Urgesta
Name für einen Chroniktext, der uns in seiner selbständigen Form zwar nicht überliefert wurde, vor Zeiten jedoch ohne Zweifel existiert hat, und aus dem die mittelalterliche lateinischsprachige Historiographie (= Geschichtsschreibung) in Ungarn erwuchs. Einzelne Forscher datieren das Entstehen der Chronik in die Zeit Andreas I. (1046-1060) und schreiben sie dem Veszprémer Bischof Nikolaus zu, der auch den Gründungsbrief der Abtei Tihany konzipierte. Andere Autoren denken an die Zeit König Salomons, wieder andere setzen die Geburt des ersten ungarischen Geschichtswerkes in die Zeit König Ladislaus'. Letztgenannte halten Bischof Koppány aus dem Geschlecht Rád für den Chronisten - er wird in den Urkunden König Ladislaus' als Hofkaplan erwähnt und starb während König Kolomans Feldzug gegen Kiew. Gewiß ist aber, daß dieses Werk spätestens zur Zeit Kolomans entstand, als man auch in Böhmen und Polen begann, die Geschichte aufzuzeichen. Im Laufe der 12. Jahrhunderts wurde es dann mehrfach erweitert. Außergewöhnlich detailliert zeichnet es die Ereignisse bis einschließlich zum Jahr 1152 auf, und ist deshalb auch eine der wichtigsten Quellen unserer frühen Geschichte. Hauptaspekt des Chronisten war es, den Interessen des gerade an der Macht befindlichen Zweiges des Herrscherhauses Geltung zu verschaffen und die Ergebnisse der christlichen Religion hervorzuheben. In mehrfacher Hinsicht bemühte er sich sogar, die ungarische Geschichte mit der Heilsgeschichte zu koppeln (z.B. suchte er für die Ungarn als Nachkommen Japhets einen Platz in der Ahnenreihe des Alten Testaments, ihre Rolle indes definierte er dahingehend, Werkzeug der Strafe Gottes zu sein). Die Annahme, er hätte die Urgeschichte des Ungartums ungewöhnlich negativ dargestellt, ist kaum wahrscheinlich. Seine zusammenhängende Geschichte der Ereignisse dürfte in den 1030er begonnen haben, und als Quellen dienten ihm eigene, mündlich erhaltene Informationen sowie eines der Erzeugnisse der westlichen Jahrbuchliteratur (Annales Altahenses maiores). Im Laufe des 11.-12. Jahrhunderts wurde die Urgesta umformuliert, dies waren jedoch unerhebliche Änderungen. Spätestens im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts erlangte der Text jene Form, wie sie auch im Chronikkonzept des 14. Jahrhunderts enthalten ist. Abgesehen von kleineren stilistischen Änderungen kann man sie also auch heute im wesentlichen noch in ihrer ursprünglichen Fassung lesen.
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