DAS SPRACHSYSTEM DER ZEIT
Der Wortbestand
Wie die aus frühaltungarischer Zeit erhalten gebliebenen Schriftdenkmäler beweisen, waren für die ungarische Sprache in dieser Periode ein reicher Wortschatz und ein entwickeltes grammatisches System kennzeichnend. Im Wortbestand leben die überlieferten (aus dem Uralischen, Finnougrischen und Ugrischen stammenden) sowie die aus den frühen Elementen im Laufe des eigenständigen Lebens der ungarischen Sprache neuentstandenen Wörter fort und spielen auch weiterhin eine entscheidende Rolle. Sie beziehen sich teils auf Körperteile, teils auf die Verwandtschaft, die Gegenstände und Erscheinungen der Natur sowie das alltägliche Leben der Menschen: él (leben), lát (sehen), eszik (essen), ül (sitzen), vesz (nehmen), kéz (Hand), mál 'mell' (Brust), apa (Vater), anya (Mutter), fiú (Junge), ház (Haus), vég (Ende), lélek (Seele), világ (Welt), virág (Blume), vén (alt), nagy (groß), édes (süß), szép (schön), fehér (weiß), három (drei), öt (fünf), hat (sechs). Sehr groß ist auch die Zahl der während der Wanderschaft und zur Zeit der Landnahme übernommenen Lehnwörter: szekér (Wagen), tehén (Kuh), vám (Zoll), vásár (Markt), csákány (Picke), gyümölcs (Obst), homok (Sand), harang (Glocke), szeplõ (Sommersprosse).
Mit der Annahme des Christentums und dem Ausbau der Staatsorganisation kam es zu Veränderungen im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geistigen Leben, die ihre Spuren auch in der Sprache hinterließen. Ein Teil der alten Wörter bekam, den neuen Verhältnissen entsprechend, eine andere Bedeutung. Die Begriffe isten (Gott), bun (Sünde), ördög (Teufel) und ige (Wort) beispielsweise wandelten sich im christlichen Sinn. Andere Wörter nahmen erweiterte Bedeutung an, z.B. világ [Welt] auch "világosság" [Helligkeit] und "világmindenség" [Weltall]; fél [Hälfte von etwas und Partner]; asszony [Königin, Herrin und verheiratete Frau].
Es gibt eine Vielzahl von abgeleiteten und zusammengesetzten Wörtern (obwohl sich ein Teil davon bereits in urungarischer Zeit herausgebildet haben dürfte): kegyelem [Gnade], intet "intés" [Wink, Mahnung], áldomás [Trinkspruch]; bírságnap [Strafgeldtag], bútor [Dolch des Grams], egyház [Kirche], húsvét [Ostern]. Es erscheinen durch innere Wortschöpfung mittels Lautnachahmung bzw. Lautmalung gebildete Wörter: dörög [donnern], cinege [Meise], cseng [klingen], zeng [singen]. Der Kreis der Lehnwörter erweitert sich ebenfalls. Aus dem Lateinischen wurden hauptsächlich kirchliche Begriffe übernommen: kar [Chor], templom [Kirche als Gebäude], mise [Messe], apostol [Apostel], prédikál [predigen]. Die aus dem Slawischen übernommenen Wörter bezogen sich teils auf kirchliche Einrichtungen, teils auf das staatliche sowie Wirtschaftsleben: kereszt [Kreuz], pap [Priester], malaszt [Segen], király [König], megye [Komitat], ispán [Gespan], ruha [Kleid], zab [Hafer], kádár [Böttcher]. Auch ein Teil der italienischen Lehnwörter stammt aus dieser Zeit: mázsa [Zentner], szerecsen [Mohr], fátyol [Schleier]. Deutsche Lehnwörter waren unter anderem: sáf "korsó" [Krug], torony [Turm], herceg [Herzog]. Ein Teil der Lehnwörter sind in den meisten europäischen Sprachen verbreitete sog. Wanderwörter, z.B. mécs [Öllicht], püspök [Bischof], pünkösd [Pfingsten]. Gleichzeitig werden im Wortschatz einige zu Beginn des Zeitalters noch lebendige Wörter - die später völlig veralten - verdrängt: isa "bizony" [gewiß], heon "csak" [nur], fész "martalék, zsákmány" [Raub, Beute], jonh "szív, lélek" [Herz, Seele], jorgat "irgalmaz" [sich erbarmen].
Bei den grammatischen Hilfswörtern ist das System der Fürwörter, das sich schon früher herausgebildet hatte, fast lückenlos. Zu dieser Zeit entsteht aus den Demonstrativpronomen der Substantive der bestimmte Artikel. Der Kreis der Postpositionen erweitert sich - außer den bereits vorhandenen - um die Formen koron [um, zu, bei] und képpen [auf ... Weise].
Unter den Eigennamen bestand die Mehrzahl der Personennamen damals noch aus einem Element. Die Namen wurden - den frühen, primitiven Sitten der Namengebung entsprechend - anfangs von den Gattungswörtern hergeleitet. Sie verweisen auf eine körperliche oder charakterliche Eigenschaft der benannten Person: Nyomorék [Krüppel], Hitvány [Lump], Munkás [Arbeiter], Fekete [Schwarz]; Verwandtschaftsnamen: Apa [Vater], Unoka [Enkel], Fiad [dein Sohn]; Pflanzen- und Tiernamen: Bokor [Busch], Szamár [Esel], Medve [Bär]; Handlungen und Berufe bezeichnende Namen: Sipos [Pfeifer], Lovas [Reiter], Kevero [Mischer]. Später tauchen auch die in der Taufe erhaltenen Namen lateinischer Herkunft auf: Pál [Paul], János [Johannes], Benedek [Benedikt]. Aus zwei Elementen bestehende Personennamen trifft man nur selten an; sie bestehen aus einem lateinischen Vornamen und einem anschließenden ungarischen Gattungswort: Johannis girhes [Spindeldürr], Ladislaus sipos [Pfeifer].
Einige geographische Namen sind fremder Herkunft und entstanden lange vor der Landnahme: z.B. Duna [Donau], Körös, Szamos. Die meisten stammen jedoch aus dem Ungarischen und wurden aus Gattungswörtern zu Ortsnamen. In den Sprachdenkmälern findet man mehrere solcher Ortsnamen: Füzegy [Einfädel], Agár [Windhund], Újudvar [Neuhof], Vasvár [Eisenburg], Köveskút [Steinbrunnen]. Viele Gattungsnamen tragen Ortsnamenendungen, denn die i-Variante des Besitzzeichens -é erhält in frühaltungarischer Zeit die Funktion als Ortsnamen-Bildungssuffix; z.B. Püspöki, Halászi, Olaszi [wie im Deutschen die Endung -er]. Zu dieser Zeit bürgert sich bei der Vergabe geographischer Namen der Brauch ein, den jeweiligen Ort nach dem Schutzheiligen seiner Kirche zu benennen: Szentgyörgy [hl. Georg], Szentlászló [hl. Ladislaus], Szentlõrinc [hl. Laurentius]. Häufig ist bei der Ortsnamengebung auch die zusammengesetzte Form des (aus Personen- und Gattungsnamen bestehenden) Possessivattributs. Solchen Namen begegnet man schon im Gründungsbrief von Tihany; z.B. Bagát mezeje [Acker des Bagát], Petre szénája [Heuwiese des Petre].
Das grammatische System
In seinen Hauptzügen entstand das System der ungarischen Sprache bereits im Laufe der urungarischen Zeit. In der frühaltungarischen Periode verfeinert es sich einerseits, zum anderen festigt es sich und wird dem heutigen immer ähnlicher. Die Erscheinungen der Laut- und Formenlehre zeigen tiefergehende Veränderungen als die der Satzlehre. Der Klang der Sprache durchläuft einen Wandel, das Lautsystem vervollkommnet sich. Diese Veränderung konnte die - damals gleichfalls in Entstehung begriffene - Rechtschreibung lange Zeit nicht nachvollziehen.
Der Kreis der Konsonanten wird durch die Laute c [z] und zs [z], und am Ende der Zeit durch das ty [tj] erweitert. Aus dem bilabialen stimmhaften Spirant [β] am Wortanlaut bildet sich der Laut v. Das urungarische dzś [dsch] sprach man am Ende des Zeitalters schon als gy [dj] aus, während die an der Stelle der Laute k und g gesprochenen "χ" und "γ" verschwanden. Bei den Vokalen ist am Ende des Zeitalters der Schwund der kurzen i und u im Stammauslaut abgeschlossen. Der Gründungsbrief von Tihany weist solche Formen mit Vokal im Stammauslaut noch auf - hodu, utu -, doch bis zum 13. Jahrhundert werden sie immer seltener (seltenere Laute und Buchstaben).
Andere Veränderungen der Vokale tragen dazu bei, daß die Aussprache farbiger und klangvoller wurde. Das tieftonige (velare) i wurde zu einem hochtonigen (palatalen) Laut. Als eine der wichtigsten Entwicklungen gilt, daß man einen Teil der Vokale mit niedrigerem Zungenstand, d.h. offener aussprach: i > ë, ë > e, u > o, o > a. Die Aussprache einzelner Vokale wurde durch das Runden der Lippen verändert: i > ü, ë > ö, å > a, und immer mehr neigte man auch zur Tendenz zweier offener Silben. Es kam jedoch mitunter auch eine entgegengesetzte Tendenz zur Geltung. Die aus einem mit vollem Nachdruck und einem mit weniger Nachdruck gesprochenen Laut bestehenden Doppellaute werden zu langen Vokalen vereinfacht: ou > ó, ou > ú, iü > ëü > õ, iü > üü > û.
Das System der Wortstämme ähnelt in frühaltungarischer Zeit bereits dem heutigen. Bei den Verbal- und Nominalsuffixen verwendet man außer den althergebrachten, aus einem Element bestehenden (Verb: z.B. -d, -r, -s, -sz, -z, -l; Nomen: z.B. -d, -a/-e, -g, -k, -m, -r, -s usw.) schon längere Endungen; bei Verben: z.B. -dok/-dek/-dök, -dít/-dul/-dül, -lal/-lel, -tat/-tet, -hat/-het; bei Nomen: z.B. -csó/-csõ, -ócs/-õcs, -hó/-hõ, -ók/-õk, -nok/-nek/-nök. Auch die althergebrachten bzw. im Urungarischen entstandenen Modal- und Temporalendungen tauchen auf. Das auf die erste Person Plural hinweisende Verbalsuffix -muk/-mük wird parallel mit dem Possessivsuffix ähnlicher Form zu -unk/-ünk.
Die Deklination ist während des behandelten Zeitraumes noch ständig in Bewegung, ihre Entwicklung geht auch in spätaltungarischer Zeit noch weiter. Neben den aus der urungarischen Zeit überlieferten primären (z.B. -t = Akkusativendung, -á/-é, -n, -l, -t = ortsbestimmende Endungen) sowie den daraus weiterentwickelten Endungen tauchen neue, komplexere Formen auf: -val/-vel [mit], -nak/-nek [für], -ban/-ben [in, im], -ról/-rõl [von]. Einzelne Postpositionen werden zu Endungen. Den Übergang zeigt beispielsweise die Entwicklung von -ra/-re. Im Gründungsbrief von Tihany noch Postposition: ohut cuta rea "óút kútja reá" [bis zum Brunnen der alten Straße], azah fehe rea "aszófõ reá [bis nach Aszófõ], ist es im 13. Jahrhundert bereits eine Endung: Balwankure "Bálványkõre" [bis nach Bálványkõ]. Der Kompetenzbereich einzelner Adverbialbestimmungsendungen erweitert sich ebenfalls; das ursprünglich als Ortsbestimmung fungierende -ban/-ben z.B. nimmt auch die Funktion als Zustandbestimmung an.
Über Aufbau und Typen der Wortkonstruktionen (Syntagmen) und Sätze erfährt man in erster Linie aus den Textdenkmälern. Der Satzbau des Zeitalters war feststehend und abwechslungsreich. In den Texten ist fast jede auch heute vorhandene Art der Satz- und Wortkonstruktionen zu finden. Beispiele für einfache Sätze: Grabrede und Fürbitte: "mondá neki" [Er sagte zu ihm.] (Aussage); Königsberger Fragment: "ki legyen neki atyja" [Wer soll sein Vater sein?] (Frage); Altungarische Marienklage: "Kegyedjetek fiamnak" [Habt Erbarmen mit meinem Sohn] (Aufforderung). Infolge der Gebundenheit an die Kunstgattung (Predigt, Gedicht) begegnet man relativ vielen Ausrufen; z.B. Grabrede und Fürbitte: "Szerelmes barátaim!" [Meine lieben Freunde!]; Altungarische Marienklage: "Óh nekem! én fiam" [Weh' mir, mein Sohn!]. Noch selten ist bei den zusammengesetzten Sätzen der untergeordnete Satz, und der Nebensatz mit der Konjunktion ha [wenn] spielt damals noch ausschließlich die Rolle einer Temporalbestimmung: z.B. Königsberger Fragment: "Fel ... mennybe ha tekinte, ékesen téged ... ha láta" [Als sie nach oben ... in den Himmel schaute, als sie dich prächtig ... sah].
Die in urungarischer Zeit entstandene Art des Aufbaus der Wortkonstruktionen festigte sich in der altungarischen Zeit. Das Prädikat konnte verbal, nominal und nomino-verbal sein. Als Subjekt kamen Nomen ebenso vor wie substantivische Pronomen. Subjekt und Prädikat stimmte man in der Person aufeinander ab, während die zahlenmäßige Abstimmung (Ein- oder Mehrzahl) im Fall eines nomino-verbalen Prädikats nicht immer gelang. Verb und Infinitiv wurden durch Objekte und verschiedene Umstandsbestimmungen ergänzt. Es gab viele Infinitiv-Konstruktionen. In dieser Zeit tauchten auch die abstrakte Verhältnisse ausdrückenden Rektionen auf. Unter den Erweiterungen des Substantivs finden sich die qualitativen und Possessivattribute schon im Gründungsbrief von Tihany. Die ursprüngliche, unbezeichnete Form der Konstruktion mit Possessivattribut entwickelte sich in dieser Zeit bereits zur Zusammensetzung hin; z.B. Grabrede und Fürbitte: bírságnap [Strafgeldtag], Megyehatár [Komitatsgrenze] (Ungarisches Urkunden-Wörterbuch). Bis zum Ende des Zeitalters hatte sich die Zahl der auf -nak/-nek endenden Possessivattribute stark vermehrt. Appositionen waren noch relativ selten; sie hatten in erster Linie stimmungschaffende und stilbelebende Funktion; z.B. Grabrede und Fürbitte: "mi õsünket, Ádámot" [unseren Ahnen, Adam]; Königsberger Fragment: "boldog anya, szûz Mária" [glückliche Mutter, Jungfrau Maria].
Die Erweiterungen der Eigenschafts- und Zahlwörter kommen in den Texten - wenn auch nur vereinzelt - ebenfalls vor. Es gibt sogar eine Angabe zur Rektion eines Eigenschaftswortes, und zwar im Königsberger Fragment: "malaszttal teljes" [voller Gnade]. Die beigeordneten Konstruktionen der Texte drücken nahezu alle ein rückbezügliches Verhältnis aus. Ohne Konjunktion finden sie sich hauptsächlich in der Altungarischen Marienklage.
Hinsichtlich des Satzbaus und der Wortstellung wurde die zumeist aus urungarischer Zeit überlieferte und auch heute gültige Wortfolge beibehalten. Im allgemeinen ging die Erweiterung dem Grundglied der Konstruktion voraus. Streng an die Wortfolge gebunden waren lediglich Attribut und Apposition: ersteres stand immer vor dem Bezugswort, letztere hingegen hinter ihm.
