Zurück zum Inhaltsverzeichnis

LITERATUR

DIE ÄUSSEREN VORAUSSETZUNGEN DER LITERATUR
INHALTLICHE KRITERIEN DER LITERATUR
DIE AUTOREN
DIE WERKE



DIE ÄUSSEREN VORAUSSETZUNGEN
DER LITERATUR

Das Trägermedium: die Sprache

Das Karpatenbecken war zur Arpadenzeit Grenzgebiet großer Kulturen und das Land der Ungarn infolgedessen eine vielsprachige kulturelle Einheit. Für die Nachwelt jedoch blieben von dieser Vielsprachigkeit nur wenige auf die Geburt der Literatur hindeutende Schriftdenkmäler erhalten. Die muslimischen Gemeinschaften Ungarns verfügten unseres Wissens nach über das zur Ausübung ihres Glaubens notwendige Schrifttum, denn nur so ist zu erklären, daß im Laufe des 12. Jahrhunderts ein Kodex in arabischer Sprache aus Ungarn in die Benediktinerabtei Corvey oder der Aristoteles-Übersetzer Thadäus von Ungarn in den 1170er Jahren in die hispanische Stadt Toledo gelangten. Auch daß es bei den regen Handel betreibenden Mohammedanern eine Schriftlichkeit für den alltäglich Gebrauch gab, ist nicht auszuschließen. Und die Einrichtungen der Ostkirche - deren Blütezeit nachweisbar bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts andauerte - waren ebenfalls im Besitz der entsprechenden liturgischen Quellen.

Daneben unternahm man, wie die in Griechisch ausgestellte Gründungsurkunde des Klosters Veszprémvölgy zeigt, zur Zeit des hl. Stephan auch den Versuch, das amtliche Schrifttum griechischer Sprache einzubürgern. Große Bedeutung kommt in dieser Hinsicht der Tatsache zu, daß es in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gerade in Ungarn zur Übernahme (Rezeption) eines der anerkanntesten byzantinischen Theologen im Westen kam: Der aus Venedig stammende Kleriker Cerbanus stieß im Kloster Pásztó auf das Peri agapes (=Über die Liebe) betitelte Werk des Maximos Homologetes (=Confessor, Glaubensbekenner), das er vom Griechischen ins Lateinische übertrug, ebenso wie einige Kapitel des Werkes Ekdosis (=Ausgabe) von Ioannes Damaskenos.

Ein winziges Fragment der im ungarischen Volksmund lebendigen unterhaltenden Literatur von der Wende des 12./13. Jahrhunderts blieb in der Arbeit des Anonymus erhalten - wenn auch nur als lateinische Übersetzung. Die Forscher halten das Zitat in Kapitel 25 übereinstimmend für das Fragment einer von Jokulatoren vorgetragenen Ballade: "... denn Tétény wollte auf eigene Faust Ruhm und Landbesitz erlangen. Daher singen unsere Spielleute: »Alle verschafften sich Land und einen guten Ruf«." Daneben wissen wir aus dem letzten Jahrhundert der Arpadenzeit auch von einer kleinen Zahl ungarischsprachiger Werke. Das erste zusammenhängende Sprachdenkmal, die Grabrede und Fürbitte, repräsentiert die Kirchensprache, die Altungarische Marienklage die liturgische Dichtkunst, während die chronologisch späteren, aber den Sprachzustand des 13. Jahrhunderts widerspiegelnden Königsberger Fragmente sowie die Zeilen von Karlsburg die Gattungen Predigt und theologische Abhandlung vertreten.

Darüber hinaus rechnen einzelne Forscher - in erster Linie von der Verbreitung der in der antiken und mittelalterlichen Epik wurzelnden Heldennamen (Tristan, Hektor, Helena, Ehelos [Achilles], Roland-Loránt, Oliver, Elefánt [Olivant]) bzw. gewissen sprachlichen Eigenheiten des südslawischen Troja-Epos ausgehend - auch mit Übersetzungen der Anfang des 13. Jahrhunderts entstandenen Stücke der westlichen Ritterepik (Troja-Epos, Epos über Alexander den Großen, Rolandlied) ins Ungarische, deren tatsächliche Existenz zur damaligen Zeit indes noch nicht hinreichend bewiesen ist. Doch gleichzeitig begründen es die ersten zusammenhängenden Sprachdenkmäler, daß wir im Zeitalter der Arpaden zwischen einer ungarisch- und einer lateinischsprachigen Literatur unterscheiden.

Zum überwiegende Teil allerdings war die Sprache der in größerem Umfang auf unsere Zeit überkommenen arpadenzeitlichen Literatur das Lateinische, und zwar dessen als Mittellatein bekannte, sich zur Karolingerzeit voll entfaltende Variante. Angesichts des grundlegend religiösen Charakters der frühmittelalterlichen Literatur und ihrer gattungsmäßigen Gebundenheit ist die Alleinherrschaft der lateinischen Sprache innerhalb des behandelten Zeitalters ebenso begründet wie die nach Universalität strebende Denkweise des Mittelalters. Und nicht vernachlässigt werden sollte in diesem Zusammenhang auch der Fakt, daß sich das gebräuchliche ABC zum Ausdruck des lateinischen Lautsystems am besten eignete. Was die Dominanz der lateinischen Sprache anbelangt trat in Ungarn erst mit Ende des 15. Jahrhunderts eine Veränderung ein, wenngleich zu der Zeit noch immer unverhältnismäßig wenige ungarische Werke geboren wurden. Auch im Westen bewahrte das Latein seine führende Rolle das ganze Mittelalter hindurch, ungeachtet dessen, daß sich beispielsweise die deutsche Sprache dem Lateinischen gegenüber vom Beginn des 12. Jahrhunderts bis zum ausgehenden Mittelalter einen bedeutenden Platz sowohl in der Literatur als auch im Schrifttum eroberte.

Im Mittelalter war Latein zwar eine Schulsprache, aber keine tote Sprache im heutigen Sinne des Wortes. Auf zahlreichen Gebieten - von der Diplomatie bis hin zur Literatur - diente sie den verschiedene Muttersprachen sprechenden, gebildeten Menschen als eine Art internationale Muttersprache, um Kontakt miteinander zu pflegen. Vom hl. Stephan ist in seiner Legende aufgezeichnet, daß er die Grammatik beherrschte, und das entsprach der Wahrheit vermutlich insofern, daß er Latein verstanden haben dürfte, ebenso wie sein Sohn, der 1031 verstorbene Thronfolger Herzog Emmerich. Über König Koloman mit dem wohlverdienten Beinamen "der Bücherfreund", den man seit seiner frühen Jugend als Bischof erzogen hatte und der vielleicht sogar zum Bischof von Wardein geweiht wurde, berichtet eine Quelle in Polen, daß er unter allen damaligen Monarchen der Welt der gelehrteste war. Der erste namentlich bekannte weltliche Schriftkundige, Hospes Fulco, traf an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert aus dem Ausland in Ungarn ein, wo er sich sein Brot mit seinen Kenntnissen im Schreiben und Lesen verdiente.

Wahrscheinlich italienischer Abstammung war der Edle Adalbert, den König Géza II. als Gesandten nach Sizilien schickte; in seinem Testament hinterließ er dem Kloster Pannonhalma unter anderem Bücher. Als Gesandter und im Besitz von Büchern dürfte er gewiß Latein verstanden haben, und konnte vielleicht sogar lesen. Besondere Aufmerksamkeit verdient Nikolaus aus dem Geschlecht Csák, der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts lebte (vor 1212-1239). Ihn hatte sein älterer Bruder Ugrin, der Bischof von Gyor (Raab) und spätere Erzbischof von Esztergom (Gran), erziehen lassen. Eines seiner drei Testamente, das aus dem Jahr 1231 stammende, dürfte er selber verfaßt haben, darauf deuten zumindest der persönliche Ton und die anspruchsvollen Formulierungen hin. Demnach kannte eine - mit Sicherheit kleine Gruppe - weltlicher Nobilitäten die lateinische Sprache und benutzte sie auch. In der ersten Hälfte des Mittelalters war das obligate Stilideal der Prosa die gereimte Prosa, die an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert von der rhythmischen Prosa abgelöst wurde.

Der Unterricht

Das grundlegende Instrumentarium literarischen Schaffens, die lateinische Sprache, lernten die Schüler im Mittelalter während ihrer Grundschulausbildung kennen. Aus der Zeit Stephans des Heiligen verfügen wir über die erste Angabe, derzufolge es im Kloster Pannonhalma bereits in den Jahren nach 1010, also ein gutes Jahrzehnt nach seiner Gründung, eine Schule gab. Ihr erster namentlich bekannter Schüler war Mór [Maurus], der später dem Orden beitrat und Abt von Pannonhalma, und ab 1036 schließlich Bischof von Pécs (Fünfkirchen) wurde. In seinem um 1064 entstandenen Werk erwähnt er, daß er im Kindesalter Schuljunge (puer scolasticus) in Pannonhalma gewesen sei. Wie der Gerhard-Legende zu entnehmen ist, schickte diese Schule dem Csanáder Bischof Gerhard schon um 1030 vier zu Priestern geweihte Mönche, die auch ungarisch zu predigen wußten und diesem bei der Missionstätigkeit zur Hand gehen sollten.

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entwickelten sich aus dem Domklerus die Domkapitel, und die den Kapiteln beigestellten Schulen begannen ebenfalls zu unterrichten. Ab der Wende des 12. auf das 13. Jahrhundert waren in den Kloster- und Kapitelschulen der vorlesende Mönch oder Domherr als Schulinspektor (=lector) und der für den Gesang verantwortliche Mönch oder Domherr als Lehrer für liturgischen Gesang (=cantor) eingesetzt; in den Domkapiteln vertrauten im Laufe des 13. Jahrhunderts sowohl der Lektor als auch der Kantor ihre Aufgabe einem Stellvertreter (Sublector, Succentor) an. Der Lehrstoff dürfte etwa drei Jahre lang daraus bestanden haben, den Psalter zu lesen und auswendig zu lernen. Neben dem Schulunterricht trug die ständige Teilnahme am Gottesdienst wesentlich zur Aneignung lateinischer Kenntnisse bei: die täglich rezitierten lateinischen Texte prägten sich dem Gedächtnis ein und durch den Unterricht wurde langsam auch ihr Sinn verständlich.

Der Lehrstoff des mittelalterlichen Unterrichtes umfaßte im Prinzip die sieben freien Künste (septem artes liberales). Die Unterstufe, das sog. trivium, vermittelte den Schülern systematisch die Techniken der Grammatik, Rhetorik und des Argumentierens. Im Idealfall gründete darauf der Lehrstoff des quadrivium, der Oberstufe: die Musik, Arithmetik, Geometrie und Astrologie. Als Lehrbuch der lateinischen Sprache benutzte man die spätantike Grammatik des Donatus, doch schon im Zeitalter des hl. Stephan schien sich auch die Beschaffung der anspruchsvolleren Sprachlehre des Priscianus erforderlich zu machen: Der Fünfkirchner Bischof Bonipert bat Bischof Fulbert von Chartres, ihm diese zu schicken. Bischof Hartwick wiederum berief sich aus Bescheidenheit darauf, daß er das Werk in seiner Jugend zwar gut gekannt, auf seine alten Tage jedoch vergessen habe.

Der Wirkungsort des ersten namentlich erwähnten Lehrers in Ungarn, des in der Guden-Urkunde unter dem Jahr 1079 genannten Meisters Gerhard, ist leider nicht bekannt. Einen guten Ruf errang sich bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Veszprémer Schule, wo man den Priesternachwuchs ausbildete. 1276 wurde die Schule von Truppen des Palatins Peter aus dem Geschlecht Csák verwüstet, ihr Weiterbestehen sicherte König Ladislaus IV. durch Donationen. In der Schenkungsurkunde verglich er die Schule von Veszprém, in der man die sieben freien Künste lehrte, ein wenig übertrieben mit dem Unterricht in Paris und behauptete sogar, daß die hiesige juristische Ausbildung der Wahrung der Rechte des Landes diene. Die in ungarischen Schulen ausgebildeten Priester erlernten neben dem Lesen zumeist auch das Schreiben. Von einem hohen Kleriker verlangte man zu Beginn des 13. Jahrhunderts bestenfalls, lateinische Texte lesen zu können, im kanonischen Recht bewandert und redegewandt zu sein, die ungarländischen Schulen dürften den lokalen Anforderungen also entsprochen haben.

Der Anfang des 13. Jahrhunderts auftretende Dominikanerorden forderte von seinen Mitgliedern im Interesse der Verbreitung des Glaubens theologische Studien. In jedem mehr als zehn Mitglieder umfassenden Konvent hielt der Lektor Vorlesungen. Der Weg zu einer gesonderten Ausbildung auf höherer Ebene eröffnete sich erst Ende des 13. Jahrhunderts, als man das Studium generale (=Hochschule) der Budaer (Ofner) Dominikaner organisierte. Bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erwarben die ungarischen Dominikaner ihr Wissen überwiegend im Ausland.

Wer in Ungarn damals nach höherer Bildung strebte, mußte noch ins Ausland gehen: von der Mitte des 12. Jahrhunderts an nach Paris und ab Ende des 12. Jahrhunderts dann nach Bologna. Die französischen Schulen unterrichteten Theologie und artes (Paris, Orleans). Nach heutigen Begriffen waren dies philosophische Fakultäten, während im norditalienischen Bologna römisches und kanonisches Recht (später auch Medizin und Philosophie) gelesen wurden. An den Universitäten eigneten sich die Studenten die modernsten gebräuchlichen Schriftformen (für Urkunden) an (somit tauchten diese fast im Augenblick ihres Entstehens auch in Ungarn auf, wo sie die in den Schreibstuben tätigen scriptores einander weitergaben).

Aus den Lehrbüchern der ars dictaminis erlernten sie die theoretischen und praktischen Regeln des literarischen Schaffens. Nach Hause kehrten die Studenten, die materiell im allgemeinen vom König oder von ihrer zum höheren Klerus gehörenden Verwandtschaft unterstützt wurden, aus Paris mit dem Titel artium magister und aus Bologna mit dem Titel doctor decretorum zurück. Der erste ungarische Student, der Mitte des 12. Jahrhunderts in Paris ein Studium der Rechte absolvierte, war Lukas, der spätere Bischof von Eger (Erlau) und anschließende Erzbischof von Gran. Papst Alexander III. schätzte die hohe Bildung dieses Kirchenmannes außerordentlich. Zum Teil auf dessen Inspiration hin dürfte Béla III. erkannt haben, daß er, um seine Hofkanzlei aufzubauen, systematisch junge Leute an die Pariser Schulen schicken mußte.

Zum Kreis jener Lernbegierigen gehörte gewiß auch der berühmte namenlose Notar Bélas III., der im Vorwort zu seiner Gesta (Chronik) davon berichtete, daß er die höhere Schule besucht habe - wahrscheinlich in Paris oder Orleans - und als Magister zurückgekehrt sei. Der ungarische Kleriker Niklaus war der erste Oxforder Student ungarischer Abstammung, den wir dem Namen nach kennen. An der Wende vom 12. auf das 13. Jahrhundert traf jener Paulus Hungarus in Bologna ein, der in den Jahren nach 1210 an der dortigen Universität kanonisches Recht lehrte und später als Dominikaner nach Ungarn zurückging. Im 13. Jahrhundert erwarben in der norditalienischen Stadt immer mehr Ungarn den Titel eines Doktors der Rechte, bis man 1265 schließlich einen gesonderten Verband der ungarischen Nation (natio) gründete, in welchem sich die Studenten aus Ungarn zusammenschlossen. Der König selbst unterstützte die Studien seiner treuen Kleriker, die nach ihrer Heimkehr Wahrer der Landesrechte, Mitarbeiter seiner Kanzlei und führende Kirchenmänner wurden.

Bücher und Bibliotheken

Die Beschäftigung mit dem Schreiben und Lesen verlangte nach Büchern. Stephan der Heilige ordnete in seiner zweiten Gesetzessammlung an, daß der Bischof eine von zehn Dörfern erbaute Kirche mit den erforderlichen liturgischen Schriften auszustatten habe. Einen bedeutenden Teil dieser Zeremonialbücher hatten offenbar Missionare aus dem Ausland mitgebracht. Doch ein Teil von ihnen wurde mit Sicherheit schon hier geschrieben: Anläßlich der Gründung des Bistums Zagreb (Agram) um 1090 erhielt die neugegründete Ecclesia Zeremonialbücher aus Gran und Raab. Der älteste in Ungarn entstandene Kodex dürfte das Sakramentarium des Klosters Garamszentbenedek aus dem 11. Jahrhundert gewesen sein, von dem heute nur noch ein Blatt erhalten ist.

Kopiert wurden Bücher in der Schreibstube (scriptorium) von Klöstern und Domkapiteln. In der Kopierwerkstatt eines Benediktinerklosters entstanden Ende des 12. Jahrhunderts der - den Text der Gesetze Stephans des Heiligen nur lückenhaft beinhaltende - Admonter Kodex, der die Stephanslegende überliefernde Ernst-Kodex und der ebenso liturgische Texte wie historische Aufzeichnungen bewahrende Pray-Kodex, sowie im 13. Jahrhundert das Buch der Urkundenkopien, Liber ruber, des Klosters Pannonhalma. Im Sciptorium der Domkapitel kopierte man im 12. Jahrhundert das Evangelienbuch von Nyitra [Neutra] und die Grazer Antiphonen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß die einzige vom Ende des 13. Jahrhunderts erhaltene Kopie der Arbeit des Anonymus in der Schreibstube des Königshofes angefertigt wurde.

Das älteste authentische Bücherverzeichnis Ungarns enthält eine aus der Zeit um 1090 überlieferten Urkunde, in der man Güter bzw. Mobiliar des Klosters Pannonhalma aufgelistet hatte. Die Liste zählt dem Titel nach 80 Kodizi auf, doch da in jedem Kodex mehrere Werke gestanden haben dürften, lassen sich hinter dieser Zahl annähernd 200 eigenständige Werke vermuten. Die Bücher dienten in erster Linie zur Durchführung der täglichen Gottesdiente und als Richtlinien der benediktinischen Lebensweise, aber man findet unter den Titeln auch die Werke einiger antiker Autoren, die lateinische Grammatik des Donatus, die Biographie des hl. Martin als Schutzpatron des Klosters sowie Werke des heiligen Papstes Gregor des Großen, des hl. Agustin und des Isidor von Sevilla. Das andere bedeutende Bücherverzeichnis stammt aus dem Jahr 1277, als Meister Ladislaus, der Graner Domprobst, testamentarisch über seine Bücher und sein sonstiges Hab und Gut verfügte. Das Testament zählt insgesamt 18 Bücher auf, was zu dieser Zeit als wirklich große Privatbibliothek galt. Die ersten, im Besitz eines nicht zum Klerus gehörenden Mannes befindlichen Bücher sind im Testament des Edelmannes Adalbert erwähnt; ihr Eigentümer hinterließ sie den Benediktinern von Pannonhalma. Ein für das Schicksal der Bücher in Ungarn typischer Fall, und gleichzeitiger Beweis für deren hohe Wertschätzung, ist der Fall der Bibel von Csatár.

Das Publikum: die Orte des Schaffens

Im Hinblick auf den Ort ihres Entstehens lassen sich die Erzeugnisse der lateinischsprachigen Literatur des arpadenzeitlichen Ungarn zwei Gruppen zuordnen. Ein Teil davon hat klösterliche Prägung. Die Verfasser dieser Werke blieben im Dunkel der Namenlosigkeit. Erstrangiges Ziel diese Arbeiten war es, sie als Lesestoffe bei Gottesdiensten zu verwenden. Ihre Betrachtungsweise wurzelte in der Geisteshaltung des romanischen Zeitalters: Ihr wichtigstes Element war es, auf den Tag des Letzten Gerichtes vorzubereiten und enstsprechende Furcht davor einzuflößen. Als Publikum für das literarische Schaffen der Mönche kamen im allgemeinen wohl monastische Gemeinschaften oder weltliche Kanoniker in Betracht, die den mitgeteilten Inhalt dann in ihren ungarischsprachigen Predigten an das Volk weitergaben. Gerade deshalb ist ihre Rolle bei der Herausbildung des ungarischen literarischen Denkens so unschätzbar: sie waren Publikum und Vermittler zugleich. Dieser Gruppe lassen sich die größere Legende von Stephan dem Heiligen, die Legende des hl. Emmerich, die kleinere Legende über den hl. Gerhard sowie die von Bischof Maurus verfaßte Legende zuordnen.

Die zweite Gruppe umfaßt die in der Umgebung des Königs, am Hof entstandenen Werke. Ihre Autoren nannten sich entweder beim Namen, oder sie legten in ihren Vorworten von einem schöpferischen Selbstgefühl Zeugnis ab, aus dem man auch ohne Kenntnis des Namens auf ihre Person schließen konnte. Ihr Publikum waren die mehr oder weniger gebildete Schicht weltlicher Mitglieder des Königshofes und vom Beginn des 12. Jahrhunderts an der hochgeschulte Klerus. Ihre prosaische Stilkunst überschritt häufig die Schwelle der Poesie, mitunter gerieten ihre gereimten Formulierungen schon zu Gedichten (z.B. die letzten Zeilen des Anonymus in der Geschichte über Tonuzoba, die Hymne in der Legende des hl. Ladislaus, die dessen Tugenden besingt). Dieser Gruppe gehören die Ermahnungen, die kleinere Legende über Stephan den Heiligen, die Arbeit Bischof Hartwicks, das von Albericus konzipierte Gesetzbuch, die Ladislaus-Legende und eigentlich die ganze arpadenzeitliche Geschichtsschreibung an, die zu jeder Zeit eng mit den in der Kanzlei Beschäftigten verbunden war.

INHALTLICHE KRITERIEN DER LITERATUR

Die Ebenen des Schaffens

Im Mittelalter wurden die Grenzen zwischen Literatur und Schrifttum weit weniger scharf gezogen als heutzutage. Als literarisches Werk betrachtete man jeden Text, der in lateinischer Sprache, daraus folgend also an entsprechende Formen gebunden, verfaßt war und der ein bestimmtes, gut umreißbares Publikum ansprechen wollte. Auch das juristische oder amtliche Schrifttum läßt sich gewisser literarischer Züge wegen nicht aus dem Kreis der Literatur ausschließen. Hierzu darf man die Urkunden, Gesetze und Beschlüsse der Konzilien rechnen, die nahezu ausnahmslos in den königlichen und bischöflichen Kanzleien oder im sciptorium der Kapitel und Klöster entstanden, ebenso wie die meisten der Geschichtswerke. Die arenga und narratio der Urkunden boten durch ihren rezeptiven und erzählerischen Charakter Gelegenheit zur anspruchsvollen Formung. Die größte Zahl der uns überlieferten Schriftwerke machen diese Texte aus, auch zur Arpadenzeit übertreffen sie die Gesamtheit der sog. erzählenden (narrativen) Schriften um ein vielfaches.

Rein wissenschaftliche, erörternde Literatur blieb aus dem Arpadenzeitalter nur in geringer Zahl erhalten, doch auch diese trat hauptsächlich in einem theologisch-philosophischen (Deliberatio des hl. Gerhard), juristischen (Werke des Paulus Hungarus) oder staatstheoretischen (Ermahnungen König Stephans) Gewand in Erscheinung. Epische und Geschichtsliteratur war im arpadenzeitlichen Ungarn größtenteils Historie, das heißt, sie arbeitete die Geschichte der Vergangenheit auf (Chronik, Gesta, Legende) oder wurde zum kleineren Teil als Erinnerungen oder Zeitgeschichte geschrieben (Klagelied des Magisters Rogerius, Bericht des Riccardus über die Reise des Mönchs Julianus). Die Dichtkunst erschien, dem Zeitalter gemäß, überwiegend als kirchliche bzw. liturgische Dichtung. Im Vergleich dazu waren die Vertreter der weltlichen Lyrik bei weitem in der Minderzahl (z.B. Planctus), und auch diese Werke bestanden zumeist aus Votiv- (Giselakreuz, Inschriften des Krönungsumhanges) und Grabinschriften (z.B. auf dem Grab Bélas IV.).

Inhaltliche Einordnung der Werke

Auch eine kleine Zahl literarischer Werke in ungarischer Sprache blieb aus der Arpadenzeit erhalten (z. B. die Grabrede und Fürbitte). Diese folgten meist streng dem ursprünglichen lateinischen Konzept, wenn es ein solches denn gab, waren aber auf jeden Fall den Stil- und Gattungsanforderungen der lateinischen Sprache angepaßt. Doch größtenteils hatte man die Literatur in Mittellatein geschrieben, und so ist sie uns auch überliefert worden. Eine schärfere Grenze läßt sich zwischen der kirchlichen und weltlichen Literatur ziehen. Ziel, Publikum und Funktion der Kirchenliteratur weichen stark von der der weltlichen ab: Sie diente hauptsächlich dazu, die Texte der Gottesdienste (=Liturgie) farbiger zu gestalten, sie entstand mit dem Ziel, Moral zu lehren, sie sprach Kirchengemeinden und Ordensgemeinschaften an, ihre Aufgabe war es, religiöse Ideen und kirchliche Anschauungsweise in möglichst weitem Kreis zu verbreiten.

Die weltliche Literatur dagegen verdankt ihr Entstehen der wohlmeinenden Absicht, das menschliche Gedächtnis zu bewahren und für Unterhaltung zu sorgen. Sie sprach den hohen Adel und Klerus bei Hofe, zumindest aber das ein weltliches Leben führende Publikum an, sie diente als Träger und Verbreiter der politisch-herrscherlichen Ideen. Formell schlüpfte auch die weltliche Literatur nicht selten in ein religiöses Gewand, die inhaltlich-ästhetische Analyse indes verrät ihren Charakter deutlich. Zum Kreis der weltlichen Literatur gehört auch die Frage der Präsenz einer Ritter- bzw. höfischen Literatur. Zwar gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, daß sich nicht wenige Erscheinungen der westlichen Ritterkultur vom Beginn des 13. Jahrhunderts an auch in Ungarn einbürgerten, doch beschränkten sich diese in erster Linie auf Äußerlichkeiten, während sie inhaltliche Merkmale überwiegend entbehrten. Deshalb kann von einer Ritter- bzw. höfischen Literatur im engeren Sinne des Wortes im arpadenzeitlichen Ungarn nicht gesprochen werden. Hintergrund dieses Negativums dürfte das Fehlen des gesellschaftlichen Trägermediums sein.

Die Epochen der Literatur

In der Arpadenzeit war das lateinischsprachige literarische Schaffen kontinuierlich. Ausnahmslos von jedem Herrscher blieben Urkunden (oder Hinweise auf diese, z. B. ein abgerissenes Bleisiegel von König Peter) erhalten, deren Schreiber diese Kunst in den Kanzleien von ihren älteren Berufskollegen lernten und die beim Abschreiben die Urkunden ihrer Vorgänger als Muster verwendeten. Am Hofe nahezu jedes Monarchen der Arpadendynastie war ein Geschichtsschreiber tätig, der die Kodizes früherer Chroniken kopierte, überarbeitete oder sogar zusammenfaßte und weiterschrieb. Daß man die in erster Linie zu liturgischen Zwecken geschaffenen Legenden bis zum Jahr 1301 kannte und benützte, ist also nicht verwunderlich, eher schon die Tatsache, daß sich die Wirkung der Ermahnungen Stephans des Heiligen das ganze Zeitalter hindurch nachweisen läßt.

Neben dieser kontinuierlichen Entwicklung gab es aber auch solche Epochen, in denen das literarische Schaffen intensiver wurde. Die erste dieser Perioden nach dem Zeitalter des hl. Stephan war die Zeit der Könige Ladislaus (1077-1095) und Koloman (1095-116), als nicht nur Urkunden oder Legenden, Chroniken, Gesetzestexte geboren wurden und das schöpferische Selbstgefühl auftauchte, sondern sich auch das juristische Schrifttum auf einen immer breiteren Kreis ausdehnte. Eng verflochten war dieser Aufschwung gewiß mit der Festigung des christlichen Glaubens und institutionellen Systems der Kirche, deren äußere Anzeichen in den Kanonisierungen zum Ausdruck kamen. Seinen zweiten Höhepunkt erlebte es zur Regierungszeit Bélas III. (1172-1196), als das juristische Schrifttum mit der Bildung der Kanzlei zur Institution wurde. Am Hofe Bélas schrieb Anonymus seine romantische Gesta, und der Autor der Legende des hl. Ladislaus verfaßte eine die weltliche Lebensanschauung widerspiegelnde Biographie.

Über die inspirierende Wirkung der friedlichen Konsolidation zur Zeit Bélas hinaus läßt sich im Ideengehalt der beiden Werke, bzw. darin, daß Béla Kleriker nach Paris schickte, ein gewisses System erkennen. Vermutlich waren dem König - vielleicht mit Hilfe der Erfahrungen seiner in Byzanz verbrachten Jugend - die in der Schriftlichkeit verborgenen Möglichkeiten und die Notwendigkeit der herrscherlichen Propaganda klar geworden. Daneben hatte zweifellos auch der Durchzug der Kreuzfahrerheere des deutschen Kaisers Einfluß ausgeübt. Die dritte herausragende Epoche war die Zeit der Könige Stephan V. und Ladislaus IV., als das Schreiben staatstheoretisch fundierter Chroniken, die Hymnendichtung und das Briefeschreiben intensiver wurden. Dieser Aufschwung wurzelte in den Spannungen, die mit der gesellschaftlichen Umgestaltung einhergingen. Damals begann sich nämlich das institutionelle System der Zeit Stephans des Heiligen endgültig aufzulösen, an dessen Stelle nach und nach modernere politische und Gesellschaftsformen traten.

Die Überlieferung der arpadenzeitlichen Literatur

Bis zur Erfindung der Buchdruckerei wurden mittelalterliche Texte in handgeschriebenen Kodizes weitergegeben, als deren Material bis zum 14. Jahrhundert ausschließlich Pergament diente. Danach verwendete man zumeist das durch arabische Vermittlung aus China bekannte Papier, das billiger war als Pergament. Nur in den seltensten Fällen blieben Texte als Manuskript der Autoren (autographon) erhalten, in Ungarn ist jedoch auch kein solcher Text bekannt, den der Verfasser gebilligt hätte. In der Mehrzahl handelt es sich um Kopien, deren Herkunft entweder nur noch anhand der beim Kopieren übernommenen Fehler oder gar nicht mehr nachprüfbar ist. Häufig stammen die Handschriften früh entstandener Werke aus sehr später Zeit, und einzelne Arbeiten haben ihre Überlieferung nur den Erstlingsdrucken zu verdanken.

Anfangs kopierte man Handschriften in den Schreibstuben der Klöster, im Hochmittelalter waren damit die königliche oder die Kanzleien hoher Kleriker beschäftigt, bis das Kopieren im ausgehenden Mittelalter schließlich Manufakturen übernahmen. Im Spätmittelalter stand die Verfielfältigung auch mit der Universitätsausbildung in Zusammenhang. Die Größe der Kodizes dürfte vom kleinen Oktav- bis hin zum Folioformat gereicht haben, und dementsprechend wurden die Bögen zu Bogenheften gefaltet. Der Text war auf den Seiten in ein oder zwei Spalten angeordnet, die lateinische Schrift entsprach dem Schrifttyp des Zeitalters. Man kann zwischen den kursiv geschriebenen, unverzierten, zum täglichen Gebrauch bestimmten Kodizes und jenen, dem Wunsch des Auftraggebers, ihrer Bestimmung als Handschrift oder ihres Inhalts wegen mit viel Aufwand angefertigten, prächtigen Exemplaren unterscheiden, die reich mit Initialen und Miniaturen geschmückt wurden.

Es gibt Kodizes mit der Abschrift nur eines Werkes, andere wieder stellen Sammelbände dar, die mehrere Werke identischen oder abweichenden Gegenstandes beinhalten (darüber hinaus kam es vor, daß der spätere Benutzer verschiedene Arbeiten enthaltende Handschriften zu einem Band binden ließ). Im Zuge des Kopierens wurden die Handschriften bisweilen ergänzt, mit Anmerkungen versehen und nicht selten sogar gänzlich überarbeitet. Entscheidend für die Überlieferung eines Werkes sind das Alter, die Zahl und die Qualität der Handschriften. Im Fall der antiken Autoren beispielsweise stammt der erste erhalten gebliebene Kodex mit den Werken Vergils noch aus dem 4. Jahrhundert, die Werke des Ovid sind uns aus dem 9. Jahrhundert, das literarische Schaffen des Propertius hingegen erst aus dem 12. Jahrhundert überliefert worden.

Von Einfluß auf die Anzahl der Handschriften waren auch gattungsbezogene Faktoren. Zum ständigen Gebrauch dienende und liturgische, juristische sowie Ansprüche des Unterrichts erfüllende Werke blieben in einer großen Zahl Handschriften erhalten: Es gibt mehr als 8000 Vulgata-Handschriften, rund 1000 Exemplare der populären Legenda Aurea sowie der Grammatik des Donatus, und bei etwa 400 liegt die Zahl der das Werk des hl. Augustin über die Stadt Gottes, die Enzyklopädie des Bischofs Isidorus sowie das Boëthius-Werk "De consolatione philosophiae" enthaltenden Handschriften. Historische Werke wurden durchschnittlich in 50, höchstens aber 200 Handschriften überliefert. Das erste vollständig gedruckte Buch war im Jahr 1455 die Bibel, dem die Erstausgaben (editio princeps) einzelner Werke des hl. Augustin (1467) und Vergils (1469) folgten. Was die Textüberlieferung anbelangt, informieren darüber die kritischen Ausgaben der Werke.

Die frühesten und zugleich die meisten Handschriften Ungarns sind liturgischen Inhalts. Um literarische Texte im engeren Sinne handelt es sich bei der Arbeit des hl. Gerhard sowie dem Werk des Anonymus, die fast noch zu Lebzeiten der Autoren (im Falle des Anonymus spätestens drei Jahrzehnte nach dessen Tod) verfielfältigt und in jeweils nur einer Handschrift überliefert wurden. Die früheste Handschrift mit der kleineren und größeren Stephanslegende stammt vom Ende des 12. Jahrhunderts (Ernst-Kodex), es gibt aber auch spätere Ausgaben. Ebenfalls in einem Kodex vom Ende des 12. Jahrhunderts (Pray-Kodex) blieben die Konzilsentscheide aus der Zeit Kolomans (zusammen mit den Preßburger Annalen) erhalten, und der die Legende von Emmerich sowie die kleine Gerhard-Legende beinhaltende älteste Kodex entstand an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert.

Weniger Glück war der Arbeit Bischof Hartwicks beschieden, deren früheste, den vollständigen Text enthaltende Kopien aus dem 14.-15. Jahrhundert stammen. Die größere Legende des hl. Gerhard hat ein Kodex des 14. Jahrhunderts überliefert, den Text der Ladislaus-Legenden hingegen findet man erst in Kodizes bzw. einem Erstlingsdruck (incunabulum) aus dem 15. Jahrhundert, während die Ermahnungen König Stephans und die von Ladislaus erlassenen Gesetze in der im 15. Jahrhundert entstandenen Thuróczy-Chronik sowie dem Ilosvay-Kodex aus dem 16. Jahrhundert erhalten blieben. Die älteste Handschrift mit den Gesetzen Stephans ist zwar der Admonter Kodex aus dem 12. Jahrhundert, dieser enthält jedoch nicht sämtliche Paragraphen, im Gegensatz zum Thuróczy- und Ilosvay-Kodex, die lückenlos und an vielen Punkten besser getextet sind. Das Klagelied des Magisters Rogerius findet man nur in einem Erstlingsdruck, der von János Thuróczy verfaßten Chronik. Am schlimmsten aber erging es der Gesta des Simon Kézai; die vermutlich einzige vollständige Handschrift ging Ende des 18. Jahrhunderts verloren, so daß gegenwärtig nur Kopien aus dem 18.-19. Jahrhundert bekannt sind.

Kompliziert ist die Frage der arpadenzeitlichen ungarischen Chroniken. In zahlreichen Handschriften - darunter auch der Prachtausgabe der Bilderchronik! - blieb der Text früherer Chroniken, vermutlich originalgetreu, erhalten. Doch eine sichere Bestimmung späterer Textänderungen ist heute fast schon unmöglich. Und da ihre Texte bis zur Herrschaftszeit Karls I. bzw. Ludwigs I. fortlaufend geschrieben wurden, läßt sich die Frage, welcher Teil welchem Verfasser aus welcher Zeit zugeschrieben werden kann, ebenso schwer beurteilen. Anlaß zur Hoffnung gibt allerdings, daß in den letzten Jahrzehnten auch Chronikfragmente aus gebundenen Tafeln zum Vorschein gelangt sind.

Das früheste in Ungarn gedruckte Werk ist die Ofner Chronik. Sie wurde 1473 auf Kosten von László Karai in der Druckerei des András Hess gedruckt. Ihr folgten 1488 - wenn auch bereits im Ausland, in Brünn und Augsburg - zwei Ausgaben der gleichfalls den Text ungarischer Chroniken überliefernden Thuróczy-Chronik. Als Inkunabeln, die man Ende des 15. Jahrhunderts in Strassburg (1486), Venedig (1498, 1512) und Krakau (1511, 1519) mehrfach drucken ließ, erschienen die Stephans-Legende nach Bischof Hartwick, die Emmerich-Legende, die Ladislaus-Legende sowie die erste Ausgabe der von Maurus verfaßten Legende über die Eremiten des Waagtals (von den Legendenauszügen des Pelbart von Temesvár und den gedruckten Breviarien kann im vorliegenden Fall abgesehen werden). Demgegenüber entstand die erste Anonymus-Ausgabe im Jahr der Entdeckung des Werkes, 1746, und die Gerhard-Ausgabe gar erst 1790.

Nicht vergessen werden darf darüber hinaus die Tatsache, daß eine beträchtliche Anzahl literarischer Werke untergegangen sein dürfte, von denen wir überhaupt nichts wissen. Gleichzeitig blieben Hinweise auf einige verlorengegangene Schriften erhalten. Bekannt ist zum Beispiel, daß es von Bischof Gerhard mehrere Werke gab; er hatte u.a. eine Abhandlung über die Dreifaltigkeit geschrieben und die Briefe der Apostel Paulus und Johannes kommentiert (einige Fragmente seiner Predigten, auf die man früher bereits anhand der Legenden folgern konnte, wurden neuerdings wiedergefunden). Das gleiche trifft auf Erzbischof Bernhard von Spalato zu, den Erzieher König Emmerichs, dessen wider die Ketzer verfaßte Schrift ebenso unauffindbar blieb wie seine Predigten. Anonymus erinnerte sich einer in seinen Studienjahren geschriebenen Arbeit über die Geschichte von Troja sowie die Griechenkriege - auch sie ging im Laufe der Zeit verloren. Doch verloren ging in ihrer eigentlichen Form auch nahezu die gesamte Geschichtsschreibung der Arpadenzeit. Nur noch aus späteren Erwähnungen weiß man von vielen Urkunden und Briefen, die heute nicht mehr vorhanden sind, ganz zu schweigen von der fast völlig untergegangenen ungarischsprachigen Literatur...

DIE AUTOREN

Namhafte und Namenlose

Ein Teil der Werke wurde uns unter dem Namen des Autoren, ein anderer Teil ohne diesen überliefert. Die erste in Ungarn entstandene Legende über den hl. Zoerard/Andreas und hl. Benedikt strömt mit jedem ihrer Worte monastische, asketische Geisteshaltung aus. Entgegen unserer Erwartung aber nennt sich ihr Autor, Bischof Maurus von Pécs, dennoch beim Namen: "Ich, Mór, der ich durch Gottes Gnade jetzt Bischof bin, damals aber Schulkind war, habe den guten Mann (Zoerard/Andreas) zwar gesehen, doch wie sein Leben als Mönch gewesen ist, weiß ich nicht aus eigenem Erleben, sondern vom Hörensagen." Man könnte meinen, daß das frühere Leben des Verfassers als Mönch die düstere Grundstimmung der Legende, seine gegenwärtige Stellung als Prälat hingegen das heraushörbare Selbstbewußtein geprägt haben. Ausgeschlossen wäre dies nicht, doch ist es wohl mehr das Streben nach größtmöglicher Authentizität gewesen, das ihn veranlaßt hat, seine Anonymität aufzugeben.

Bischof Hartwick war der andere Legendenschreiber, der seinen Namen verriet: "Seinem Gebieter Koloman, dem hervorragenden König, entbietet Bischof Hartwick - der sein geistliches Amt nur durch das Erbarmen Gottes erhalten hat - jenem Segen bringend, den Gruß, der auch nach Ende des irdischen Lebens wirken soll." Seiner literarischen Prätension und Bildung sowie seinem schriftstellerischen Bewußtsein verlieh der schreibende Bischof dadurch Ausdruck, daß er seinem Werk ein Empfehlungsschreiben voranstellte. Grundregel beim Konzipieren der Empfehlung, des Briefes und der Urkunde ist laut ars dictaminis, daß nach der Angabe des Adressaten sich der Verfasser des Briefes auch selbst benennt (intitulatio). Auf dieselbe Weise kennen wir die Absender von diplomatischen Briefen (wobei in ihrem Fall und bei Urkunden selbstverständlich zwischen der Person des Unterzeichners und der des tatsächlichen Scheibers zu unterscheiden ist).

Eine Ausnahme bildet die Emmerich-Legende, denn ihr Verfasser läßt sich durch einen glücklichen Zufall mit jenem Hospes Fulco identifizieren, dessen biographische Daten mit den auf den Autor hindeutenden Angaben in der Legende übereinstimmen.

In Namenlosigkeit hüllten sich zumeist auch die Verfasser von Gesetzestexten. Lediglich Albericus, ein Zeitgenosse Bischof Hartwicks, der den Text der Gesetze König Kolomans konzipierte, trat aus der Anonymität: "Für Seraphin, dem mit dem Feuer der göttlichen Tugenden brennenden Erzbischof, von Albericus, zwar nur einem der Geringsten, aber im Palaste der himmlischen Beschaulichkeit dennoch berufenen Diener der Gottheit." Für ihn gilt das gleiche wie für Hartwick.

Bei Abhandlungen hat im Prinzip die Textüberlieferung im Titel des Werkes auch den Namen des Verfassers bewahrt, wie beispielsweise im Fall von Bischof Gerhard: "Dem weisen Insingrimus gewidmete Abhandlung über den «Gesang der drei Jünglinge» von Gerhard, dem Bischof der Kirche Marosvár." Wer den lateinischen Text der Ermahnungen konzipierte, ist nicht bekannt, was daraus resultiert, daß die Überlieferung schon Ende des 11. Jahrhunderts König Stephan den Heiligen für deren eigentlichen Verfasser hielt.

Die Namen der Verfasser von Predigten (Sermonen) kennen wir nur dann, wenn - wie bei den Reden des Wardeiner Bischofs Benedikt - die ansonsten im Kodex enthaltenen Arbeiten darauf verweisen, während bei der unter dem Titel "Reden von Fünfkirchen" bekannten Sammlung Namenlosigkeit die Regel ist.

Zum Schluß sei von den historischen Arbeiten die Rede. Wer die Aufzeichnungen in den Preßburger Annalen verfaßt hat, weiß man nicht. Nur soviel läßt sich vermuten, daß der erste, bis zum Jahr 1060 reichende Teil wahrscheinlich von einem Benediktiner in Pannonhalma geschrieben wurde. Auch auf die Person der Chronisten kann vor dem Ende des 12. Jahrhunderts lediglich gefolgert werden. Im Kreis der die Urgesta ins Zeitalter Andreas I. und Salomons datierenden Forscher herrscht aufgrund stilistischer Ähnlichkeiten zwischen dem Gründungsbrief von Tihany und dem Chroniktext sowie einer Angabe über Bischof Nikolaus in der Chronik die Auffassung vor, daß diese Arbeit Bischof Nikolaus von Veszprém zuzuschreiben ist, der auch die Gründungsurkunde von Tihany konzipierte. Ausgehend von den Kapiteln der Chronik, die über das Leben des hl. Ladislaus berichten, käme als Verfasser der Gesta regis Ladislai der im Jahr 1099 verstorbene Bischof Koppány aus dem Geschlecht Rád in Betracht.

Die Lebensdaten von Magisters Ákos (Akusius) lassen es möglich erscheinen, daß er die im Zeitalter Stephans V. entstandene Gesta geschrieben haben könnte. Simon Kézai nannte seinen Namen in einem Empfehlungsschreiben: "Dem unbesiegbaren und mächtigen Herrn Ladislaus dem dritten, dem ruhmvollsten König Ungarns, wünscht sein treuer Priester, Meister Simon Kézai, daß er sein Sehnen nach Demjenigen richten möge, dessen Schönheit Sonne und Mond bewundern." Der Name des Meisters Rogerius wurde im Titel einer zeitgeschichtlichen Abhandlung über den Mongolensturm überliefert, ebenso wie der des Mönches Ricardus in dessen Bericht. Der Mönch Julianus schrieb seinen Bericht in Form eines Briefes, wo er in der intitulatio natürlich auch sich selbst vorstellt.

Ein Einzelfall ist Anonymus, Notar König Bélas und Autor der romanhaften Gesta Hungarorum, der sich zwar beim Namen nennt, für uns aber dennoch anonym bleibt. Er verschweigt seinen vollen Namen aus obligater schriftstellerischer Bescheidenheit und erfüllt damit die Anforderungen der captatio benevolentiae. Lediglich soviel verrät er, daß sein Name mit dem Buchstaben "P" beginnt, was zu immer neuen Vermutungen Anlaß gibt. Die Forscher suchten seine Person im Zeitraum nach dem Tod Bélas III. unter den hohen Klerikern namens Peter; zuerst wähnte man sie im Graner Domprobst Peter, neuerdings in Bischof Peter von Raab gefunden zu haben. Über sich selbst läßt der Verfasser in der Empfehlung zu seinem Werk soviel durchblicken, daß er "Magister" und einst Notar des guten Königs Béla gewesen, weiters daß er die Schule zusammen mit seinem Freund namens N. besucht und auf dessen Bitte hin mit dem Schreiben des Werkes begonnen habe. Darin, daß es sich bei dem erwähnten König Béla um Béla III. (1172-1196) gehandelt haben muß, scheint die Wissenschaft übereinzustimmen. Überlieferten Angaben zufolge aber war bei Béla III. nur ein Notar tätig, dessen Name mit dem Buchstaben "P" begann: Propst Paul, der spätere Bischof von Siebenbürgen und anschließende Erzbischof von Kalocsa.

Ausländer in Ungarn - Ungarn im Ausland

Eine Besonderheit der mittelalterlichen Literatur ist die in ihrer Sprache und ihren Schaffensregeln Ausdruck findende Internationalität. Literaturen in Nationalsprache mußten darauf verzichten, was die Intensität der ungarischen Literatur freilich steigerte, ihrem nach außen gerichteten Wesen jedoch vollends abträglich war. Da das institutionelle System der Kirche allerorts identisch und es im Kreis der Gebildeten Mode war, Alltagslatein zu sprechen, eröffneten sich einem geschulten Kleriker im Mittelalter wesentlich breitere Möglichkeiten als einem Peregrinus im 16. Jahrhundert. Als Folge davon kam im Schaffen eines Literaten auch der fremden Umgebung Bedeutung zu.

Die Urheber der ersten Arbeiten in lateinischer Sprache - der Verfasser der Ermahnungen und Gesetzte Stephans des Heiligen, Bischof Gerhard sowie die Urkundenschreiber - kamen mit Sicherheit aus dem Ausland nach Ungarn. Einige davon kehrten sehr bald in ihre Heimat zurück: Der Regensburger Mönch Arnold beispielsweise trug in Gran seine dem hl. Emmeram gewidmeten Antiphonen und Responsorien vor, und Brun von Querfurt suchte Radla, einen Schüler des hl. Adalbert, nur deshalb in Ungarn auf, damit dieser die Angaben seiner Adalbert-Biographie überprüfe. Mit dem Auftreten der ersten ungarischen Literaten (die Bischöfe Maurus und Nikolaus) änderte sich dieser Vorgang zwar in seinen Proportionen, schlug jedoch nicht ins Gegenteil um: Im Sinne der Ermahnungen des hl. Stephan gewährte Ungarn Ausländern auch weiterhin Asyl und winkte ihnen mit der kirchlichen Laufbahn, selbst dann noch, als man zur Zeit Kolomans durch Konzilsentscheide die Aufnahme fremder Kleriker zu regeln suchte.

Bischof Hartwick gelangte vermutlich wegen des um das Recht des deutschen Herrschers zur Ernennung hoher Geistlicher entbrannten Streits nach Ungarn: Der Benediktiner aus dem Kloster Hersfeld wurde zunächst Bischof, dann trat er an die Spitze des Erzbistums Magdeburg, bis er seine Residenz verlassen mußte und nach 1088 am Hof Kolomans Aufnahme fand. Albericus stammte vielleicht aus dem französischen Sprachraum, ihm bot der erzbischöfliche Hof in Gran Gelegenheit, sich hervorzutun. Cerbanus weilte nur auf der Durchreise in Ungarn, hinterließ aber mit seinen Übersetzungen aus dem Griechischen außerordentlich wertvolle Erinnerungen an seinen hiesigen Aufenthalt. Durch die Ansiedlung der neuen Mönchsorden gestalteten sich die Beziehungen zum Westen vom 12. Jahrhunderts an noch intensiver. Die Zisterzienserklöster unterhielten ständige und enge Kontakte zu ihren Mutterabteien, die Brüder gingen für kürzere oder längere Zeit in entfernte Klöster und kehrten nach Ablauf einer gewissen Zeit an ihren ursprünglichen Wohnort zurück.

Auf diese Weise war auch Johannes von Limoges nach Ungarn gekommen, der zwischen 1208 und 1218 als Abt dem Zircer Zisterzienserkloster vorstand und dann nach Frankreich zurückging. Von seinen Werken pflegt man nur eines mit seinem Aufenthalt in Ungarn in Zusammenhang zu bringen, und zwar das Werk Libellus de dictamine, in welchem er die Kunst des Briefeschreibens, ars dictaminis, dem System der scholastischen Logik anpaßte. Damit hatte Johannes von Limoges ein solches Lehrbuch geschaffen, das selbst später noch großes Ansehen genoß; der Text ist auch in einem einst im Besitz von Francesco Petrarca befindlichen Kodex zu lesen. Sofern der Autor sein Werk oder einen Teil davon tatsächlich in Ungarn verfaßt haben sollte, ist dies die einzige ars dictaminis, deren Entstehen im arpadenzeitlichen Ungarn verifiziert werden kann. Daneben darf man nicht vergessen, daß am Hof von König Emmerich auch weithin berühmte provenzalische Troubadoure ihre Verse schrieben: Peire Vidal (1175-1210) unter anderem hat besungen, auf welch "großem Fuße" König Béla III. lebte.

Eine nicht weniger wichtige Rolle spielten die Autoren, die aus Ungarn stammten und ihre Werke im Ausland schrieben. Der vielleicht bedeutendste unter ihnen, Paulus Hungarus, kehrte später sogar nach Hause zurück, um als Mitglied des Dominikanerordens die Bekehrung der Kumanen voranzutreiben. Er tauchte in den Jahren nach 1210 an der Universität von Bologna auf, wo er kanonisches Recht lehrte, und trat um 1219 dem Dominikanerorden bei. 1221 wurde er Prior der St. Nikolaikirche und Rektor der Universität Bologna, dann aber ging er auf Weisung des Ordensvorstehers nach Ungarn zurück, wo er als Missionar unter den Kumanen lebte und 1242 während des Mongolensturmes den Märtyrertod starb. Beide Werke von ihm stehen im Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit in Bologna. In seinen Notabiliae kommentierte er einzelne Abschnitte des kanonischen Rechts, das Werk Summa de paenitencia hingegen ist eine Zusammenfassung alles Wissenswerten in bezug auf die Bußfertigkeit, also eine Art Handbuch zur Beichte.

Wenn sich in letztgenanntem Werk auch keine ungarischen Bezüge nachweisen lassen, in den Kommentaren zum kanonischen Recht sind sie dafür umso zahlreicher zu finden. Gewiß ist jedoch, daß er beide Werke zur Zeit seines Aufenthaltes in Bologna schrieb. - Sowohl Magister Akusius als auch Magister Simon Kézai weilten nicht nur zwecks Studium in Italien, sondern auch als Diplomaten des Königs, um dynastische Beziehungen anzuknüpfen. Als sie die Tochter König Stephans zu ihrem Bräutigam, dem Sohn Charles d'Anjous, nach Sizilien begleiteten, war in ihrem Gefolge vielleicht auch Andreas von Ungarn, der allerdings nicht mit der Gesandtschaft zurückkehrte, sondern als Chronist bei Charles d'Anjou blieb. Seine Person verdient deshalb Interesse, weil er den Grad eines Magisters mit Unterstützung des ungarischen Königs erlangte und später auch Mitglied der königlichen Kapelle war ("Meister Andreas Ungarus, einst Kaplan und Freund der seligen Könige Béla und Stephan!").

Obwohl sich der Gegenstand seiner Chronik nicht auf Ungarn bezieht, sind Sprache und Bildung ihres Verfassers doch mit jenen der zeitgenössischen ungarischen Chronisten identisch. In seinem 75 Kapitel umfassenden Werk hielt er den neapolitanischen Feldzug Charles d'Anjous im Jahr 1266 fest, jenes Ereignis, in dessen Folge die Anjou-Dynastie, die in der ungarischen Geschichte später noch eine solch große Rolle spielen sollte, im Kampf zwischen Papst- und Kaisertum den Thron von Neapel erringen konnte. Das Schaffen beider illustriert demgemäß die Teilnahme aus Ungarn stammender Autoren am literarischen Leben des Auslandes.

Das Gesagte deutet darauf hin, daß der Literaturumschlag zwischen dem Westen und Ungarn durch den Austausch von Werken und die Herkunft der Verfasser ab dem Jahr 1000 kontinuierlich war. Die Universalität des der Literatur als Grundlage dienenden institutionellen Systems funktionierte sichtlich auch in bezug auf Ungarn recht gut.

DIE WERKE

Das juristische Schrifttum

Bindeglied zwischen den Urkunden und literarischen Werken waren dieselben Regeln und Prinzipien, die ihrer Konzipierung und stilistischen Gestaltung zu Grunde lagen. Das hing einerseits damit zusammen, daß die ars dictamini - sowohl für den Autor eines umfangreicheren Werkes als auch den Verfasser von Urkunden - Handbuch und Lehrmaterial der anspruchsvollen literarischen Formulierung war, andererseits handelte es sich bei den Schöpfern literarischer Werke und Verfassern von Urkunden häufig um ein und dieselbe Person. Beredte Beispiele für diese Verwandtschaft sind die konzeptionellen und stilistischen Übereinstimmungen zwischen der mittelalterlichen Urkunde, dem dipolmatischen oder fiktiven Brief und dem Empfehlungsschreiben. Zwei der Urkundenformeln eigneten sich besonders zur Gestaltung literarisch anspruchsvoller Texte. Eines war die Arenga, die man überwiegend aus dem internationalen Arenga-Fundus schöpfte, von der sich aber auch spezifische, nur für Ungarn charakteristische Typen entwickelten. Das zweite Urkundenmuster, dessen Formulierung die Stufe literarischer Prätension erreicht haben dürfte, war die Narratio; jener Teil, in welchem der Urkundengeber die Gründe und Umstände seiner Verfügungen ausführlich darlegte.

Während die Narratio im Westen auf dem Niveau der knappen und ungeschmückten Mitteilung von Tatsachen blieb, bemühte man sich in der ungarischen Hofkanzlei von der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an um immer größere Ausführlichkeit. Im Falle einer königlichen Donation wurden neben den Verdiensten des Schenkenden auch die das Schicksal des Monarchen, der königlichen Familie und des Landes betreffenden Ereignisse in den Text eingewoben. In dem Maße, wie die Narratio der Urkunden an Umfang zunahm, wuchs auch das Bestreben nach einer möglichst abgerundeten Formulierung, bis aus der Erzählung schließlich runde, literarische Form gewonnene Lebensbilder entstanden. Häufig tauchten in der Darstellung epische Züge, stilistische Merkmale und die sorgfältige (parallele oder gegensätzliche) Konzipierung auf. Die königliche Hofkanzlei war also nicht nur eine Werkstätte des juristischen Schrifttums, sondern auch für die Bewahrung des - individuellen oder aber gemeinschaftlichen - Gedächtnisses.

Literarische Gattungen

Die erhalten gebliebenen Werke vertreten die verschiedensten Gattungen der mittelalterlichen Literatur, ihre Vielfalt gilt als Gradmesser des literarischen Lebens. Zieht man die westliche Präsenz der Gattungen sowie die kulturellen Verhältnisse Ungarns in Betracht, ist es kaum wahrscheinlich, daß im Laufe späterer Zeitalter ganze Gattungen untergingen. Was überliefert wurde stellt also wohl ein getreues Abbild der damaligen Realität dar.

Meistvertretene Gattung unserer arpadenzeitlichen Literatur ist die Hagiographie. Es waren zahlreiche Gründe, die zum Entstehen dieser Vielzahl Lebensbeschreibungen von Heiligen beitrugen. Wie man an der Zahl der Handschriften und auch der editio princeps sehen kann, erfreuten sich die Legenden stets der höchsten Popularität und durften zugleich auf das Interesse des größten Publikumskreises rechnen.

Bezeichnend ist, daß ein bedeutender Teil ihrer Leserschaft - die mittleren und unteren Schichten des weltlichen Klerus - gleichzeitig auch Vermittler war, der den literarischen Stoff der Legenden in der Sprache des Volkes an die breitesten Schichten weitergab. Auch die Liturgie bedurfte der Lebensbeschreibungen: Neben den Hymnen und Psalmen im Brevier der Mönche und weltlichen Geistlichen wurde am Feiertag des Heiligen entsprechender Lesestoff benötigt, den man in der Regel der Biographie des betreffenden Heiligen entnahm, oder aber die Lebensbeschreibung war von vornherein so angelegt, daß auf jede der sechs Gebetsstunden einer ihrer Abschnitte entfiel. Und ebenso beanspruchte die mittelalterliche Praxis der Verbreitung von Ideen das Instrumentarium der Legende. 1083 wurden an mehreren verschiedenen Schauplätzen und im Rahmen einer sich auf das ganze Jahr erstreckenden Reihe von Feierlichkeiten die Altäre der ersten Heiligen Ungarns errichtet: am 16./17. Juli in Zobor der Eremiten Zoerard/Andreas und Benedikt, am 26. Juli in Csanád des Märtyrerbischofs Gerhard, am 20. August in Stuhlweißenburg des heiligen Königs Stephan und am 5. November schließlich Herzog Emmerichs.

Die früheste Legende handelt von den Einsiedlern des Waagtales, nahezu zwei Jahrzehnte vor ihrer Kanonisierung. Inspiriert hatten den Verfasser der Legende gewiß die lokale und individuell geprägte Verehrung, aber auch sein Bestreben, die aus Italien kommende asketische Strömung der monastischen Reform voranzutreiben bzw. ihr Ideengut zu verwurzeln.

Schon früh entwickelte sich am Schauplatz des Märtyriums des hl. Gerhard und später gegenüber dieser Stelle, im Gebäude der Pester Pfarre, der Kult um die Reliquien. Doch die gemeinsame Vorgängerin der beiden erhalten gebliebenen Legenden entstand frühestens an der Wende vom 11. auf das 12. Jahrhundert, eher erst um 1145. Davon fertigte man zum Ende des Jahrhunderts liturgischen Zwecken dienende Auszüge bzw. Predigten an, während der ausführlichere Text Ende des 14. Jahrhunderts an zahlreichen Punkten geändert wurde.

Stark beeinflußt hat den Ideengehalt der Urlegende über den hl. Gerhard, daß ihr Verfasser in der weltlichen Umgebung des Hofes auch solche Quellen verwendete, an die er in der Einsamkeit eines Klosters kaum herangekommen wäre. Allem Anschein nach hat er sich auf den Text der Chronik aus der Zeit Andreas I., bei der Darstellung des Stammesführers Csanád aber auf Heldenlieder und lokale Csanáder Traditionen gestützt. Was den Wert des Textes erhöht ist die Tatsache, daß darin zum erstenmal das vom französischen Kloster Chartres ausgehende Gedankengut erscheint, welches sowohl der Denkweise als auch der gotischen Kunst der Renaissance des 12. Jahrhunderts zugrunde liegt.

Über die frühe Verehrung König Stephans des Heiligen geben die Quellen keine Auskunft. Erstes Anzeichen für die Herausbildung des Kultes ist die Geburt der größeren Stephans-Legende, die zwar seine Heiligsprechung noch nicht erwähnt, gleichzeitig jedoch mit Sicherheit nach der Thronbesteigung Ladislaus', also zwischen 1077 und 1083, entstand.

Ihr Verfasser arbeitete eine in der Geschichte der ungarischen Außenbeziehungen sehr bedeutsame These aus, die er für die Gemeinschaft der Benediktiner schrieb: Er wies den von Papst Gregor VII. im Namen Petri erhobenen lehnsherrlichen Anspruch auf Ungarn damit zurück, daß König Stephan sein Land dem Schutz der Jungfrau Maria anempfohlen habe, das so zu deren Erbe wurde (er stellte also dem patrimonium Petri die These hereditas Mariä gegenüber). Der Autor der kleineren Legende kannte das Werk seines Vorgängers bereits. In seiner Schrift begann eine ganz andere Anschauungsweise zu dominieren: Er stellte Stephan nicht mehr als den stets mit Blick auf das Gottesgericht handelnden Monarchen der größeren Legende, sondern als einen in vieler Hinsicht real denkenden, mit starker Hand und gerecht regierenden König dar. Dies ist das erste literarische Werk in Ungarn, dem eine den zeitgenössischen Lehren in allem entsprechende und vom literarischen Bewußtsein des Autors zeugende Empfehlung vorangestellt wurde, und in dessen Text auch die ersten Spuren des Interesses für Antiquität zu finden sind.

Während vor allem liturgische und erbauliche Gesichtspunkte die beiden ersten Stephans-Legenden motivierten, wurde das Entstehen der dritten Legende von politischen Aspekten bestimmt. Denn gewiß nicht nur aus Höflichkeit erwähnte der Verfasser, Bischof Hartwick, in ihrem Prolog den königlichen Befehl. Der aus dem Ausland stammende Bischof verfügte über keine anderen Quellen als die beiden früheren Legenden. Was konnte er also anderes tun, er verschmolz die beiden Texte. Eigenes schuf er nur in dem Kapitel, in welchem er beschreibt, wie Stephan vom Papst eine Krone erhielt. Zur Entstehungszeit der Legende tobte der Kampf zwischen Kaiser und Papst um die Ernennung hoher Kleriker, der Investiturstreit, schon eine ganze Weile. Hartwick mußte also beweisen, daß die ungarischen Herrscher seiner Zeit aufgrund des Stephan vom Papst gewährten Privilegs zurecht über all jene die Kirche betreffenden Befugnisse verfügen, welche die Päpste den christlichen Monarchen seit Gregor VII. streitig machten.

Zur Verehrung des hl. Emmerich gibt es aus der Zeit vor seiner Heiligsprechung nur derart schwache Spuren, daß in den ungarischen Quellen diesbezüglich kaum auswertbare Angaben erhalten blieben. Seine Legende wurde zwischen 1109 und 1116 ebenfalls in benediktinischer Umgebung als Lesestoff für Mönche geschrieben. Der Verfasser feierte in Emmerich die Verkörperung der jungfräulichen Reinheit, obwohl man aus dem Text auch die Ablehnung der Ziele des Gregorianismus herauslesen kann (Papst Gregor VII. heißt hier einfach nur Hildebrand!).

Kaum einhundert Jahre nach den ersten Kanonisierungen nahm ein päpstlicher Legat 1192 in Wardein auf Bitten Bélas III. auch König Ladislaus in den Kreis der Heiligen auf. Damit hatte sich die Zahl der aus dem Geschlecht der Arpaden hervorgegangenen Heiligen auf drei erhöht. Zwar bildete sich der Kult um Ladislaus vielleicht schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts heraus, doch daß er kanonisiert wurde, dabei spielten zweifelsohne auch politische Überlegungen eine Rolle.

Die zur Zeit der Kanonisierung verfaßte Urlegende ist uns nicht überliefert. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde sie zu liturgischen Zwecken gekürzt, und damals nahm man auch am ausführlicheren Text Veränderungen vor. Absicht des Verfassers war es, die wichtigsten Charakterzüge und Tugenden eines idealen Herrschers herauszuarbeiten (hier näherte er sich in vielerlei Hinsicht der heimischen Vorstellung von einem christlichen Ritter), und bei seiner Darstellung verwendete er als erster den internationalen Mirakel-Schatz.

Sieht man von der Legende der hl. Elisabet ab, die im Ausland lebte und starb, war die Legende der hl. Margarete aus dem Geschlecht der Arpaden (legenda vetus) die letzte, die im arpadenzetilichen Ungarn entstand.

Die Kanonisierung Margaretes hatte man trotz wiederholter Versuche nicht erreichen können. Als der einstige Beichtvater Margaretes, Marcellus, ihre Legende schrieb, stützte er sich dabei auf die Protokolle der vor der Heiligsprechung durchgeführten Untersuchung. Mit seinem sprachlich und konzeptionell einfach gehaltenen Werk suchte er jenes Ideal zu vermitteln, dem seine Heldin ihr ganzes Leben gewidmet und das damals europaweit als außerordentlich aktuell zählte: die christliche Mystik. Dasselbe gilt für die Legende der hl. Ilona von Veszprém, die ihre endgültige Fassung im großen und ganzen zur gleichen Zeit erlangte wie die Margaretenlegende. Ungeachtet ihres späten Auftauchens zeugen zahlreiche gleichaltrige Angaben, die darin zu lesen sind, von ihrer Authentizität.

Wesentlich weniger ist von der in engerem Sinne genommenen Gattung der theologischen Abhandlung überliefert, eigentlich nur ein Stück, das an den Beginn des Zeitalters gesetzt werden kann (wir ordnen dieser Gattung weder die in Urkundenform gefaßten Regeln für Mönche oder die Regeln der Pauliner, noch die juristischen Werke des Paulus Hungarus zu). Ebenfalls nur ein Denkmal blieb vom diesbezüglichen Schaffen des hl. Gerhard erhalten, die "Deliberatio", doch wissen wir, daß er mehrere Werke ähnlicher Art geschrieben hat. Obwohl der umständliche Stil des Verfassers, seine schwer verfolgbaren Gedankengänge, die in besonderem Sinn verwendeten Ausdrücke, die vielen Italianismen und lückenhaften Satzkonstruktionen gewiß nicht zur Popularität des Werkes beitrugen, war die Arbeit Gerhards zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert nahezu das einzige theologische Werk im christlichen Abendland, das diese Gattung vertrat, was auch die niedrige Präsenz dieser Gattung in Ungarn erklären dürfte.

Große Bedeutung kommt unter den der Liturgie dienden Werken der Sermon-Literatur zu. Wir wissen, daß der hl. Gerhard häufig predigte, so wird es auch in seinen Legenden überliefert. Allerdings gelangte erst in jüngster Zeit ein kurzes Fragment seiner Reden zum Vorschein, das gleichzeitig das einzige in Ungarn erhaltene Denkmal einer frühen Predigt vom Typ der Homilie darstellt. Den neuen, thematischen Typ vertreten zwei Predigten des Bischofs Benedikt von Wardein über König Ladislaus den Heiligen sowie die im großen und ganzen gleichaltrigen, neuerdings überzeugend ins letzte Drittel des 13. Jahrhunderts datierten 199 Predigtentwürfe der Fünfkirchner Reden, unter denen 12 von ungarischen Heiligen handeln.

Auch in Ungarn diente die Dichtung in erster Linie liturgischen Zwecken, dennoch blieben ihre ersten Denkmäler nicht in liturgischer Form erhalten. Daß die Votivinschriften des Krönungsumhanges und Giselakreuzes ungarischer Herkunft sind, scheint hinreichend erwiesen. Und ebenso war es mit Sicherheit ein ungarischer Autor, welcher den ersten Leoninus-Hexameter - die in Worten ausgedrückte, invokative Form der um 1090 erstellten Vermögenskonskription von Pannonhalma (Divinum firmet nomen, quod scripsimus amen) - formulierte, der in einer Urkunde des Jahres 1233 von dem Dominikaner Enoch und dem Graner Domherren Cognoscens fortgesetzt wurde (Cum patre nos Natus iuvet hic et Spiritus almus!). Nach der Heiligsprechung Stephans entstanden zum Feiertag des Königs drei Antiphonen und drei Responsorien in Reimprosa, zu denen bis zum Ende des 12. Jahrhunderts lediglich ein Antiphonium über den hl. Gerhard sowie die mit den Worten Mira mater extitisti beginnende Mariensequenz im Pray-Kodex hinzukamen.

Mit Anfang des 13. Jahrhunderts aber kam Leben in die liturgische Dichtkunst, überliefert sind über die Heiligen aus dem Geschlecht der Arpaden sowohl Sequenzen als auch Hymnen. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Prozeß in den 1280er Jahren, als, vielleicht auf Anregung Erzbischof Lodomers, ein Graner Augustiner, um dem Interesse König Ladislaus (des Kumanen) IV. an der heidnischen Vergangenheit und am Attila-Kult entgegenzuwirken, das in Verse gefaßte Brevier König Stephans des Heiligen schrieb. In den gesungenen Teilen des Breviers faßte er die Lebensgeschichte des Heiligen und deren Aussage zusammen. Zum Kreis der liturgischen Dichtung gehören auch die ersten Denkmäler der ungarischen Dramatik. Diese weichen zwar nur wenig von den aus Europa bekannten Werken ab, ihrem Erscheinen jedoch kommt große Bedeutung zu: Im Ritualbuch des Raaber Bischofs Hartwick blieb der Text eines Spiels zum Dreikönigsfest erhalten, und an gleicher Stelle, im Kodex Albensis, sowie im Pray-Kodex der mit den Worten Quem quaeritis beginnende Text eines Osterspiels.

Das erste Denkmal der weltliche Dinge behandelnden Dichtung wurde vielleicht von einem hochgebildeten, namenlos gebliebenen Mönch geschrieben, der in seinem Werk das von den Mongolen vernichtete Ungarn beklagte. Das aus 62 fünfzeiligen, gereimten Strophen bestehende Gedicht vertritt mit seinem Stil und der sorgfältigen Konzipierung in der Literatur des Zeitalters ein sehr hohes Niveau. Nicht so jener Verfasser der slowenischen Reimchronik, ein aus dem Ausland stammender Zisterzienser, der die ungarische Geschichte vom hl. Stephan bis zum Jahr 1245 in 27 achtzeiligen Vagantenstrophen in Reime faßte. Seine Verse reichen weder an die Leistung des Planctus, noch an das zeitgenössische Durchschnittsniveau heran. Gleichfalls um 1240 schrieb im sciptorium von Pannonhalma einer der als Kopisten tätigen Mönche, dem das Versemachen Freude bereitete, an den Rand des Liber ruber das die Geschichte der Klostergründung durch den Gespan Walfer erzählende Distichon, bei dem es sich um den ersten Repräsentanten eines zu Eigenzwecken geschaffenen dichterischen Werkes in Ungarn handel dürfte ("Der einem großen Geschlecht entstammende Walfer, den man auch den Großen nennt, /hat zu Ehren der Heiligen Jungfrau eine Kirche errichtet").

Das Briefeschreiben verdient als Gattung deshalb Erwähnung, weil die künstlerische Prosa der Arpadenzeit darin zur höchsten Entfaltung kam. Ein an Oderisius, den Abt von Montecassino, gerichteter Brief König Ladislaus' wurde wohl von Bischof Hartwick selbst formuliert, der darin Gedanken aus der Grabrede des hl. Ambrosius für Theodosius den Großen übernommen hatte. Von Herzogin Sophia, der Schwester Gézas II., blieben sogar mehrere aus Admont geschriebene Briefe erhalten. Zwar kennen wir den Verfasser dieser Briefe nicht, doch außer Zweifel steht, daß er ein guter Stilist und gewandter Briefeschreiber gewesen ist. Im allgemeinen erreichte die diplomatische Korrespondenz - mit ihrem Stil, ihrer perfekten Konzipierung, gereimten Prosa und allem was dazu gehörte - zu dieser Zeit einen hohen Stand (z. B. der berühmte"Tataren"-Brief Bélas IV. aus dem Jahr 1250). Vor allen anderen aber zeichnet sich durch seine literarische Prätension der Brief des Graner Erzbischofs Lodomer an Papst Nikolaus IV. aus, in welchem der Erzbischof dem Papst über die unerwünschten Begleiterscheinungen der Herrschaft Ladislaus IV. berichtete.

Die Geschichtsschreibung

Nicht allein wegen der Anzahl der uns überlieferten Textdenkmäler ist es begründet, die Geschichtsschreibung gesondert in Augenschein zu nehmen, sondern auch weil sie es aufgrund ihrer Kontinuität und Popularität sowie ihrer ideellen Vermittlerrolle ohne weiteres mit der Hagiographie aufnehmen kann. Ihre Denkmäler lassen sich den Gruppen der Historienschrift (Zusammenfassung der auf die Vergangenheit bezogenen Kenntnisse), der denkschriftartig über die Zeitgeschichte berichtenden und der unterhaltenden, in Romanform verfaßten Gesta zuordnen.

Mit Geschichtsschreibung nach westlichen Vorbildern befaßte man sich schon in den ersten Jahrzehnten der Errichtung des christlichen Staatswesens. In Pannonhalma wurden nach dem Beispiel westlicher Klöster bis in die 1060er Jahre annalenähnliche Aufzeichnungen geführt, die man später andernorts fortsetzte. Doch erst das Entstehen der Urgesta, der gemeinsamen Ahne aller ungarischen Chroniken des 11. Jahrhunderts, bedeutete im Vergleich zu den trockenen, meist nur aus einem Satz bestehenden Eintragungen in den Annalen die Geburt der wirklichen Geschichtsschreibung.

Es ist eine Eigenheit der ungarischen Chronographie, daß, obwohl man sich ihr die ganze Arpadenzeit hindurch fortlaufend widmete - ein Verfasser las die Arbeit des anderen, übernahm diese oder verband sie mit anderen Texten, ergänzte sie, ließ Teile daraus weg, widersprach ihr -, ihre frühesten Textdenkmäler erst aus dem Zeitalter der Angeviner erhalten blieben. Der so überlieferte Text stellte bereits die Summe des Schaffens der Autoren früherer Jahrhunderte dar. Daraus folgt, daß sowohl die Zeit, in der die einzelnen Chronisten tätigen waren, als auch die Menge der von ihnen geschaffenen Texte nur mithilfe gründlicher mikrophilologischer Untersuchungen zu bestimmen sind. Grundlegend stehen sich im Hinblick auf die Texte zwei Ansichten gegenüber: Einer Meinung (der wahrscheinlicheren) zufolge kann man die in frühen Zeiten entstandenen Texte - zwar mit kleineren Veränderungen - im wesentlichen auch heute in ihrer ursprünglichen Form lesen. Nach Meinung anderer wurde der die gesamte frühere Geschichtsschreibung umfassende Text von einem Anfang des 13. Jahrhunderts lebenden Verfasser entdeckt, der ihm in bezug auf Terminologie und Stil ein einheitliches Gepräge gab.

Eine andere, die ungarische Wissenschaft in Sachen Chronik entzweiende Frage ist, wann der früheste Vorläufer dieser Texte eigentlich entstand. Die Vertreter der am begründetsten erscheinenden Ansicht meinen aufgrund von bestimmten stilistischen und historischen Beobachtungen, daß der erste Geschichtsschreiber um die Mitte bzw. im zweiten Drittel des 11. Jahrhunderts tätig gewesen sein muß, also zur Zeit Andreas I. (in diesem Fall könnte die Person des Verfassers mit Bischof Nikolaus von Veszprém identisch sein) oder König Salomons. Mit gutem Grund kann angenommen werden, daß man die Urform am Hof König Ladislaus' umgeschrieben hat, und daß somit die Geschichte der Béla-Linie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. Darüber allerdings sind sich ausnahmslos alle Forscher einig, daß die Gesta vom Chronisten König Kolomans der Betrachtungsweise seines Königs entsprechend umgearbeitet wurde.

Der Chronist stellte den Kampf zwischen den Söhnen Bélas I. und dem Sohn Andreas I., Salomon, in den Mittelpunkt seiner episch inspirierten Darstellung. Aufgrund gewisser Anzeichen ist nicht auszuschließen, daß es sich bei diesem Verfasser um Bischof Koppány aus dem Geschlecht Rád gehandelt hat. Das vermutlich den Titel Gesta Ladislai regis (Die Geschichte des hl. Königs Ladislaus) tragende Werk bildet den umfangreichsten Teil der uns überlieferten Textdenkmäler. Gleichzeitig jedoch war aller Wahrscheinlichkeit nach gerade dieses Werk den meisten späteren Umgestaltungen unterworfen, da die Verfasser mit ihrer Stellungnahme zum Streit zwischen den Herzögen und Salomon auf die politischen Probleme ihrer Zeit antworten konnten. Nach der Fortsetzung durch einen Chronisten der Zeit Stephans II. wurde die Gesta vom Geschichtsschreiber der Álmos-Linie überarbeitet, der die frühere Anschauungsweise verwarf. Er dürfte es auch gewesen sein, der zur Zeit Gézas II. oder Stephans III. die Person Kolomans und Stephans II. sowie deren Herrschaft in so dunklen Farben malte.

Detailliert zeichneten die Chronisten des 12. Jahrhunderts die Ereignisse nur bis zum Jahr 1152 auf. Aus der Zeit danach dient uns ein deutsches Exzerpt mit wenigen Informationen, wo über die Herrschaftszeit Stephans III. berichtet wird. Später dann ergänzten die Verfasser die Arbeiten ihrer Vorgänger nur noch durch kurze Eintragungen, die sie an bestimmten Punkten eventuell umformulierten. Die Wahrscheinlichkeit, daß man sich auch zur Zeit Bélas III. und Andreas II. mit Geschichtsschreibung befaßt hat, ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch was die inhaltlichen Bezüge der Arbeit anbelangt, haben wir keinerlei Kenntnisse. Zur Fortsetzung kam es im ausgehenden 13. Jahrhundert, als sich das Textmaterial bedeutend erweiterte und jenes Konzept entwickelt wurde, das fast alle Handschriften in irgendeiner Weise widerspiegeln.

Meister Ákos (Akusius) aus dem Geschlecht Ákos ergänzte im Zeitalter Stephans V. anhand von familiären Überlieferungen und ausländischen Quellen diejenigen Kapitel der Chronik, die über Familiengeschichte sowie die Zeit der Streifzüge berichteten. Im Zusammenhang mit letztgenannten zeichnete er historische Sagen auf und befaßte sich eingehend mit den Privilegien und Schätzen der Domkapitel von Stuhlweißenburg und Ofen. Seine Arbeit widerspiegelte die Anschauungsweise des unter Stephan V. erstarkten, zur Zeit Bélas IV. aber von der Macht ausgeschlossenen Hochadels. Damit hatte der Text bereits wesentlich an Umfang zugenommen, die konzeptionelle Änderung jedoch stellte sich erst mit dem Schaffen des Simon Kézai ein. Dieser begründete nämlich, um seine zum Ursprung der Herrschaft vertretenen Ansichten ausdrücken zu können, auf der Grundlage einer früheren (vielleicht von Anonymus entliehenen) Idee die Theorie von der hunnisch-ungarischen Verwandtschaft. Zu diesem Zweck fügte er vor die ungarische Chronik eine umfangreiche hunnische Chronik ein und versah den Text dann mit Anhängen, in denen von den Ankömmlingen und vom Ursprung der sozialen Ungleichheit die Rede ist. In der Folgezeit wurden die Arbeiten des Meisters Akusius und Kézais zum Ausgangstext nahezu jedes Geschichtswerkes.

Der Bericht über die Reise des Mönchs Julianus, den sein Ordensbruder Frater Riccardus verfaßt hat, ist wegen seines Inhaltes der Gruppe Zeitgeschichte zuzuordnen. Obwohl die Arbeit nicht eben von besonderen stilistischen Kenntnissen ihres Verfassers kündet, stellt sie dennoch eine wichtige Quelle der Geschichte des 13. Jahrhunderts dar. Das zweifellos bedeutendste Werk der Zeitgeschichte ist das von Meister Rogerius um 1243-1244 geschriebene Klagelied. Der aus Italien stammende Verfasser, der es seinem Gönner Jakob Pecorar widmete, schilderte darin die Ereignisse des Mongolensturmes in außergewöhnlich einfühlsamen Bildern. Doch im Gegensatz zu den ungarischen Traditionen der Geschichtsschreibung wählte er für sein Werk eine sonderbare Form (Brief) und zu seiner Arbeit eine eigenartige (pragmatische) Methode. Die Aktualität seiner Gedanken sowie der Stil, die Form und Konzeption, die diese perfekt zum Ausdruck bringen, finden in der zeitgenössischen Literatur wohl kaum ihresgleichen.

Weil eine Quelle der Zeitgeschichte, pflegt man auch Anonymus unter dem Stichwort der historischen Literatur einzuordnen. Anonymus' Absicht war es, seinem ebenfalls anonym bleibenden Freund die Vergangenheit des Ungartums nahezubringen, weshalb er ein erstaunlich detailliertes Bild von der Landnahme seines Volkes zeichnete. In bezug auf die Person des Verfassers ist man sich zwar bis heute nicht einig, doch soviel steht fest, daß er Notar bei König Béla III. war und sein Werk in den Jahrzehnten der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert schrieb. Wohl hat auch er Schriftquellen nach Art der Chroniken verwendet, seine Vorgehensweise aber war eine grundlegend andere: Aus Ortsnamen erweckte er mit Hilfe der schriftstellerischen Phantasie die Feinde des Fürsten Árpád und seiner Landnehmenden zum Leben und besiedelte das Karpatenbecken aufgrund seiner speziellen geographischen Kenntnisse mit Völkern. Mitunter lassen sich hinter diesen sogar alte Überlieferungen erkennen (hinter Fürst Marot z. B. das mährische Volk), dennoch lag dem Entstehen der Gesta Hungarorum nicht die Anwendung der schriftlichen, sondern der (wenngleich im Vorwort zwecks Gewinnung des Wohlwollens streng veruteilten) mündlichen Quellen und der Volksetymologie zugrunde.


Zurück zum Seitenanfang