KIRCHE UND GESELLSCHAFT
Christlicher Alltag
Das alltägliche Leben der Menschen verlief innerhalb der von der Kirche abgesteckten Rahmen. Den Rhythmus der Zeit bestimmte im Mittelalter der Wechsel zwischen dem Alltag, der mit den an die Jahreszeit gebundenen Arbeiten angefüllt war, und den durch das Kirchenjahr vorgeschriebenen Sonn- und Feiertagen. Häufig bedeuteten die kirchlichen Feiertage auch jene Stichtage, an welchen die Leibeigenen der Dörfer, die die große Mehrheit der Landesbewohner bildeten, ihre verschiedenen Abgaben an die Grundherren zu leisten hatten. Kalenderfeiertage waren in erster Linie an den Kult der Heiligen gebunden, den Tag des Schutzpatrons ihrer Kirche feierten die einzelnen Kirchgemeinden auch gesondert. Die Anjoukönige haben in bedeutendem Maße zur Popularisierung des Kults um die Heiligen ("hl. Könige") aus dem Arpadenhaus, insbesondere des Kults um den hl. König Ladislaus, beigetragen. Nicht zuletzt auch König Sigismund, der sich in Wardein neben dem Grab des hl. Ladislaus bestatten ließ.
Heiden, Abtrünnige
Die Sprache der von den Priestern vorgenommenen liturgischen Zeremonien war Latein. Schon früh dürfte sich aber auch der vulgäre Sprachgebrauch der Kirche herausgebildet haben, der in erster Linie für die im Rahmen der Messe erklingende Predigt sowie für die Beichte, das muttersprachliche Eingeständnis der Sünden, verwendet wurde. Indes gab es in Ungarn auch außerhalb der Kirche lebende, nicht-christliche bzw. nicht-katholische Bevölkerungsgruppen. Um die Heiden und Abtrünnigen zu bekehren, unternahm man besonders in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts außerordentliche Anstrengungen, denn König Ludwig hielt dies für seine erstrangige Pflicht als Monarch. Die Juden suchte er ebenfalls zu bekehren. Nachdem dies jedoch mißlang, vertrieb er sie um 1360 aus dem Land. Und wenngleich er sein Dekret 1364 wieder aufhob, kam die Mehrzahl der Vertriebenen nicht mehr zurück. Die an ihrer Stelle aus westlichen Ländern eingewanderten Juden, die sich hauptsächlich in größeren Städten ansiedelten, konnten ihren religiösen Sonderstatus als geschlossene Gemeinschaften bewahren, obwohl es Anfang des 15. Jahrhunderts sogar zu antijüdischen Ausschreitungen kam.
Der Bekehrungs- und Anpassungsprozeß im Kreise der Kumanen lief selbst nach den Gesetzen des Jahres 1279 nicht ganz reibungslos ab, da sie noch immer an ihrer heidnischen Lebensweise und den alten Traditionen festhielten. Die ursprünglich nach byzantinischem Ritual lebenden Jazygen hatten ihre Privilegien ihren Militärdiensten zu verdanken. Ihre Bekehrung zum katholischen Glauben, an der die Bettelorden maßgeblichen Anteil nahmen, dauerte mehrere Jahrhunderte und dürfte etwa in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts abgeschlossen worden sein. Zum Teil läßt sich diese Verzögerung mit ihrer Abneigung gegen die Zahlung des Zehnten erklären. Im 14. Jahrhundert wurde auch die Besiedlung der Randgebiete des Landes fortgesetzt, wo sich Teilvölker orthodoxen Glaubens niederließen. Die Bekehrung der von Nordosten einströmenden Ruthenen sowie des anderen, zahlenmäßig bedeutsamen Ethnikums (ca. anderthalb Tausend), der Rumänen, die sich über die Südkarpaten kommend in Siebenbürgen ansiedelten, nahm Ludwig I. ebenfalls mit Hilfe der Franziskaner in Angriff.
Nach der 1366 erfolgten Einigung der Völker orthodoxen Glaubens mit der katholischen Kirche konnte nur derjenige geadelt oder zum Kenéz erhoben werden, der katholisch geworden war. 1386 zerbrach die Union, und 1428 versuchte Sigismund, die Politik Ludwigs wieder aufzugreifen. Dessen ungeachtet wuchs ihre Zahl ständig, und die Quellen des behandelten Zeitraums berichten bereits von ihren Kirchen und Klöstern. Ein Teil der geadelten Rumänen (Kenéz) katholisierte zwar weiter, allerdings nicht gezwungenermaßen, sondern aus Prestigegründen, weil der Religionsunterschied für die damals häufigen Eheverbindungen mit ungarischen Adelsfamilien ein unüberwindliches Hindernis darstellte. In ähnlicher Weise betrachtete die katholische Kirche auch die nach orthodoxem Ritual lebenden Serben als Abtrünnige, die vom Ende des 14. Jahrhunderts an vor den Türken flohen und sich in Sirmien bzw. im Komitat Keve niederließen. König und Grundherren hingegen gewährten auch ihnen - wohl in erster Linie aus ökonomischem Interesse - die Möglichkeit zur freien Religionsausübung.
Die Erweiterung der Kirchenorganisation
Zur Zeit der Angeviner erreichte die ungarische Kirchenorganisation ihre größte Ausdehnung. Die auf den Ausbau von Vasallenstaaten entlang der östlichen und südlichen Landesgrenzen gerichtete königliche Politik traf sich mit den Bestrebungen der katholischen Kirche, das Bekehrungswerk voranzutreiben, was meist den Franziskanern oblag. Auch die Bischöfe der Missionen kamen häufig aus den Reihen der Mitglieder von Bettelorden. 1322 erneuerte Karl I. das noch Ende des 13. Jahrhunderts gegründete, aber bald darauf wieder abgeschaffte Bistum Belgrad. Ludwig I. unternahm 1354 einen erfolglosen Versuch, die Diözese Milko erneut zu organisieren, und das südlichste ungarische Missionsbistum in Bodony (Vidin, Bulgarien) wurde 1365 ebenfalls von Ludwig I. gegründet. Allerdings war ihm, ähnlich wie der 1382 gegründeten Diözese Arges, kein allzu langes Leben beschieden (beide bestanden nur bis 1386). Das 1371 zur Bekehrung des Rumänentums jenseits der Karpaten gegründete, bis zum Ende des 15. Jahrhunderts bestehende Bistum von Siret unterstand unmittelbar der Gerichtsbarkeit des Heiligen Stuhls und man zählte es somit nicht zur ungarischen Kirchenorganisation. Würdigung fanden in den königlichen Urkunden wiederum - obgleich nicht zur ungarischen Kirchenorganisation gehörend -, auch die dalmatischen und kroatischen Kleriker.
Ketzer
Der Kampf gegen das Ketzertum konzentrierte sich im 14. Jahrhundert auf die Flagellanten und Waldenser, vor allem aber auf die in Bosnien verbreiteten patarenischen Strömungen. Mitunter dienten die Feldzüge König Ludwigs in den Süden ausgesprochen diesem Ziel. Vom 15. Jahrhundert an bestanden Verbindungen zwischen den Ketzern der südlichen Landesgegend und dem Hussitentum, das sich ursprünglich im Oberland verbreitet hatte. Sigismund führte nämlich ab 1420 einen Kreuzzug gegen die böhmischen Hussiten, die als Antwort darauf ab 1428 regelmäßig Vernichtungsfeldzüge nach Ungarn unternahmen. Schließlich einigte man sich im Rahmen des Basler Reformkonzils 1433 mit den Kalixtinern, und im Bündnis mit ihnen wurden 1434 die Taboriten besiegt. Eine bedeutende Rolle spielten die Lehren des Jan Hus auch bei der Vorbereitung des siebenbürgischen Bauernaufstandes von 1437. Die aus Kamanc gebürtigen Studenten Thomas (Tamás) und Valentin (Bálint), Übersetzer eines Teils der Bibel ins Ungarische, konnten sich vor der auf mehrere Bistümer in der südlichen und östlichen Landesgegend ausgedehnten Missionstätigkeit des Franziskaners Jakob von Marchia nach Moldau retten.
Bildung, Schulen, Universitäten
Auch im behandelten Zeitraum hat sich die Kirche besonders um die Bildung verdient gemacht. Die Kloster- und Domschulen (Kapitelschulen) dienten in erster Linie zur Ausbildung des Priesternachwuchses. Neben den sieben freien Künsten aber lehrte man in einigen von ihnen, im Interesse der Wahrung der Landesrechte, auch Jurisprudenz und bereitete die Studenten auf eine weltliche Laufbahn vor (Kanzlei, authentische Tätigkeit ausübende Orte). Anfang des 14. Jahrhunderts nahm die Ofner Hochschule der Dominikaner (studium generale) den Lehrbetrieb auf, indes war dies keine richtige Universität.
1367 gründete Ludwig der Große in Fünfkirchen die erste ungarische Unviversität, wozu Papst Urban V. - mit Ausnahme der theologischen Fakultät - auch seine Genehmigung erteilte. Doch im ausgehenden 14. Jahrhundert wurde die Universität wieder geschlossen. Noch kürzere Zeit bestand die von Sigismund 1395 eingerichtete Ofner Universität, die der König wegen der hussitischen Bedrohung 1410 unter Mitwirkung des päpstlichen Legaten Branda Castiglione neugründete. Eine Abordnung der Universität nahm zwar auch am Konstanzer Konzil teil, aber schon in den Quellen der 1420er Jahre wird die Einrichtung nicht mehr erwähnt. Die nach Universitätsbildung strebenden Ungarn mußten also die Universitäten im nahe gelegenen Wien oder Krakau besuchen.
Neben dem für nur wenige erreichbaren Universitätsbesuch boten vom 14. Jahrhundert an die Kirchfahrt und Wallfahrten ins Ausland bereits breiteren Schichten der Gesellschaft Reisemöglichkeiten. Beliebtester Wallfahrtsort ungarischer Pilger war Aachen in Deutschland, insbesondere seit Ludwig I. 1367 dort eine Kapelle mit den Reliquien der heiligen Könige (Stephan, Emmerich und Ladislaus) gestiftet hatte. Darüber hinaus pilgerten Ungarn auch gern nach Jerusalem, Rom und Compostela.
