DIE WERKE
Das juristische Schrifttum
Bindeglied zwischen den Urkunden und literarischen Werken waren dieselben Regeln und Prinzipien, die ihrer Konzipierung und stilistischen Gestaltung zu Grunde lagen. Das hing einerseits damit zusammen, daß die ars dictamini - sowohl für den Autor eines umfangreicheren Werkes als auch den Verfasser von Urkunden - Handbuch und Lehrmaterial der anspruchsvollen literarischen Formulierung war, andererseits handelte es sich bei den Schöpfern literarischer Werke und Verfassern von Urkunden häufig um ein und dieselbe Person. Beredte Beispiele für diese Verwandtschaft sind die konzeptionellen und stilistischen Übereinstimmungen zwischen der mittelalterlichen Urkunde, dem dipolmatischen oder fiktiven Brief und dem Empfehlungsschreiben. Zwei der Urkundenformeln eigneten sich besonders zur Gestaltung literarisch anspruchsvoller Texte. Eines war die Arenga, die man überwiegend aus dem internationalen Arenga-Fundus schöpfte, von der sich aber auch spezifische, nur für Ungarn charakteristische Typen entwickelten. Das zweite Urkundenmuster, dessen Formulierung die Stufe literarischer Prätension erreicht haben dürfte, war die Narratio; jener Teil, in welchem der Urkundengeber die Gründe und Umstände seiner Verfügungen ausführlich darlegte.
Während die Narratio im Westen auf dem Niveau der knappen und ungeschmückten Mitteilung von Tatsachen blieb, bemühte man sich in der ungarischen Hofkanzlei von der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an um immer größere Ausführlichkeit. Im Falle einer königlichen Donation wurden neben den Verdiensten des Schenkenden auch die das Schicksal des Monarchen, der königlichen Familie und des Landes betreffenden Ereignisse in den Text eingewoben. In dem Maße, wie die Narratio der Urkunden an Umfang zunahm, wuchs auch das Bestreben nach einer möglichst abgerundeten Formulierung, bis aus der Erzählung schließlich runde, literarische Form gewonnene Lebensbilder entstanden. Häufig tauchten in der Darstellung epische Züge, stilistische Merkmale und die sorgfältige (parallele oder gegensätzliche) Konzipierung auf. Die königliche Hofkanzlei war also nicht nur eine Werkstätte des juristischen Schrifttums, sondern auch für die Bewahrung des - individuellen oder aber gemeinschaftlichen - Gedächtnisses.
Literarische Gattungen
Die erhalten gebliebenen Werke vertreten die verschiedensten Gattungen der mittelalterlichen Literatur, ihre Vielfalt gilt als Gradmesser des literarischen Lebens. Zieht man die westliche Präsenz der Gattungen sowie die kulturellen Verhältnisse Ungarns in Betracht, ist es kaum wahrscheinlich, daß im Laufe späterer Zeitalter ganze Gattungen untergingen. Was überliefert wurde stellt also wohl ein getreues Abbild der damaligen Realität dar.
Meistvertretene Gattung unserer arpadenzeitlichen Literatur ist die Hagiographie. Es waren zahlreiche Gründe, die zum Entstehen dieser Vielzahl Lebensbeschreibungen von Heiligen beitrugen. Wie man an der Zahl der Handschriften und auch der editio princeps sehen kann, erfreuten sich die Legenden stets der höchsten Popularität und durften zugleich auf das Interesse des größten Publikumskreises rechnen.
Bezeichnend ist, daß ein bedeutender Teil ihrer Leserschaft - die mittleren und unteren Schichten des weltlichen Klerus - gleichzeitig auch Vermittler war, der den literarischen Stoff der Legenden in der Sprache des Volkes an die breitesten Schichten weitergab. Auch die Liturgie bedurfte der Lebensbeschreibungen: Neben den Hymnen und Psalmen im Brevier der Mönche und weltlichen Geistlichen wurde am Feiertag des Heiligen entsprechender Lesestoff benötigt, den man in der Regel der Biographie des betreffenden Heiligen entnahm, oder aber die Lebensbeschreibung war von vornherein so angelegt, daß auf jede der sechs Gebetsstunden einer ihrer Abschnitte entfiel. Und ebenso beanspruchte die mittelalterliche Praxis der Verbreitung von Ideen das Instrumentarium der Legende. 1083 wurden an mehreren verschiedenen Schauplätzen und im Rahmen einer sich auf das ganze Jahr erstreckenden Reihe von Feierlichkeiten die Altäre der ersten Heiligen Ungarns errichtet: am 16./17. Juli in Zobor der Eremiten Zoerard/Andreas und Benedikt, am 26. Juli in Csanád des Märtyrerbischofs Gerhard, am 20. August in Stuhlweißenburg des heiligen Königs Stephan und am 5. November schließlich Herzog Emmerichs.
Die früheste Legende handelt von den Einsiedlern des Waagtales, nahezu zwei Jahrzehnte vor ihrer Kanonisierung. Inspiriert hatten den Verfasser der Legende gewiß die lokale und individuell geprägte Verehrung, aber auch sein Bestreben, die aus Italien kommende asketische Strömung der monastischen Reform voranzutreiben bzw. ihr Ideengut zu verwurzeln.
Schon früh entwickelte sich am Schauplatz des Märtyriums des hl. Gerhard und später gegenüber dieser Stelle, im Gebäude der Pester Pfarre, der Kult um die Reliquien. Doch die gemeinsame Vorgängerin der beiden erhalten gebliebenen Legenden entstand frühestens an der Wende vom 11. auf das 12. Jahrhundert, eher erst um 1145. Davon fertigte man zum Ende des Jahrhunderts liturgischen Zwecken dienende Auszüge bzw. Predigten an, während der ausführlichere Text Ende des 14. Jahrhunderts an zahlreichen Punkten geändert wurde.
Stark beeinflußt hat den Ideengehalt der Urlegende über den hl. Gerhard, daß ihr Verfasser in der weltlichen Umgebung des Hofes auch solche Quellen verwendete, an die er in der Einsamkeit eines Klosters kaum herangekommen wäre. Allem Anschein nach hat er sich auf den Text der Chronik aus der Zeit Andreas I., bei der Darstellung des Stammesführers Csanád aber auf Heldenlieder und lokale Csanáder Traditionen gestützt. Was den Wert des Textes erhöht ist die Tatsache, daß darin zum erstenmal das vom französischen Kloster Chartres ausgehende Gedankengut erscheint, welches sowohl der Denkweise als auch der gotischen Kunst der Renaissance des 12. Jahrhunderts zugrunde liegt.
Über die frühe Verehrung König Stephans des Heiligen geben die Quellen keine Auskunft. Erstes Anzeichen für die Herausbildung des Kultes ist die Geburt der größeren Stephans-Legende, die zwar seine Heiligsprechung noch nicht erwähnt, gleichzeitig jedoch mit Sicherheit nach der Thronbesteigung Ladislaus', also zwischen 1077 und 1083, entstand.
Ihr Verfasser arbeitete eine in der Geschichte der ungarischen Außenbeziehungen sehr bedeutsame These aus, die er für die Gemeinschaft der Benediktiner schrieb: Er wies den von Papst Gregor VII. im Namen Petri erhobenen lehnsherrlichen Anspruch auf Ungarn damit zurück, daß König Stephan sein Land dem Schutz der Jungfrau Maria anempfohlen habe, das so zu deren Erbe wurde (er stellte also dem patrimonium Petri die These hereditas Mariä gegenüber). Der Autor der kleineren Legende kannte das Werk seines Vorgängers bereits. In seiner Schrift begann eine ganz andere Anschauungsweise zu dominieren: Er stellte Stephan nicht mehr als den stets mit Blick auf das Gottesgericht handelnden Monarchen der größeren Legende, sondern als einen in vieler Hinsicht real denkenden, mit starker Hand und gerecht regierenden König dar. Dies ist das erste literarische Werk in Ungarn, dem eine den zeitgenössischen Lehren in allem entsprechende und vom literarischen Bewußtsein des Autors zeugende Empfehlung vorangestellt wurde, und in dessen Text auch die ersten Spuren des Interesses für Antiquität zu finden sind.
Während vor allem liturgische und erbauliche Gesichtspunkte die beiden ersten Stephans-Legenden motivierten, wurde das Entstehen der dritten Legende von politischen Aspekten bestimmt. Denn gewiß nicht nur aus Höflichkeit erwähnte der Verfasser, Bischof Hartwick, in ihrem Prolog den königlichen Befehl. Der aus dem Ausland stammende Bischof verfügte über keine anderen Quellen als die beiden früheren Legenden. Was konnte er also anderes tun, er verschmolz die beiden Texte. Eigenes schuf er nur in dem Kapitel, in welchem er beschreibt, wie Stephan vom Papst eine Krone erhielt. Zur Entstehungszeit der Legende tobte der Kampf zwischen Kaiser und Papst um die Ernennung hoher Kleriker, der Investiturstreit, schon eine ganze Weile. Hartwick mußte also beweisen, daß die ungarischen Herrscher seiner Zeit aufgrund des Stephan vom Papst gewährten Privilegs zurecht über all jene die Kirche betreffenden Befugnisse verfügen, welche die Päpste den christlichen Monarchen seit Gregor VII. streitig machten.
Zur Verehrung des hl. Emmerich gibt es aus der Zeit vor seiner Heiligsprechung nur derart schwache Spuren, daß in den ungarischen Quellen diesbezüglich kaum auswertbare Angaben erhalten blieben. Seine Legende wurde zwischen 1109 und 1116 ebenfalls in benediktinischer Umgebung als Lesestoff für Mönche geschrieben. Der Verfasser feierte in Emmerich die Verkörperung der jungfräulichen Reinheit, obwohl man aus dem Text auch die Ablehnung der Ziele des Gregorianismus herauslesen kann (Papst Gregor VII. heißt hier einfach nur Hildebrand!).
Kaum einhundert Jahre nach den ersten Kanonisierungen nahm ein päpstlicher Legat 1192 in Wardein auf Bitten Bélas III. auch König Ladislaus in den Kreis der Heiligen auf. Damit hatte sich die Zahl der aus dem Geschlecht der Arpaden hervorgegangenen Heiligen auf drei erhöht. Zwar bildete sich der Kult um Ladislaus vielleicht schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts heraus, doch daß er kanonisiert wurde, dabei spielten zweifelsohne auch politische Überlegungen eine Rolle.
Die zur Zeit der Kanonisierung verfaßte Urlegende ist uns nicht überliefert. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde sie zu liturgischen Zwecken gekürzt, und damals nahm man auch am ausführlicheren Text Veränderungen vor. Absicht des Verfassers war es, die wichtigsten Charakterzüge und Tugenden eines idealen Herrschers herauszuarbeiten (hier näherte er sich in vielerlei Hinsicht der heimischen Vorstellung von einem christlichen Ritter), und bei seiner Darstellung verwendete er als erster den internationalen Mirakel-Schatz.
Sieht man von der Legende der hl. Elisabet ab, die im Ausland lebte und starb, war die Legende der hl. Margarete aus dem Geschlecht der Arpaden (legenda vetus) die letzte, die im arpadenzetilichen Ungarn entstand.
Die Kanonisierung Margaretes hatte man trotz wiederholter Versuche nicht erreichen können. Als der einstige Beichtvater Margaretes, Marcellus, ihre Legende schrieb, stützte er sich dabei auf die Protokolle der vor der Heiligsprechung durchgeführten Untersuchung. Mit seinem sprachlich und konzeptionell einfach gehaltenen Werk suchte er jenes Ideal zu vermitteln, dem seine Heldin ihr ganzes Leben gewidmet und das damals europaweit als außerordentlich aktuell zählte: die christliche Mystik. Dasselbe gilt für die Legende der hl. Ilona von Veszprém, die ihre endgültige Fassung im großen und ganzen zur gleichen Zeit erlangte wie die Margaretenlegende. Ungeachtet ihres späten Auftauchens zeugen zahlreiche gleichaltrige Angaben, die darin zu lesen sind, von ihrer Authentizität.
Wesentlich weniger ist von der in engerem Sinne genommenen Gattung der theologischen Abhandlung überliefert, eigentlich nur ein Stück, das an den Beginn des Zeitalters gesetzt werden kann (wir ordnen dieser Gattung weder die in Urkundenform gefaßten Regeln für Mönche oder die Regeln der Pauliner, noch die juristischen Werke des Paulus Hungarus zu). Ebenfalls nur ein Denkmal blieb vom diesbezüglichen Schaffen des hl. Gerhard erhalten, die "Deliberatio", doch wissen wir, daß er mehrere Werke ähnlicher Art geschrieben hat. Obwohl der umständliche Stil des Verfassers, seine schwer verfolgbaren Gedankengänge, die in besonderem Sinn verwendeten Ausdrücke, die vielen Italianismen und lückenhaften Satzkonstruktionen gewiß nicht zur Popularität des Werkes beitrugen, war die Arbeit Gerhards zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert nahezu das einzige theologische Werk im christlichen Abendland, das diese Gattung vertrat, was auch die niedrige Präsenz dieser Gattung in Ungarn erklären dürfte.
Große Bedeutung kommt unter den der Liturgie dienden Werken der Sermon-Literatur zu. Wir wissen, daß der hl. Gerhard häufig predigte, so wird es auch in seinen Legenden überliefert. Allerdings gelangte erst in jüngster Zeit ein kurzes Fragment seiner Reden zum Vorschein, das gleichzeitig das einzige in Ungarn erhaltene Denkmal einer frühen Predigt vom Typ der Homilie darstellt. Den neuen, thematischen Typ vertreten zwei Predigten des Bischofs Benedikt von Wardein über König Ladislaus den Heiligen sowie die im großen und ganzen gleichaltrigen, neuerdings überzeugend ins letzte Drittel des 13. Jahrhunderts datierten 199 Predigtentwürfe der Fünfkirchner Reden, unter denen 12 von ungarischen Heiligen handeln.
Auch in Ungarn diente die Dichtung in erster Linie liturgischen Zwecken, dennoch blieben ihre ersten Denkmäler nicht in liturgischer Form erhalten. Daß die Votivinschriften des Krönungsumhanges und Giselakreuzes ungarischer Herkunft sind, scheint hinreichend erwiesen. Und ebenso war es mit Sicherheit ein ungarischer Autor, welcher den ersten Leoninus-Hexameter - die in Worten ausgedrückte, invokative Form der um 1090 erstellten Vermögenskonskription von Pannonhalma (Divinum firmet nomen, quod scripsimus amen) - formulierte, der in einer Urkunde des Jahres 1233 von dem Dominikaner Enoch und dem Graner Domherren Cognoscens fortgesetzt wurde (Cum patre nos Natus iuvet hic et Spiritus almus!). Nach der Heiligsprechung Stephans entstanden zum Feiertag des Königs drei Antiphonen und drei Responsorien in Reimprosa, zu denen bis zum Ende des 12. Jahrhunderts lediglich ein Antiphonium über den hl. Gerhard sowie die mit den Worten Mira mater extitisti beginnende Mariensequenz im Pray-Kodex hinzukamen.
Mit Anfang des 13. Jahrhunderts aber kam Leben in die liturgische Dichtkunst, überliefert sind über die Heiligen aus dem Geschlecht der Arpaden sowohl Sequenzen als auch Hymnen. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Prozeß in den 1280er Jahren, als, vielleicht auf Anregung Erzbischof Lodomers, ein Graner Augustiner, um dem Interesse König Ladislaus (des Kumanen) IV. an der heidnischen Vergangenheit und am Attila-Kult entgegenzuwirken, das in Verse gefaßte Brevier König Stephans des Heiligen schrieb. In den gesungenen Teilen des Breviers faßte er die Lebensgeschichte des Heiligen und deren Aussage zusammen. Zum Kreis der liturgischen Dichtung gehören auch die ersten Denkmäler der ungarischen Dramatik. Diese weichen zwar nur wenig von den aus Europa bekannten Werken ab, ihrem Erscheinen jedoch kommt große Bedeutung zu: Im Ritualbuch des Raaber Bischofs Hartwick blieb der Text eines Spiels zum Dreikönigsfest erhalten, und an gleicher Stelle, im Kodex Albensis, sowie im Pray-Kodex der mit den Worten Quem quaeritis beginnende Text eines Osterspiels.
Das erste Denkmal der weltliche Dinge behandelnden Dichtung wurde vielleicht von einem hochgebildeten, namenlos gebliebenen Mönch geschrieben, der in seinem Werk das von den Mongolen vernichtete Ungarn beklagte. Das aus 62 fünfzeiligen, gereimten Strophen bestehende Gedicht vertritt mit seinem Stil und der sorgfältigen Konzipierung in der Literatur des Zeitalters ein sehr hohes Niveau. Nicht so jener Verfasser der slowenischen Reimchronik, ein aus dem Ausland stammender Zisterzienser, der die ungarische Geschichte vom hl. Stephan bis zum Jahr 1245 in 27 achtzeiligen Vagantenstrophen in Reime faßte. Seine Verse reichen weder an die Leistung des Planctus, noch an das zeitgenössische Durchschnittsniveau heran. Gleichfalls um 1240 schrieb im sciptorium von Pannonhalma einer der als Kopisten tätigen Mönche, dem das Versemachen Freude bereitete, an den Rand des Liber ruber das die Geschichte der Klostergründung durch den Gespan Walfer erzählende Distichon, bei dem es sich um den ersten Repräsentanten eines zu Eigenzwecken geschaffenen dichterischen Werkes in Ungarn handel dürfte ("Der einem großen Geschlecht entstammende Walfer, den man auch den Großen nennt, /hat zu Ehren der Heiligen Jungfrau eine Kirche errichtet").
Das Briefeschreiben verdient als Gattung deshalb Erwähnung, weil die künstlerische Prosa der Arpadenzeit darin zur höchsten Entfaltung kam. Ein an Oderisius, den Abt von Montecassino, gerichteter Brief König Ladislaus' wurde wohl von Bischof Hartwick selbst formuliert, der darin Gedanken aus der Grabrede des hl. Ambrosius für Theodosius den Großen übernommen hatte. Von Herzogin Sophia, der Schwester Gézas II., blieben sogar mehrere aus Admont geschriebene Briefe erhalten. Zwar kennen wir den Verfasser dieser Briefe nicht, doch außer Zweifel steht, daß er ein guter Stilist und gewandter Briefeschreiber gewesen ist. Im allgemeinen erreichte die diplomatische Korrespondenz - mit ihrem Stil, ihrer perfekten Konzipierung, gereimten Prosa und allem was dazu gehörte - zu dieser Zeit einen hohen Stand (z. B. der berühmte"Tataren"-Brief Bélas IV. aus dem Jahr 1250). Vor allen anderen aber zeichnet sich durch seine literarische Prätension der Brief des Graner Erzbischofs Lodomer an Papst Nikolaus IV. aus, in welchem der Erzbischof dem Papst über die unerwünschten Begleiterscheinungen der Herrschaft Ladislaus IV. berichtete.
Die Geschichtsschreibung
Nicht allein wegen der Anzahl der uns überlieferten Textdenkmäler ist es begründet, die Geschichtsschreibung gesondert in Augenschein zu nehmen, sondern auch weil sie es aufgrund ihrer Kontinuität und Popularität sowie ihrer ideellen Vermittlerrolle ohne weiteres mit der Hagiographie aufnehmen kann. Ihre Denkmäler lassen sich den Gruppen der Historienschrift (Zusammenfassung der auf die Vergangenheit bezogenen Kenntnisse), der denkschriftartig über die Zeitgeschichte berichtenden und der unterhaltenden, in Romanform verfaßten Gesta zuordnen.
Mit Geschichtsschreibung nach westlichen Vorbildern befaßte man sich schon in den ersten Jahrzehnten der Errichtung des christlichen Staatswesens. In Pannonhalma wurden nach dem Beispiel westlicher Klöster bis in die 1060er Jahre annalenähnliche Aufzeichnungen geführt, die man später andernorts fortsetzte. Doch erst das Entstehen der Urgesta, der gemeinsamen Ahne aller ungarischen Chroniken des 11. Jahrhunderts, bedeutete im Vergleich zu den trockenen, meist nur aus einem Satz bestehenden Eintragungen in den Annalen die Geburt der wirklichen Geschichtsschreibung.
Es ist eine Eigenheit der ungarischen Chronographie, daß, obwohl man sich ihr die ganze Arpadenzeit hindurch fortlaufend widmete - ein Verfasser las die Arbeit des anderen, übernahm diese oder verband sie mit anderen Texten, ergänzte sie, ließ Teile daraus weg, widersprach ihr -, ihre frühesten Textdenkmäler erst aus dem Zeitalter der Angeviner erhalten blieben. Der so überlieferte Text stellte bereits die Summe des Schaffens der Autoren früherer Jahrhunderte dar. Daraus folgt, daß sowohl die Zeit, in der die einzelnen Chronisten tätigen waren, als auch die Menge der von ihnen geschaffenen Texte nur mithilfe gründlicher mikrophilologischer Untersuchungen zu bestimmen sind. Grundlegend stehen sich im Hinblick auf die Texte zwei Ansichten gegenüber: Einer Meinung (der wahrscheinlicheren) zufolge kann man die in frühen Zeiten entstandenen Texte - zwar mit kleineren Veränderungen - im wesentlichen auch heute in ihrer ursprünglichen Form lesen. Nach Meinung anderer wurde der die gesamte frühere Geschichtsschreibung umfassende Text von einem Anfang des 13. Jahrhunderts lebenden Verfasser entdeckt, der ihm in bezug auf Terminologie und Stil ein einheitliches Gepräge gab.
Eine andere, die ungarische Wissenschaft in Sachen Chronik entzweiende Frage ist, wann der früheste Vorläufer dieser Texte eigentlich entstand. Die Vertreter der am begründetsten erscheinenden Ansicht meinen aufgrund von bestimmten stilistischen und historischen Beobachtungen, daß der erste Geschichtsschreiber um die Mitte bzw. im zweiten Drittel des 11. Jahrhunderts tätig gewesen sein muß, also zur Zeit Andreas I. (in diesem Fall könnte die Person des Verfassers mit Bischof Nikolaus von Veszprém identisch sein) oder König Salomons. Mit gutem Grund kann angenommen werden, daß man die Urform am Hof König Ladislaus' umgeschrieben hat, und daß somit die Geschichte der Béla-Linie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. Darüber allerdings sind sich ausnahmslos alle Forscher einig, daß die Gesta vom Chronisten König Kolomans der Betrachtungsweise seines Königs entsprechend umgearbeitet wurde.
Der Chronist stellte den Kampf zwischen den Söhnen Bélas I. und dem Sohn Andreas I., Salomon, in den Mittelpunkt seiner episch inspirierten Darstellung. Aufgrund gewisser Anzeichen ist nicht auszuschließen, daß es sich bei diesem Verfasser um Bischof Koppány aus dem Geschlecht Rád gehandelt hat. Das vermutlich den Titel Gesta Ladislai regis (Die Geschichte des hl. Königs Ladislaus) tragende Werk bildet den umfangreichsten Teil der uns überlieferten Textdenkmäler. Gleichzeitig jedoch war aller Wahrscheinlichkeit nach gerade dieses Werk den meisten späteren Umgestaltungen unterworfen, da die Verfasser mit ihrer Stellungnahme zum Streit zwischen den Herzögen und Salomon auf die politischen Probleme ihrer Zeit antworten konnten. Nach der Fortsetzung durch einen Chronisten der Zeit Stephans II. wurde die Gesta vom Geschichtsschreiber der Álmos-Linie überarbeitet, der die frühere Anschauungsweise verwarf. Er dürfte es auch gewesen sein, der zur Zeit Gézas II. oder Stephans III. die Person Kolomans und Stephans II. sowie deren Herrschaft in so dunklen Farben malte.
Detailliert zeichneten die Chronisten des 12. Jahrhunderts die Ereignisse nur bis zum Jahr 1152 auf. Aus der Zeit danach dient uns ein deutsches Exzerpt mit wenigen Informationen, wo über die Herrschaftszeit Stephans III. berichtet wird. Später dann ergänzten die Verfasser die Arbeiten ihrer Vorgänger nur noch durch kurze Eintragungen, die sie an bestimmten Punkten eventuell umformulierten. Die Wahrscheinlichkeit, daß man sich auch zur Zeit Bélas III. und Andreas II. mit Geschichtsschreibung befaßt hat, ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch was die inhaltlichen Bezüge der Arbeit anbelangt, haben wir keinerlei Kenntnisse. Zur Fortsetzung kam es im ausgehenden 13. Jahrhundert, als sich das Textmaterial bedeutend erweiterte und jenes Konzept entwickelt wurde, das fast alle Handschriften in irgendeiner Weise widerspiegeln.
Meister Ákos (Akusius) aus dem Geschlecht Ákos ergänzte im Zeitalter Stephans V. anhand von familiären Überlieferungen und ausländischen Quellen diejenigen Kapitel der Chronik, die über Familiengeschichte sowie die Zeit der Streifzüge berichteten. Im Zusammenhang mit letztgenannten zeichnete er historische Sagen auf und befaßte sich eingehend mit den Privilegien und Schätzen der Domkapitel von Stuhlweißenburg und Ofen. Seine Arbeit widerspiegelte die Anschauungsweise des unter Stephan V. erstarkten, zur Zeit Bélas IV. aber von der Macht ausgeschlossenen Hochadels. Damit hatte der Text bereits wesentlich an Umfang zugenommen, die konzeptionelle Änderung jedoch stellte sich erst mit dem Schaffen des Simon Kézai ein. Dieser begründete nämlich, um seine zum Ursprung der Herrschaft vertretenen Ansichten ausdrücken zu können, auf der Grundlage einer früheren (vielleicht von Anonymus entliehenen) Idee die Theorie von der hunnisch-ungarischen Verwandtschaft. Zu diesem Zweck fügte er vor die ungarische Chronik eine umfangreiche hunnische Chronik ein und versah den Text dann mit Anhängen, in denen von den Ankömmlingen und vom Ursprung der sozialen Ungleichheit die Rede ist. In der Folgezeit wurden die Arbeiten des Meisters Akusius und Kézais zum Ausgangstext nahezu jedes Geschichtswerkes.
Der Bericht über die Reise des Mönchs Julianus, den sein Ordensbruder Frater Riccardus verfaßt hat, ist wegen seines Inhaltes der Gruppe Zeitgeschichte zuzuordnen. Obwohl die Arbeit nicht eben von besonderen stilistischen Kenntnissen ihres Verfassers kündet, stellt sie dennoch eine wichtige Quelle der Geschichte des 13. Jahrhunderts dar. Das zweifellos bedeutendste Werk der Zeitgeschichte ist das von Meister Rogerius um 1243-1244 geschriebene Klagelied. Der aus Italien stammende Verfasser, der es seinem Gönner Jakob Pecorar widmete, schilderte darin die Ereignisse des Mongolensturmes in außergewöhnlich einfühlsamen Bildern. Doch im Gegensatz zu den ungarischen Traditionen der Geschichtsschreibung wählte er für sein Werk eine sonderbare Form (Brief) und zu seiner Arbeit eine eigenartige (pragmatische) Methode. Die Aktualität seiner Gedanken sowie der Stil, die Form und Konzeption, die diese perfekt zum Ausdruck bringen, finden in der zeitgenössischen Literatur wohl kaum ihresgleichen.
Weil eine Quelle der Zeitgeschichte, pflegt man auch Anonymus unter dem Stichwort der historischen Literatur einzuordnen. Anonymus' Absicht war es, seinem ebenfalls anonym bleibenden Freund die Vergangenheit des Ungartums nahezubringen, weshalb er ein erstaunlich detailliertes Bild von der Landnahme seines Volkes zeichnete. In bezug auf die Person des Verfassers ist man sich zwar bis heute nicht einig, doch soviel steht fest, daß er Notar bei König Béla III. war und sein Werk in den Jahrzehnten der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert schrieb. Wohl hat auch er Schriftquellen nach Art der Chroniken verwendet, seine Vorgehensweise aber war eine grundlegend andere: Aus Ortsnamen erweckte er mit Hilfe der schriftstellerischen Phantasie die Feinde des Fürsten Árpád und seiner Landnehmenden zum Leben und besiedelte das Karpatenbecken aufgrund seiner speziellen geographischen Kenntnisse mit Völkern. Mitunter lassen sich hinter diesen sogar alte Überlieferungen erkennen (hinter Fürst Marot z. B. das mährische Volk), dennoch lag dem Entstehen der Gesta Hungarorum nicht die Anwendung der schriftlichen, sondern der (wenngleich im Vorwort zwecks Gewinnung des Wohlwollens streng veruteilten) mündlichen Quellen und der Volksetymologie zugrunde.
