreicheren eigenständigen Werkes war, das von einem sicher in der Umgebung des Königs lebenden Franziskaner zwischen 1345 und 1355 verfaßt wurde. In Kenntnis dessen richtete sich das Augenmerk mit Recht auf Johann Kétyi (von Erlau), den Beichtvater des Königs und der Königinmutter. Der Autor blieb den Traditionen der franziskanischen Geschichtsschreibung treu. Bestimmend für sein Werk war weniger das systematische Konzept, sondern eher seine Vorliebe für Anekdoten. Folge dessen sind die vielen detailliert ausgearbeiteten, novellenartigen Geschichten, aber auch Ereignisse lokaler Bedeutung, die er festhielt. Seine Sprache ist dabei mitunter recht volkstümlich-derb (auch Ausdrücke in ungarischer Sprache streute er ein!), gleichzeitig jedoch bemüht er sich, mit stilistischen Wendungen und ausdrucksstarken Bildern die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln.
Sein Latein weicht vom gewohnten ab. Gegenüber der rhythmischen gibt er der damals schon archaischen, eben darum aber volkstümlich wirkenden, gereimten Prosa den Vorzug. Die Handlung beginnt mit der Ermordung Herzog Andreas', wobei die gefühlsmäßigen Bezüge des Ereignisses den Leser auf die Fortsetzung einstimmen. Im Mittelpunkt des Werkes steht die Betonung des höfischen/ritterlichen Ideals, was in dem Moment endgültigen Sinn erhält, wo der Verfasser sich darüber ausläßt, wie sehr es dem Ideal des heiligen Königs der Angeviner entspricht, daß Ladislaus sich aus seinem Wardeiner Grab erhob, um dem Heer des Andreas Lackfi beizustehen. Unter diesem Zeichen gerät die Geschichte zu einer Serie von Heerschauen, Zweikämpfen und einzelnen Heldentaten, und das wiederum verleiht der Arbeit des Namenlosen Minoriten in der ungarischen Literatur des Mittelalters eine individuelle Note.
Die Anfänge der Kirchengeschichte
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erwachte das Interesse an der Geschichte einzelner Kircheneinrichtungen. Um 1334 stellt man in Agram die Statuten des Domkapitels zusammen, und fügt später an den Anfang als historischen Hintergrund eine Chronik ein, die von der Gründung des Kapitels bis ins Jahr 1354 reicht. Dort, wo die Chronik von Ereignissen im Lande berichtet, gibt sie Auszüge aus der Chronikfassung des 14. Jahrhunderts. Am Muster der Agramer Chronik orientierte sich 1374 auch der Wardeiner Domherr und Lector Emmerich (1370-1376), der den Statuten des Wardeiner Kapitels dieselbe Chronik (Wardeiner Chronik) voranstellte, wobei er den Agramer Text aufgrund eines der Kodizes der Ofner Chronik korrigierte und diesen mit einer Liste der Wardeiner Bischöfe ergänzte. Letzgenannter Text schildert die Ereignisse von der Gründung zur Zeit Ladislaus des Heiligen bis ins Jahr 1354. Der erste Teil beider Texte wurde nur fragmentarisch überliefert, der zweite Teil besteht aus 22 Kapiteln.
Was das Interesse der Franziskaner an der Geschichte ihres Ordens anbelangt, spielte dabei zweifellos das Bestreben des Ordenszweiges mit strengerer Disziplin eine Rolle, seine eigene Existenz und seinen Standpunkt mit den Tatsachen der Vergangenheit zu belegen. Balázs Szalkai (1420-1433), der elfte Vikar der 1339 gegründeten Ordensprovinz Bosnien, begann mit der Materialsammlung: er stellte die Liste der Vikare und die Dokumente des Ordens zusammen. Ein anderer setzte die Arbeit fort. Er entnahm die Vorereignisse der Gründung einer universellen Ordensgeschichte und steuerte Angaben aus den Überlieferungen des Ordens sowie anderen Quellen bei. Aus dieser mit dem Jahr 1313 beginnenden Arbeit weiß man, daß sich in den 1320er Jahren auch die ungarischen Franziskaner in den Disput zwischen dem Papsttum und den Bettelorden einschalteten, und daß sich mehrere ihrer Abhandlungen mit der Frage beschäftigten, ob es Ketzerei sei, die Vermögensgemeinschaft zu proklamieren.
Religiöse Literatur
Sermonliteratur
Sowohl in der Ofner und Dubnicer wie auch der Chronik des Johann Thuróczy kann man eine außergewöhnlich detaillierte und plastische Beschreibung vom Tod und von der Bestattung König Karls lesen. Ungeachtet seiner späten Überlieferung wurde dieser Bericht zweifelsfrei zur gleichen Zeit verfaßt und ist das Werk eines Augenzeugen, nach dessen einführenden Worten die von Erzbischof Csanád Telegdi gehaltene Grabrede folgt. Letzgenannte inspirierte den Autor, seine eigenen Gedanken zu formulieren. Während er aber einerseits die gefühlsmäßige Wirkung mit rhetorischen Bildern getreu widergibt, zeigen andererseits Konzept, Gedankengänge und Argumentation der Rede des Erzbischofs eine verblüffende Verwandschaft zur berühmten Grabrede, was nur damit zu erklären ist, daß die Struktur der dem Verstorbenen gewidmeten Ansprache, die sich in Ungarn seit dem frühen Mittelalter herausgebildet hatte, zur liturgischen Formel erstarrt war. Die im Kreis der gelehrten Priesterschaft notwendigerweise populäre Gattung der Predigt machte den Klerus zu einem Mittler der Literatur. Aus diesem Grund kann die Rolle, die den predigenden Priestern bei der Anhebung der Volkssprache auf literarisches Niveau zukam, nicht hoch genug geschätzt werden. Hinweise auf ungarische Autoren von Sermonliteratur gibt es zwar in zahlreichen Quellen, doch Denkmäler sind nur wenige erhalten geblieben.
Hagiographie: Die Gerhard-Legende
Obwohl die Verehrung der heiligen Könige am Hof der Angeviner ihre wahre Blütezeit erlebte, erschöpfte sich die Beschäftigung mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen zur Anjouzeit meist im Kopieren von Kodizes. Originalwerke finden sich heute kaum noch. Gesicherten Angaben zufolge soll in der Stuhlweißenburger königlichen Schatzkammer, neben der letzten Ruhestätte Stephans des Heiligen, unter Aufsicht des Kustoden eine Fassung der Hartwickschen Stephanslegende aufbewahrt worden sein, die im ganzen Land als offiziell galt. Deshalb war es wohl auch möglich, daß der Abt von Pannonhalma im Jahr 1349 den Notar des Konvents nach Stuhlweißenburg entsandte, um vom dortigen authentische Tätigkeit ausübenden Ort eine Urkunde mit jenem Teil der Stephanslegende ausstellen zu lassen, welcher die Schenkung des in Somogy eingezogenen Kirchenzehnten an Pannonhalma betraf. Als Ludwig jedoch dem Weißenburger Kapitel im gleichen Jahr befahl, die Legende betreffs der Freiheiten der Burgjobagionen von Karako zu untersuchen, erhielt er zur Antwort, daß man seinem Befehl nicht Folge leisten könne, da sein Vater die Stephanslegende habe nach Visegrád bringen lassen.
Der Ende des 14. Jahrhunderts aufgrund der Urfassung aus dem 12. Jahrhundert entstandenen Gerhard-Legende hingegen kann eine gewisse Originalität nicht abgesprochen werden. Für das als Große Legende bekannt gewordene Werk verwendete man umfangreiche Auszüge aus dem früheren Text, die stellenweise umformuliert bzw. mitunter interpoliert und schließlich mit einer Beschreibung der Wunder des hl. Gerhard ergänzt wurden. Im letzten Kapitel erzählt der unbekannte Verfasser, daß auch Königin Elisabet, die Witwe Karls I., ihre Heilung den Verdiensten Gerhards verdankte, weshalb sie für die Reliquien des Heiligen einen prunkvollen Silbersarg anfertigen ließ. Zum Schluß zeichnete der unbekannte Autor noch auf, daß Elisabet im Jahr 1381 (nach moderner Zeitrechnung 1380) verstarb und in dem von ihr gegründeten Ofner Klarissenkloster bestattet wurde. Anlaß zur Neufassung der Legende mögen Elisabeths besondere Verehrung des hl. Gerhard und die herrscherlichen Intensionen gewesen sein.
Die Reliquien des hl. Paulus des Eremiten
Als es zum Krieg mit Venedig kam, schwor Ludwig I., daß er im Falle seines Sieges die Reliquien des Titularheiligen des Paulinerordens nach Ungarn überführen lassen würde. 1381 schloß der König in Turin Frieden mit Venedig und ließ im Sinne des Vertrages die Gebeine des Eremiten Paulus von Theben aus Venedig nach Ofen überführen, wo man sie mit feierlichem Gepräge im Kloster in Budaszentlõrinc, dem Ordenszentrum der Pauliner, unterbrachte. Aus diesem Anlaß entstand unter dem Titel Historia de translatione Sancti Pauli Thebaei cognomento primi eremitae auch jene Arbeit, welche die Geschichte der Überführung der Reliquien erzählt. Und zwar anknüpfend an die frühmittelalterlichen Traditionen der Hagiographie, die mit Hilfe der Gattung Translatio dazu verpflichteten, nicht nur die Lebensgeschichte, sondern auch die Reliquien der Heiligen stets in Ehren zu halten, und die in den Breviarien der Pauliner überliefert wurden.
Das kurze Geschichtswerk entstand gleichsam als Fortsetzung der Paulus-Biographie des hl. Hieronymus. In sieben Kapiteln schildert es, wie die Reliquien über Konstantinopel nach Venedig gelangten, berichtet vom Schwur des Königs sowie den Bestimmungen des Friedensvertrages, und schließlich darüber, wie die Bischöfe Valentin Alsáni von Fünfkirchen und Paul Horváti von Agram die Reliquien nach Hause begleiteten und an ihren endgültigen Platz stellten. Der Verfasser gehörte mit Sicherheit zum unmittelbaren Gefolge des gebildeten Fünfkirchner Bischofs. Bestimmend für die gedankliche Welt der Arbeit ist das aus der Kultur der Ritterzeit in die Frührenaissance hinüber neigende Ideengut, worin der Drang nach Ruhm und Ehre bzw. das Lob der ausgezeichneten und angenehmsten (insignis et amoenissimus) natürlichen Umgebung beträchtlich an Raum gewinnt. Der Stil ist von den für die Kanzlei typischen Satzkonstruktionen durchdrungen, doch jedes Wort strömt den Wunsch nach Überzeugung aus (pulcher v. decorus stylus, affatus faccundus).
Die Visionsliteratur
Der volkstümlich-weltliche Zweig der religiösen Literatur, die Visionsliteratur, hinterließ in der lateinischsprachigen Literatur Ungarns kaum Spuren. Umso mehr dafür dort, wo man Visionen von Ungarn, um sie zu beglaubigen, aufgezeichnet hat. Seit dem 12. Jahrhundert war das Purgatorium des St. Patrik, eine in Schwefeldämpfe gehüllte Höhle in der irischen Provinz Ulster, ein beliebtes Ziel vieler Pilger, die Neigung zu wundersamen Gesichten verspürten. Auch zahlreiche Ungarn kamen hierher, nachhaltigen Einfluß auf die Literatur übten jedoch nur die Pilgerfahrten von Krisafans Sohn Georg im Jahr 1353 und des Laurenz Tar im Jahr 1411 aus. Die Visionen der Pilger aus der Anjouzeit wurden von einem unbekannten Augustiner aufgeschrieben. König Sigismunds Baron Tar hingegen ließ sie beim königlichen Notar in Dublin schriftlich niederlegen, der sogar dessen eigenhändige Notizen in seine Arbeit übernahm.
Beide Geschichten beinhalten original anmutende Visionen, doch kann man darin auch zahlreiche Begebenheiten lesen, die sich aus den Topoi des Handbuches für Höllenfahrer, der Geschichte des Ritters Oenus aus dem 12. Jahrhundert, ableiten lassen. Von der Wallfahrt des Laurenz Tar blieben in der Literatur über die Dubliner Aufzeichnung hinaus noch andere Spuren erhalten. Wie schon im Zusammenhang mit der ungarischsprachigen Ritterepik erwähnt, schuf man wohl zu Beginn des 15. Jahrhunderts in ungarischer Sprache ein Lied über die Visionen des Meisters Laurenz, daneben entstanden aber auch Versionen in lateinischer Sprache. Diese Stücke der Visionsliteratur sind von hohem literarischen Wert: Einerseits boten sie der schöpferischen Phantasie des Dichters durch die Offenheit der Kunstgattung ein weites Feld, ihre Handlung stufte man als schöngeistige Literatur ein. Andererseits sprach aus ihnen in sehr persönlichem Ton der religiöse Zweifel, welcher mit seiner individuellen Betrachtungsweise der neuen Gedankenwelt, dem Humanismus, den Weg ebnete.
Das Schrifttum: Urkunden, Briefe, Formelbücher
Im 14.-15. Jahrhundert fand die Praxis der Urkundenausgabe in immer stärkerem Maße Verbreitung. Die gut voneinander unterscheidbaren Typen der mittelalterlichen Urkunden bildeten sich heraus, und für jeden einzelnen Typ wurden bestimmte, mit der Zeit starr gehandhabte Formeln üblich. An ihrem Stil konnte man mehr und mehr den Einfluß der Lehrbücher wahrnehmen. Gleichzeitig erschienen die persönlich gehaltenen Briefe. Sie füllten, soweit es die gebundenen Formen gestatteten, eine Leere aus und wurden so zu Vorläufern des neuzeitlichen privaten oder diplomatischen Briefwechsels. Das Hinterlassenschaftsmaterial erweiterte sich nicht nur mengenmäßig, sondern auch in sozialer Hinsicht. Auf der einen Seite kann man Aristokraten sehen, die ihre Briefe eigenhändig schrieben (Benedikt Himfi, Laurenz Tar), auf der anderen die typischste Gestalt des Zeitalters: den Schreiber, den weltlichen Schreibkundigen, der sich im Besitz seiner Kenntnisse nun sogar schon bereit zeigte, Urkunden zu fälschen (z.B. der Schreiber Johann unseligen Andenkens).
Auch die Rechtspflege erweiterte und konsolidierte sich. Die Zahl der aus diesem Zeitalter überlieferten einschlägigen Denkmäler ist bereits beträchtlich. Bei ihrer Formulierung verfuhr man ebenfalls nach den Regeln zur Abfassung von Urkunden. Das höchste Organ der Schriftlichkeit bei Hofe, die Kanzlei, nahm einen stark behördlichen Charakter an. Damals ließ Vizekanzler Tatamér, zwecks Feststellung der Verantwortlichkeit, die Aufzeichnungen der Kanzlei in Urkunden über- und den Text dann in Registern eintragen (den späteren sog. königlichen Büchern). Im Laufe des 14. Jahrhunderts differenzierte sich die Tätigkeit der Kanzlei. Es wurde zur Regel, daß verschiedene Abteilungen sich mit verschiedenen Angelegenheiten befaßten. Neben den authentische Tätigkeit ausübenden Orten im ganzen Lande nahm auch eine Hofstelle diese Tätigkeit auf: die königliche Kapelle.
Charakteristisch für den neuartigen Stil der Kanzlei sind jene Schenkungsbriefe, mit denen König Karl die Güter des Felician Zah unter seinen Anhängern aufteilte. Wie bekannt, strafte das Urteil die Verwandtschaft und Nachkommen des Attentäters bis ins siebte Glied. Die Schuld sowie die Grausamkeit der Sühne fanden nicht nur in den Chroniken Niederschlag, auch in der Narratio vieler Urkunden hallte das Erschrecken des Hofes noch lange Jahre wider. Diese hoben nämlich nicht so sehr die Verdienste des Schenkenden hervor (was eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre), sondern malten stattdessen unter Zuhilfenahme von rhetorischen Bildern und unerhört wendungsreichen Schilderungen die Bösartigkeit des verurteilten Attentäters aus. Am anschaulichsten wird dies in der dramatischen Vortragsweise des Urteilsbriefes (proscriptio) aus dem Jahr 1330.
Der Verfasser der Urkunde beklagt zunächst die Hoffnungslosigkeit im Jahrzehnt nach dem Aussterben des Arpadenhauses und stellt dieser als Kontrast die friedliche Zeit unter der Regierung Karls gegenüber, dadurch eine gewisse Spannung schaffend. Anschließend geht er abrupt zur Beschreibung des Attentas über: Der füchsige (vulpinae dolositatis astutia), vom Teufel besessene Felicianus, dieser kranke und schamlose Hund (morbidus et impudicus canis) - dessen Namensethymologie der Autor sogar mit der Bedeutung "Schmerz" in Zusammenhang brachte und den er weiter unten in einem Wortspiel als Unglücklichen (Infelicianus) bezeichnete oder eher verspottete -, habe sich nicht gescheut, seine unermeßliche Gier durch das Vergießen heiligen Blutes zu stillen, und habe die königliche Familie bis zu den Wurzeln ausrotten wollen. Mit seiner unerhörten Tat sei er nicht nur vor der göttlichen Majestät, sondern auch vor den Bürgern der Erde und des Himmels schuldig geworden, so daß ihm seine Strafe von der Rechten Gottes zuteil wurde.
Um das Abfassen von Urkunden erlernen und anwenden zu können, standen Formelbücher zur Verfügung, die man damals in den Werkstätten des Schrifttums in immer größerer Zahl herstellte. In dem Kodex, der auch die Karlsburger Zeilen überliefert hat, sind 14 Urkundenmuster zu lesen, die um 1320 in Stuhlweißenburg von Franziskanern zusammengestellt wurden. Die Sammlung enthält Urkunden im Zusammenhang mit der Verwaltung und Pastoration des Ordens. Das zweite Denkmal ist in einem Kodex mit den Aufzeichnungen des Bartholomäus Tapolcai von der Wiener Universität auf uns gekommen. In ihn hatte der Eigentümer bis einschließlich zum Jahr 1385 eine aus 34 sachlich eng zusammengehörigen Stücken bestehende Sammlung übertragen, die dazu berufen war, dem Erzdechanten die Rechtsfindung in Eheangelegenheiten zu erleichtern.
Neben Formelbüchern entstanden in Ungarn aber auch richtige Lehrbücher der Rhetorik oder Rechtswissenschaft. Nach seinen Studien in Bologna und seiner Zeit als Rektor der Erlauer Kapitelschule stellte der Domkapitular Johann Uzsai zwischen 1346 und 1351 ein auf echten Rechtsfällen gründendes Lehrbuch zusammen, das zur Verbesserung der praktischen Rechtsausbildung beitragen sollte, wozu natürlich auch eine Einführung in die Kunst des Formulierens gehörte. Diese in ein Vorwort und vier Teile gegliederte Ars dictaminis, oder besser Ars notaria, Pariser Typs fand im Erlauer Domkapitel in den folgenden einhundert Jahren auch tatsächlich Anwendung. Sie enthält neben theoretischen grammatischen Ratschlägen auf der Grundlage der spätantiken Grammatik des Donatus die Formeln der meisten für wichtig befundenen Urkundentypen.
Die Dichtkunst
Blieb die Hagiographie im 14. Jahrhundert auch eher in bescheidenen Rahmen, umso mehr entfaltete sich dafür die liturgische Dichtung. Die damals entstandenen Hymnen, Sequenzen oder Gedichtspsalter kündeten vom Ruhm der ungarischen Heiligen. Unbekannte Dichter schrieben, was dem Interesse der Angeviner ebenfalls entsprach, Sequenzen über die Heiligen des Arpadenhauses - den hl. Stephan und hl. Ladislaus, die hl. Elisabet -, eine Hymne über König Stephan sowie einen Gedichtspsalter über Herzog Emmerich den Heiligen. Zur gleichen Zeit schufen die Graner Domherren in Form eines vierzehnzeiligen Distichons eine Antiphonie zu Ehren des hl. Adalbert, des Schutzpatrons ihrer Kathedrale. Dichtende Mönche trugen mit Werken über die Ordensheiligen zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsbewußtseins ihrer Orden bei: Aus der Feder eines Paulinermönchs wurde im Laufe des Jahrhunderts die Sequenz über den hl. Eremiten Paulus geboren, und ein Dominikaner verfaßte um 1300 das Officium der hl. Margarete.
Die Chronik des Johann Thuróczy hat als Schriftdenkmal den Leoninus-Hexamter überliefert. Der 15 Zeilen umfassende Hexamter über den Tod König Karls folgt nach der Grabrede von Bischof Casanád Telegdi und vor der Chronik des Johann von Küküllõ. Wie den Prosatext der Grabrede dürfte auch ihn vermutlich ein zeitgenössischer Autor zu Papier gebracht haben. Wahre Vollendung erfuhr die weltlich geprägte Lyrik jedoch in dem Poem des Heinrich von Mügeln über die ungarische Geschichte. Jeder aus mehr oder weniger Strophen bestehende Teil der Reimchronik des berühmten Meistersingers war in ein eigenes, von den anderen abweichendes Versmaß gesetzt, und dazu gehörte seinerzeit noch eine (auch heute bekannte) selbständige Melodie. Gewissenhaft hatte der Dichter selbst das notiert, wenn eine Melodie oder Versform nicht seine Eigenschöpfung, sondern von einem anderen Dichter übernommen war.
In einigen Werken der mittelalterlichen Dichtung tauchte zu jener Zeit, als die Kultur mehr und mehr weltliche Züge annahm, auch die Kirchenkritik auf. Ein ungarischer Kleriker schrieb um 1310 jenes Gedicht, das unter der Überschrift "Klage der Priester" (Planctus clericorum) mit bitteren Worten die Thronkämpfe in Ungarn, die Einmischung seitens des Papstes sowie die gewissenlose Prasserei des ungarischen Klerus schilderte. In derselben steiermärkischen Sammlung findet man auch die Klage der fahrenden Studenten, das Werk eines anderen Dichters, der vielleicht kein Mann der Kirche, sondern ein fahrender Student war. In seinen von Traurigkeit überschatteten Strophen beklagte er das schwere Schicksal der gebildeten Studenten, denen eine Stelle als Priester verwehrt blieb, und die Verderbtheit der Welt überhaupt. Mit diesen Stücken bzw. der in scharfen Worten geübten Kritik hatte man auch auf dem Gebiet der mittelalterlichen Lyrik die Schwelle zur Renaissance betreten.
