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LINGUISTIK

DIE SPRACHDENKMÄLER DER FRÜHALTUNGARISCHEN ZEIT
DAS SPRACHSYSTEM DER ZEIT



DIE SPRACHDENKMÄLER
DER FRÜHALTUNGARISCHEN ZEIT

Die Zeit der Könige aus dem Arpadenhaus wird im Hinblick auf die Sprachgeschichte frühaltungarische Zeit genannt. In diesem Zeitraum gingen die wichtigsten Veränderungen der Laut- und Formenlehre sowie die diese festhaltenden orthographischen Umgestaltungen unserer Sprache vor sich. Drei Typen des aus der Arpadenzeit überlieferten schriftlichen Sprachmaterials - das es ermöglicht, den Zustand der Sprache des Zeitalters kennenzulernen - blieben erhalten: vereinzelte in lateinische Texte eingefügte ungarische Wörter, also Streudenkmäler; kurze zusammenhängende Texte, also Textdenkmäler; zu lateinischen Texten (marginal oder zwischen den Zeilen) verfaßte Anmerkungen, also Glossen.

Streudenkmäler

Streudenkmäler kommen hauptsächlich in Urkunden vor. Im folgenden sollen einige aus der Sicht der Sprachgeschichte bedeutendere Urkunden aufgezählt werden.

Die älteste authentische und im Original erhalten gebliebene ungarische Urkunde ist der Gründungsbrief von Tihany aus dem Jahr 1055. In dieser Urkunde werden die Gründung der Benediktinerabtei von Tihany zu Ehren der hl. Jungfrau Maria und des hl. Anianus schriftlich festgehalten, die Güter der Abtei und deren Grenzen angegeben. 58 von ihren ungarischen Wörtern (Eigennamen und Ortsbezeichnungen) sind Gattungsnamen, die 33 Suffixe enthalten. Bei den ortsbezeichnenden Gattungsnamen finden sich auch Wortkonstruktionen und Satzfragmente, wie z.B. (in heutiger Lesart und Schreibweise): Mogyoróbokorra (monarau bukurea [bis zum Haselstrauch]), Óút kútjára (ohut cutarea [bis zum Brunnen der alten Straße]), Nagyaszó fejére (nogu azah fehe rea [bis zum Anfang von Nagyaszó]), köves homok (cues humuk [steiniger Sand]), Fehérvárra meno hadútra (feheruuaru rea meneh hodu utu rea [bis zur Heerstraße nach Fehérvár]). Deshalb besitzt der Gründungsbrief auch für das Kennenlernen des Systems der Laut- und Formenlehre, ja in begrenztem Maße sogar der Satzlehre dieser Zeit Bedeutung. An Eigennamen kommen beispielsweise bereits Tihany, Somogy und Tolna vor.

Die Schenkungsurkunde der Propstei Dömös (1138/1329) bestätigt dem Kloster den rechtmäßigen Besitz seiner Güter und Dienstleute, fügt aber darüber hinaus auch weitere Schenkungen hinzu. Gleichzeitig ist diese Urkunde die erste große Sammlung ungarischer Eigennamen: sie enthält mehr als 100 geographische Namen und annähernd 1400 Personennamen von den in verschiedenen Gegenden des Landes gelegenen Besitztümern der Propstei. Namen von Besitzungen sind z.B.: Nógrád (Naugrad), Fekete, Bata, Ság (Sagu). Bei den Personennamen handelt es sich um die Namen der Dienstleute. Sie sind zum Teil biblischer Herkunft, wie z.B. Gábriel (Gabriel), Jákob (Jacob), János (Janus), zum Teil stammen sie aus Gattungsnamen, wie beispielweise Lengyel (Lengen [Pole]), Péntek (Pentuk [Freitag]) oder Vasas (Wasas [eisern]).

Die größte Namensammlung des Zeitalters ist die Konskription von Tihany aus dem Jahr 1211. Diese Urkunde bestätigt den Inhalt des Gründungsbriefes von Tihany. Sie zählt rund 150 Ortsnamen und 2000 Personennamen auf. Einige der Ortsnamen lassen sich mit den im Gründungsbrief von Tihany genannten identifizieren: z.B. Kolon, Fertõ, Kövesd, Szakadát. Unter den Namen der Dienstleute verdienen Patkány (potcan [Ratte]), Látomás (latomas [Vision]), Szállás (Zalas [Unterkunft]), Emse und Szombat [Samstag] Erwähnung. Eine ähnlich umfangreiche Namensammlung findet sich auch in einem Dokument von 1193, mit dem der König den Kreuzrittern (Johannitern) von Székesfehérvár (Alba Regia, Stuhlweißenburg) die früheren Donationen bestätigt und dem Orden neue Güter schenkt. Der Schenkungsbrief zählt die Namen von 55 Besitztümern auf, darunter Újudvar (Ojvduor), Megyer (Meger), Szulok (Zuloc) und Fehéregyház (feyrhigaz).

Großer Bekanntheit erfreut sich die ins Jahr 1015 datierte und Stephan dem Heiligen zugeschriebene Gründungsurkunde von Pécsvárad, die sehr viele Personen- und Ortsnamen enthält. Diese Urkunde listet die Schenkungen zugunsten des Klosters am Fuße des Vashegy auf. In Wirklichkeit jedoch handelt es sich um ein gefälschtes, wesentlich später - um 1220 - und unter Verwendung der von König Stephan dem Heiligen ausgestellten Gründungsbriefe von Pécs (Quinqueecclesia, Fünfkirchen) und Pannonhalma (Martinsberg) entstandenes Schriftstück.

Ein den Urkunden verwandtes Sprachdenkmal und zugleich eine der wertvollsten Quellen für die ungarische Kultur- und Rechtsgeschichte ist das Protokoll des Domkapitels Várad (Großwardein, Oradea), das Regestrum Varadinense. Das Protokoll enthält zum kleineren Teil die in den Jahren 1208-1235 vom Kapitel bestätigten Vereinbarungen, testamentarischen Verfügungen, Kauf- und anderweitigen Verträge. Zum größeren Teil aber enthält es eine Liste jener Proben mit glühendem Eisen bzw. Gottesurteile, die man in der Vorhalle des Nagyvárader Doms, am Grab des hl. Ladislaus, vornahm. Mehr als 30 Komitate, 600 Gemeinden und 2500 Personen finden in dem Register Erwähnung. Ortsnamen sind u.a.: Szerep (Scerep), Szántó (Zamtou), Keserû (Quesereu); Personennamen: Nemhisz (Numhiz), Ölyves (Vlues), Fehéra (Fehera); Personennamen mit Akkusativendung: Bélát (Belat), Medvét (Meduet).

Besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich des Kennenlernens der Sprache dieser Zeit verdient das Werk "Gesta Hungarorum" (Die Taten der Ungarn) des Anonymus, das über die Herkunft und Geschichte der Landnahme der Ungarn berichtet. Geschrieben wurde es - nach eigener Behauptung des Autors -, damit die ungarische Nation ihre Herkunft und die Geschichte ihrer Landnahme "nicht aus den falschen Märchen der Bauern oder dem geschwätzigen Gesang der Spielleute (Jokulatoren)" erführe. Anonymus kannte die Gegenden Ungarns, die Städte, die Lage der Flüsse und ihre Namen tatsächlich gut, doch über die Umstände der Landnahme besaß er keine exakten Angaben. Er schrieb seine Gesta in Romanform, mit erfundenen Namen und Geschichten.

Unter den Streudenkmälern des Werkes findet man Gattungsnamen (z.B. zerelmes [szeretetreméltó = liebenswürdig], aldumas [áldomás = etwas mit einem Trunk begießen, Trinkspruch]) sowie zahlreiche Orts- und Personennamen. Diese Namen aber kennzeichnen nicht den Sprachzustand der Landnahmezeit, sondern einer wesentlich späteren Periode, der Jahre um 1200. Anonymus hat nämlich die geographischen Namen seiner Zeit einfach in die der Landnahme zurückprojiziert und aus ihnen sogar die Personennamen gebildet. Unter den Helden und fremden Fürsten beispielsweise benennt er Zobor nach dem Berg Zobor, Zalán nach dem Ort Szalánkemén (Slankamen), Gyalú nach der Burg Gyalú und Elkölcs nach dem Dorf Elkölcs nahe der Burg Szabolcs. Die Neigung des Anonymus, Namen zu erklären, zeigt sich auch daran, daß er zahlreiche Ortsnamen in naiver oder volksetymologischer Weise ableitete. Esküllo z.B. heißt seiner Meinung nach deshalb so, weil die Ungarn dort einen Eid [= eskü] leisteten. Den Namen von Szerencs bringt er mit der Liebe [= szerelem] in Zusammenhang, und den Namen Munkács führt er darauf zurück, daß dort viel Arbeit [= munka] geleistet wurde.

Textdenkmäler

Textdenkmäler eignen sich am besten, die Sprache eines Zeitalters kennenzulernen. Aus der frühaltungarischen Zeit blieben vier kurze Textdenkmäler erhalten. Es handelt sich um in lateinischsprachige liturgische Zeremonialbücher hineinkopierte, sogenannte Gasttexte. Sie waren zum mündlichen Gebrauch bei den christlichen Zeremonien bestimmt, sind also die ersten ungarischsprachigen Äußerungen des ungarischen Christentums. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind es keine vereinzelten, zufällig entstandenen Werke, sondern bereits bekannte und mehrfach wiederholte Texte, die der Verfasser bzw. Kopist schriftlich festhielt. Die Form ihrer Abfassung, ihr hohes sprachliches Niveau deuten darauf hin, daß die muttersprachliche Bildung zur Arpadenzeit sehr hochentwickelt gewesen sein muß.

Das gegenwärtig als frühestes bekannte ungarischsprachige Textdenkmal ist die Grabrede und Fürbitte, die im Pray-Kodex vom Ende des 12. Jahrhunderts erhalten blieb. Der erste Teil, also die Rede selbst, ist vermutlich keine wortwörtliche, sondern aus der Erinnerung wiedergegebene ungarische Übersetzung einer lateinischen Grabrede. Ihr Verfasser hatte offenbar auch selbst schon viele solcher Reden gehalten, bevor er den uns überlieferten Text niederschrieb. Mit ernsten Worten erinnert er an den Sündenfall und daran, daß der erste Mensch durch seine Übertretung des Verbots im Paradies den Tod über die ganze Menschheit brachte. Der Text der Rede - geschrieben in rhythmischer Prosa, gegliedert durch Fragen und entsprechende Antworten, mit Wort- und Satz-wiederholungen - steht fast an der Grenze zwischen Lyrik und Prosa und gehört als solcher zu einer besonderen Kunstgattung.

Die Wirkung der Rede wird durch verschiedene dichteriche Mittel gesteigert, wie beispielsweise die Figura etymologica: "halálnak halálával halsz" [stirbst Du den Tod des Todes], sinnverwandte Wörter: "jorgasson oneki és kegyedjen" [er möge sich seiner erbarmen, ihm gnädig sein] oder Alliterationen: "mennyi malasztban" [in seiner großen Gnade], "hallá holtát" [er hat seinen Tod gehört]. Der zweite Teil der Grabrede, die Fürbitte, ist bereits die Übersetzung eines offiziellen Kirchentextes. Die Textgliederung des Denkmals verrät bewußtes Vorgehen: Punkt und nachfolgender Großbuchstabe dienen zur Trennung der Sätze, Punkt und nach-folgender Kleinbuchstabe zur Unterscheidung der Gliedsätze.

Das "Königsberger Fragment und Streifen" benannte Denkmal ist ein Marienlobpreis vom Anfang des 13. Jahrhunderts. Sein Text wurde wahrscheinlich wie eine Litanei gesprochen, drei fragmentarische Textstellen blieben erhalten. Im ersten Teil, dem eigentlichen "Fragment", wird über die Jungfräulichkeit Mariens meditiert. Der zweite Teil erzählt in abwechslungsreichem Dialogstil die Heimsuchung durch den Erzengel Gabriel, ihr schließt sich der Wortlaut des Avemaria an. Hier erscheint das mit den Worten "Gegrüßet seist du, ..." beginnende Gebet erstmals in der ungarischen Sprache. Die dritte fragmentarische Textstelle ist Teil einer mittelalterlichen Marienlegende, in welcher der Verfasser wiederum über das Wunder der Mutterschaft Mariens staunt. Stilmittel dichterischer Schönheit (Figura etymologica, Alliterationen) findet man auch hier; z. B. "királyok királyának szent arany oltára" [der heilige goldene Altar des Königs der Könige], "angyaloknak asszonyához" [zur Herrin der Engel], "világon való bûnösök" [in der Welt lebende Sünder].

Die Altungarische Marienklage ist das erste bekannte Gedicht in ungarischer Sprache. Es stammt von der Mitte des 13. Jahrhunderts und ist eines der schönsten, lyrischsten Stücke nicht nur der frühen Dichtkunst, sondern der gesamten ungarischen Literatur. Schmerzerfüllt steht die Mutter, Jungfrau Maria, unter dem Kreuz und beklagt das Leiden und den ungerechten Tod ihres heiligen Sohnes. Sie spricht weinend mit ihm und bittet dann, auch sie zusammen mit ihrem heiligen Sohn zu töten. Die Schönheit des in Zweitaktzeilen geschriebenen Gedichtes wird vom Dichter durch verschiedene sprachliche Mittel gesteigert, z. B. durch Vergleiche: "édes mézül" [süß wie Honig], "véred híul vízül" [dein Blut fließt wie Wasser]; sinnverwandte Wörter: "búval aszok epedek" [welke vor Kummer, verzehre mich], "fogva húztozva, ... ölöd" [gepackt, gezerrt, ... tötest]; Alliterationen: "siralommal sepedek" [mit Weinen wehklage ich], "választ világomtól" [von meinem Tageslicht trennen] oder die Figura etymologica: "Világ világa, virágnak virága" [Licht der ganzen Welt, Blume der Blume]. Die den Klippen der Latinismen ausweichende Altungarische Marienklage repräsentiert das hohe Niveau der ungarischen literarischen Textgestaltung und zeugt vom ausgezeichneten rhythmisch-musikalischen und sprachlichen Gefühl ihres Verfassers.

Die "Zeilen von Gyulafehérvár (Karlsburg)" sind ein Denkmal aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, dessen Teile eigentlich keinen zusammenhängenden Text bilden. Es handelt sich um Predigtentwürfe bzw. Leitgedanken für Predigten in rhythmischer Form. Das Denkmal besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beinhaltet den Entwurf einer Neujahrspredigt darüber, was der Name Jesu für den Menschen bedeutet. Der zweite steht im Zusammenhang mit dem Fest des Apostels Thomas und beantwortet die Frage, wie die Gläubigen Christus sehen. Im dritten Teil werden für eine Predigt in der Karwoche all jene Umstände aufgezählt, durch welche die Leiden Christi seelisch besonders schmerzvoll werden. Im Grunde stellen die Zeilen von Gyulafehérvár das Grenzbeispiel zwischen einem zum Vortrag bzw. als Schriftstück vorgesehenen Text dar. Als Gedicht entstanden sie wahrscheinlich nicht, doch die Regelmäßigkeit im Satzbau und der rhythmische Zusammenklang der Zeilen lassen sie einem Gedicht sehr ähnlich erscheinen.

Glossen

Die aus dem behandelten Zeitalter überlieferten Glossen gehören zu den Denkmälern der geistigen und materiellen Kultur und besitzen deshalb auch großen Wert für die ungarische Kulturgeschichte. Drei Glossen sind aus dieser Periode bekannt: Die Oxforder Glossen um 1230 mit 11 ungarischen Wörtern, die um 1290 entstandenen, aus vier ungarischen Worten bestehenden vatikanischen Glossen sowie die Glossen von Leuven, die neun ungarische Wörter enthalten und in demselben Kodex wie die Altungarische Marienklage stehen.

DAS SPRACHSYSTEM DER ZEIT

Der Wortbestand

Wie die aus frühaltungarischer Zeit erhalten gebliebenen Schriftdenkmäler beweisen, waren für die ungarische Sprache in dieser Periode ein reicher Wortschatz und ein entwickeltes grammatisches System kennzeichnend. Im Wortbestand leben die überlieferten (aus dem Uralischen, Finnougrischen und Ugrischen stammenden) sowie die aus den frühen Elementen im Laufe des eigenständigen Lebens der ungarischen Sprache neuentstandenen Wörter fort und spielen auch weiterhin eine entscheidende Rolle. Sie beziehen sich teils auf Körperteile, teils auf die Verwandtschaft, die Gegenstände und Erscheinungen der Natur sowie das alltägliche Leben der Menschen: él (leben), lát (sehen), eszik (essen), ül (sitzen), vesz (nehmen), kéz (Hand), mál 'mell' (Brust), apa (Vater), anya (Mutter), fiú (Junge), ház (Haus), vég (Ende), lélek (Seele), világ (Welt), virág (Blume), vén (alt), nagy (groß), édes (süß), szép (schön), fehér (weiß), három (drei), öt (fünf), hat (sechs). Sehr groß ist auch die Zahl der während der Wanderschaft und zur Zeit der Landnahme übernommenen Lehnwörter: szekér (Wagen), tehén (Kuh), vám (Zoll), vásár (Markt), csákány (Picke), gyümölcs (Obst), homok (Sand), harang (Glocke), szeplõ (Sommersprosse).

Mit der Annahme des Christentums und dem Ausbau der Staatsorganisation kam es zu Veränderungen im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geistigen Leben, die ihre Spuren auch in der Sprache hinterließen. Ein Teil der alten Wörter bekam, den neuen Verhältnissen entsprechend, eine andere Bedeutung. Die Begriffe isten (Gott), bun (Sünde), ördög (Teufel) und ige (Wort) beispielsweise wandelten sich im christlichen Sinn. Andere Wörter nahmen erweiterte Bedeutung an, z.B. világ [Welt] auch "világosság" [Helligkeit] und "világmindenség" [Weltall]; fél [Hälfte von etwas und Partner]; asszony [Königin, Herrin und verheiratete Frau].

Es gibt eine Vielzahl von abgeleiteten und zusammengesetzten Wörtern (obwohl sich ein Teil davon bereits in urungarischer Zeit herausgebildet haben dürfte): kegyelem [Gnade], intet "intés" [Wink, Mahnung], áldomás [Trinkspruch]; bírságnap [Strafgeldtag], bútor [Dolch des Grams], egyház [Kirche], húsvét [Ostern]. Es erscheinen durch innere Wortschöpfung mittels Lautnachahmung bzw. Lautmalung gebildete Wörter: dörög [donnern], cinege [Meise], cseng [klingen], zeng [singen]. Der Kreis der Lehnwörter erweitert sich ebenfalls. Aus dem Lateinischen wurden hauptsächlich kirchliche Begriffe übernommen: kar [Chor], templom [Kirche als Gebäude], mise [Messe], apostol [Apostel], prédikál [predigen]. Die aus dem Slawischen übernommenen Wörter bezogen sich teils auf kirchliche Einrichtungen, teils auf das staatliche sowie Wirtschaftsleben: kereszt [Kreuz], pap [Priester], malaszt [Segen], király [König], megye [Komitat], ispán [Gespan], ruha [Kleid], zab [Hafer], kádár [Böttcher]. Auch ein Teil der italienischen Lehnwörter stammt aus dieser Zeit: mázsa [Zentner], szerecsen [Mohr], fátyol [Schleier]. Deutsche Lehnwörter waren unter anderem: sáf "korsó" [Krug], torony [Turm], herceg [Herzog]. Ein Teil der Lehnwörter sind in den meisten europäischen Sprachen verbreitete sog. Wanderwörter, z.B. mécs [Öllicht], püspök [Bischof], pünkösd [Pfingsten]. Gleichzeitig werden im Wortschatz einige zu Beginn des Zeitalters noch lebendige Wörter - die später völlig veralten - verdrängt: isa "bizony" [gewiß], heon "csak" [nur], fész "martalék, zsákmány" [Raub, Beute], jonh "szív, lélek" [Herz, Seele], jorgat "irgalmaz" [sich erbarmen].

Bei den grammatischen Hilfswörtern ist das System der Fürwörter, das sich schon früher herausgebildet hatte, fast lückenlos. Zu dieser Zeit entsteht aus den Demonstrativpronomen der Substantive der bestimmte Artikel. Der Kreis der Postpositionen erweitert sich - außer den bereits vorhandenen - um die Formen koron [um, zu, bei] und képpen [auf ... Weise].

Unter den Eigennamen bestand die Mehrzahl der Personennamen damals noch aus einem Element. Die Namen wurden - den frühen, primitiven Sitten der Namengebung entsprechend - anfangs von den Gattungswörtern hergeleitet. Sie verweisen auf eine körperliche oder charakterliche Eigenschaft der benannten Person: Nyomorék [Krüppel], Hitvány [Lump], Munkás [Arbeiter], Fekete [Schwarz]; Verwandtschaftsnamen: Apa [Vater], Unoka [Enkel], Fiad [dein Sohn]; Pflanzen- und Tiernamen: Bokor [Busch], Szamár [Esel], Medve [Bär]; Handlungen und Berufe bezeichnende Namen: Sipos [Pfeifer], Lovas [Reiter], Kevero [Mischer]. Später tauchen auch die in der Taufe erhaltenen Namen lateinischer Herkunft auf: Pál [Paul], János [Johannes], Benedek [Benedikt]. Aus zwei Elementen bestehende Personennamen trifft man nur selten an; sie bestehen aus einem lateinischen Vornamen und einem anschließenden ungarischen Gattungswort: Johannis girhes [Spindeldürr], Ladislaus sipos [Pfeifer].

Einige geographische Namen sind fremder Herkunft und entstanden lange vor der Landnahme: z.B. Duna [Donau], Körös, Szamos. Die meisten stammen jedoch aus dem Ungarischen und wurden aus Gattungswörtern zu Ortsnamen. In den Sprachdenkmälern findet man mehrere solcher Ortsnamen: Füzegy [Einfädel], Agár [Windhund], Újudvar [Neuhof], Vasvár [Eisenburg], Köveskút [Steinbrunnen]. Viele Gattungsnamen tragen Ortsnamenendungen, denn die i-Variante des Besitzzeichens -é erhält in frühaltungarischer Zeit die Funktion als Ortsnamen-Bildungssuffix; z.B. Püspöki, Halászi, Olaszi [wie im Deutschen die Endung -er]. Zu dieser Zeit bürgert sich bei der Vergabe geographischer Namen der Brauch ein, den jeweiligen Ort nach dem Schutzheiligen seiner Kirche zu benennen: Szentgyörgy [hl. Georg], Szentlászló [hl. Ladislaus], Szentlõrinc [hl. Laurentius]. Häufig ist bei der Ortsnamengebung auch die zusammengesetzte Form des (aus Personen- und Gattungsnamen bestehenden) Possessivattributs. Solchen Namen begegnet man schon im Gründungsbrief von Tihany; z.B. Bagát mezeje [Acker des Bagát], Petre szénája [Heuwiese des Petre].

Das grammatische System

In seinen Hauptzügen entstand das System der ungarischen Sprache bereits im Laufe der urungarischen Zeit. In der frühaltungarischen Periode verfeinert es sich einerseits, zum anderen festigt es sich und wird dem heutigen immer ähnlicher. Die Erscheinungen der Laut- und Formenlehre zeigen tiefergehende Veränderungen als die der Satzlehre. Der Klang der Sprache durchläuft einen Wandel, das Lautsystem vervollkommnet sich. Diese Veränderung konnte die - damals gleichfalls in Entstehung begriffene - Rechtschreibung lange Zeit nicht nachvollziehen.

Der Kreis der Konsonanten wird durch die Laute c [z] und zs [z], und am Ende der Zeit durch das ty [tj] erweitert. Aus dem bilabialen stimmhaften Spirant [β] am Wortanlaut bildet sich der Laut v. Das urungarische dzś [dsch] sprach man am Ende des Zeitalters schon als gy [dj] aus, während die an der Stelle der Laute k und g gesprochenen "χ" und "γ" verschwanden. Bei den Vokalen ist am Ende des Zeitalters der Schwund der kurzen i und u im Stammauslaut abgeschlossen. Der Gründungsbrief von Tihany weist solche Formen mit Vokal im Stammauslaut noch auf - hodu, utu -, doch bis zum 13. Jahrhundert werden sie immer seltener (seltenere Laute und Buchstaben).

Andere Veränderungen der Vokale tragen dazu bei, daß die Aussprache farbiger und klangvoller wurde. Das tieftonige (velare) i wurde zu einem hochtonigen (palatalen) Laut. Als eine der wichtigsten Entwicklungen gilt, daß man einen Teil der Vokale mit niedrigerem Zungenstand, d.h. offener aussprach: i > ë, ë > e, u > o, o > a. Die Aussprache einzelner Vokale wurde durch das Runden der Lippen verändert: i > ü, ë > ö, å > a, und immer mehr neigte man auch zur Tendenz zweier offener Silben. Es kam jedoch mitunter auch eine entgegengesetzte Tendenz zur Geltung. Die aus einem mit vollem Nachdruck und einem mit weniger Nachdruck gesprochenen Laut bestehenden Doppellaute werden zu langen Vokalen vereinfacht: ou > ó, ou > ú, iü > ëü > õ, iü > üü > û.

Das System der Wortstämme ähnelt in frühaltungarischer Zeit bereits dem heutigen. Bei den Verbal- und Nominalsuffixen verwendet man außer den althergebrachten, aus einem Element bestehenden (Verb: z.B. -d, -r, -s, -sz, -z, -l; Nomen: z.B. -d, -a/-e, -g, -k, -m, -r, -s usw.) schon längere Endungen; bei Verben: z.B. -dok/-dek/-dök, -dít/-dul/-dül, -lal/-lel, -tat/-tet, -hat/-het; bei Nomen: z.B. -csó/-csõ, -ócs/-õcs, -hó/-hõ, -ók/-õk, -nok/-nek/-nök. Auch die althergebrachten bzw. im Urungarischen entstandenen Modal- und Temporalendungen tauchen auf. Das auf die erste Person Plural hinweisende Verbalsuffix -muk/-mük wird parallel mit dem Possessivsuffix ähnlicher Form zu -unk/-ünk.

Die Deklination ist während des behandelten Zeitraumes noch ständig in Bewegung, ihre Entwicklung geht auch in spätaltungarischer Zeit noch weiter. Neben den aus der urungarischen Zeit überlieferten primären (z.B. -t = Akkusativendung, -á/-é, -n, -l, -t = ortsbestimmende Endungen) sowie den daraus weiterentwickelten Endungen tauchen neue, komplexere Formen auf: -val/-vel [mit], -nak/-nek [für], -ban/-ben [in, im], -ról/-rõl [von]. Einzelne Postpositionen werden zu Endungen. Den Übergang zeigt beispielsweise die Entwicklung von -ra/-re. Im Gründungsbrief von Tihany noch Postposition: ohut cuta rea "óút kútja reá" [bis zum Brunnen der alten Straße], azah fehe rea "aszófõ reá [bis nach Aszófõ], ist es im 13. Jahrhundert bereits eine Endung: Balwankure "Bálványkõre" [bis nach Bálványkõ]. Der Kompetenzbereich einzelner Adverbialbestimmungsendungen erweitert sich ebenfalls; das ursprünglich als Ortsbestimmung fungierende -ban/-ben z.B. nimmt auch die Funktion als Zustandbestimmung an.

Über Aufbau und Typen der Wortkonstruktionen (Syntagmen) und Sätze erfährt man in erster Linie aus den Textdenkmälern. Der Satzbau des Zeitalters war feststehend und abwechslungsreich. In den Texten ist fast jede auch heute vorhandene Art der Satz- und Wortkonstruktionen zu finden. Beispiele für einfache Sätze: Grabrede und Fürbitte: "mondá neki" [Er sagte zu ihm.] (Aussage); Königsberger Fragment: "ki legyen neki atyja" [Wer soll sein Vater sein?] (Frage); Altungarische Marienklage: "Kegyedjetek fiamnak" [Habt Erbarmen mit meinem Sohn] (Aufforderung). Infolge der Gebundenheit an die Kunstgattung (Predigt, Gedicht) begegnet man relativ vielen Ausrufen; z.B. Grabrede und Fürbitte: "Szerelmes barátaim!" [Meine lieben Freunde!]; Altungarische Marienklage: "Óh nekem! én fiam" [Weh' mir, mein Sohn!]. Noch selten ist bei den zusammengesetzten Sätzen der untergeordnete Satz, und der Nebensatz mit der Konjunktion ha [wenn] spielt damals noch ausschließlich die Rolle einer Temporalbestimmung: z.B. Königsberger Fragment: "Fel ... mennybe ha tekinte, ékesen téged ... ha láta" [Als sie nach oben ... in den Himmel schaute, als sie dich prächtig ... sah].

Die in urungarischer Zeit entstandene Art des Aufbaus der Wortkonstruktionen festigte sich in der altungarischen Zeit. Das Prädikat konnte verbal, nominal und nomino-verbal sein. Als Subjekt kamen Nomen ebenso vor wie substantivische Pronomen. Subjekt und Prädikat stimmte man in der Person aufeinander ab, während die zahlenmäßige Abstimmung (Ein- oder Mehrzahl) im Fall eines nomino-verbalen Prädikats nicht immer gelang. Verb und Infinitiv wurden durch Objekte und verschiedene Umstandsbestimmungen ergänzt. Es gab viele Infinitiv-Konstruktionen. In dieser Zeit tauchten auch die abstrakte Verhältnisse ausdrückenden Rektionen auf. Unter den Erweiterungen des Substantivs finden sich die qualitativen und Possessivattribute schon im Gründungsbrief von Tihany. Die ursprüngliche, unbezeichnete Form der Konstruktion mit Possessivattribut entwickelte sich in dieser Zeit bereits zur Zusammensetzung hin; z.B. Grabrede und Fürbitte: bírságnap [Strafgeldtag], Megyehatár [Komitatsgrenze] (Ungarisches Urkunden-Wörterbuch). Bis zum Ende des Zeitalters hatte sich die Zahl der auf -nak/-nek endenden Possessivattribute stark vermehrt. Appositionen waren noch relativ selten; sie hatten in erster Linie stimmungschaffende und stilbelebende Funktion; z.B. Grabrede und Fürbitte: "mi õsünket, Ádámot" [unseren Ahnen, Adam]; Königsberger Fragment: "boldog anya, szûz Mária" [glückliche Mutter, Jungfrau Maria].

Die Erweiterungen der Eigenschafts- und Zahlwörter kommen in den Texten - wenn auch nur vereinzelt - ebenfalls vor. Es gibt sogar eine Angabe zur Rektion eines Eigenschaftswortes, und zwar im Königsberger Fragment: "malaszttal teljes" [voller Gnade]. Die beigeordneten Konstruktionen der Texte drücken nahezu alle ein rückbezügliches Verhältnis aus. Ohne Konjunktion finden sie sich hauptsächlich in der Altungarischen Marienklage.

Hinsichtlich des Satzbaus und der Wortstellung wurde die zumeist aus urungarischer Zeit überlieferte und auch heute gültige Wortfolge beibehalten. Im allgemeinen ging die Erweiterung dem Grundglied der Konstruktion voraus. Streng an die Wortfolge gebunden waren lediglich Attribut und Apposition: ersteres stand immer vor dem Bezugswort, letztere hingegen hinter ihm.


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