Offizien der ungarischen Heiligen, Offizium des hl. Ladislaus

Ungarische Heilige
Gran, Porta Speciosa 1
Herme des hl. Ladislaus
Offizien der ungarischen Heiligen

Zum lokalen Kult der Nationalheiligen schuf man - wie anderswo in Europa - auch in Ungarn neue Gesangszyklen. Vermutlich waren dies die allerersten musikalischen Werke heimischer Autoren, die außer einigen Stücken der Messe wohl eher noch im Rahmen des Offiziums Raum zur Entfaltung individueller Invention boten. Das bedeutete zum Teil Adaption bzw. Umschreiben oder Umstellen des Textes, zum Teil aber auch tatsächlich das Komponieren neuer Gesänge. Anwendung hieß, wenn beispielsweise ein schon vorliegendes Stück (sagen wir eine Sequenz) zu einem anderen Gesang oder eventuell einer anderen Gattung umgearbeitet wurde. (Adaption z.B. die Antiphone des hl. Gerhard im Kodex Albensis, die man in Europa mit jeweils anderen Heiligen verband - fol. 50v.) Um eine selbständige Komposition handelte es sich hingegen, wenn der unbekannte Kirchenautor auf einen neuen Text wirklich eine eigens von ihm erfundene Melodie schrieb, wie es sich im Kult der ungarischen Heiligen in nicht wenigen Fällen nachweisen läßt. Der erste solche, aus der Feder ungarischer Musiker stammende Zyklus ist der aus Antiphonen und Responsorien bestehehnde Zyklus, der anläßlich der Heiligsprechung König Stephans im neuen Stil der gregorianischen Gesänge verfaßt wurde. Bereits im Kodex Albensis findet man drei Antiphone (darunter die bereits zitierte Ave beate rex Stephane), die wahrscheinlich zur Zeit der Kanonisierung entstanden. Sie bilden später auch die Pfeiler des um 1280 vervollständigten Gesangszyklus'. Zuvor jedoch dürfte noch im ausgehenden 12. Jahrhundert (vielleicht in Wardein) das Offizium König Ladislaus des Heiligen entstanden sein, das ungeachtet seines Abwechslungsreichtums dennoch keine solche Einheitlichkeit zeigt wie das systematisch aufgebaute, auf klassischen Stücken beruhende Offizium Stephans. (Sein Schöpfer könnte der derselbe Kleriker - Elvinus - gewesen sein, den Béla III. nach Paris geschickt hatte und der gerade um diese Zeit Wardeiner Bischof war.) Den Gesangszyklus zu Ehren des hl. Emmerich indessen muß, obwohl in mehreren Sätzen Melodienmuster nachgewiesen werden konnten (aus dem Offizium der hl. Elisabeth), ein schon fast über die Qualitäten eines Komponisten verfügender Kleriker geschrieben haben, und zwar vermutlich in derselben großen Welle musikalischer Schöpfungen, in der auch das Offizium Stephans des Heiligen seine endgültige Form erlangte.

JM


Offizium des hl. Ladislaus

Im Rahmen des Kultes um König Ladislaus zu seinen Ehren gedichteter Gesangszyklus (Meß- bzw. Offizienzyklus), der im Hinblick auf seine lyrisch-musikalischen Merkmale an die Muster der zeitgenössischen Sequenzdichtung neuen Stils von St. Viktor gebunden werden kann.

JM