Altungarische Marienklage
Das früheste bekannte Gedicht in ungarischer Sprache und zweitälteste Sprachdenkmal. Es wurde 1922 als Gasttext in einer lateinische Predigten beinhaltenden Handschrift, dem Leuvener Kodex, entdeckt. Der 37 Zeilen umfassende ungarische Text ist eine ziemlich fehlerhafte Kopie vom Ende des 13. Jahrhunderts, das Original entstand rund fünfzig Jahre früher. Der ungarischen Übersetzung liegt die Sequenz "Planctus ante nescia" von dem Pariser Augustiner Domherren Godofredus de Sancto Victore († 1194) zugrunde. Die aus zwölf Strophen in Zweitaktzeilen mit freier Silbenzahl bestehenden ungarische Version hat eine im Vergleich zur lateinischen ungebundenere Reim- und Rhytmustrope. Übrigens ist dies keine wortwörtliche Übersetzung, sondern eine freie Überarbeitung, wobei der Dichter zahlreiche Elemente der mittelalterlichen lateinischen Dichtkunst übernommen hat. Mit hohem lyrischen Einfühlungsvermögen schildert er die Heilige Jungfrau, wie sie vor dem ans Kreuz geschlagenen Christus wehklagt und in ihrem ohnmächtigen Schmerz abwechselnd die Umstehenden bzw. ihren Sohn anspricht. Die unabhängig vom Lateinischen oder erfindungsreich übersetzten Wortbilder, Anreden, Alliterationen und Parallelen lassen einen geübten und begabten ungarischen Dichter vermuten. Die relativ reiche, aber anspruchslose ungarische Übersetzungslyrik aus der Zeit 15. - Anfang 16. Jahrhundert liegt weit unter dem Niveau dieses großartigen frühen Stückes. Der Leuvener Kodex wird seit 1982 in der Széchényi Nationalbibliothek in Budapest aufbewahrt.
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