Zurück zum Inhaltsverzeichnis

KIRCHENGESCHICHTE

DAS ERBE STEPHANS DES HEILIGEN
ZWISCHEN KAISER UND PAPST
IM SCHATTEN DES PAPSTTUMS



DAS ERBE STEPHANS DES HEILIGEN

Ein Staat mit vielen Sprachen und Sitten

Im Verlaufe seiner langen Wanderung wurde das Ungartum mit den monotheistischen Religionen bekannt, die unser Volk mehr oder weniger auch ins Karpatenbecken begleiteten. Bis zum Mongolensturm des Jahres 1241 lebten in Ungarn zahlreiche Einwohner islamischen Glaubens, die man Ismaeliten, Kaliser oder Mohren nannte. Aus rund 80 Dörfern in 26 Komitaten wissen wir von ihren geschlossenen Gemeinschaften; nach der iberischen Halbinsel und Süditalien war dies im zeitgenössischen Westeuropa die höchste Anzahl. Ihre Mitglieder befaßten sich teilweise mit dem königlichen Finanzwesen, zum Teil waren sie Kaufleute, hauptsächlich aber mit dem Schutz der Grenzen betraute Söldner. Ein Teil von ihnen hatte sich schon Ende des 9. Jahrhunderts zusammen mit dem Ungartum im Land angesiedelt, andere ließen sich später als geworbene Söldner oder spontan hier nieder (z.B. mit den Petschenegen, als Händler). Das Szabolcser Konzil war bestrebt, sie durch Umsiedlung einer Hälfte der Dorfeinwohnerschaft, und das Konzil von Tarcal durch den Kirchenbau in Dörfern sowie die zur Pflicht erhobene Mischehe zum christlichen Glauben zu bekehren. Zwischen 1150 und 1220 kam es in ihrem Kreis nach und nach auch zu einer friedlichen Assimilation, der jedoch die Verfolgungen unter Andreas II. ein Ende setzten.

Einzelnen Annahmen zufolge dürfte es unter den Mitgliedern des Stammes der Kavaren, die sich dem Ungartum angeschlossen hatten, eine bedeutende Anzahl von Vertretern des jüdischen Glaubens gegeben haben. Die Juden lebten seit Beginn des 11. Jahrhunderts in kleineren Gemeinschaften (Diasporen) in den urban geprägten Siedlungen. Das Konzil von Szabolcs verbot ihnen, mit Christen die Ehe einzugehen, sich christliche Knechte zu halten und an christlichen Feiertagen Arbeit zu verrichten. König Koloman verfügte, daß sie in den Bischofsresidenzen angesiedelt und über die mit ihnen geschlossenen Geschäfte besiegelte Schriftstück ausgestellt werden müssen. In den 1220er Jahren ging man teils wegen ihrer bedeutenden Rolle, die sie in der königlichen Finanzadministration spielten, teils im Sinne der Beschlüsse des Toledoer Konzils von 1217 gegen sie vor. Béla IV. ernannte in der Person des Schatzmeisters einen jüdischen Richter und stellte sie unter dessen Aufsicht. Ein Freibrief des Königs sicherte im Jahr 1251 den Schutz ihrer Person und ihres Vermögens und regelte ihre Steuerpflichten.

Dank der von Stephan dem Heiligen begonnenen Missionsarbeit konnte das christliche Bekehrungswerk im Kreis des Ungartums bedeutende Erfolge verzeichnen. Daß der heidnische Glaube langsam an Kraft verlor, zeigt der durch die gewaltsamen Feudalisierungsbestrebungen König Peters ausgelöste, von Vata angeführte Heidenaufstand des Jahres 1046, der sich nicht so sehr gegen den christlichen Glauben denn gegen das institutionelle System der Kirche und die gesellschaftliche Ordnung richtete. 1060 fiel es Béla I. schon leichter, den Aufstand des Vata-Sohnes János niederzuwerfen. Ende des 11. Jahrhunderts mußte man dann nur noch prinzipiell gegen Menschen vorgehen, die an den Brunnen Opfer darbrachten. Westliche Geschichtsschreiber äußerten sich aus politischen Gründen zwar auch Mitte des 12. Jahrhunderts noch negativ über das Christentum der Ungarn, doch die Christianisierung des Landes war Ende des 11. Jahrhunderts im wesentlichen abgeschlossen.

Ein Problem hinsichtlich der Annahme des Christentums konnten in Zukunft nur noch die zugewanderten Völker bedeuten. Die Ende des 11. Jahrhunderts in kleineren Gruppen eingetroffenen Petschenegen hatten sich infolge ihrer weit verstreuten Ansiedlung rasch angepaßt. Die von Béla IV. 1238-39 aufgenommenen Kumanen hingegen ließen sich als Volk in einem Block nieder und hielten vier Jahrzehnte lang an ihrem alten Glauben fest; erst die Kumanengesetze Ladislaus IV. beinhalteten wirksame Regelungen zu ihrer Bekehrung.

Augenfälligstes Relikt der Ergebnisse der christlichen Bekehrung nach byzantinischem Ritual ist die Bezeichnung der im ehemaligen Gebiet des Gyula-Stammes organisierten siebenbürgischen Kirchenprovinz. Sie erhielt ihren Namen schließlich nicht nach dem Zentrum, sondern wurde aufgrund der griechischen Vorgeschichte nach dem Gebiet selbst benannt. Andererseits gab es für das byzantinische Ritual zur Arpadenzeit keine große gesellschaftliche Basis. Die auf ungarischem Territorium entstandenen Basilitenklöster hatte man zumeist für die Mitglieder der Herrscherfamilie gegründet, die dem byzantinischen Ritual anhingen: das Nonnenkloster im Veszprémtal vielleicht für die Braut Herzog Emmerichs und Oroszko auf der Halbinsel Tihany für die Gemahlin Andreas I. Die griechischen Vorläufer des Klosters von Szávaszentdemeter sowie des Bácser Erzbistums fielen gerade der immer stärker fußfassenden lateinischen Kirchenorganisation zum Opfer. Um 1204 bot sich zwar die Möglichkeit, die in Ungarn lebenden Orthodoxen in einer selbständigen Kirchenprovinz zu organisieren, Ursache dessen dürfte jedoch eher die vorübergehende Auflösung des Byzantinischen Reiches gewesen sein. Die von der Balkanhalbinsel einströmenden Hirtenvölker bauten damals noch keine Kirchen. Den griechischen Kircheneinrichtungen fehlte es an Gläubigen, und so wurden sie von lateinischen Priestern und Mönchen in Besitz genommen.

Die ersten Erben

Stephan der Heilige hatte die ersten Kapitel seiner an seinen Sohn, Herzog Emmerich, und damit indirekt an alle seine Nachfolger gerichteten sittlichen Ermahnungen der Frage gewidmet, wie sich ein König gegenüber der Kirche bzw. den Kirchenmännern verhalten sollte, mit welcher Geduld er das Volk der Kirche zuführen müsse. Sein erster Nachfolger, König Peter, befolgte keinen dieser Ratschläge. Nach dem Beispiel der deutschen Herrscher erlegte er der Kirche Steuern auf und löste gleich während seiner ersten Regierungszeit zwei Bischöfe ab. Die Kirchenvertreter erfüllte diese brachiale Art und Weise, in der Peter bestrebt war, die zeitgenössischen westlichen Gesellschaftsmuster nach Ungarn umzusetzen, mit ernsthafter Besorgnis. Die Episkopalversammlung, an ihrer Spitze Bischof Gerhard, wandte sich gegen ihn und erklärte ihn des Thrones für unwürdig. Selbst die Erinnerung an Peter sollte ausgelöscht werden, weshalb man seine Kapitel-Gründung in Altofen und den von ihm betriebenen Bau des Doms zu Fünfkirchen anderen zuschrieb.

Peters Nachfolger, Samuel Aba, regierte bereits in jeder Hinsicht nach den Erwartungen des Episkopats. Prägnantester Beweis seines kirchentreuen Vorgehens war, daß er die Namen der von ihm ernannten Bischöfe nach Rom einreichte. Gerade das aber führte zur Konfrontation mit dem weltlichen Adel, da er während seiner Herrschaft danach strebte, die vermögensgemeinschaftlichen Vorschriften der Urkirche zu verwirklichen, die in vielem den patriarchalischen Verhältnissen des Zeitalters der christlichen Bekehrung ähnelten, als die Zugehörigkeit zu einer Sippe die armen Sippenmitglieder noch schützte. Doch die Bischofsversammlung stärkte König Aba bis zu dessen Niederlage bei Ménfo den Rücken. Nach seinem Tod wurde er im Kloster von Sár bestattet, und sogar der Ruf von seiner Heiligkeit verbreitete sich.

Die der zweiten Regierungszeit König Peters ein Ende setzenden Ereignisse zeigten dann, daß die Befürchtung der Bischöfe keineswegs grundlos gewesen war. Ein Aufstand unter Führung des im Komitat Békés beheimateteten Vata und im Zeichen der heidnischen Ideale fegte die Herrschaft des Despoten hinweg, aber auch viele Bischöfe und Kleriker, allen voran Bischof Gerhard, starben dabei den Märtyrertod. Nur drei Bischöfe blieben am Leben, darunter der von König Stephan dem Heiligen ernannte Fünfkirchner Bischof Maurus, die dem mit dem Heidentum abrechnenden Andreas I. die Krone aufs Haupt setzten. Andreas stellte die christliche Ordnung wieder her und bekam später sogar den Beinamen "der Katholische". Doch auch dies wurde in der Chronik über ihn aufgezeichnet, daß seinen Söhnen deshalb Nachkommen versagt blieben, weil er der Ermordung christlicher Priester anfangs tatenlos zugesehen hatte.

König Andreas' strenge Maßnahmen riefen keinen Widerstand hervor - als Zeichen dafür, daß das Heidentum damals nur noch Begleiterscheinung der Ereignisse war. Ein bekannter Erlaß Andreas' ordnete an, vor dem Feiertag des hl. Petrus (29. Juni) ein dreitägiges Fasten einzuhalten. Die Gesetze seines jüngeren Bruders, Bélas I., betrafen die Kirche ebenfalls. Er verlegte die Märkte von Sonntag auf Samstag, um auch damit dessen Gepräge als christlicher Feiertag zu wahren.

Festigung des Glaubens

Nach dem Tod Andreas I. brach ein Thronstreit aus, der dem Papst erstmals Gelegenheit gab, sich als Schiedsrichter in die inneren Angelegenheiten Ungarns einzumischen und zu versuchen, bei dem von ihm unterstützten Herrscher die Anerkennung der dem Land gegenüber erhobenen lehnsherrlichen Ansprüche des Heiligen Stuhls zu erreichen. Gregor VII. stellte sich gegen Salamon auf die Seite Gézas und Ladislaus'. In einem Brief des Jahres 1074 schrieb er an Géza, daß Gott die Herrschaft von Salomon auf sie übertragen habe, da jener mit seinem Übertritt zum Kaiser die Rechte Sankt Petri verletzt hätte (translatio regni). Géza jedoch ließ die Lehnsherrenansprüche des Papstes, wenn auch sehr höflich, in der Größeren Legende über Stephan den Heiligen zurückweisen. Daraus ging nämlich hervor, daß Ungarn - durch die Offerierung Stephans des Heiligen - das Erbe der in der Hierarchie über St. Petrus stehenden Heiligen Jungfrau ist.

Unter der Herrschaft des hl. Ladislaus und später seines Nachfolgers, König Koloman, festigten sich der christliche Glaube und das institutionelle System der Kirche in Ungarn endgültig. Wichtigstes Zeichen dafür war eine bedeutende Erweiterung der Kirchenorganisation sowie die Intensivierung der die christlichen Lebensformen bestimmenden kirchlichen Gesetzgebung. Ladislaus organisierte nicht nur die bestehenden Kirchenprovinzen einigermaßen um (die Residenz des Bischofs von Kalocsa verlegte er nach Bács, die des Biharer Bischofs nach Wardein), sondern vergrößerte auch ihre Zahl, indem er in den neueroberten Gebieten Slawonien und Kroatien das Bistum Agram gründete. Das neue Bistum - an dessen Spitze der König einen böhmischen Kleriker als Bischof ernannte - unterstellte er der damals vermutlich noch einzigen Erzdiözese Gran. Auch die erforderlichen Zeremonienbücher gelangten von Gran nach Agram. Erst später, nachdem Kalocsa in den Rang eines Erzbistums erhoben worden war, unterstand das südliche Bistum Kalocsa.

Ein bedeutsames Datum im Leben der ungarischen Kirche war das Jahr 1083, als auf Befehl König Ladislaus', und gewiß ohne Zustimmung Papst Gregors VII., in Stuhlweißenburg König Stephan und Herzog Emmerich, in Csanád Bischof Gerhard und in Neutra oder Zobor die Eremiten des Waagtals, Zoerard-Andreas und Benedikt, kanonisiert wurden. Für 1092 berief Ladislaus ein gemischtes Konzil nach Szabolcs ein. Hier traf der König mit seinen kirchlichen und weltlichen Ratgebern Verfügungen in bezug auf das vom Reformpapsttum angestrebte Zölibat der Priester, die Instandhaltung alter und den Bau neuer Kirchen sowie die strenge Einhaltung der Sonn- und Feiertage. Im Bereich der Kirchendisziplin regelte er die Aufnahme eingewanderter Priester, die Zahlung des Kirchenzehnten, die Eheangelegenheiten aber verwies er ausdrücklich in die Zuständigkeit der kirchlichen Jurisdiktion. Unter den rund vierzig beim Szabolcser Konzil festgelegten Feiertagen sind auch die der ersten ungarischen Glaubensbekenner und Märtyrer - König Stephans des Heiligen (20. August), Herzog Emmerichs des Heiligen (5. November) und des heiligen Bischofs Gerhard (24. September) - bereits genannt.

ZWISCHEN KAISER UND PAPST

Koloman und die Kirchenreform

Zur Herrschaftszeit Kolomans, um 1104 und 1112, wurden in Gran zwei (nunmehr schon rein kirchliche) Konzile abgehalten. Das unter Vorsitz von Erzbischof Lorenz und unter Teilnahme von zehn Bischöfen zusammengetretene erste Konzil legte besonderes Gewicht auf die Verschärfung der kirchlichen Disziplin. Es bestimmte die wichtigsten Pflichten der Priester, verbot den Gläubigen die heidnischen Zeremonien und schützte das Kirchenvermögen gegen die Übergriffe der Kleriker. Darüber hinaus traf es Regelungen zur Kirchenregierung und zum priesterlichen Zölibat, zur Lebensweise der Domherren, Mönche und Provinzgeistlichen, zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation sowie zur Zeremonienordnung. Die Straftaten der Verwünschung und Zauberei, des Ehebruchs und der Tötung eines Menschen wurden endgültig in die Zuständigkeit der kirchlichen Jurisdiktion verwiesen. Das zweite Graner Konzil verschäfte das priesterliche Zölibat und schrieb zum erstenmal vor, daß weltliche Ehen vor dem Angesicht der Kirche zu schließen sind.

Die ersten Kanons des zweiten Graner Konzils qualifizierten das gegen den König begangene Verbrechen als eine Straftat gegen die Religion, auf die als Strafe die Exkommunizierung stand. Auch die Rechte des Königs als oberster Kirchenherr waren damals noch unbeschnitten: Koloman ging um 1113 bei der von König Ladislaus begonnenen Gründung des Bistums Neutra in gleicher Weise ohne päpstliche Ermächtigung vor, wie sein Vorgänger im Falle von Agram. Auf das Gehorsamkeit gegenüber dem Heiligen Stuhl einfordernde Schreiben Papst Urbans II. antwortete der König mit der dritten Stephanslegende. Darin belegte Bischof Hartwick - eingebettet in die Theorie von der Entsendung der Krone durch den Papst - die Rechte König Kolomans zur Regierung der Kirche auf historischer Grundlage. Diese Theorie sicherte dem ungarischen König (neben dem sizilianischen Herrscher) das ganze 12. Jahrhundert hindurch eine Sonderstellung: Nur mit seiner Erlaubnis konnte der Papst einen Legaten ins Land schicken, der ungarische Klerus aber durfte Kontakte zum Heiligen Stuhl lediglich mit Wissen des Monarchen pflegen.

Obwohl Papst Innozenz III. im Jahr 1201 die Hartwicksche Legende nur unter der Bedingung als Lesestoff im Brevier Stephans des Heiligen zugelassen hatte, daß der Passus, wonach Stephan in Kirchenangelegenheiten nach "beiderlei Recht" verfügte, gestrichen werde, waren die Ansprüche des ungarischen Herrschers auf das apostolische Königtum auch im 13. Jahrhundert noch sehr lebendig. Darauf berief sich 1238, zur Zeit seines Bulgarienfeldzuges, auch König Béla IV., als er den Papst ersuchte, in den zu erobernden Gebieten im Vollbesitz all dieser Rechte verfahren zu dürfen - d.h., daß ihm ein apostolisches Kreuz vorangetragen werde und er über die Schaffung der Kirchenorganisation frei verfügen könne.

Das Jahrhundert der Mönche

Eines der auffälligsten kirchengeschichtlichen Phänomene im Ungarn des 12. Jahrhunderts ist das Erscheinen der verschiedenen Formen des Mönchtums. Im 11. Jahrhundert dominierten die Benediktiner. Damals bildeten sich die Grundlagen der monastischen Struktur in Ungarn heraus, das Netz der königlichen und Eigenklöster. Nach Stephan dem Heiligen gründete nahezu jeder Herrscher dieses Zeitalters sein eigenes Kloster, das in den meisten Fällen auch als Begräbnisstätte diente: Andreas I. 1055 in Tihany, Béla I. 1061 in Szekszárd, Géza I. 1075 in Garamszentbenedek, Ladislaus I. 1091 in Somogyvár. Die weltlichen Herren verliehen ihrer religiösen Überzeugung in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch durch Donationen an Klöster Ausdruck, später jedoch strebten auch sie danach, mit Gründung von Klöstern für ihr Seelenheil und eine eigene Begräbnisstätte zu sorgen; 1061 gründeten Gespan Otto aus dem Geschlecht Gyor in Zselicszentjakab und im Jahr 1067 Peter aus dem Geschlecht Aba an seinem Adelssitz Százd am Ufer der Theiß ein Kloster.

Unter der Herrschaft Stephans II. wurden in Váradhegyfok Prämonstratenser ansässig, die sich die Seelsorge zur Aufgabe machten. Die die benediktinische Lebensweise streng reformierenden Zisterzienser, die sowohl bei der Verbreitung der modernen Bewirtschaftung als auch der Gotik eine maßgebliche Rolle spielten, rief Géza II. im Jahr 1142 nach Cikádor bei Bátaszék. Zu einer stärkeren Ansiedlung des Ordens kam es erst unter Béla III. Damals entstanden die Klöster von Egres, Zirc, Szentgotthárd, Pilis und Pásztó, die sich dann selbst zu Mutterklöstern weiterer Abteien entwickelten. Typisch für die Verbreitung der neuen Orden in Ungarn war, daß die Mehrzahl der Zisterzienserhäuser unter Umgehung der als Vermittler fungierenden deutschen Monasterien direkt von den bedeutendsten französischen Mutterklöstern aus besiedelt wurden (Cikádor allerdings aus Heiligenkreuz). Als zweites Charakteristikum läßt sich ein zum westeuropäischen umgekehrtes Verhältnis der Verbreitung dieser Orden feststellen: Verglichen mit den annähernd zwanzig Klöstern der im Westen außerordentlich populären Zisterzienser gründeten die Prämonstratenser nahezu doppelt soviele Ordenshäuser. Zisterzienser begaben sich nur ungern unter das Patronat weltlicher Großgrundbesitzer und standen fast ausnahmslos unter dem Patronat des Königs, Prämonstratenser hingegen akzeptierten die Abhängigkeit von Weltlichen und bestatteten ihre Patrontasherren im Gegensatz zu den Zisterziensern anstandslos in ihren Kirchen.

Als Zeichen der Erstarkung des ungarischen Christentums wuchs im 12. Jahrhundert das Ansehen des Landes. Dies zeigte sich vor allem daran, daß der Papst und der deutsch-römische Kaiser gleichermaßen Wert auf die Stellungnahme des ungarischen Herrschers legten. König Géza III. hatte sich nach der doppelten Papstwahl des Jahres 1159 zwar zunächst auf die Seite Friedrich Barbarossas gestellt, doch von 1160 an unterstützte er auf Einfluß des Graner Erzbischofs Lukas konsequent Papst Alexander III., wie es auch seine Nachfolger taten, bis dieser 1177 schließlich obsiegte. Die Differenzen zwischen Erzbischof Lukas und König Béla III. waren der Ausgangspunkt für den Wettstreit der beiden Erzbistümer Gran und Kalocsa. In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts wurde Gran dann endgültig die erste Erzdiözese des Landes, welchen Rang die Quellen 1239 erstmals erwähnen. Eine Rolle dürfte Lukas auch bei der Gründung der Graner Propstei gespielt haben, wurde sie doch nach seinem ehemaligen Studienfreund Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, benannt.

Die Ritterorden waren in Ungarn seit 1147 durch die Graner Johanniter bzw. seit 1169 durch die Templer von Vrana vertreten, die sich besonders auf dem Gebiet der Krankenpflege und der Kriegführung hervortaten. Zum Zeichen der Erstarkung des religiösen Ideengutes schaltete sich Ungarn über die Kreuzfahrerbewegung auch in die Kämpfe zur Befreiung des Heiligen Landes ein. König Andreas II. stand 1217 an der Spitze des fünften Kreuzzuges, an dem die Mitglieder beider Orden ebenso teilnahmen wie 1241 an der Schlacht bei Muhi gegen die Mongolen. Zum Ende des 13. Jahrhunderts gab es in Ungarn bereits dreißig Ordenshäuser der Johanniter. Die kürzeste Zeit hielten sich die Mitglieder des deutschen Ritterordens hier auf. Nachdem Andreas II. ihnen 1211 das Burzenland anvertraut hatte, war er schon 1225 gezwungen, sie wegen ihres Drangs nach Verselbständigung wieder aus dem Land zu vertreiben. Forscher halten es für möglich, daß der Graner Hospitalorden von Ungarn gegründet wurde, der neben seinem Hauptkloster auch im Heiligen Land (in Jerusalem und Akkon) Häuser unterhielt.

Die Kirchenorganisation

Die Wende vom 12. auf das 13. Jahrhundert brachte erneut eine bedeutende Erweiterung der Kirchenorganisation. Für die in Siebenbürgen und im Zipserland angesiedelten Sachsen gründete der König um 1186 bzw. 1198 die Hermannstädter und die Zipser Propstei. Das Bistum Milkow wurde 1228 von den unter den Kumanen als Missionare tätigen Dominikanern organisiert, während es sich bei dem 1229 bestätigten sirmischen Bistum um eine Eigengründung des Kalocsaer Erzbischofs Ugrin Csák handelte, der vermutlich das Ziel vor Augen hatte, dem von der Balkanhalbinsel einströmenden Ketztertum Einhalt zu gebieten. Als Ungarn seine Herrschaft beständig auf Dalamatien und die südlichen Gegenden ausdehnte, wurden der Kirchenorganisation das bosnische Bistum mit Sitz in Diakóvár sowie die dalmatinische Kirchenprovinz Spalato mit ihren Bistümern angeschlossen. Bis zum 13. Jahrhundert bildeten sich die Grundzüge des ungarischen Pfarreinetzes heraus.

IM SCHATTEN DES PAPSTTUMS

Neue Orden

Die Herausforderungen der in den urbanen Siedlungen des 13. Jahrhunderts auftauchenden Massenarmut ließen ein neues Mönchtum entstehen: die Bettelorden. Bei der Gründung des Dominikanerordens im Jahr 1221 war auch der Rektor der Universität Bologna, Paulus Hungarus, zugegen, der die erste nach Ungarn entsandte Gruppe anführte. Nach den ersten Ansiedlungen in Raab und Stuhlweißenburg erhöhte sich die Zahl ihrer Ordenshäuser zur Zeit des Mongoleneinfalls auf zehn. Das erste Ordenshaus der Franziskaner wurde von der deutschen Provinz in Erlau begründet; bis zum Jahr 1233 organisierten sich die ungarischen Häuser zu einer separaten Wache und bis 1238 zu einer Ordensprovinz. Der dritte, in der ungarischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielende Paulinerorden ist der einzige Orden ungarischer Gründung. 1225 hatte Bartholomäus, Bischof von Fünfkirchen, die Eremiten vom Jakobsberg in einem Kloster versammelt. 1250 gründete er für die im Pilis-Gebirge lebenden Einsiedler in der Gemarkung des Dorfes Kesztölc ein dem hl. Kreuz geweihtes Kloster und gab dem Orden 1256 den Namen des heiligen Eremiten Paulus. Auf Drängen des Thomas von Aquino erkannte Papst Alexander IV. im Jahr 1262 den neuen Mönchsorden an. Durch den Einfluß der Bettelorden und die Auswirkungen wirtschaftlicher Veränderungen wurden die monastischen Orden mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, um 1240 ging die große Zeit der Benediktiner und Zisterzienser zu Ende.

Legaten in Ungarn

Im Laufe des 13. Jahrhunderts gewann das im Investiturstreit erstarkte Papsttum europaweit beträchtlich an Einfluß. Nur aus politischen Erwägungen zwar, löste Andreas II. nach wiederholter Aufforderung durch Papst Innozenz III. 1217 das Kreuzzugsversprechen seines Vaters dennoch ein. Mitte der 1220er Jahre formulierte der Papst, als Antwort auf die verschwenderische Güterpolitik des ungarischen Herrschers, das Prinzip der Unveräußerlichkeit der Krongüter, was Herzog Béla wiederum zum Ausgangspunkt für seine Politik der Rückbeschaffung der Güter nahm. In diesem Jahrhundert boten sich sogar zwei Anlässe, einen päpstlichen Legaten nach Ungarn zu entsenden. 1233 brachte der palestrinische Bischof Jakob von Pecorar im Bereger Wald ein Abkommen unter Dach und Fach, nahm dem Monarchen außerdem das Versprechen ab, die schon 1222 zugesagten Privilegien (Zuständigkeit der Kirchengerichte in Angelegenheiten kirchlicher Personen sowie Steuerfreiheit) zu gewähren, und sicherte das Salzmonopol der Kirche. Phillip Bischof von Fermo sandte Papst Nikolaus III. deshalb nach Ungarn, weil er das Ansehen des Königs wiederherstellen und dessen Problem mit den heidnischen Kumanen lösen sollte. Nachdem er die Kumanenfrage geregelt hatte, berief Legat Phillip 1279 ein Konzil nach Ofen ein, dessen Ziel es war, den katholischen Glauben und die Freiheit der Kirche sicherzustellen sowie bei Kirchenmännern und weltlichen Untertanen eine Besserung der Lebensführung bzw. Moral zu bewirken.

Kirche und Gesellschaft zur Arpadenzeit

Im Laufe des 13. Jahrhunderts konsolidierte sich die kirchliche Hierarchie in Ungarn. An ihrer Spitze stand der mit den weltlichen Baronen gleichrangige, einen wesentlichen Teil des Kronrates stellende, häufig streitbare hohe Klerus, unter diesem die Kapitel mit ihren Pröpsten sowie den Äbten der Klöster. Zur Mittelschicht gehörte die Priesterschaft der Kapitel, die Domherren, die aufgrund ihrer materiellen Situation auch ausländische Schulen besuchen konnten und nicht selten Mitglieder der königlichen Kapelle waren. Die untere Priesterschaft bildeten die materiell bescheidener gestellten Pfarrer und Seelsorger sowie Benefiziare und Chorpriester, die die Vertretung der Domherren im Chor versahen. Die hohen Geistlichen der Kirche und angesehenen Klöster verfügten über riesige, besitztrechtlich unantastbare Güter. Diesen verstreut liegenden Kirchengütern sicherte die Arbeitsorganisation ihrer nach Dienstleistungen gruppierten Dienstleute in der Frühzeit einen dynamischen Aufschwung. Doch im 13. Jahrhundert wurde ihre führende Rolle von den weltlichen Großgrundbesitzen übernommen und der Niedergang der verstreuten Kirchengüter begann.

Gleichzeitig stabilisierte sich die Rolle der Priesterschaft auch im öffentlichen Leben. Schon die Synodalgerichte der Kolomanzeit hatten gezeigt, daß die weltliche Gesellschaft eine Teilnahme der Kirche am öffentlichen Leben beanspruchte. Aus der Zeugnisfunktion, die sie bei Proben mit glühendem Eisen ausübten, entwickelten sich an den Bischofssitzen vom Ende des 12. Jahrhunderts an in immer rascherem Tempo die das lokale Schrifttum abwickelnden Orte der authentischen Tätigkeit. Ihre ersten Institutionen waren die großen Domkapitel und königlichen Propsteien (Veszprém, Stuhlweißenburg, Raab, Gran, Ofen), gefolgt mit Beginn der 40er Jahre des Jahrhunderts von den Ordenskonventen der Benediktiner und Prämonstratenser.

Theoretisch war die Frage der Besetzung der Stühle hoher geistlicher Würdenträger Ende des 12. Jahrhunderts zwar geklärt, doch in der Praxis verfügte der Herrscher über all jene Mittel, mit denen er seinem eigenen Kandidaten zum Bischofsstuhl verhelfen konnte. Daraus ergaben sich, neben der Zentralisierung kirchendisziplinarischer Angelegenheiten in der päpstlichen Kurie, auch weiterhin Schwierigkeiten in den Beziehungem zwischen Heiligem Stuhl und Ungarn. Nachdem Béla IV. zur Zeit des Mongolenüberfalls vergeblich auf wirksame Hilfe durch das Papsttum gewartet hatte, machte er dem Oberhaupt der Kirche bittere Vorwürfe. Die Lebenskraft des ungarischen Christentums zeigte sich einmal mehr in seiner enthusiastischen Teilnahme an der Missionstätigkeit. Die Dominikaner zogen aus, um nach dem im Osten gebliebenen Ungartum zu forschen bzw. um die Kumanen in der Walachei zu bekehren. In Richtung Balkanhalbinsel aber übernahm der König die Organisierung und wirksame Unterstützung des Bekehrungswerkes sowie den Ausbau der Kirchenorganisation persönlich. Zur Bekehrung im Inland gaben bis zur Zeit Ladislaus IV. die heidnischen Kumanen Gelegenheit.

Bereits in den 1230er Jahren schien der Erzbischof von Gran ein hohes Ansehen zu genießen, die zweite Goldene Bulle des Jahres 1231 räumte ihm das Vetorecht ein. Ab der Mitte des Jahrhunderts bemühte er sich auf Konzilen, für die Priesterschaft seiner Kirchenprovinz zu sorgen. Der Erzbischof war der erste hohe Kleriker des Landes, welcher im Bereich der weltlichen Regierung ein bedeutendes Amt erlangte: er wurde auf Lebenszeit Gespan des Burgkomitats Gran. Am deutlichsten zeigt zum Ende des Jahrhunderts die Gestalt Erzbischof Lodomers den Platz und die Rolle der ungarischen Kirche innerhalb der Gesellschaft. Der Graner Erzbischof stellte sich an die Spitze jener von der Kirche gelenkten Bewegung, welche es sich mit der Umsetzung des frühen Ständetums nach Ungarn zur Aufgabe gemacht hatte, die zur Zeit Ladislaus IV. geschwächte ungarische Gesellschaft nach den modernsten europäischen Mustern zu erneuern. Der Tod Lodomers im Jahr 1298 hat fast symbolische Bedeutung: er schließt die erste Periode der ungarischen Kirchengeschichte ab.


Zurück zum Seitenanfang