Stephanslegenden, Emmerich-Legende, Hospes Fulco
Stephanslegenden
Gleich zwei Legenden über König Stephan den Heiligen wurden zur Herrschaftszeit Ladislaus' geboren. Davon ist die ausführlichere Große Legende die frühere, denn sie erwähnt weder den Tod und die Bestattung Stephans noch seine Kanonisierung. Obwohl ihr Verfasser unbekannt ist, darf als sicher gelten, daß sie von einem Benediktinermönch für seine Ordensgemeinschaft geschrieben wurde, wahrscheinlich in Pannonhalma. Ihr Stil ist einfach. Zwar bemühte sich der Legendenschreiber um Anwendung der Reimprosa, was ihm jedoch nicht durchgehend gelang. Als Quellen hatten ihm die Ermahnungen König Stephans (die dem Werk fast ein Inhaltsverzeichnis geben), eine frühere Chronik und vielleicht auch mündliche Quellen gedient. Den monastischen Ideen gemäß stellte er bei seinem Helden dessen Züge als heiliger Monarch, dessen Frömmigkeit, in den Vordergrund. Die Legende entstand ebenso als Lesestoff für Mönche wie die von Bischof Maurus verfaßte Legende über Zoerard/Andreas und Benedikt, allerdings ist nicht ausgeschlossen, daß sie die Sache der Heiligsprechung voranbringen sollte. Die Kleine Legende mit kürzerem Text hingegen entstand gewiß schon nach der Kanonisierung Stephans im Jahr 1083. Sie erwähnt dieses Ereignis bereits und bezieht sich sogar auf den Vorläufer, die Große Legende. Ungeachtet seiner Anonymität verrät der Verfasser in ihrem Vorwort ein schriftstellerisches Selbstbewußtsein, das die Entstehung des Werkes an den Königshof bindet. Die konsequente Anwendung des Prologes mit all seinen inhaltlichen Anforderungen zeugt von einer hohen rhetorischen Bildung des Verfassers: Um die Authentizität des Inhalts zu beweisen, bezog er sich desöfteren auf seine Quellen, zitierte an zwei Stellen antike Autoren (Horatius und Persius) und kam mehrfach den Erfordernissen der obligaten Bescheidenheit nach. Seine Prosa enstprach den höchsten Stilidealen der Zeit. Die Regeln der Reimprosa wandte er bewußt, konsequent und mit außergewöhnlichem Abwechslungsreichtum an, wobei diese stilistischen Zierelemente dem übersichtlichen grammatischen Aufbau in keiner Weise schadeten. Seinen Helden stellte er dabei nicht mehr als frommen Monarchen dar, sondern zeichnete von ihm das Bild eines mit starker Hand und gerecht herrschenden Königs.
KSz
Emmerich-Legende
Verfasser der zwischen 1109 und 1116 geschriebenen Legende vom hl. Herzog Emmerich war ein vermutlich aus Gründen der Bescheidenheit anonym bleibender Mönch. Daß die Legende in einem Benediktinerkloster entstand, und zwar in Pannonhalma, steht nahezu außer Zweifel. Obwohl auch dieses Werk als Lesestoff für Ordensbrüder bestimmt war, offenbart sich in seiner Einleitung dennoch bereits das der monastischen Spiritualität entgegenstehende Selbstgefühl des Schriftstellers. Hier schildert er nämlich, daß es seine geringe Begabung (ingenii parvitas) übersteige, die Geschichte Stephans zu erzählen, weshalb er lieber mit dem Schreiben der Emmerich-Legend begonnen habe.
Wer der Verfasser war, wissen wir zwar nicht mit Sicherheit. Doch die Tatsache, daß die Legende sehr starke, von Pannonhalma, Veszprém und Gran geprägte Züge aufweist, weiters daß Herzog Álmos und der Autor gemeinsam in Konstantinopel weilten und daß er das monastische Leben sehr wahrscheinlich gut gekannt hat, läßt den Schluß zu, daß es sich hier um Hospes Fulco handelt - in dessen Biographie man über die Schriftkundigkeit hinaus all diese Bezüge antrifft und der seinen Lebensabend als oblatus der Benediktiner in Pannonhalma oder dessen Umgebung verbrachte -, den man als Verfasser der Legende ernsthaft in Erwägung ziehen darf.
Das Werk besteht aus einer Einleitung (die sogar in drei voneinander abweichenden Versionen erhalten blieb), sechs scheinbar locker aneinander gefügten Kapiteln, einem Anhang und zwei Episoden. Über die historische Person Emmerichs verrät es kaum etwas - wohl aus Mangel an Kenntnissen. Als Quellen jedoch dienten die Ermahnungen des hl. Stephan für seinen Sohn, die Chronik sowie die größere Stephanslegende. Die Stilfertigkeit des Verfassers zeigt Niveau, wenngleich er sie, wohl mit Rücksicht auf die monastische Gemeinschaft, mitunter stark zügelt.
KSz
Hospes Fulco
Wahrscheinlich von deutschem Boden nach Ungarn gekommener Ausländer, der in den Jahren 1100-1142 zunächst bei dem später geblendeten Herzog Álmos, anschließend bei Erzbischof Serafin von Gran und endlich im Dienste fünf einander folgendender Bischöfe von Veszprém Schreibarbeiten versah. Er ist der erste, dem Namen nach bekannte, weltliche Schriftkundige Ungarns, der seinen Lebensabend als Ordensbruder im Benediktinerkloster von Pannonhalma verbrachte, und der im Herrensitz des Veszprémer Bischofs zu Szentendre ein Testament zugunsten der Klöster Pannonhalma und Vértesszentkereszt sowie seiner Tochter verfaßte. Seine biographischen Daten stimmen in eigenartiger Weise mit den über das Leben des Verfassers der Emmerich-Legende bekannten Fakten überein, was ihn auch als Schöpfer eines literarischen Werkes in Frage kommen läßt.
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