Anonymus, Simon Kézai
Anonymus: Gesta Hungarorum
Das erste erhalten gebliebene lateinischsprachige Geschichtswerk Ungarns, dessen Gegenstand die ausführliche Darstellung der Geschichte der Landnahme ist. Im Prolog bezeichnet sich der Verfasser als den "Magister genannten P." und als "Notar des Königs Béla seligen Andenkens", der das Werk seinem mit dem Buchstaben N. gekennzeichneten einstigen Schulfreund widmet, um ihn über die Abstammung der Könige und Edelleute Ungarns zu informieren. Prolog und Text des Werkes lassen darauf schließen, daß der Autor sein Schulwissen im Ausland, vermutlich in Frankreich, erworben hat. Seine rätselhafte Selbstbenennung im Prolog bot den Historikern und Literaturhistorikern, die um Bestimmung der Person des Verfassers, des Alters der Gesta und ihres Quellenwertes bemüht waren, Anlaß zu zahlreichen Disputen. Heute wird bereits kaum noch bestritten, daß Anonymus der Notar König Bélas III. war, daß er sein Werk an der Wende vom 12. auf das 13. Jahrhundert schrieb, und daß dessen historischer Quellenwert (die Landnahme betreffend) außerordentlich gering ist (z.B. ist keiner der Akteure bekannt, die in der Geschichte der Wende des 9./10. Jahrhunderts eine Rolle spielen), wohingegen es in bezug auf die Zeitgeschichte - das Zeitalter des Verfassers - nahezu unschätzbaren Wert besitzt. Was die Person Anonymus' anbelangt, ist man noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen. Nur soviel kann als sicher gelten, daß sein Name mit dem Buchstaben "P" begann. Als Quellen verwendete er in seinem Werk eine der früheren Ausgaben der ungarischen Chronik, eine frühe Skythia-Beschreibung, die Arbeit des Prümer Abtes Regino vom Anfang des 10. Jahrhunderts, die Überlieferungen des Arpadenhauses und einiger am Oberlauf der Theiß ansässiger ungarischer Geschlechter sowie die Lieder der Jokulatoren. Seine literarischen Vorlagen waren der Troja-Roman (Excidium Troiae) und eine der Versionen des Romans über Alexander den Großen, aber auch die ars dictaminis des Hugo Bononiensis kannte er. Beim Schreiben ging er folgendermaßen vor: Wissenslücken füllte er durch Projektion der Verhältnisse seiner eigenen Zeit zurück in die Landnahmezeit, aus Ortsnamen erweckte er mit Hilfe der Etymologie Helden zum Leben, mit denen er das Land, die Umgebung des Fürsten Árpád und sein Heer bevölkerte, und versetzte diese Helden wiederholt in identische Situationen. Im Grunde ist das Werk nicht so sehr eine historische Arbeit, sondern mehr eine an Ritterromane erinnernde, romanhafte Gesta, deren vorrangiges Ziel die Unterhaltung gewesen sein dürfte. Simon Kézai hat das Werk Anonymus' noch gelesen und daraus vermutlich seine Idee zur Theorie von der hunnisch-ungarischen Verwandtschaft geschöpft. Erst im Anschluß daran muß der Kodex ins Ausland gelangt sein, wo er dann in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Bibliothek des Wiener Hofes erneut auftauchte und 1746 schließlich auch gedruckt erschien.
KSz
Simon Kézai: Gesta Hungarorum
Simon Kézai war der treue Hofgeistliche König Ladislaus IV., welcher in den Jahren 1282-1285 das erste als vollständiger Text (Auszug?) erhalten gebliebene ungarische Geschichtswerk schrieb, das die Ereignisse von der Urgeschichte bis in die 1280er Jahre behandelt. Der Verfasser entstammte dem Kleinadel, studierte aber in Italien und bereiste in diplomatischer Mission auch Frankreich, Deutschland und Sizilien. Auf ihn geht die Hunnen-Geschichte eingangs der ungarischen Chronik zurück, die Idee dazu hatte er wohl von Anonymus entliehen. In Anlehnung daran war für den traditionellen Aufbau späterer Chroniken die Duplizität von hunnischer Geschichte (erste Landnahme) und ungarischer Geschichte (zweite Landnahme) kennzeichnend. Besonderes Interesse verriet der Autor an den aktuellen politischen Themen seiner eigenen Zeit. Seiner Auffassung nach war dem Herrscher die Macht von der communitas der hunnischen Vornehmen übertragen worden, die folglich das Recht besaß, diese gegebenenfalls zurückzunehmen (damit wurde in Ungarn erstmals das Prinzip der Volksouveränität formuliert). Auch dem auf der Herkunftsgemeinschaft gründenden adligen Nationalbewußtsein verlieh Kézai zum erstenmal Ausdruck, und in zwei Kapitel seiner Arbeit befaßte er sich als Anhang mit der Abstammung der fremden Geschlechter und Dienstleute. Zweck der Geschichte war bei Kézai eindeutig das Formulieren von Antworten auf die das Zeitalter betreffenden Fragen. Die einstige Handschrift des Werkes ging 1782 verloren, sein Text ist nur von Kopien des 18. Jahrhunderts bekannt.
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