Lateinische Schrift, Mittellateinische Sprache

Evangeliarium
Evangelistarium
Autorendarstellung
Der hl. Thomas von Aquino
Lateinische Schrift

ABC der Römer, das zusammen mit dem Ausbau der politischen Macht Roms, der lateinischen Sprache und der Vermittlung des Christentums Verbreitung fand. Ihr Buchstabenschatz stammt aus der in Süditalien gebräuchlichen griechischen Schrift, durch Vermittlung über die etruskische Schrift. Ihre jeweils zwei Hauptarten sind die Buch- und Gebrauchsschrift bzw. die Majuskelschrift (in Großbuchstaben) und die Minuskelschrift (in Kleinbuchstaben).

Das Mittelalter übernahm von der Antike den rundlichen, unitialen Schrifttyp. Im 6.-8. Jahrhundert bildeten sich im Gebiet der einzelnen Sprachkulturen selbständige Schriftformen heraus, so z.B. auf den britischen Inseln die insulare Schrift, in Gallien die merowingischen Schriften und in Süditalien die Beneventanschrift. Die Schriftreform der Karolinger vereinheitlichte diese Schrifttypen in den Buchstabenformen der Minuskelschrift, welche über die Antiqua-Buchstaben der Renaissance bis hin zu den heutigen Druckbuchstaben zur Grundlage aller späteren Schriftformen wurde. Die karolingischen Minuskeln konnten sich vom 8.-12. Jahrhundert halten, doch mit dem Ende der Karolingerzeit kam es zwischendurch im 10.-11. Jahrhundert zur Zeit der sog. Schriftreaktion, als die Gebrauchsschriften (Kursiv- und Urkundenschriften) in immer gerigerem Maße Anwendung fanden. Im Zeitraum 12.-15. Jahrhundert wurden sie dann von den verschiedenen Typen der gotischen Minuskeln abgelöst, und parallel dazu erschien vom Ende des 14. Jahrhunderts an die humanistische Minuskelschrift als eine exakte Nachahmung der karolingischen Schrift.

Auch in ihrem System unterschied sich die lateinische Schrift des Mittelalters von der heutigen: Nur in den seltensten Fällen schrieb man die vollständige phonetische Form der Wörter mit Buchstaben aus, verwendete hingegen zahlreiche Abkürzungen. Im Wort bzw. am Wortende weggelassene Buchstaben wurden durch Abkürzungen markiert, welche jedoch nicht die genaue Lautform, sondern eher Typen von Lautgruppen bezeichneten (z.B. Silbe mit "r", Silbe mit Nasal). Mit der Geschichte der Schriften befaßt sich die Paläographie, deren Gegenstand auch die Erforschung der Geschichte der Schreibmaterialien- und utensilien ist.

KSz


Mittellateinische Sprache

Aus dem klassischen oder antiken Latein weiterentwickelte, zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert mehr oder weniger als lebendig zu betrachende Sprache. Ihre Grundlage bildet das im 2.-5. Jahrhundert n. Chr. in den Schulen gelehrte sog. Spätlatein, zu dessen wichtigen Bildungsfaktoren das vulgäre (= gesprochene) und das Kirchenlatein gehören. Auch das Kirchenlatein ist mehrschichtig: es basiert auf der Bibelübersetzung aus dem Griechischen (Vetus Latina und Vulgata-Übersetzung des hl. Hieronymus), dem liturgischen Latein (feierliche, gehobene kultische Sprache) und dem Sprachgebrauch der Kirchenväter (das Spätlatein, angereichert mit Ausdrücken griechischer Herkunft, die jedoch regelmäßig gebildete, neue Begriffe bezeichnen).

Da auch das Latein im romanisierten Gebiet des ehemaligen Römischen Imperiums, nach dem Muster der sich entwickelnden neulateinischen Sprachen, zur Merowingerzeit zahlreiche neue Elemente in sich aufnahm, bewahrten es die Wissenschaftler der Karolingerzeit davor, zur neulateinischen Sprache zu werden, indem sie es von den volksprachlichen Ausdrücken säuberten. Als Regel stellten sie auf, daß nur solche Ausdrücke in der lateinischen Sprache Verwendung finden dürften, welche auch die Autoren des klassischen Goldenen Zeitalters (z.B. Cicero, Vergil) benützt hatten. Dieses am klassischen Wortschatz orientierte Latein wurde von den Schöpfern der Literatur zur Zeit Stephans des Heiligen nach Ungarn verpflanzt.

Ein weiterer, zur Entwicklung des Mittellateins beitragender Faktor war vom 12. Jahrhundert an die scholastische Philosophie. Sie befand das Latein der Karolingerzeit zum Ausdruck ihres Begriffssystems für ungeeignet, weshalb sie zur Regel machte, daß nicht nur Begriffe antiker Herkunft, sondern auch die neuen, aber aufgrund der Regeln des Latein gebildeten Wörter zum Ausdruck korrekter Gedanken verwendet werden können. Die mittellateinische Sprache wich also in zweifacher Hinsicht von ihrer Vorgängerin ab: Einmal hatte sie aus dem Neulatein und der germanischen, keltischen, slawischen, ungarischen usw. Sprache sowie aus den Fachsprachen der Philosophie neue Wörter übernommen, zum anderen lockerte sich ihr grammatisches Gefüge hauptsächlich durch den Einfluß der lebendigen Sprachen wesentlich auf. Die Renaissance brachte für die mittellateinische Sprache schließlich das Ende. Sie manifestierte als sprachliche Norm erneut und ausschließlich den Sprachgebrauch der klassischen Autoren und der Kirchenväter, und damit wurde Latein endgültig zu einer toten Sprache.

KSz