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Die Männer- und Frauentracht
Bilderchronik: östliche und westliche Mode
Unversehrte Kleidungsstücke aus dem 14.-15. Jahrhundert sind in Ungarn nicht erhalten geblieben, so daß wir unsere Kenntnisse darüber aus Schriftquellen (Testamenten, Inventarverzeichnissen) und von zeitgenössischen Darstellungen beziehen. Angaben zur Geschichte der Tracht können neben Wandgemälden, Tafelbildern, Skulpturen und Miniaturen in Kodizi unter anderem die zur Beglaubigung von Urkunden dienenden Siegel, ja sogar Grabsteine beisteuern. Allerdings lassen sich mittelalterliche Darstellungen nur vorbehaltlich als kunsthistorische Dokumente heranziehen, denn bei einem Teil der Trachten handelt es sich um seit der Antiquitätenepoche abgebildete "zeitlose" Kleider, bei einem anderen Teil um Nachahmungen von als Muster dienenden Kunstwerken, während die auf den Darstellungen sichtbaren Abzeichen oder Gegenstände oft symbolische Bedeutung haben.
Das Titelbild der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstandenen Bilderchronik (illustriertes Geschichtswerk) stellt König Ludwig den Großen dar. Der auf seinem Thron sitzende Monarch trägt ein gestreiftes Gewand und einen hermelingefütterten Umhang. Unter seinem Gefolge lassen sich anhand der Bekleidung zwei Gruppen absondern: Rechts von ihm stehen nach westlicher Mode gekleidete, gepanzerte Ritter mit Schwert und Schild, zu seiner linken orientalische Kleidung tragende Männer in langen, kaftanartigen Gewändern, die mit Pfeil, Bogen und Säbel ausgerüstet sind. Diese Duplizität war bis zum Ende des behandelten Zeitraums typisch für die ungarländische Bekleidung. Von der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an ist neben der westlichen Mode die Verbreitung der kumanischen, ab dem 15. Jahrhundert der benachbarten balkanischen und dann in immer stärkerem Maße der türkischen Tracht zu beobachten.
Die westliche Tracht
In den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts bestand noch immer die frühere Mode, mehrere aus demselben Stoff genähte, aber farblich verschiedene, weite Gewänder übereinander zu tragen und diese mit einem Gürtel zusammenzufassen. Auf dem 1317 entstandenen Wandgemälde der Kirche von Szepeshely ist auch der Waffenträger Karls I., Thomas Semsei, Kommandant der Zipser Burg, in solch einem Anzug zu sehen. Die große Wende in der europäischen Mode kam mit den 1340er Jahren, in Ungarn erst etwas später. Von dieser Zeit an folgte die Oberbekleidung mehr und mehr den Körperformen, wurde enger und kürzer.
Auf den Miniaturen der Bilderchronik ist die neue Tracht - die in Ungarn zuerst am Hofe erschien, wo man sich an der Kleidung der westlichen Aristokratie orientierte - gut zu beobachten. Als Unterwäsche diente den Männern eine badehoseartige, kurze Unterhose, Berhe genannt. Mann kann sie auf Bildern mit Darstellungen sich kasteiender Flagellanten sehen. Die Berhe wurde von einer um die Taille gebundenen Schnur gehalten, an der die als Beinkleider verwendeten farbigen Strümpfe (mit anderen Worten die Hose, beide Wörter bedeuteten damals noch das gleiche) befestigt waren. In solchen Strumpfhosen - so hat es die Bilderchronik bildlich überliefert - schleppte man bei der Belagerung von Krakau das Erdreich heran.
Das als Unterwäsche am Oberkörper getragene Hemd verbreitete sich erst ab Anfang des 15. Jahrhunderts. Es ist z.B. auf dem Wappenbrief von Kistárkány zu sehen, den König Sigismund ausstellte: ein weites, fast bis zum Knie reichendes, an Hals und Ärmeln geschlossenes Leinenhemd. Im 14. Jahrhundert trug man die farbige Tunika mit engen Ärmeln noch ohne irgendwelche Unterbekleidung. Die Tunika reichte etwa bis ans Knie, schmiegte sich bis zur Taille eng an den Körper und wurde von da an weiter. Zum Verschließen des auf den Körper zugeschnittenen Gewandes dienten Knöpfe, Schnüre oder Riemen.
Der Panzer wurde über die Tunika gestreift, das Kettenhemd war etwas kürzer als die Tunika. Das im 12.-14. Jahrhundert über dem Panzer getragene weite, an der Taille von einem Gürtel umschlossene Waffenhemd kam zu Beginn des 14. Jahrhunderts aus der Mode. Eine der letzten Darstellungen dieses Kleidungsstücks ist auf einem 1317 geschaffenen Wandgemälde über den hl. Ladislaus in Kakaslomnic zu finden. An seine Stelle traten ein bis zur Mitte der Oberschenkel reichender oder knielanger Umhang mit Kapuze, ein straff sitzender Waffenmantel oder ein aus Leder gefertigter, unten durch Einschnitte verzierter - besser gesagt bequemer gemachter -, enger Lendenrock. Der Gürtel verlor seine Funktion, wurde nicht mehr um die Taille sondern auf der Hüfte getragen, und diente in erster Linie zur Zierde.
Ein Kleidungsstück für besondere Anlässe war der Mantel, den man - wie Ludwig I. auf dem Titelblatt der Bilderchronik - über der Tunika trug. Dieser Mantel wurde häufig bestickt, mit Spitzen und Silberagraffen geschmückt, und sehr beliebt war auch das aus mehreren Farben zusammengestellte oder eventuell aus verschiedenfarbigen Streifen gefertigte Oberkleid. Um den Witterungsverhältnissen gerecht zu werden bzw. der Repräsentation zuliebe legte man über den Mantel noch einen mit Edelpelz gefütterten Umhang. Nach der Mode richteten sich in erster Linie die Vornehmsten, und unter diesen wiederum vor allem die Jüngeren, denn die ältere Generation hielt weiterhin an den knöchellangen Oberkleidern fest.
Ende des 14. - Anfang des 15. Jahrhunderts kam es zu einem Wandel in der Männermode, der an den Gestalten des Budaer Skulpturenfundes gut zu verfolgen ist. Als Oberkleid über den sich damals verbreitenden Hemden trug man eine ab Mitte des Jahrhunderts Dolman genannte, bis zur Taille enge Tunika mit geschlitzten Ärmeln, die unterhalb des Gürtels weit und gefältelt war. Zur vornehmen Tracht gehörte weiters ein über dem Dolman oder Hemd angelegter, an der Seite häufig geschlitzter Umhang oder Rock aus Samt bzw. Brokat, den ein Pelzkragen und -saum zierten. Bestandteile der alltäglichen Kleidung waren auch die mit Federn oder Pelz dekorierten Kopfbedeckungen, Hüte oder Mützen.
Die auch die Füße bedeckenden Strumpfhosen hatten als Schutz gegen Abnutzung Ledersohlen, an denen man häufig noch eine dickere Leder- oder Holzsohle anbrachte. Daneben trugen die Vornehmen auch kurze, stiefelartige, an den Knöcheln geschnürte Schuhe aus weichem Handschuhleder, die mitunter durch Einschnitte in Form eines Spitzenmusters verziert wurden. Dies war keine haltbare Fußbekleidung, weshalb man davon, ähnlich wie bei den Handschuhen, immer gleich mehrere Paar erwarb. Dessen ungeachtet kam bei verschiedenen Grabungen doch Schuhwerk in relativ unsersehrtem, durchaus rekonstruierbarem Zustand ans Licht. Ein wilder Trieb der Schuhmode waren die im 14. Jahrhundert verbreiteten sog. Rüsselschuhe. Die das Gehen erschwerende, unsinnig lange Spitze der Schuhe wurde versteift oder hochgebunden. In Ungarn fand diese Mode jedoch kaum Anhänger.
Die östliche Kleidung
Die typische Bekleidung der Kumanen bestand aus einem langen Rock oder Kaftan, einer hohen, spitzen Mütze sowie Stiefeln mit weicher Sohle. Der aus Innerasien stammende Kaftan wurde an der Seite geschlossen und ähnlich wie die langen Röcke fernöstlichen Ursprungs (beispielsweise der Gestalten auf dem Titelblatt der Bilderchronik) häufig aus feinem Seidenstoff angefertigt. Ein wichtiges Element der Tracht war der Waffengürtel, den man - wie die erhalten gebliebenen Exemplare bezeugen - interessanterweise hauptsächlich mit abendländischen Motiven verzierte. Die kumanischen Männer trugen abweichend von den christlichen Bräuchen keinen Backenbart, sondern einen dünngezwirbelten Schnurrbart. Ihren Kopf schoren sie vorn kahl, und das am Hinterkopf verbleibende Haar flochten sie zu Zöpfen.
Der Panzer
Den Körper der Krieger schützte ein Ketten- oder Blechpanzer, zwischen diesen beiden Grundtypen existierten aber auch Übergangstypen. Für den Kettenpanzer fertigte man aus flachgehämmerten Drähten Ringe an und lötete diese zu einem langärmeligen Hemd zusammen. An den gefährdetsten Körperstellen wurde er meist noch mit zusätzlichen Schutzblechen besetzt. Der Schuppenpanzer entstand aus schuppenartig aneinander gehefeten Metallplättchen, und die ebenfalls beliebte Brigantine war ein mit Eisenblechen gefüttertes Lederhemd. Die leichte Reiterei, vor allem bei den Kumanen, trug einen aus mehren Schichten übereinander gelegten Lederpanzer.
Vom 14. Jahrhundert an entwickelte sich aus den bestimmte Teile des Kettenhemdes verstärkenden Eisenblechen der Blechpanzer, der nach und nach immer größere Körperflächen bedeckte, und bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts waren die Ritter dann von Kopf bis Fuß in Eisen gekleidet. Eine vollständiger Panzerrüstung wog 20-25 kg. Sie bestand aus separaten Brust-, Rücken-, Arm- und Beinpanzern, die mit Riemen befestigt wurden. Als Schutz der Hände trug man Panzerhandschuhe und an den Füßen Panzerstiefel. Die Anschaffung einer solchen Rüstung, die den Wert mehrerer Dörfer hatte, konnte sich nur eine enge Schicht, ein kleiner Teil des Adels, leisten.
Zum Schutz des Kopfes waren mehrere Helmtypen in Gebrauch. Mit Beginn des 14. Jahrhunderts kam der flache, zylindrische Kessel- oder Topfhelm langsam aus der Mode und wurde bald gar nicht mehr benutzt. An seiner Stelle übernahm man den oben kegelförmigen Helm, der einem gegnerischen Schlag weniger Angriffsfläche bot. Die Grundvariante bestand aus einem einfachen konischen oder glockenförmigen, leichten Helm, der sich in einem daran befestigten Kettenharnisch als Schutz für Hals und Schultern fortsetze, wobei das Gesicht aber unbedeckt blieb. Wesentlich mehr Sicherheit boten der vollständig geschlossene Eimerhelm bzw. der von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an verwendete Helm mit Visier; hier schützte das Gesicht ein an den Helm genietetes, durchbrochenes Visier, das man öffnen konnte.
Zu erkennen waren die in geschlossener Rüstung kämpfenden Ritter an ihrem auf den Schild gemalten Wappen und dem Helmschmuck. Die frühesten Wappenverleihungen in Ungarn bestanden eigentlich in Helmschmuckschenkungen, hinter denen die Darstellungen an Schilden häufig noch zurückstanden. Auf dem Siegel des Landesrichters Thomas Szécséni beispielsweise ist der Helmschmuck - ein aus dem Helm herauswachsender, bekrönter Löwe - gut auszumachen, der Schild allerdings fehlt. Helmschmuck der Anjoukönige war ein auf ein Hufeisen beißender, bekrönter Vogel Strauß. Diese Darstellung blieb an zahlreichen zeitgenössischen Denkmälern erhalten. Einen Wendepunkt im ungarischen Wappengebrauch bedeutete das Konstanzer Konzil. Der ungarische Adel hatte bei seinen Auslandsreisen den Wappengebrauch des Westens kennengelernt, und viele erbaten sich nun von König Sigismund ein Wappen.
Waffen
Wichtigste Angriffswaffe war das Schwert. Es gab zwei Grundtypen, die in Ungarn beide benutzt wurden. Das gerade, zweischneidige Schwert westlichen Typs war die Waffe der schweren Reiterei, während man den gekrümmten Säbel mit zum Ende hin verbreiterter Klinge bei der leichten Reiterei einsetzte. Letztgenannten bildete man auf zeitgenössischen Darstellungen als typischen Bestandteil der östlichen Tracht ab. Als Ergänzung zum Schwert dienten im Nahkampf Dolche und Kampfmesser. Die am weitesten verbreitete Hieb- und Brechwaffe im behandelten Zeitalter war der Streitkolben. Sein hauptsächlich aus Bronze gegossener Kopf hatte unterschiedliche Formen, am häufigsten gab es den Typ des Morgensterns.
Zu den Hiebwaffen gehörten ferner die in mannigfaltiger Größe und Form hergestellten Streitäxte bzw. Äxte. Am häufigsten findet man in der ungarischen Kunst die auf den verschiedenen Darstellungen von Ladislaus dem Heiligen zu sehende Axt. Man betrachtete sie auch als Attribut des Ritterkönigs bzw. als ein Symbol, das dem Betrachter behilflich war, ihn zu erkennen. Im übrigen läßt sich auf den Wandgemälden der Legende über den hl. Ladislaus die vollständige zeitgenössische Bewaffnung identifizieren: Der kampfbereite König und sein Gefolge preschen mit gesenkten Lanzen auf die mit gespannten Bögen nahenden feindlichen Kumanen zu. Größe und Form der Lanzen oder Speere richteten sich danach, wem sie als Waffe dienen sollten (z.B. einem zu Fuß kämpfenden Krieger oder einem Reiter).
Unter den im Fernkampf benutzten Angriffswaffen kam dem Bogen bzw. dessen weiterentwickelter Variante, der Armbrust, die größte Bedeutung zu. Der Bogen genoß in erster Linie bei den leicht berittenen Kumanen hohes Ansehen. Ähnlich wie der Säbel zählte auch er auf zeitgenössischen Darstellungen als Bestandteil der orientalischen Tracht. Doch seine Anwendung war nicht ausschließlich auf dieses Ethnikum beschränkt. Die auf Wandgemälden oder Miniaturen in aufgespanntem Zustand sichtbaren Bögen gehören zu ein und demselben Typ, es waren sog. Reflexbögen. Zur Aufbewahrung der Pfeile dienten Köcher bzw. die den Bogen schützenden Bogenköcher. Einzelne zeitgenössische Wandmalereien haben diese Hilfswaffen so exakt festgehalten, daß dadurch ihre Rekonstruktion möglich wurde.
Frauentracht
Der Wandel der Mode im 14. Jahrhundert veränderte auch die Frauentracht. Wichtigstes Element der neuen Mode war die Betonung der Figur. Anstelle der für frühere Jahrhunderte typischen geschlossenen, die Körperform verbergenden Kleider trug die modebewußte Frau ab der Mitte des Jahrhunderts ein bis zur Taille eng anliegendes, tief ausgeschnittenes, von der Taille oder Hüfte an weiter werdendes Kleid mit engen Ärmeln. Da diese Kleider bereits auf die Gestalt ihrer Trägerin zugeschnitten werden mußten, bedeutete das 14. Jahrhundert auch einen Wendepunkt im Schneiderhandwerk. Das Kleid oder der Rock (die beiden Begriffe waren damals noch identisch) wurden einteilig zugeschnitten, mit hoher, unterhalb des Busens ansetzender Taille und einem weiten, faltenreichen Rock.
Anfang des 15. Jahrhunderts kamen anstelle der bis dahin engen weite Kleiderärmel in Mode, die man oftmals wie Spitze zackenartig einschnitt, so daß an den Einschnitten das unter dem Kleid getragene Hemd hervorlugte. Auch der tiefe Halsausschnitt des Kleides wurde so gearbeitet, daß das häufig reich bestickte Hemd zu sehen war. Über dem Kleid legte man gegen die Kälte einen am Hals mit einer Schnalle oder Agraffe verschlossenen Umhang an. Den Saum des Umhangs und mitunter sogar des Kleides zierte Pelzbesatz. Als Kopfbedeckung trugen die Frauen - mit Ausnahme der unverheirateten Mädchen - Schleier oder Hauben, deren Form und Material sehr mannigfaltig waren. Die übertriebensten Auswüchse der westlichen Mode erschienen in Ungarn jedoch nicht.
Die neuste Mode wurde natürlich in erster Linie von den Mädchen und Frauen der Aristokratie getragen. In der Garderobe der Vertreterinnen des mittleren Adels und der Bürgerschaft erschienen diese Stücke oft erst Jahrzehnte später, und auch dann nur in einer weniger anspruchsvollen Ausführung. Das Material der Kleidungsstücke war - sowohl bei Frauen als auch Männern - ein genauer Gradmesser der gesellschaftlichen Position. Da man für Goldbrokatstoffe, Seide und Samt hohe Preise zahlen mußte, konnten es sich nur die Mitglieder der vornehmsten und reichsten Familien leisten, solche Stoffe zu tragen. Die Tuche gehörten ebenfalls zu den Importartikeln. Ihr Preis differierte je nach Herkunftsort und Qualität, so daß jeder die seinem Vermögen und seiner Stellung entsprechende Auswahl treffen konnte.
Schmuck
Schmuck spielte im Mittelalter in zweierlei Hinsicht eine Rolle: Einerseits hielt man ihn neben der Kleidung für das wichtigste Mittel der Repräsentation. Zum anderen sah man darin (neben Ziergefäßen) eine der naheliegendsten Art und Weisen, Werte bzw. Schätze anzuhäufen, die sich im Notfall leicht mobilisieren ließen. Ein Teil der Schmuckgegenstände diente zum Verschließen von Kleidungsstücken oder wurde als Zierde auf den Kleiderstoff genäht. Das waren z. B. die Verschlußspangen der Umhänge, die dekorativen Knöpfe an Kleidern, und nicht zu vergessen den für dieses Zeitalter typischen Gewandschmuck wie Metallknöpfe, Rosetten, Figuren sowie heraldische Motive. Bei Ausgrabungen kamen neben Originalstücken auch die zu ihrer Fertigung verwendeten Prägestöcke ans Licht.
Die wichtigste Ergänzung der Tracht war der Gürtel, dessen modische Variante in diesem Zeitalter um die Hüfte getragen wurde. Prunkvollere Stücke fertigte man aus Metallfäden und schmückte sie mit Gold- oder Silberblechen. Solche Gürtel sind auf den Darstellungen der Bilderchronik ebenso zu sehen wie an den weltlichen Gestalten des Skulpturenfundes aus der Budaer Burg. Gürtel gehörten als wesentlicher Bestandteil nicht nur der westlichen, sondern auch der östlichen Tracht genauso zur Bekleidung von Frauen wie von Männern. Auch goldene Ketten und Fingerringe trugen beide Geschlechter. An den Halsketten hingen Kreuze, eventuell Reliquienbehälter oder Standesabzeichen, die mitunter ein ganzes Vermögen wert waren.
Den wertvollsten Schmuck trug man am Königshof, allerdings sind diese Gegenstände nicht erhalten geblieben. Wie aus den Schriftquellen hervorgeht, wurde Karl I. mit einer goldenen Krone auf seinem Haupt und mit edelsteinbesetzten Schuhen mit Goldsporen an den Füßen beigesetzt. Die drei als Abbild des Königs am Trauerzug teilnehmenden Ritter zierte seine mit den militärischen Rangabzeichen geschmückte goldene Krone, sowohl die Reiter als auch ihre Pferde waren von Perlen und Edelsteinen übersät, und das Pferdegeschirr bestand aus vergoldetem Silber. Königin Elisabet, die Witwe Karls I., hinterließ ihren Enkelinnen in ihrem Testament je eine goldene Krone, aber auch den Klarissen in Altofen vermachte sie edelstein- und perlenbesetzte Kronen.
Die im Wardeiner Grab König Sigismunds gefundene Lilienkrone war im 14. Jahrhundert ursprünglich als Reliquienkrone (also nicht zum Tragen) entstanden. Die im wechselnden Rhythmus der Farben zusammengestellten silbervergoldeten Lilien zieren Edelsteine und Perlen. Im Auftrag des Hofes wurden auch die prächtigen Umhangschnallen angefertigt, die Ludwig I. der ungarischen Kapelle in Aachen zum Geschenk machte. Auf diesen sibervergoldeten, emaillierten Pluvialeschnallen (zwei größere und vier kleinere, die das Pluviale vorn in der Mitte bzw. an den Schultern verschlossen) ist das Wappen Ludwigs des Großen abgebildet. Die interessante Gestaltung der beiden größeren Stücke deutet auf architektonische Vorbilder.
Zur Ergänzung des sich anhand der Schriftquellen bzw. zeitgenössischen Darstellungen abzeichnenden Bildes tragen auch die in Ungarn zum Vorschein gelangten Hortfunde bei. Der Fund von Kelebia, dessen Eigentümerin die Gattin des Matschower Bans Paul gewesen ist, bestand aus 97 Stücken, darunter neben Umhangspange, Ohrgehänge, Armring und Fingerringen auch Knöpfe, Zierbleche und -scheiben. Der ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert stammende Schatz von Körmend enthielt Knöpfe, Siegelringe, die Gewandbeschläge von Kiskunhalas sowie Rosetten. Diese Schmuckgegenstände hatten einheimische Goldschmiede hergestellt, und wie die Ähnlichkeit der Funde bzw. die erhalten gebliebenen Prägestöcke bezeugen, sogar in ziemlich großer Zahl.
Auch im Falle der Hortfunde sind es die Gürtel bzw. Gürtelbeschläge, die besonderen Wert besitzen. Aus dem kumanischen Siedlungsgebiet stammen der in Kígyóspuszta freigelegte, mit Abbildern kämpfender Ritter geschmückte Gürtel, den man Anfang des 14. Jahrhunderts umgearbeitet und durch Knöpfe mit lateinischen Inschriften - Gebete an die Heiligen - ergänzt hat, sowie der Gürtel mit Wappenschild von Felsõszentkirály, dessen Besitzer um 1350 verstarb. Darüber hinaus kamen Prunkgürtel aus der Zeit Ende 14. - Anfang 15. Jahrhundert zum Vorschein: Auf dem Silberbeschlag der Gürtelschnalle von Nagytállya stellte der Goldschmied eine Dame bei der Falkenjagd dar, und den Gürtel von Kerepes ziert Blattornamentik.
Das 14.-15. Jahrhundert war in Europa die Zeit der Gründung weltlicher Ritterorden, und zu den Äußerlichkeiten gehörten natürlich die Ordensabzeichen. Über die Tätigkeit des ersten ungarischen Ritterordens, den von Karl I. gegründeten Orden des hl. Georg, wissen wir gar nichts, lediglich seine Gründungsurkunde blieb erhalten. Der von König Sigismund 1408 gegründete Drachenorden dagegen hat uns zahlreiche Denkmäler hinterlassen. Das Zeichen des Ordens, der zu einem Kreis gekrümmte Drache, wurde von den Mitgliedern entweder auf die Kleidung appliziert oder als Schmuck um den Hals bzw. auf einem über die Schulter geworfenen breiten Band getragen. Mit einem aus Gold gefertigten Drachen um den Hals hat man in Wardein auch Sigismund zur letzten Ruhe gebettet, das bei der Freilegung Ende des 18. Jahrhunderts zum Vorschein gelangte Ordenszeichen ging jedoch verloren.
Die Gegenstände des täglichen Lebens
Wohnungseinrichtung, Möbel
In den knapp 150 Jahren zwischen der Thronbesteigung Karls I. und dem Tode Sigismunds kam es auf dem Sektor der Wohnbedingungen zu bedeutenden Veränderungen. Die Ansprüche aller gesellschaftlichen Schichten waren gestiegen. Anfang des 14. Jahrhunderts bestand die Mehrzahl der Burgen aus nur einem Turm und einer Ringmauer, und in solche Türme schloß sich auch die führende Schicht der Städter ein. Doch zum Ende des 14. Jahrhunderts hatte sich das Bild sowohl der Burgen als auch der Städte wesentlich gewandelt: Innerhalb der Burgen erhoben sich Paläste und Kapellen, in den Städten standen bereits eingeschossige Bürgerhäuser, und zur gleichen Zeit begegnete man in den Dörfer mehr und mehr dem Typ des Wohnhauses mit drei Räumen.
Aus heutiger Sicht betrachtet waren diese Gebäude ziemlich kahl. In der Mehrzahl der Räume standen höchstens ein oder zwei Möbelstücke. Als wichtigstes Möbelstück zählte die Lade, die man in erster Linie zur Aufbewahrung benutzte, wurde doch vom Mehl bis zum Schmuckgegenstand alles in Laden verwahrt. Aber auch als Sitzgelegenheit oder Liegestatt dienten sie. Der früheste Typ war die aus einem Baumstamm geschnitzte, gegen Zerplatzen dicht mit Eisenbändern beschlagene trogartige Truhe - wie beispielsweise die im 14. Jahrhundert entstandene Lade von Szepesbéla. Eine wesentlich entwickeltere Technik erforderte das Zimmern von Laden (z.B. die aus der Hermannstädter Umgebung stammende Lade von Rosenthal), die in Ungarn jedoch erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erschienen und sich verbreiteten
Tische besaßen in diesem Zeitalter noch keinen großen Wert. Zur Essenszeit baute man aus Böcken und Platten provisorisch einen Tisch zusammen, und danach wurde die Tafel im wahrsten Sinne der Wortes wieder "aufgehoben". Bei Tisch saß man auf Hockern oder Bänken, Stühle galten auch im 15. Jahrhundert noch als seltener Luxusgegenstand. Wie zeitgenössische Darstellungen zeigen, war selbst der königliche Thron ein starres, eckiges und unbequemes Sitzmöbel. Auf einem ähnlichen, länglichen Podest ruhten die Betten, die man vom 14. Jahrhundert an auch mit Enden versah. Nach damaliger Sitte schliefen mehrere Leute zugleich in einem Bett, und zwar nackt. Im 15. Jahrhundert hatten auch die Leibeigenen schon Betten, obgleich sich die Männer - dem bis ins 20. Jahrhundert bestehenden Brauch gemäß - im allgemeinen bei ihren Tieren bzw. in den Ställen einen Platz zum Schlafen richteten.
Neben den einfachen Möbeln spielten die Bequemlichkeit und Behaglichkeit verbreitenden Teppiche bzw. Raum- und anderen Textilien eine wichtige Rolle. Einen hohen Wert verkörperten Federbetten und Kissen, die unerläßlicher Bestandteil der Aussteuer waren. Auch in den Haushalten der Leibeigenen gehörten sie dazu, denn Vermögens- und gesellschaftliche Unterschiede zeigten sich eher in ihrer Menge bzw. der Qualität ihres Materials. Teppiche fand man dagegen nur in den Wohnungen vermögender Adliger oder Bürger. Sie konnten vielseitig verwendet werden: zum Abdecken der Betten oder Truhen, als Zierde für Wände, und mitunter ersetzten sie als Raumteiler sogar eine Tür.
Steinfußböden in den Zimmern bzw. verglaste Fenster zählten langezeit als Luxusartikel und tauchten selbst bei den Wohlhabenderen erst im 15. Jahrhundert auf. Meist bezog man die Fenster mit getrockneten Rindermagenhäuten und schützte sich mit Holzläden gegen die winterliche Kälte. In den Dorfhäusern war der mittlere Raum die Küche mit offener Herdstelle, von wo aus auch der Ofen in der Stube geheizt wurde. Wesentlich problematischer gestaltete sich die Beheizung der Burgen und Stadthäuser. Die Mehrzahl der darin befindlichen Räume, so war es damals üblich, blieb im Winter unbeheizt. Eine der reichsten Aristokratenfamilien des Landes, die Familie Garai, besaß in Buda zwei wertvolle Anwesen. Doch nur in einem verschwindend geringen Teil der etwa fünfzig Zimmer gab es einen Kamin oder Ofen.
Mitte des 14. Jahrhunderts erschienen in den Burgen des Königs bzw. Hochadels sowie den Häusern der reichen Bürger die ersten prunkvollen Kachelöfen. Den Grundtyp bildete ein auf einem Steinsockel stehender, quadratischer Feuerraum, über welchem sich ein turmartiger, von einem Gesims abgeschlossener, aus mitunter gefäßförmigen Kacheln gesetzter Aufbau erhob. Die Mehrzahl der grünen, gelben oder braunen Ofenkacheln erhielt eine Bleiglasur, und dekoriert wurden sie mit Szenen aus dem Hof- und Ritterleben, mit Pflanzenmotiven, Tierfiguren oder geometrischen Formen. Zur Herstellung der meisten Kacheln verwendete man ein Holz- oder Tonmodel, doch bei den schönsten Exemplaren - nischenartig gestalteten, offenen Kacheln mit kleinen Skulpturen in den Nischen - dürfte es sich um handgeformte Einzelstücke gehandelt haben.
Gebrauchs- und Prunkgefäße
Die in den Haushalten zum Kochen oder Aufbewahren dienenden Gefäße waren damals überwiegend Tongefäße. Und obwohl die zur Arpadenzeit noch gebräuchlichen Tonkessel bis zum 14. Jahrhundert verschwanden, fertigte man die Mehrzahl der Gefäße noch immer so an, daß sie in der Küche auf das offene Herdfeuer gestellt werden konnten. Ein großer Teil der Keramiken kam aus hauseigenen Werkstätten. Die Funde belegen aber auch ein beständiges Erstarken des städtischen Töpferhandwerks. Darüber hinaus lassen sich unter den Funden territoriale Abweichungen beobachten: In der Umgebung von Buda dominiert die weiße, in den östlichen und südlichen Landesgebieten die dunklere Keramik, während für das Gebiet nahe der Westgrenze die auf höherem technischen Niveau hergestellte graue, und später dann die gelbe oder rote Keramik typisch ist.
Vom 15. Jahrhundert an machte sich der Einfluß der Importe aus dem Westen bemerkbar. Nun gingen auch die ungarischen Meister zur Fertigung gelber oder roter Keramiken, oftmals schon mit Bleiglasur, über. Töpfe stellten die Töpfer in Massen her, seit dem 13. Jahrhundert gab es dazu auch Deckel. Zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten dienten Kannen, Krüge und Flaschen, für Speisen benutzte man Schüsseln und Schalen. Im 14. Jahrhundert tauchten eine neue Form der Tafelgefäße bzw. dessen größere Variante auf: Tonbecher und Kelch. Ab dem 15. Jahrhundert wurden diese Tonbecher in immer mannigfaltigeren Formen produziert; nahezu jede größere Stadt zog eine eigene, jeweils andere Becherfom vor.
Lange Zeit war das ungarische Handwerk nicht in der Lage, den Repräsentationsansprüchen des Königshofes, der Aristokratie und wohlhabenden Bürgerschaft zu genügen. Der verbreitetste Typ unter den importierten Prunkgefäßen waren die Becher mit Salzglasur aus dem mährischen Lostice, man benutzte aber auch österreichische und deutsche Keramik. Wer es sich leisten konnte, die teuren Glasbecher und -flaschen zu erwerben, wurde im 14. Jahrhundert von venezianischen Kaufleuten mit Glaswaren versorgt. Mit Anfang des 15. Jahrhunderts begann man auch in Ungarn, Glaswaren zu produzieren, zunächst wahrscheinlich aus Italien eingewanderte Glasbläser. Die Luxusgefäße jedoch wurden weiterhin eingeführt.
Neben der Kleidung und dem Schmuck dienten die Prunkgefäße als bester Gradmesser der Vermögenslage einer Familie. Da Glasgegenstände relativ selten waren und Zinngefäße erst ab dem Ende des 15. Jahrhunderts Verbreitung fanden, kamen in dieser Kategorie hauptsächlich silberne, sibervergoldete und mitunter goldene Gefäße auf die Festtafeln. Jene Fülle an Goldgefäßen, die sich im Testament des Palatins Wilhelm Druget widerspiegelt, gehörte selbstverständlich auch im Kreis der Aristokratie damals nicht zur Regel. Dennoch war jeder seinen Möglichkeiten entsprechend bestrebt, in den Besitz solcher Werte zu gelangen. Mit dem Hortfund von Körmend kam eine Reihe vergoldeter Silbergefäße ans Licht, und den Schatz von Kiskunhalas hatte man in einer ins Wasser gefallenen Silberschale verborgen.
