ZWISCHEN KAISER UND PAPST
Koloman und die Kirchenreform
Zur Herrschaftszeit Kolomans, um 1104 und 1112, wurden in Gran zwei (nunmehr schon rein kirchliche) Konzile abgehalten. Das unter Vorsitz von Erzbischof Lorenz und unter Teilnahme von zehn Bischöfen zusammengetretene erste Konzil legte besonderes Gewicht auf die Verschärfung der kirchlichen Disziplin. Es bestimmte die wichtigsten Pflichten der Priester, verbot den Gläubigen die heidnischen Zeremonien und schützte das Kirchenvermögen gegen die Übergriffe der Kleriker. Darüber hinaus traf es Regelungen zur Kirchenregierung und zum priesterlichen Zölibat, zur Lebensweise der Domherren, Mönche und Provinzgeistlichen, zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation sowie zur Zeremonienordnung. Die Straftaten der Verwünschung und Zauberei, des Ehebruchs und der Tötung eines Menschen wurden endgültig in die Zuständigkeit der kirchlichen Jurisdiktion verwiesen. Das zweite Graner Konzil verschäfte das priesterliche Zölibat und schrieb zum erstenmal vor, daß weltliche Ehen vor dem Angesicht der Kirche zu schließen sind.
Die ersten Kanons des zweiten Graner Konzils qualifizierten das gegen den König begangene Verbrechen als eine Straftat gegen die Religion, auf die als Strafe die Exkommunizierung stand. Auch die Rechte des Königs als oberster Kirchenherr waren damals noch unbeschnitten: Koloman ging um 1113 bei der von König Ladislaus begonnenen Gründung des Bistums Neutra in gleicher Weise ohne päpstliche Ermächtigung vor, wie sein Vorgänger im Falle von Agram. Auf das Gehorsamkeit gegenüber dem Heiligen Stuhl einfordernde Schreiben Papst Urbans II. antwortete der König mit der dritten Stephanslegende. Darin belegte Bischof Hartwick - eingebettet in die Theorie von der Entsendung der Krone durch den Papst - die Rechte König Kolomans zur Regierung der Kirche auf historischer Grundlage. Diese Theorie sicherte dem ungarischen König (neben dem sizilianischen Herrscher) das ganze 12. Jahrhundert hindurch eine Sonderstellung: Nur mit seiner Erlaubnis konnte der Papst einen Legaten ins Land schicken, der ungarische Klerus aber durfte Kontakte zum Heiligen Stuhl lediglich mit Wissen des Monarchen pflegen.
Obwohl Papst Innozenz III. im Jahr 1201 die Hartwicksche Legende nur unter der Bedingung als Lesestoff im Brevier Stephans des Heiligen zugelassen hatte, daß der Passus, wonach Stephan in Kirchenangelegenheiten nach "beiderlei Recht" verfügte, gestrichen werde, waren die Ansprüche des ungarischen Herrschers auf das apostolische Königtum auch im 13. Jahrhundert noch sehr lebendig. Darauf berief sich 1238, zur Zeit seines Bulgarienfeldzuges, auch König Béla IV., als er den Papst ersuchte, in den zu erobernden Gebieten im Vollbesitz all dieser Rechte verfahren zu dürfen - d.h., daß ihm ein apostolisches Kreuz vorangetragen werde und er über die Schaffung der Kirchenorganisation frei verfügen könne.
Das Jahrhundert der Mönche
Eines der auffälligsten kirchengeschichtlichen Phänomene im Ungarn des 12. Jahrhunderts ist das Erscheinen der verschiedenen Formen des Mönchtums. Im 11. Jahrhundert dominierten die Benediktiner. Damals bildeten sich die Grundlagen der monastischen Struktur in Ungarn heraus, das Netz der königlichen und Eigenklöster. Nach Stephan dem Heiligen gründete nahezu jeder Herrscher dieses Zeitalters sein eigenes Kloster, das in den meisten Fällen auch als Begräbnisstätte diente: Andreas I. 1055 in Tihany, Béla I. 1061 in Szekszárd, Géza I. 1075 in Garamszentbenedek, Ladislaus I. 1091 in Somogyvár. Die weltlichen Herren verliehen ihrer religiösen Überzeugung in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch durch Donationen an Klöster Ausdruck, später jedoch strebten auch sie danach, mit Gründung von Klöstern für ihr Seelenheil und eine eigene Begräbnisstätte zu sorgen; 1061 gründeten Gespan Otto aus dem Geschlecht Gyor in Zselicszentjakab und im Jahr 1067 Peter aus dem Geschlecht Aba an seinem Adelssitz Százd am Ufer der Theiß ein Kloster.
Unter der Herrschaft Stephans II. wurden in Váradhegyfok Prämonstratenser ansässig, die sich die Seelsorge zur Aufgabe machten. Die die benediktinische Lebensweise streng reformierenden Zisterzienser, die sowohl bei der Verbreitung der modernen Bewirtschaftung als auch der Gotik eine maßgebliche Rolle spielten, rief Géza II. im Jahr 1142 nach Cikádor bei Bátaszék. Zu einer stärkeren Ansiedlung des Ordens kam es erst unter Béla III. Damals entstanden die Klöster von Egres, Zirc, Szentgotthárd, Pilis und Pásztó, die sich dann selbst zu Mutterklöstern weiterer Abteien entwickelten. Typisch für die Verbreitung der neuen Orden in Ungarn war, daß die Mehrzahl der Zisterzienserhäuser unter Umgehung der als Vermittler fungierenden deutschen Monasterien direkt von den bedeutendsten französischen Mutterklöstern aus besiedelt wurden (Cikádor allerdings aus Heiligenkreuz). Als zweites Charakteristikum läßt sich ein zum westeuropäischen umgekehrtes Verhältnis der Verbreitung dieser Orden feststellen: Verglichen mit den annähernd zwanzig Klöstern der im Westen außerordentlich populären Zisterzienser gründeten die Prämonstratenser nahezu doppelt soviele Ordenshäuser. Zisterzienser begaben sich nur ungern unter das Patronat weltlicher Großgrundbesitzer und standen fast ausnahmslos unter dem Patronat des Königs, Prämonstratenser hingegen akzeptierten die Abhängigkeit von Weltlichen und bestatteten ihre Patrontasherren im Gegensatz zu den Zisterziensern anstandslos in ihren Kirchen.
Als Zeichen der Erstarkung des ungarischen Christentums wuchs im 12. Jahrhundert das Ansehen des Landes. Dies zeigte sich vor allem daran, daß der Papst und der deutsch-römische Kaiser gleichermaßen Wert auf die Stellungnahme des ungarischen Herrschers legten. König Géza III. hatte sich nach der doppelten Papstwahl des Jahres 1159 zwar zunächst auf die Seite Friedrich Barbarossas gestellt, doch von 1160 an unterstützte er auf Einfluß des Graner Erzbischofs Lukas konsequent Papst Alexander III., wie es auch seine Nachfolger taten, bis dieser 1177 schließlich obsiegte. Die Differenzen zwischen Erzbischof Lukas und König Béla III. waren der Ausgangspunkt für den Wettstreit der beiden Erzbistümer Gran und Kalocsa. In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts wurde Gran dann endgültig die erste Erzdiözese des Landes, welchen Rang die Quellen 1239 erstmals erwähnen. Eine Rolle dürfte Lukas auch bei der Gründung der Graner Propstei gespielt haben, wurde sie doch nach seinem ehemaligen Studienfreund Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, benannt.
Die Ritterorden waren in Ungarn seit 1147 durch die Graner Johanniter bzw. seit 1169 durch die Templer von Vrana vertreten, die sich besonders auf dem Gebiet der Krankenpflege und der Kriegführung hervortaten. Zum Zeichen der Erstarkung des religiösen Ideengutes schaltete sich Ungarn über die Kreuzfahrerbewegung auch in die Kämpfe zur Befreiung des Heiligen Landes ein. König Andreas II. stand 1217 an der Spitze des fünften Kreuzzuges, an dem die Mitglieder beider Orden ebenso teilnahmen wie 1241 an der Schlacht bei Muhi gegen die Mongolen. Zum Ende des 13. Jahrhunderts gab es in Ungarn bereits dreißig Ordenshäuser der Johanniter. Die kürzeste Zeit hielten sich die Mitglieder des deutschen Ritterordens hier auf. Nachdem Andreas II. ihnen 1211 das Burzenland anvertraut hatte, war er schon 1225 gezwungen, sie wegen ihres Drangs nach Verselbständigung wieder aus dem Land zu vertreiben. Forscher halten es für möglich, daß der Graner Hospitalorden von Ungarn gegründet wurde, der neben seinem Hauptkloster auch im Heiligen Land (in Jerusalem und Akkon) Häuser unterhielt.
Die Kirchenorganisation
Die Wende vom 12. auf das 13. Jahrhundert brachte erneut eine bedeutende Erweiterung der Kirchenorganisation. Für die in Siebenbürgen und im Zipserland angesiedelten Sachsen gründete der König um 1186 bzw. 1198 die Hermannstädter und die Zipser Propstei. Das Bistum Milkow wurde 1228 von den unter den Kumanen als Missionare tätigen Dominikanern organisiert, während es sich bei dem 1229 bestätigten sirmischen Bistum um eine Eigengründung des Kalocsaer Erzbischofs Ugrin Csák handelte, der vermutlich das Ziel vor Augen hatte, dem von der Balkanhalbinsel einströmenden Ketztertum Einhalt zu gebieten. Als Ungarn seine Herrschaft beständig auf Dalamatien und die südlichen Gegenden ausdehnte, wurden der Kirchenorganisation das bosnische Bistum mit Sitz in Diakóvár sowie die dalmatinische Kirchenprovinz Spalato mit ihren Bistümern angeschlossen. Bis zum 13. Jahrhundert bildeten sich die Grundzüge des ungarischen Pfarreinetzes heraus.
IM SCHATTEN DES PAPSTTUMS
Neue Orden
Die Herausforderungen der in den urbanen Siedlungen des 13. Jahrhunderts auftauchenden Massenarmut ließen ein neues Mönchtum entstehen: die Bettelorden. Bei der Gründung des Dominikanerordens im Jahr 1221 war auch der Rektor der Universität Bologna, Paulus Hungarus, zugegen, der die erste nach Ungarn entsandte Gruppe anführte. Nach den ersten Ansiedlungen in Raab und Stuhlweißenburg erhöhte sich die Zahl ihrer Ordenshäuser zur Zeit des Mongoleneinfalls auf zehn. Das erste Ordenshaus der Franziskaner wurde von der deutschen Provinz in Erlau begründet; bis zum Jahr 1233 organisierten sich die ungarischen Häuser zu einer separaten Wache und bis 1238 zu einer Ordensprovinz. Der dritte, in der ungarischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielende Paulinerorden ist der einzige Orden ungarischer Gründung. 1225 hatte Bartholomäus, Bischof von Fünfkirchen, die Eremiten vom Jakobsberg in einem Kloster versammelt. 1250 gründete er für die im Pilis-Gebirge lebenden Einsiedler in der Gemarkung des Dorfes Kesztölc ein dem hl. Kreuz geweihtes Kloster und gab dem Orden 1256 den Namen des heiligen Eremiten Paulus. Auf Drängen des Thomas von Aquino erkannte Papst Alexander IV. im Jahr 1262 den neuen Mönchsorden an. Durch den Einfluß der Bettelorden und die Auswirkungen wirtschaftlicher Veränderungen wurden die monastischen Orden mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, um 1240 ging die große Zeit der Benediktiner und Zisterzienser zu Ende.
Legaten in Ungarn
Im Laufe des 13. Jahrhunderts gewann das im Investiturstreit erstarkte Papsttum europaweit beträchtlich an Einfluß. Nur aus politischen Erwägungen zwar, löste Andreas II. nach wiederholter Aufforderung durch Papst Innozenz III. 1217 das Kreuzzugsversprechen seines Vaters dennoch ein. Mitte der 1220er Jahre formulierte der Papst, als Antwort auf die verschwenderische Güterpolitik des ungarischen Herrschers, das Prinzip der Unveräußerlichkeit der Krongüter, was Herzog Béla wiederum zum Ausgangspunkt für seine Politik der Rückbeschaffung der Güter nahm. In diesem Jahrhundert boten sich sogar zwei Anlässe, einen päpstlichen Legaten nach Ungarn zu entsenden. 1233 brachte der palestrinische Bischof Jakob von Pecorar im Bereger Wald ein Abkommen unter Dach und Fach, nahm dem Monarchen außerdem das Versprechen ab, die schon 1222 zugesagten Privilegien (Zuständigkeit der Kirchengerichte in Angelegenheiten kirchlicher Personen sowie Steuerfreiheit) zu gewähren, und sicherte das Salzmonopol der Kirche. Phillip Bischof von Fermo sandte Papst Nikolaus III. deshalb nach Ungarn, weil er das Ansehen des Königs wiederherstellen und dessen Problem mit den heidnischen Kumanen lösen sollte. Nachdem er die Kumanenfrage geregelt hatte, berief Legat Phillip 1279 ein Konzil nach Ofen ein, dessen Ziel es war, den katholischen Glauben und die Freiheit der Kirche sicherzustellen sowie bei Kirchenmännern und weltlichen Untertanen eine Besserung der Lebensführung bzw. Moral zu bewirken.
Kirche und Gesellschaft zur Arpadenzeit
Im Laufe des 13. Jahrhunderts konsolidierte sich die kirchliche Hierarchie in Ungarn. An ihrer Spitze stand der mit den weltlichen Baronen gleichrangige, einen wesentlichen Teil des Kronrates stellende, häufig streitbare hohe Klerus, unter diesem die Kapitel mit ihren Pröpsten sowie den Äbten der Klöster. Zur Mittelschicht gehörte die Priesterschaft der Kapitel, die Domherren, die aufgrund ihrer materiellen Situation auch ausländische Schulen besuchen konnten und nicht selten Mitglieder der königlichen Kapelle waren. Die untere Priesterschaft bildeten die materiell bescheidener gestellten Pfarrer und Seelsorger sowie Benefiziare und Chorpriester, die die Vertretung der Domherren im Chor versahen. Die hohen Geistlichen der Kirche und angesehenen Klöster verfügten über riesige, besitztrechtlich unantastbare Güter. Diesen verstreut liegenden Kirchengütern sicherte die Arbeitsorganisation ihrer nach Dienstleistungen gruppierten Dienstleute in der Frühzeit einen dynamischen Aufschwung. Doch im 13. Jahrhundert wurde ihre führende Rolle von den weltlichen Großgrundbesitzen übernommen und der Niedergang der verstreuten Kirchengüter begann.
Gleichzeitig stabilisierte sich die Rolle der Priesterschaft auch im öffentlichen Leben. Schon die Synodalgerichte der Kolomanzeit hatten gezeigt, daß die weltliche Gesellschaft eine Teilnahme der Kirche am öffentlichen Leben beanspruchte. Aus der Zeugnisfunktion, die sie bei Proben mit glühendem Eisen ausübten, entwickelten sich an den Bischofssitzen vom Ende des 12. Jahrhunderts an in immer rascherem Tempo die das lokale Schrifttum abwickelnden Orte der authentischen Tätigkeit. Ihre ersten Institutionen waren die großen Domkapitel und königlichen Propsteien (Veszprém, Stuhlweißenburg, Raab, Gran, Ofen), gefolgt mit Beginn der 40er Jahre des Jahrhunderts von den Ordenskonventen der Benediktiner und Prämonstratenser.
Theoretisch war die Frage der Besetzung der Stühle hoher geistlicher Würdenträger Ende des 12. Jahrhunderts zwar geklärt, doch in der Praxis verfügte der Herrscher über all jene Mittel, mit denen er seinem eigenen Kandidaten zum Bischofsstuhl verhelfen konnte. Daraus ergaben sich, neben der Zentralisierung kirchendisziplinarischer Angelegenheiten in der päpstlichen Kurie, auch weiterhin Schwierigkeiten in den Beziehungem zwischen Heiligem Stuhl und Ungarn. Nachdem Béla IV. zur Zeit des Mongolenüberfalls vergeblich auf wirksame Hilfe durch das Papsttum gewartet hatte, machte er dem Oberhaupt der Kirche bittere Vorwürfe. Die Lebenskraft des ungarischen Christentums zeigte sich einmal mehr in seiner enthusiastischen Teilnahme an der Missionstätigkeit. Die Dominikaner zogen aus, um nach dem im Osten gebliebenen Ungartum zu forschen bzw. um die Kumanen in der Walachei zu bekehren. In Richtung Balkanhalbinsel aber übernahm der König die Organisierung und wirksame Unterstützung des Bekehrungswerkes sowie den Ausbau der Kirchenorganisation persönlich. Zur Bekehrung im Inland gaben bis zur Zeit Ladislaus IV. die heidnischen Kumanen Gelegenheit.
Bereits in den 1230er Jahren schien der Erzbischof von Gran ein hohes Ansehen zu genießen, die zweite Goldene Bulle des Jahres 1231 räumte ihm das Vetorecht ein. Ab der Mitte des Jahrhunderts bemühte er sich auf Konzilen, für die Priesterschaft seiner Kirchenprovinz zu sorgen. Der Erzbischof war der erste hohe Kleriker des Landes, welcher im Bereich der weltlichen Regierung ein bedeutendes Amt erlangte: er wurde auf Lebenszeit Gespan des Burgkomitats Gran. Am deutlichsten zeigt zum Ende des Jahrhunderts die Gestalt Erzbischof Lodomers den Platz und die Rolle der ungarischen Kirche innerhalb der Gesellschaft. Der Graner Erzbischof stellte sich an die Spitze jener von der Kirche gelenkten Bewegung, welche es sich mit der Umsetzung des frühen Ständetums nach Ungarn zur Aufgabe gemacht hatte, die zur Zeit Ladislaus IV. geschwächte ungarische Gesellschaft nach den modernsten europäischen Mustern zu erneuern. Der Tod Lodomers im Jahr 1298 hat fast symbolische Bedeutung: er schließt die erste Periode der ungarischen Kirchengeschichte ab.
