Ákos Németh

Julia und ihr Leutnant

oder

... bis daß der Tod euch scheidet

(Originaltitel: Júlia és a hadnagya - avagy holtomiglan-holtodiglan)


Ein Totentanz in zwei Teilen


Aus dem Ungarischen von Mária Mayer-Szilágyi und Alexander Stillmark


PERSONEN

Ferenc Kovács, entlassener Berufsoffizier
Julia, seine Frau, Tänzerin
Rita, Tänzerin
Ein Mädchen, Tänzerin
Andi, Chef des Nachtlokals zum "Roten Hahn"
Der Oberst
Der Junge, Kellner im Nachtlokal
Keglevich, Kovács' Freund, ausgeschiedener Berufsoffizier
Fóris, arbeitsloser Zimmermann
Der Schlepper
Erster Bürger
Zweiter Bürger
Erster junger Mann
Zweiter junger Mann
Der alte Mann
Gäste im Nachtlokal


ORT
In der Hauptstadt


ZEIT
Heute

 


 

Erster Teil

Auf einem Platz. Früher Morgen. Windig. Zu zweit.

KOVÁCS
(Langweilt sich) Warum ich Offizier wurde? Blöde Frage. Das kann man nicht so einfach beantworten, oder man kann es auch sehr einfach beantworten. Wir waren zu Hause nicht gerade reich, wir waren drei Jungs... ich glaube, wir machten unsere Mutter manchmal total fertig. (Er nimmt eine Zigarette, die ihm der andere anbietet) Die Kadette, weiß du, was das ist? Die Kadettenanstalt, dein Studium wird finanziert. Zu Hause schaute uns der Arsch aus der Hose heraus. Meine Mutter hatte sehr früh graue Haare.

FÓRIS
Dein Vater?

KOVÁCS
Ist das so wichtig? Ist das nicht egal?

FÓRIS
Also abgehauen.

KOVÁCS
Hörst? Wie seltsam...?! Die Luft ist gefroren und jetzt klingelt sie wie das Eis.

FÓRIS
Hier hat man die Exoffiziere nicht gern.

KOVÁCS
Habe's gemerkt.

FÓRIS
Warum hast du denn die Armee verlassen, he?

KOVÁCS
Was bist du von Beruf?

FÓRIS
Zimmerman.

KOVÁCS
Ein guter Beruf.

FÓRIS
Findest du?

KOVÁCS
Kommst du aus Siebenbürgen?

FÓRIS
Ich hasse die.

KOVÁCS
(Lacht.) Aha. Du kommst von dort.

FÓRIS
Ich bin von hier.

KOVÁCS
Ich weiß schon, warum dir die Uniform stinkt. Du bist gerade freigelassen worden.

FÓRIS
Von meiner Frau. Aber lassen wir das. Ihr hattet natürlich ein schönes Leben. Ein Berufssoldat hat Frauen wie Heu.

KOVÁCS
(Hört ihm nicht zu, er bläst Ringe in die Luft) Es gibt im Leben einen Moment, wo einem nichts anderes bleibt.

FÓRIS
(Versucht ihn aufzuheitern.) Ihr habt alle untereinander eure Frauen ausprobiert, was? Welchen Rang hattest du?

KOVÁCS
(Antwortet nicht.) Denkst du, das war leicht, mich daran zu gewöhnen? Ich habe es gern gehabt, wenn alles seine Ordnung hatte. Mich regt das auf wenn was nicht stimmt. Ich glaub, das ist schon ins Blut übergegangen. Aber auf diesen Platz hier hänge ich nur rum, kalt, im Mantel. Arbeit bekomme ich doch keine, zweimal wurde ich genommen, und auch dann nur für einen Tag, na ja, ohne Zivilberuf.

FÓRIS
Fähnrich oder Leutnant, was? Mußt du gewesen sein.

KOVÁCS
Wie viele Pennbrüder hier jeden Morgen rumstehen!

FÓRIS
Heute sind wir nicht so viele.

KOVÁCS
Wie sie rumstehen. Gesindel. Na dann steht doch rum.

FÓRIS
Die Frauen haben es gut.

KOVÁCS
Aber Straße kehren werde ich nicht.

FÓRIS
Die bringen ein Kind zur Welt, damit haben sie für drei Jahre ausgesorgt. Danach bringen sie wieder eins zur Welt. Und das heißt Liebe. Na bitte!

KOVÁCS
Jeden Tag nach Hause gehen, ekelhaft. Ich mache schon wieder den ganzen Tag nichts.

FÓRIS
Und die kriegen sogar noch dazu eine Wohnung.

KOVÁCS
Ich gehe in meinem Zimmer spazieren, auf und ab, und denke nach.

FÓRIS
Mensch, ich lese keine Stellenangebote mehr. Komme nur jeden Tag hierher, jemand wird mich schon brauchen.

KOVÁCS
Einen schönen Winter werden wir haben, einen schönen kalten Winter. Die Luft klingelt wie zu Weihnachten - für die Kinder.

FÓRIS
Ich habe einen guten Beruf.

KOVÁCS
Langsam können wir nach Hause gehen, nicht wahr, Bruder? Heute ist hier nichts mehr los.

FÓRIS
Du bist verheiratet, was?

KOVÁCS
Ich glaube, ich gehe. Heute brauchte mich auch niemand.

FÓRIS
Also du bist verheiratet. Sei doch nicht blöd. Ein kluger Mensch kann doch davon leben.

KOVÁCS
Ich liebe meine Frau.

FÓRIS
Ja natürlich. Mach ein bißchen Liebe mit ihr, und nimm, was sie hat.

KOVÁCS
Du redest zu viel.


Am selben Ort. Zu dritt.

SCHLEPPER
Leute, gibt's unter euch Maurer oder Schlosser?

FÓRIS
Ich bin Zimmerman. Aber ich kann auch mit Eisen umgehen, wenn es sein muß.

SCHLEPPER
Gehen Sie auf diese Adresse. Und Sie?

KOVÁCS
Ich bin Hilfsarbeiter.

SCHLEPPER
Ich habe schon meine Leute. Ich brauche nur noch einen Maurer. Wissen Sie einen? (Er geht weiter) Und Sie?


Am selben Ort. Zu zweit.

KOVÁCS
Schon wochenlang, dieser Hurensohn.

FÓRIS
Ich könnte dir eine Adresse sagen, da könntest du saubermachen.

KOVÁCS
Ich werde nicht den Dreck von anderen wegputzen.

FÓRIS
Ach ja, du bist ein vornehmer Herr!

KOVÁCS
Ich will arbeiten, und mich nicht erniedrigen.

FÓRIS
Meine Frau geht auch putzen, was ist dabei? Jeden Abend räumt sie bei irgend so einem Schriftsteller auf. Der tut auch nichts, trotzdem hat er es dick.

(Er lacht.)

KOVÁCS
Ich mag die Intellektuellen. (Er lächelt. Er raucht. Er betrachtet das brennende Zigarettenende.)


Am selben Ort. Allein.

SCHLEPPER
Deppen, Penner, Zigeuner, geht doch zum Teufel. Alle wollen arbeiten? Denkt ihr denn, es gibt so viel Arbeit? Nicht einmal auf der ganzen Welt gibt's soviel. Geht in euer Dorf zurück, oder rottet euch aus, mir ist das egal. Ich brauche einen Maurer, nicht solche Penner. Wozu auch werden so viele Menschen geboren?


Zimmer, am Morgen. Zu zweit. Draußen kommt ein Gewitter auf.

JULIA
(Murmelt im Halbschlaf) Was ist das?

KOVÁCS
(Kocht Kaffee. Er schaut lange durch das Fenster hinaus.) Vielleicht Gott. Du schläfst, ja? Ein Zweig schlägt draußen aufs Dach, nichts weiter. Wie der Wind drauf stöhnt... jetzt regnet es. Der Sommer ist vorbei, kein Hauch mehr davon. Wie träge der Morgen wurde. Wie schön du bist, wie schön, du darfst gar nicht so schön sein, so liebenswürdig, man hat Angst, dich anzusehen. Die Haare seidig, die Haut wie Porzellan...

JULIA
(Wird wach, sie schluckt mühsam.) Bist du schon da?

KOVÁCS
(Öffnet das Fenster. Er dreht sich um man sieht nur eine schwarze Silhouette unter den schwarzen Wolken)

JULIA
Ich habe so Schlimmes geträumt...

KOVÁCS
(Beobachtet sie still) Trink deinen Kaffee, damit ich mich so lange an dir erfreuen kann. Die Sorgen summen aufgeregt und fliegen auf einen Tropfen Speichel in deinem Mundwinkel, ich werde sie schon vertreiben. (Er lacht)

JULIA
Wie spät ist es?

KOVÁCS
Ich quatsche nur, was? Wie ich den Winter hasse. Man friert nur draußen. Und wie lange es morgens dunkel ist..

JULIA
Was sagst du, wie spät es ist?

KOVÁCS
Schlaf noch. Gegen halb neun.

JULIA
Wieso bist du schon da, Liebster?

KOVÁCS
Ich gehe nie wieder auf den Platz, ich bekomme da keine Arbeit. Wenigstens bin ich dann mehr mit dir zusammen.

JULIA
Du wirst eine gute Stelle kriegen, da bin ich sieher. Verlaß dich auf mich, wir werden etwas für dich finden. Ich werde dich schon retten, hm?

KOVÁCS
Freut mich, daß...

JULIA
Hast einen guten Kaffee gekocht.

KOVÁCS
Es wird schon gehen.

JULIA
Warum quälst du dich, ich habe doch genug Geld.

KOVÁCS
Hast du schon tausendmal gesagt.

JULIA
Ich habe Angst vor dem Abend.

KOVÁCS
Du solltest dort weggehen.

JULIA
Ich hasse Andi.

KOVÁCS
Es ist ein Wahnsinn, daß du jeden Abend mit Magenkrämpfen arbeiten gehst.

JULIA
Das ist vielleicht übertrieben.

KOVÁCS
Ich sehe das doch.

JULIA
Ich bin doch eine Tänzerin. Und das ist meine Chance.

KOVÁCS
Liebst du mich noch?


Zimmer. Tag. Allein.

KOVÁCS
Die Ehre... die Ehre ist der Schlüssel zum Ganzen. Was verspricht man einem Mädchen? Bis das der Tod uns scheidet. Ich will, daß sie glücklich ist. Wenn ich Geld hätte! (Er grinst) Man muß alles probieren. Ich bin doch wer, oder? Ins Ausland kann ich nicht. Aber das ist nur ein Schönheitsfehler. Wenn jemand einen draufgängerischen Typ sucht... Es regnet. Der Wind hat sich besoffen, und jetzt tobt er, und die Welt weint unter dem Prügel, na jetzt haben wir es. (Er grinst teuflisch) Ich müßte mich natürlich immer beherrschen können, ist klar. Wodurch ist ein Mensch mehr als eine atmende Masse? Wohl dadurch, daß er sich beherrscht. Oder sind das nur Hemmungen? Was würde aus einem Menschen, der gleichzeitig alles verliert, was ihn zusammenhält? Draußen regnet es wieder, und ich habe eine Bewährungsstrafe. Und seit einem Jahr keine Arbeit. Ich gehe durch die Straßen, der Wind wälzt den Qualm herum, und die Ruhe der Seelen brennt wie der trockene Wald. Wie kommt es, daß man am liebsten immer in die Arme einer Frau laufen möchte? Sie besänftigt mich, wenn ich herumschreie. Ist doch eine Schande, daß ich mich so sehr nach ihr sehne? Eine Schande ist das, eine Schande. Sie ist doch auch nicht besser, aber andere auch nicht; Schritt für Schritt wird sie mir weggenommen. Und ungehorsam ist jede. Ich allein bin anständig geblieben auf dieser verdammten Erde. Ich bin verliebt in meine Frau, und sie verschwindet für halbe Tage. Wenn ich sie nicht sehe; würde ich meine Seele dem Teufel verkaufen. Ich gehe in meinem Zimmer auf und ab, vom Morgen bis zum Abend. Ich gehe nur auf und ab. Von Frauenarbeiten verstehe ich nichts, sonst könnte ich kochen. Ja, ich werde das lernen. Und alles andere auch. Die Nachbarn und alle... aber was ist das Problem mit mir? Bin ich vielleicht dann ein anderer Mensch? Und wovon bin ich so müde, habe ich ein Recht darauf? (Er lacht) Macht es dir Spaß wenn du dich so erniedrigst? Wenn ich reich wäre! Oder wenigstens gläubig. Ich würde nur noch in die Kirche gehen. Wie soll ich ertragen, daß mich jeder angeguckt! Kein Problem, wir leben schön! Schön. Mein lieber Gott! Verdammt, könnte ich in den Spiegel schauen. Wäre ich wenigstens Alkoholiker! Oder irgendeine gefallene Größe! Ich habe nicht mal ein Recht, beleidigt zu sein. Wäre es nicht besser, sich schön zu besaufen und auf allen vieren zu gehen?


Im Nachtlokal. Zu zweit.

RITA
(Schminkt sich vor dem Spiegel.) Mein Vater hat fast nie mit uns geredet, er schwieg nur immer wie ein Messer, obwohl er ständig behauptete, er würde uns lieben. Er redete nur mit unserem Hund, einem großen Hirtenhund. Abends legte er sich neben ihn auf den Teppich und sprach mit ihm. Diese Gewohnheit behielt er auch, nachdem er wahnsinnig geworden war. So merkten wir lange nichts.

JULIA
(träumt.) Als ich ein kleines Mädchen war...

RITA
Dann, als mein Vater in die Anstalt kam, muß man dem Hund eine Spritze geben.

JULIA
... auch wir hatten einen großen Hirtenhund. Er trug eine rote Schleife um den Hals, als wir ihn bekamen beziehungsweise... ich ihn bekam.

RITA
Der Hund hat sehr gewinselt. Deshalb mußte man ihm eine Spritze geben. (Sie schminkt ihren Mund.) Der Mensch (Sie schneidet ein Gesicht.) kann nicht winseln. Scheiße, verschmiert.

JULIA
Was hast du, Rita?

RITA
Lassen wir das bitte, o. k.? (Beiseite) Du, Schätzchen.

JULIA
(Träumt) Ich mag Hunde. Ich werde einen haben...

RITA
Das ist, als wenn du...

JULIA
Warum schminkst du dich so stark?

RITA
Und dein kleiner Leutnant, hat er schon Arbeit gefunden?

JULIA
Ich verdiene genug.

RITA
(Lächelt.) Geld hat man nie genug.

JULIA
Lachst du mich aus?

RITA
Ich lache nie und niemanden aus, Schätzchen.

JULIA
Warum schminkst du dich so stark?


Schattige Nebenstraße. Abend. Zu dritt.

1. JUNGER MANN
Herr Leutnant, was machen Sie denn hier, in dieser gottverlassenen Gegend? (Er lacht)

2. JUNGER MANN
Herr Leutnant, Herr Leutnant, können Sie sich nicht an uns erinnern?

1. JUNGER MANN
(Tritt vor) Ich höre, du bist demobilisiert worden, du Dreckskerl. (Er lächelt lieb.) Die Armee fehlt dir, oder?

2. JUNGER MANN
Wir waren deine Lieblinge im ersten Zug, so was vergißt man doch nicht. Er liebte uns, wie man grindige Hunde liebt.

1. JUNGER MANN
Genau! Er liebte mich, da ich schon zu mir sagte, soviel Liebe kann man doch nicht ertragen! Ich werde noch ein guter Mensch, wenn man mich so verwöhnt. Ich komme in den Himmel und dann muß ich dort mit den Engeln in die Kneipe gehen.

2. JUNGER MANN
Genau. Wir müssen mal deiner guten Seele etwas ganz, ganz Böses antun, ich meine wir sollen auch mal gerne in sein.

KOVÁCS
Laß mich los, du Dreckskerl, oder soll ich dir die Hand brechen?

2. JUNGER MANN
Kusch! Halt den Mund! Sieh mal an, er redet uns noch in unsere Philosophie rein!

1. JUNGER MANN
Hast du gehört, daß der Herr Leutnant ohne Knast davongekommen ist? Was meinst du, wird er auch bei uns ungeschoren mit heiler Haut davonkommen?

2. JUNGER MANN
Genau. Jetzt ist es dunkel, am Himmel Schneewolken. Du kannst alles tun, heute sieht es nicht einmal der Gott da oben. Mir ist die Seele erfroren, während wir hier auf dich warteten, aber es hat sich gelohnt!

1. JUNGER MANN
Erkennst du mich wieder, ja? Und wenn du mich erkannt hast, dann fürchte dich.

2. JUNGER MANN
Genau. Sage ich doch! Es freut sich die Seele des Menschen, wenn sie sowas sieht!


Zu Hause. Abend. Zu zweit.

JULIA
Ich bin zwischen zwei Vorstellungen schnell nach Hause gekommen. Ich setze eine Suppe an, und dann muß ich wieder weg... Was ist denn mit dir los?

KOVÁCS
Ach, nichts. Laß mich, ich will ins Bad.

JULIA
Bleib doch mal stehen, ich will dich ansehen... Was ist das?

KOVÁCS
Laß mich los, ich will ins Bad. (Sehr gereizt) Ich kann doch auch einmal ohne dich etwas erledigen.

JULIA
Wer war das?

KOVÁCS
Kann ich mir endlich das Gesicht waschen?

JULIA
Ich hole was.

KOVÁCS
Nimm die Finger weg.

JULIA
Laß dir doch helfen.

KOVÁCS
Hilf dir selbst.

JULIA
Warum redest du so mit mir?

KOVÁCS
(Murmelt kaum verständlich) Am Ende heulst du noch.

JULIA
Ich verstehe dich nicht.

KOVÁCS
(Schreit) Dir muß man alles zweimal sagen. Mach gefälligst die Ohren auf, du Frosch.

JULIA
Ich möchte nur, daß du anständig mit mir sprichst.

KOVÁCS
Na bitte, jetzt heult sie.

JULIA
Ja. Du kannst das nicht ertragen.

KOVÁCS
Wenn ich nur manchmal heulen könnte.

JULIA
Glaubst du, mir fällt das alles so leicht?

KOVÁCS
Wenn endlich jemand auch mit mir Mitleid hätte.

JULIA
Ich habe doch Mitleid mit dir!

KOVÁCS
(Schreit) Du brauchst mich nicht zu bemitleiden.

JULIA
Du lieber Gott, was ist mit dir?

KOVÁCS
Es ist sowieso besser, wenn du jetzt hier verschwindest.

JULIA
Warum soll ich verschwinden?

KOVÁCS
Deine Verehrer warten auf dich.

JULIA
Wovon redest du?

KOVÁCS
Mich kotzt deine Arbeit an.

JULIA
Warum quälst du mich immer damit?

KOVÁCS
(Sieht Julia an) Wenn ich Geld hätte...

JULIA
Ich habe nur dich.

KOVÁCS
Manchmal machst du mich sehr müde.

JULIA
Ich?

KOVÁCS
Bei Gott, du machst mich völlig fertig.

JULIA
Du Armer, was ist dir heute passiert?

KOVÁCS
(Beruhigt sich) Umarme mich nicht immer, du dumme Gans.

JULIA
Warum schiebst du mich weg? Manchmal...

KOVÁCS
(Spöttisch) Manchmal...?

JULIA
Ich will dir helfen.

KOVÁCS
(Spöttisch) Warum?

JULIA
Weißt du denn nicht?

KOVÁCS
(Spöttisch) Nein. Wirkhich nicht! Ich habe keine Ahnung! Seit Tagen quäle ich mich nur mit dieser Frage.

JULIA
Bist du überhaupt fähig, mich zu...?

KOVÁCS
Und du?

JULIA
Siehst du denn nicht?

KOVÁCS
Was sollte ich denn sehen?

JULIA
Du lieber Himmel, was soll ich jetzt sagen? (Sie lacht angestrengt.)

KOVÁCS
(Stark artikuliert.) Du bist zu keinem Gefühl fähig, wie ein Stück Holz.

JULIA
Was haben sie aus dir gemacht?

KOVÁCS
(Schreit) Nichts, nichts, gar nichts. Mir wurden die Nieren fast in die Hände gedrückt. Ich wurde nur auf der Straße verprügelt. Du hast keine Ahnung, was das bedeutet. Du lebst wie in einem Schmuckkästchen als kleiner Liebling von allen! Die kleine Julia wird wegen ihres Leutnants bemitleidet! Du gefällst dir, wie du für mich sorgst, was? Was für ein Kerl! Er läßt dieses kleine liebe Mädchen... (Ihm zittern die Lippen. Er streicht ihr das Haar zurück.)

JULIA
Bitte, sprich nicht so mit mir.

KOVÁCS
Warum weinst du denn jetzt? Es hat doch noch nie jemand die Hand gegen dich erhoben. Weder dein Vater, noch ich, noch irgend jemand! Julia, Julia, man muß sie schonen vor dem Wind, vor dem Sonnenschein. (Er gibt ihr eine Ohrfeige. Er sieht sie keuchend an) Jetzt hast du einen Grund.


Platz. Morgen. Zu dritt

(Ergänzungszene)

ERSTER BÜRGER
(Murmelt vor sich hin.) Was ist denn hier los, na sagen Sie mal.. Man weiß gar nicht mehr, ob man das vergangene System oder das jetzige mehr hassen soll.

ZWEITER BÜRGER
Entschuldigung. Wie heißt denn dieser.. ‚ wie heißt denn dieser Platz jetzt? Früher hieß es Moskauer Platz.

ERSTER BÜRGER
Auch jetzt.

ZWEITER BÜRGER
Moskauer Platz?

FÓRIS
Stimmt gar nicht, es heißt Kálmán-Széll-Platz.

ERSTER BÜRGER
Wurde nicht umbenannt, man wollte nur.

ZWEITER BÜRGER
Eigentlich ist es egal, ich wollte nur diese Adresse

ERSTER BÜRGER
Es gab Straßennamen, die verändert wurden und es gab andere, die nicht verändert wurden. Das sind Juden da oben. Wie können wir wissen, was die denken.

FÓRIS
Jeder lügt, egal, welche Nation. Sie lügen und halten die Hand auf. Am liebsten würde man reinpinkeln.

ERSTER BÜRGER
Haben Sie etwas anderes erwartet?

ZWEITER BÜRGER
Rache gebiert Rache, mein lieber Herr. Eine schwierige Sache.

FÓRIS
Neuer Wein in alten Schläuchen.

ERSTER BÜRGER
(Lacht) Wie naiv Sie sind! Ich glaube nicht mal an die Zukunft.

ZWEITER BÜRGER
Ich glaube an die Zukunft.

ERSTER BÜRGER
Ach bitte, mein Herr! Sagen Sie mal, wer glaubt denn hier noch an die Zukunft? Aber wirklich!


In der Garderobe. Später Nachmittag. Zu dritt.

RITA
Hast du dich endlich beruhigt?

JUNGE
Wie ruhig du bist, obwohl ich... wenn die Polizisten wüßten was ich vorhabe, würden die mich verhaften.

RITA
Das geht nicht so leicht.

JUNGE
Ich bringe ihn um, ich zerschlage ihn.

RITA
Fängst du schon wieder an?

JUNGE
(Beruhigt) Ich bringe meinen Vater um.

RITA
Wie alt bist du, mein Junge?

JUNGE
Sechzehn.

RITA
Gehört es sich denn, daß ein sechzehnjäriger Mann Rotz und Wasser heult?

JUNGE
(Knirscht mit den Zähnen) Er bringt meine Mutter um.

RITA
Hier, iß.

EIN MÄDCHEN
(Steht vor dem Spiegel und richtet ihr Kleid). Wer ist dein Vater?

JUNGE
Kiss. Meine Mutter hat ein Kurzwarengeschäft in der Forgách-Straße.

MÄDCHEN
Wie, Kiss? Den kenne ich doch! (Für sich) Ein mieser Trinker.

RITA
(Dreht am Radioknopf hin und her.) Als ich so alt war wie du, haßte ich meine Mutter. Ich wollte abhauen von Zuhause. (Gefühllos) Und jetzt versorge ich sie.

MÄDCHEN
(Zu Rita.) Der Junge Typ wird heute abend wieder da sein, ich spüre das. Sieht ziemlich gut aus. (Sie Iacht.) Sogar ziemlich sehr gut.

RITA
Hin und wieder muß ich sie sogar windeln.

MÄDCHEN
Er guckt nur so. Wenn ich nur wüßte, für wen er sich interessiert. Er guckt immer bei uns.

RITA
Na, hast du dich beruhigt?

JUNGE
Ich war auch vorhin ruhig.

MÄDCHEN
Wenn wir dran sind, du und ich und die Julia, dann kommt er immer rein, habe ich beobachtet. Er setzt sich ganz hinten hin, muß mal hinsehen.

JUNGE
Ich kann nicht essen. Ich kriege das Zittern, wenn er so nach Hause kommt.

RITA
Hier, wisch dich ab. Du verschmierst sonst alles.

JUNGE
Wie soll es jetzt weitergehen, Rita?

MÄDCHEN
(Ruft in den Flur hinaus.) Was ist, Julia, hast du vielleicht Halsentzündung? (Erklärt Rita.) Sie ist heute so schweigsam. (Ruft.) Ha? Was ist mit dir los?

RITA
Hör zu. Du muß dich verteidigen, hörst du?

JUNGE
Bist du blöd? Laß mich. (Er steht auf und stellt das Radio lauter)

RITA
(Greift nach dem ausgestreckten Arm des Jungen und dreht ihn nach hinten) So, du kleiner Blödmann, so. Du ergreifst seinen Arm, wenn er besoffen nach Hause kommt und sich nicht beherrschen kann. Er wird wimmern wie ein Kind. Wenn du ihm dann mit einer Flasche über den Kopf schlägst, schläft er bis morgen, und jeder wird seine Ruhe haben.

(Das andere Mädchen dreht ihm den anderen Arm nach hinten, wird häftig gekämpft.)

JUNGE
(Ringt.) Ihr Scheißweiber!

MÄDCHEN
Na was ist? Großer Mann! (Die Musik brüllt im Radio.)


In der Garderobe. Abend. Zu zweit.

Der Leutnant steht in der Tür und wartet. Sein Warten scheint bedrohlich zu sein.

JULIA
Bist du es, ja? Warum stehst du dort? (Sie wartet.) Ist was passiert?

KOVÁCS
(Nicht sofort) Ich schäme mich. Mir bricht das Herz. Ich verstehe auch nicht, was passiert ist. (Er ringt mit den Wörtern.) Da gibts keine Entschuldigung... es ist keine Erklärung daß ich erschöpft war und gereizt. Was für eine Sau ich bin!

JULIA
Ich habe dir schon verziehen.

KOVÁCS
Ich habe mir nicht verziehen. Werde ich auch nicht. Dich hat noch nie einer geschlagen. Und ich eine solche Frau... Was für ein primitives Stück Dreck man ist! Julia, ich schäme mich so. (Julia sieht ihn nicht an) Die ganze Nacht habe ich mich damit gequält ich ging nur in der Stadt herum. Was für elende Menschen nachts auf der Straße sind.

JULIA
Es war sehr kalt heute früh... du hättest dich erkälten können. (Ihn ihrem Schoß liegt der Kopf des Leutnants, sie streichelt ihm die Haare.)

KOVÁCS
Wenn du mich wenigstens nicht bemitleiden würdest. Dann würde ich mich weniger als ein rohes Vieh fühlen. Julia, Julia...

JULIA
Keine Sorge, keine Sorge. Alles in Ordnung. (Sie schweigen lange.)

KOVÁCS
Warum bin ich so?

JULIA
(Müde.) Lassen wir das.

KOVÁCS
Ab morgen wird alles anders sein.

JULIA
Schlaf dich aus, du hast nicht geschlafen.

KOVÁCS
Ich putze das Treppenhaus oder gehe zur Müllabfuhr. Mir ist alles recht. Ich habe mich so satt.

JULIA
Beruhige dich.

KOVÁCS
Ich möchte so gerne was tun. Etwas, was Sinn hat! Etwas Schönes, etwas Großes! Dann hätte ich das Gefühl, daß mein Leben ein Geschenk ist. Ich würde jeden Tag Blumen mitbringen. Aber wer nimmt so einen Vorbestraften?

JULIA
Mein Gott, hör endhich auf. Bade und geh schlafen.

KOVÁCS
(Enttäuscht) Bist müde, was? Bist müde von mir. Das wundert mich nicht. Ich wundere mich über niemanden, der mich satt hat.

JULIA
Wenn du auch nicht schläfst. Ruhe dich aus. Ich koche jetzt keinen Kaffee für dich.

KOVÁCS
(Schreit) Ich fange ein neues Leben an! Ein schönes neues Leben! Ich werde Unternehmer, Millionär! Ich werde auch aus Scheiße Geld pressen... Mein Gott, ich bin so glücklich.

JULIA
Die anderen werden klopfen, wenn du so herumschreist.

KOVÁCS
(Lacht, achtet kaum auf Julia.) Die können mir alle einen blasen.


Séparée im Lokal. Abend. Zu zweit.

RITA
Hast gedacht, ich wäre eine Hure?

OBERST
Was lachst du?

RITA
Ich mache, was ich will. Wenn ich will, mit dir, wenn ich will, mit einem andern.

OBERST
Reicht das?

RITA
Sonst hättest du überhaupt kein Recht auf mich.

OBERST
Ich lege das hierher.

RITA
Für dich bin ich zu gut.

OBERST
Ich habe dich auch gestern angerufen und auch vorgestern.

RITA
Na und?

OBERST
Ich habe vielleicht ein Recht zu fragen, wo du warst.

RITA
Wo soll ich denn gewesen sein, ich habe gearbeitet.

OBERST
Ich habe dich zuerst hier gesucht. Es hieß, du hättest frei.

RITA
Ich erinnere mich, ich hatte einen Freier.

OBERST
Ich habe dir schon mal gesagt, laß diese blöden Witze.

RITA
Wer sagt, daß ich Witze mache, hm? Ich bin niemandern Rechenschaft schuldig.

OBERST
Kleine Nutte.

RITA
Wenn ich dich betrüge, na und? Ich kann dich gar nicht betrügen. Was verbindet uns schon? Vielleicht das?

OBERST
Was hält mich zurück, daß...

RITA
Na, was kommt jetzt?

OBERST
Du solltest wenigstens nicht lachen, du geile Hündin.


Im Lokal. Nacht. Unter Gästen.

MÄDCHEN
Na so! Führst du Selbstgespräche?

KOVÁCS
Reden ist leichter als schweigen. Weißt du das nicht?

MÄDCHEN
Wenn du diese fixe Idee hast, kriegst du bald eine Macke, mein Süßer.

KOVÁCS
Wenn ich eine Macke habe, dann habe ich nur noch eine fixe Idee, aber jetzt habe ich einen ganzen Sack voll. Hau ab.

MÄDCHEN
Idiot. (Ab)

JUNGE
(Tritt als Kellner auf) Sie wünschen?

KOVÁCS
(Beachtet ihn nicht) Ein Steffl. (Junge ab.) Das ist eine treue Stadt! Überall werden die Wappen abgeschlagen. Das ist gut, sowas, nicht? Das ist gut für das Selbstgefühl. (Der Junge stellt ihm eine Flasche Bier ihm und schenkt ihm ein. Ab.)

OBERST
(Kommt vom Stockwerk runter) Kovács, na, so was, Kovács. Ich grüße Sie, mein Sohn! Lange nicht mehr gesehen. Wie geht es Ihrer Frau?

KOVÁCS
Guten Tag, Herr Oberst. (Gezwungen) Ich frage lieber nicht, was bei Ihnen los ist. Trinken Sie eins mit, Herr Oberst?

OBERST
Ich muß gehen, mein Sohn.

KOVÁCS
Die Armee... Dieses Land braucht uns wie eine Leiche die Sonnenbrille.

OBERST
Sie... sind jetzt verbittert, mein Sohn.

KOVÁCS
Wissen Sie, wie leer diese Stadt nachts ist, Herr Oberst! So leer wie das Herz Ihrer Rita. Wenn ich Sie damit nicht beleidige, Ihre Rita ist eine... (Lächelt spöttisch)

OBERST
Hör zu, Kovács. Du weißt, wie sehr ich dich einst mochte. Aber kann sein, daß du dich gar nicht mehr daran erinnerst.

KOVÁCS
(Hat nicht viel Lust zum ganzen Gcspräch.) Ich weiß mehr, als Sie denken. Ich verdanke Ihnen, da ich nicht im Knast sitze und daß Sie mich laufen ließen.

OBERST
Laß das. Ich will dir nur sagen, daß.. du sollst dich zusammennehmen.

KOVÁCS
(Plötzlich) Sie würden eine bessere Frau verdienen. Sie würden ein besseres Leben verdienen. Sie sind ein guter Mensch! (Er lacht.) Sie sind kein Offizier. (Sie sehen einander an.) Entschuldigung.

OBERST
(Setzt sich.) Wie ich höre, wolltest du mit mir reden.

KOVÁCS
Wenn Sie den Rat eines jüngeren annehmen, Herr Oberst... lassen Sie diese Rita.

OBERST
Wovon wolltest du mit mir reden?

KOVÁCS
Wie ich höre... ist der Leiterposten da im Lagerhaus nicht besetzt. Wie ich höre, ging der alte Meyer in die Rente. Diese Stelle kann auch ein Zivilist bekleiden, nicht war?

OBERST
Was für Probleme hast du mit Rita? Deine Frau und sie sind doch Kolleginnen.

KOVÁCS
Wenn Sie ein gutes Wort für mich einlegen würden... ich würde gerne der Chef vom Lagerhaus da drinnen sein.

OBERST
Willst du reich werden?

KOVÁCS
Sehen Sie! Die Mädchen sind herausgekommen, das Programm beginnt.

OBERST
(Sieht traurig zu den Mädchen) Scheiße. (Er raucht.)


Am selben Ort. Dieselbe Nacht. Zu dritt.

JUNGE
(Kommt.) Darf ich noch etwas bringen?

KOVÁCS
Herr Oberst, was wünschen Sie?

OBERST
(Zum Jungen.) Als wenn du nicht wüßtest was ich trinke, du Depp. Na, beeile dich.

JUNGE
(Blaß ab.)

KOVÁCS
Sie kommen oft hierher, ja, Herr Oberst. Sie kennen ja auch diesen Jungen.

OBERST
Ob ich ihn kenne? Das ist gut, ob ich ihn kenne.


Hinter der Bühne. Dieselbe Nacht. Zu zweit.

JULIA
Was hast du denn? Wenn du mit so einem verbissenen Gesicht rumläufst, wird dich Andi zusammenstauchen.

JUNGE
Es gibt nichts Schöneres als das Neonlicht. Weißt du, da du schon Runzeln bekommst?

JULIA
Deinen Vorgänger hat er deswegen rausgeschmissen. Andi mag nur fröhliche Angestellte.

JUNGE
Du arbeitest schon lange hier, stimmts?

JULIA
Bist du müde?

JUNGE
Ich gehe nur zwischen den Tischen umher und höre mir an, was die Leute so alles zusammenreden. Allerei Blödsinn, alles, nur nicht, was wichtig ist.

JULIA
Sei nicht naiv.


Am Tisch. Dieselbe Nacht. Zu zweit.

OBERST
(Schlechtgelaunt, er trinkt während der ganzen Szene.) Sowas ist ganz schlimm. Was wird aus diesem Land? Ich will niemanden beschuldigen, aber trotzdem. Unter uns gesagt, wer sind denn die? Ich kann nur lachen. Und ist das zu Ende? Kann sowas zu Ende gehen? Wann komme ich an die Reihe? Die einzelnen Truppen haben sie noch nicht unter die Lupe genommen. Wahrscheinlich bin ich deshalb noch auf meinem Posten. Ich bin zweiundfünfzigjahre alt. Ich habe Offiziersabzeichen, Sternorden und Nierengrieß was habe ich noch? Ich bin ein anständiger Mensch geblieben. Zeiten wie ein Mülleimer, jeder schüttet die Bitterkeit seines Herzens rein.

KOVÁCS
Die sind Zivilisten, Herr Oberst.

OBERST
Ein Unheil schwebt in der Luft, wie ein Aas im Wasser, etwas verdirbt, etwas verfällt, meine Vergangenheit ist verdorben, es gibt Probleme. Es gibt Probleme mit mir.

KOVÁCS
Herrgott, zeigen Sie doch mal einen, mit dem es keine Probleme gibt.

OBERST
Mir geht im Kopf herum, wie es war, als ich ein Bengel war. Wozu braucht man soviel Erinnerung? Als Kind war ich Gutsknecht. Kann sein, im Alter werde ich wieder Gutsknecht. Was dazwischen war, ist heute schon wie ein Traum. Wer hätte das gedacht?

KOVÁCS
Es wurde gesagt, Sie waren in Vietnam, Herr Oberst.

OBERST
War ich nicht. Sollen sie nur sagen. Siehst du, heute schickt es sich nicht mehr, sich damit zu rühmen. Ich habe hier aus den vielen Niemanden Menschen gemacht, nur inzwischen ist mir das passiert. Mein verfluchtes linkes Bein. Es erstarrt ständig. Und was tut ein Schützenoberst, wenn er demobilisiert wird?

KOVÁCS
Er trägt seine Auszeichnungen.

OBERST
Heute trägt die keiner mehr, ich auch nicht. Verdammt, ich würde jeden in seine Mutter zurückschicken, wenn ich an irgend etwas glauben würde, aber das Feigenblatt ist weggeflogen, und die Ehre ist zur Hure geworden.

KOVÁCS
Bereuen Sie das Ganze?

OBERST
Ich bereue nichts. Mir zittern nur die Hände siehst du, mein Sohn. Noch ein paar Jahre und ich kann nicht einmal mehr die Kippe ausdrücken. Bin ein kranker Mensch, ich dürfte nicht mal diese Pisse trinken. Was ich vielleicht bereue, daß niemand aus meiner Familie Mensch geworden ist.

KOVÁCS
Mensch?

OBERST
(Flüstert) Ich habe mich allzusehr um mich selbst gekümmert.

KOVÁCS
Wie ruhig Sie darüber sprechen und dabei so kühl bleiben können. So kühl. Niemand empfindet noch was. Nur ich.

OBERST
Ich bin nicht ruhig. Zu Hause liege ich nur im Bett und mir geht alles durch den Kopf. Die Risse in der Wand verlaufen wie ein Netz, und ich bin da drinnen. Ich bin nicht ruhig. Vielleicht habe ich zu viele Erinnerungen und das nagt an mir. Da drinnen. In mir wächst der Zorn, mein Sohn, er säuft mein Blut.

KOVÁCS
Wir reden zuviel, trinken wir lieber.

OBERST
Es ist sowieso alles hin, trotzdem schäme ich mich. Mein lieber Sohn, ich habe hier verdammt gerne gelebt. Die verdammten Minuten wurden einem zu seinen besten Minuten. Ich habe nur das Recht, voran zu gehen.

KOVÁCS
Ich befürchte, von früher sind nur noch die tödliche Langweile und der Wodka geblieben, Herr Oberst. Sie sind ein Ehrenmann, aber von denen gibt es heute nicht viele.

OBERST
Warum sehnst du dich dann zurück, ha?

KOVÁCS
Das ist mein Beruf.

OBERST
Was? Der Waffenhandel? Und was noch, mein Sohn?

KOVÁCS
(Schweigt) Das ist bitter, Herr Oberst. Ich bin doch nicht so ein mieser Kerl.

(Junge kommt.)

OBERST
Ich bin laut, was? Aber warum soll ich nicht laut sein, warum nicht? Wer verbietet mir das?

JUNGE
Gehen wir nach Hause. Ich habe ein Taxi gerufen, es wartet draußen. Du bist müde, Vater.

OBERST
Müde... ich bin völlig betrunken, mein Sohn, ich bin schon wieder betrunken wie ein Tier, da habt ihr die Bescherung. (Er läßt sich hinaus führen)

(Kovács schläft auf dem Tisch.)


Am Ausgang. Dieselbe Nacht. Zu zweit.

JULIA
Herr Oberst.

OBERST
(Betrunken) Meine Dame?

JULIA
Entschuldigen Sie, daß ich Sie für einen Moment aufhalte. Vom Sehen kennen Sie mich vielleicht schon... wie ich auch Sie, ich arbeite hier als Tänzerin.

OBERST
Kein Problem, überhaupt nicht. Was haben Sie denn?

JULIA
Leutnant Kovács, mit dem Sie vorhin zusammensaßen, ist mein Mann. Ich möchte Sie unbedingt bitten, sagen Sie ihm nicht, daß wir miteinander gesprochen haben.

OBERST
Ich schwöre, Sie sind in Verlegenheit.

JULIA
Ich weiß was meinen Mann bedrückt. Ich erinnere mich noch, wie früher war und was aus ihm wurde... Der Prozeß den er hatte... ich weiß daß er einen Fehler begangen hat, aber... Herr Oberst, wenn es eine Wiederaufnahme des Verfahrens gäbe!

OBERST
(Lacht.) Eine Prozeßwiederaufnahme!

JULIA
(Merkt, daß er nicht nüchtern ist.) Wenn Sie wollten, könnten Sie das bestimmt durchsetzen.

OBERST
Sie haben mir aufgelauert, das ist lieb!

JULIA
Was soll ich Ihnen sagen...

OBERST
Ich schwöre, ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.

JULIA
Nur Verständnis...

OBERST
Ihr Leutnant...

JULIA
Ihr Wort gilt überall...

OBERST
... hat mit russischen Waffen gehandelt. (Er lacht)

JULIA
Machen Sie sich über mich lustig?

OBERST
Wen interessierte das schon, daß er das machte! Daß die Sache aber aufgeflogen ist, das war ein schwerer Fehler!

JULIA
Es macht mich traurig, da ich Sie so sehe. Verstehen wir einander doch nicht?

OBERST
(Kneift ihr ins Kinn.) Sie tun mir eher leid, kleines Fräulein, der Herr Leutnant Kovács... ah, der ist noch ein junger Bursche... Er wird das schon verkraften.


Allein.

JULIA
(Geht traurig hinein.) Ich würde barfuß durch die Hölle gehen, um ihn zu retten. Immer auf glühenden Kohlen. Er hat auch tüchtig getrunken, mein kleiner Ganove... Wie ihm die Schweißtropfen auf der Stirn perlen. Träumt er vielleicht von mir?

(Sie streichelt ihn, der Leutnant sieht auf)


In der Garderobe. Die Nacht. Zu zweit.

RITA
Man hat Angst, sie in die Hand zu nehmen, damit sie nicht zerspringen, wie die Seifenblassen.

JULIA
Ich habe sie von ihm bekommen. Schon lange her.

RITA
Lange her lange her, alles wird einmal lange her sein... zum Schluß holt alles der Teufel.

JULIA
Er liebt mich nicht mehr, er wird mich nie mehr lieben, ich weiß. Wie soll ich ihn halten?

RITA
Schöne Perlen, sehr schön. Verkaufe sie nie. Ein nobler Kerl. Zahlt wie ein Offizier...

JULIA
Einmal, wenn es soweit ist, kannst du sie haben.

RITA
(hört Julia nicht zu.) Jeder soll schön zahlen, jeder. (Teilnahmslos.) Wozu überhaupt heiraten, sag mir?

JULIA
Neuerdings träume ich immer was Schlimmes... ich kanns gar nicht erzählen.

RITA
Weiße Perle, kalte Perle, bringe mir Glück.. ah, komm, gehen wir. Besser, wenn wir hinter dem Vorhang stehen. Ich ersticke in dieser Garderobe.

JULIA
Ich fühle mich in letzter Zeit schlecht, heute morgen habe ich auch gebrochen.

RITA
Der Jongleur ist schon zurück. Drei Minuten, kleines Julchen.

JULIA
Meine Oma war Armenierin, Kräuterfrau habe ich dir noch nie gesagt? Deshalb habe ich so schwarze Augen.

RITA
Weine doch nicht, mein Schätzchen, weine nicht. Die Schweine. Sind die soviel wert?

JULIA
Früher war ich auch anders. Weißt du immer, warum du was tust?

RITA
Die Kürettage letztes Jahr, was? Hast ein schlechtes Gewissen?

JULIA
Er wollte das Kind so sehr. Ich bin ein Miststück. Und jetzt, wenn wieder was wäre?

RITA
Hast du ein schlechtes Gewissen?

JULIA
Wer hat es nicht? Er wollte aber nicht das Kind, er wollte nur, daß ich mit dem Tanzen aufhöre. Ich weiß nichts mehr.

RITA
Zieh noch mal die Augen nach.

JULIA
Sag mal, bin ich noch schön?


Vor dem Spiegel. Allein.

JULIA
Jetzt stehe ich da und weiß nicht, was ich einst überhaupt wollte? Ein miserables Leben. Am liebsten würde ich weinen und trotzdem hebe ich da drüben gleich die Beine hoch. Ich habe das Gefühl, alles stirbt ab. Die haben ihn aber gründlich erledigt. Nur ich sehe ihn. Gott hat mich gestraft, gestraft, da ich alles weiß. Alle sind blind. Wie ich auf mich achtgegeben habe, aber wozu der Körper, wenn nachher Würmer dann miteinander rammeln. Wem kann ich sowas sagen? Mein lieber Gott, bin ich allein. Warum ist denn auf einmal alles so egal geworden?


Im Séparée. Dieselbe Nacht. Zu zweit.

RITA
(Sieht den Jungen an und umarmt ihn fest.) Du, kleiner Dummkopf... mein kleiner Süßer.

JUNGE
(Befreit sich heftig aus ihrer Umarmung.) Und du? Wie lange dauert das noch? Oder liebst du mich nicht mehr?

RITA
Auf meine Art und Weise, aber das weiß du doch. Liebster...

JUNGE
Sag, vertraust du mir? Aber wirklich! Wenn du und ich...

RITA
Ja? Sag, Liebster. Ja?


In der Garderobe. Dieselbe Nacht. Zu zweit.

KOVÁCS
(Umarmt Julia.) Du hast doch keine Angst, Julchen? Du hast Angst neben mir? Du solltest hier weg.

JULIA
Aber ich bin doch eine Tänzerin.

KOVÁCS
Ich hätte gern, wenn du den ganzen Tag nur auf mich warten würdest. Ist das Egoismus?

JULIA
Ich warte doch auch so den ganzen Tag auf dich.

KOVÁCS
Für dich würde jeder sogar eine Bank ausrauben.

JULIA
(Streichelt ihn.) Ich möchte nicht, daß du sowas machst.

KOVÁCS
Ich würde auch Menschen töten. (Julia lacht.) Alles, alles, meine Prinzessin. Aber bedeutet dir das überhaupt etwas?

JULIA
Schöne Sitten! Der liebende Straßenräuber, den seine Frau abends immer mit warmem Essen erwartet...

KOVÁCS
Oder soll ich besser Minister werden? Spürst du nicht, daß wir jetzt alles in der Hand haben? Was würdest du sagen, wenn wir auf einmal reich sind, na? (Julia lacht) Ein Onkel aus Amerika! (Er nimmt Julia in die Arme.)


Bei der Wahrsagerin. Spät abends. Zu zweit.

ZIGEUNERIN
Na? Was willst du, meine Tochter?

JULIA
Sag mir die Zukunft. Sag, was mir bevorsteht.

ZIGEUNERIN
Versuche nicht Gott, tu nicht wissen wollen, was nur wenige wissen.

JULIA
Ich bezahle Sie.

ZIGEUNERIN
Gib die Hand. Falscher Durst, Wissensdurst, verflochten Finger mit Finger. Kerzenlichter rundherum, laß schauen in den kleinen Spiegel.

JULIA
Was sehen Sie, warum schweigen Sie?

ZIGEUNERIN
Alles ist durcheinander, schwierig den Sinn zu finden. Ich sehe einen Mann, er lächelt wie ein Hund, man weiß nicht, ob er schmeichelt oder beißen will. Ich sehe eine Frau, rechne mit nichts Gutem. Eine unklare Linie, in welche Richtung sie läuft, schwierig den Sinn zu erraten...

JULIA
Warum schweigst du wieder? Ich zahle doch, sprich.

ZIGEUNERIN
Ich habe nichts zu sagen.

JULIA
Kannst du nicht oder weißt du nichts zu sagen?

ZIGEUNERIN
Das soll dir egal sein. Geh, meine Tochter, geh, leg es auf den Tisch, wenn du geben kannst, aber gib nicht, wenn du nicht kannst.

 

Zweiter Teil

Auf der Sraße. Morgendämmerung. Zu zweit.

FÓRIS
Also, das hier, dieses Haus ist der "Rote Hahn", na? Ich war drinnen. Viel Geld wartet hier auf uns hinter einem Türchen. Es wird gehen. Du sagst nichts?

KOVÁCS
Der "Rote Hahn"? Mensch, das geht nicht!

FÓRIS
Also, warum nicht, geht doch alles?! Mach schon. Jetzt ist es hier noch lustig, aber morgen kommt der Katzenjammer. Also wenigstens einer wird heulen. Ich kenne den Besitzer.

KOVÁCS
Nachts gehen hinten ein Hund und ein Wächter.

FÓRIS
Taub und blind.

KOVÁCS
Dem Menschen Geld, dem Hund Gift. In blutiges Fleisch reintun, so wird er das fressen. Phe. Das ist eine heiße Sache, sehr heiß.

FÓRIS
Also, morgen ist Ruhetag, die Mädchen sitzen zu Hause, und hier feiern wir.

KOVÁCS
Und wenn heute nacht Vollmond ist? Oder wenn der Wächter aufwacht und den Hund ruft?

FÓRIS
Also, dann nimmst du dir den Wächter vor. Haben wir uns richtig verstanden? Ich hoffe doch.

KOVÁCS
Verschwinden wir hier. Der Himmel wie hundertfarbiges Glas, der Tag bricht schon an. Da ist der Hund, der geht spazieren! Jetzt schaut er hierher. Und niemand ist dabei. Soll ich es machen?

FÓRIS
Morgen, morgen. Kannst krähen, roter Hahn. Hah?

KOVÁCS
Komm, komm, gehen wir. Die kommen gleich raus, und wir hier im Hof...

FÓRIS
Also, man wird doch mal pinkeln dürfen! Oder? Guck doch hin, mach die Augen auf wenn das klappt, bin ich aus dem Schneider. Und der "Rote Hahn" wird gerupft. Also, ich habe ganz schlimme Erinnerungen an dieses Lokal.

KOVÁCS
Und was ist, wenn der Mond so scheint wie heute?

FÓRIS
Komm, wir gucken erstmal. Morgen dann... Hah?


Im Lokal. Morgendämmerung. Zu zweit.

ANDI
Na endlich Feierabend. War zu viel, zu viel. Gehst schlafen?

JUNGE
Ja, ich gehe nach Hause.

ANDI
Es ist gefährlich, bei der Morgendämmerung auf die Straße zu gehen. Also paß gut auf. Vermeide schlechte Gesellschaft. Hörst du? Also schön nach Hause.

JUNGE
Aber wenn ich nicht aufpassen will?

ANDI
Du machst mir direkt Angst, wenn du so redest! Meide die schlechten Menschen. Da gibt's nur Probleme. Und was Ursache und was Folge ist, interessiert keinen. Da gibts nur Probleme. Hörst du? Vermeide schlechte Gesellschaft!


In der Garderobe. Tag. Zu zweit.

KOVÁCS
Julia? Wo ist sie?

RITA
Woher soll ich das wissen? Sie muß gleich da sein.

KOVÁCS
Prima! Sie ist nie dort, wo ich sie suche. Es ist Zeit, daß ich sie zu-rechtweise...

RITA
Bist du nervös?

KOVÁCS
Sozusagen. Und was hast du?

RITA
Ich möchte nicht, da du noch einmal ohne anzuklopfen reinkommst. Wenigstens grüßen.

KOVÁCS
Die Frage ist nur, wie ich dich grüßen soll. (Er küßt sie.)

RITA
Mach das nicht noch einmal.

KOVÁCS
AIso... so gefällst du mir noch besser.

RITA
Kleiner, besser, wenn du hier verschwindest. Verstehst du mich, ja?

KOVÁCS
Und wenn ich dich nicht verstehe?

RITA
Du solltest wenigstens nicht grinsen!


Im Lokal Nachmittag. Zu zweit.

KEGLEVICH
Es war einmal ein Paar... Zeichnest du überhaupt noch?

KOVÁCS
(Liest einen Zettel) Nicht mehr, habe keine Zeit und keine Lust. Kennst du den Baron? Er will, daß ich mit ihm Wodka fahre nach Österreich.

KEGLEVICH
Es wäre besser, wenn du bei solchen Sachen nicht mitmachen würdest. Du hast schon was auf dem Konto.

KOVÁCS
Da kann eigentlich nichts passieren. Oder meinst? Er braucht mich, weil... (Er denkt nach.) Ein Risiko besteht nur so lange, bis man es getan hat, ist es nicht so? Oder soll ich doch nicht mitmachen? (Dunkel) Ich habe so ein Vorgefühl. Es ist alles so kaotisch. Wie wenn man zu summen beginnt, damit die andern nicht merken, daß man mit sich gesprochen hat. (Er wirft den Zettel weg. Dann grinst er.) Die Adresse habe ich.

KEGLEVICH
Wenn du wenigstens nervös wärst. An einem Geschäft bist du schon gescheitert.

KOVÁCS
(Lachend, zuckt die Achsel) Davor hat mich das einen Scheiß interessiert.

KEGLEVICH
Du wirst ein schlechtes Ende nehmen, Kovács.

KOVÁCS
(Für sich.) Ihr habt alle Angst. Quatscht nur rum, und ich mache, was man soll. (Er schaukelt auf dem Stuhl) Ich blase mir eine Braut aus Rauch. Ringe die Beine, Ringe der Busen, ah, wie schön, so schön. (Er raucht mehrmals tief) Ihr Hals wie ein Schwanenhals, ihre Taille biegt sich hin und her, ihre schönen Beine wie zwei wiegende Striche.

KEGLEVICH
(Zerstört mit der Hand die Rauchfigur.) Habt ihr noch die Zeichnung, wo die Julia...

KOVÁCS
Das Haus ist leer, die Braut ist in Rauch aufgegangen. (Er denkt nach) Du warst doch einst total in Julia verknallt. Und sie mochte dich auch, oder weiß ich das nicht richtig? Bis ich auf der Bildfläche erschien, he? Was? Na toll, wie er schweigt! Die Liebe, mein Goldkäferchen, ist eine schmutzige Sache. Liebe, Goldkäferchen, gibt es gar nicht. Was? In Wirklichkeit sind nur die Frauen verliebt, sie rufen ihre Zukunft mit einem Männernamen. Aber ich glaube weder an die Zukunft noch an die Vergangenheit. Eine schmutzige Sache! Wir finden doch nie Ruhe. Nie, nie!

KEGLEVICH
Ein schönes Mädchen, deine Julia.

KOVÁCS
Wenn sie so schön ist, dann wehe ihr, das ist ein großes Problem.

KEGLEVICH
Und klug ist sie auch, deine Julia.

KOVÁCS
Wenn sie nur manchmal nicht alles besser wissen wollte.

KEGLEVICH
Sie ist schön, klug, treu und fürsorglich. Mensch, du hast ein Schweineglück, paß nur auf, nicht daß du es verlierst.

KOVÁCS
Sie gehört mir für alte Zeiten.

KEGLEVICH
Mir wird eng ums Herz, wenn ich an euch denke. Kovács, wie kannst du so leben?

KOVÁCS
Jeder lebt, wie er kann. (Er guckt durchs Fenster hinaus) Der Himmel ist wie ein Hammerkopf er stürzt gleich auf mich runter. Soll ich morgen doch nicht mitmachen?

KEGLEVICH
Es hat sich wieder bewölkt... Schneewolken. (Er denkt über etwas anderes nach) Du solltest an irgendeine zivile Hochschule gehen, Feri.

KOVÁCS
Der liebe Gott streicht sich die Locken aus der Stirn und sieht, wie niederträchtig die Welt ist, niederträchtig, schmutzig und voller Neid. Aber egal. Ein Tag, zwei Tage und wir haben alles hinter uns.

KEGLEVICH
Zum Beispiel Bauingenieur.

KOVÁCS
Ein Tag, ein Tag, und dann Schluß oder? (Er hebt den Zettel wieder auf.) Manchmal wird mir so schwindlig! Als wären die Buchstaben Würmer und das Papier hätte Wundfieber. (Er zerknüllt das Papier wieder) Wir reden hin und her, trotzdem will ich nicht in diesem Land bleiben.

KEGLEVICH
Du gehst weg, in Ordnung. Und was hast du davon, wenn du weggehst? Dort wirst du nach Kilo gekauft.

KOVÁCS
Was bindet mich an dieses Land?

KEGLEVICH
Du tönst nur groß. Aber ehrlich: was wird aus dir? Wie wird deine Zukunft?

KOVÁCS
(Zieht ein Gesicht.) Heute ist nicht mal die Zukunft die alte... Am besten abhauen, und dann... ist das Feigheit?

KEGLEVICH
Nein, das ist Egoismus. Dabei sagst du immer zu mir, ich sei egoistisch.

KOVÁCS
Bist du auch, genauso wie Julia und alle die andern. Das einzige Problem mit den Egoisten ist, daß sie sich mehr für sich selbst als für mich interessieren. (Er grinst provokativ.)

KEGLEVICH
Bist noch ein Kind. Jetzt geht's noch, aber nach zehn Jahren muß du mit einer anderen Ausrede kommen.

KOVÁCS
Ich bleibe immer so! Immer! Ich war immer so und ich bleibe auch so! Ich bin unsterblich! (Er lacht.) Vorläufig.


Zu Hause. Derselbe Tag später. Zu zweit.

JULIA
(Bügelt und singt ein Kinderlied)

KOVÁCS
Ein blödes Lied! Ich muß wieder hochkommen... (Für sich.) Ich werde arbeiten, das ist klar. Ich werde meine Arbeit sehr lieben. Egal, was das sein wird, hörst du? Ich ersticke hier, in diesem Loch.

JULIA
Soll ich einen Tee kochen?

KOVÁCS
Du mußt gleich gehen. Ist dir der Boden nicht kalt, wenn du hier barfuß rumläfst, mein Engel?

JULIA
Bin ich gewohnt.

KOVÁCS
(Sieht sich die Wand ihm gegenüber an.) Ziegel in der Wand, wie eine Parade. Alle rot, als würden sie sich schämen. Wärst du nur wirklich meine Frau! Könnten wir nur glücklich zusammenleben! Solange du tanzt, heirate ich dich nicht.

JULIA
Ich koche doch einen Tee.

KOVÁCS
Und jetzt weint sie. Na bitte. Bestimmt vor Liebe.

JULIA
Bist sehr witzig.

KOVÁCS
Zeit, daß du gehst.

JULIA
Seit Wochen schon guckst du nur auf die Brandmauer da drüben.

KOVÁCS
(Für sich) Für dich bin ich auch nur ein Schmarotzer. Na bitte, halt Abstand. Als hätte ich den Tripper.

JULIA
Ich verstehe dich nicht. Was sagst du?

KOVÁCS
Nichts. Ich fühle mich manchmal saugut. Wenn ich dich nicht hätte, würde ich schon längst sitzen. Wahrscheinlich. (Höhnisch) Wie soll ich mich dafür bedanken?

JULIA
Du brauchst dich nicht zu bedanken.

KOVÁCS
Doch.

JULIA
Laß mich.

KOVÁCS
Doch wirklich.

JULIA
Bleib doch mal, ich bitte dich.

KOVÁCS
Ich bin aber so dankbar.

JULIA
(Bricht aus.) Ich bitte dich sehr, laß mich endlich in Ruh. Seit Tagen kommst du besoffen nach Hause, nachts...

KOVÁCS
Und?

JULIA
Lassen wir das.

KOVÁCS
Und? Ist das vielleicht schlimm? Schweigst! Dich stört das wohl.

JULIA
Lach nur.

KOVÁCS
Ich bin gutgelaunt.

JULIA
Und hast du einen Grund?

KOVÁCS
Ich bin doch verliebt. Und auch ein schönes Mädchen ist verliebt in mich. Das ist Grund genug. Warum soll ich nicht gutgelaunt sein (Man weiß nicht, ob er spottet) Ich wurde nicht mal mit dem König tauschen.

JULIA
Freut mich.

KOVÁCS
Das schönste Mädchen auf der Welt bügelt meine Hemden.

JULIA
...ich bitte dich...

KOVÁCS
Wäscht für mich, damit ich nicht schmutzig bin. Wenn nur mein Mund manchmal nicht ungewaschen wäre! Meine Aussprache! Nichts zu machen, die Vorstadt...

JULIA
Du achtest mich nicht.

KOVÁCS
Wieviele Klagen, wieviele Seufzer! Du peitschst meine Liebe richtig auf. Wenn du wüßtest, wie oft mich das Gewissen plagt! Ich bin doch schließlich ein fühlender Mensch! Manchmal, wenn ich dich ansehe, sage ich zu mir, dieses Mädchen würde einen Besseren verdienen. Dieses Mädchen würde einen Schöneren verdienen. Dir hat das Leben übel mitgespielt, meine Liebe.

JULIA
Findest du dich jetzt amüsant?

KOVÁCS
Daß ich dich nicht achte! Ich achte dich hoch, sogar sehr hoch. Du hast mich ja auch nie im Dreck sitzen lassen, stimmt's? Ich sage dir auch jetzt ganz klar, daß der Oberst heute abend bestimmt bei euch landet, obwohl ihn das kleine Flittchen rausgeschmissen hat. Also der Herr Oberst wird allein zechen, schön gemütlich, ich kenne alle seine Gewohnheiten. Sei lieb zu ihm, Schätzchen, sehr lieb.

JULIA
Wie soll ich das verstehen?

KOVÁCS
Eine kluge Frau versteht die Akzente.


Im Lokal, am Tisch. Abend. Zu dritt.

ALTER MANN
(stehend) Fräulein darf ich Sie zu einem Getränk einladen?

JULIA
(lieb) Nein, danke.

(Alter Mann, seine Enttäuschung verbergend, ab)

KOVÁCS
Wie lieb du hier zu jedem bist.

JULIA
Liebster, das gehört auch zu meiner Arbeit.

KOVÁCS
Hoffentlich verderbe ich dir nicht das Geschäft.

JULIA
Könntest endlich damit aufhören.

KOVÁCS
Bin ich anstrengend?

JULIA
Bist anstrengend.

KOVÁCS
(Wie ein Kind) Hör mal... liebst du mich noch?

JULIA
(Die Augen gehen ihr über.) Du kleiner Dummkopf, du.

KOVÁCS
(Umarmt sie heftig.) Manchmal... habe ich große Angst, da du mich nicht mehr liebst.

(Mehrere Gäste schauen ihnen zu.)


Am selben Ort. Zu zweit.

KOVÁCS
Sowas! Ist nicht gekommen.

JULIA
Wer?

KOVÁCS
Dann können wir allein sein.

JULIA
Ich habe nur noch zwanzig Minuten.

KOVÁCS
Bist jetzt sehr erleichtert.

JULIA
Hör zu...

KOVÁCS
Ja?

JULIA
Bin ich blaß?

KOVÁCS
Kann man sagen.

JULIA
Macht die Beleuchtung.

KOVÁCS
Deine Freundin ist aber ein schönes Mädchen.

JULIA
Die Rita?

KOVÁCS
Könntest bei ihr ein gutes Wort für mich einlegen...

JULIA
(Nicht gleich) Gefällt sie dir?

KOVÁCS
Wie verlegen sie wurde!


Am selben Ort Zu zweit.

KOVÁCS
(Mit unschuldigen Gesicht.) Na, mein Vögelchen, warum bist du so traurig, sag mal. Wir können doch über alles miteinander sprechen. Nicht?

JULIA
Jawohl, Herr Leutnant.

KOVÁCS
Warte mal, zum Gruß gehört aber auch die Mütze.

JULIA
Erinnerst du dich noch, wie du es mir beigebracht hast?

KOVÁCS
(Greift vom Ständer eine Offiziersmütze)... Donnerwetter!

JULIA
Steht sie mir gut?

KOVÁCS
(Grinst) Teuflisch verführerisch.

JULIA
(Lächelt unschuldig.) Das bringt dich hoch. Na, gefalle ich dir?

KOVÁCS
Es fehlt nur noch das Koppel.

JULIA
Und was meinst du, was fehlt mir, Herr Leutnant?

KOVÁCS
Was fehlt denn dir zum Glück, meine Prinzessin?

JULIA
Ab heute wirst du netter zu mir sein, ja?

KOVÁCS
Aber selbstverständlich. Aber bin ich nicht jetzt schon nett genug?

JULIA
Manchmal fehlt noch etwas.

KOVÁCS
Verdammt, zum Anbeißen, deine süße kleine F... Fratze.

JULIA
Aha, meine süße kleine Fratze.

KOVÁCS
Deine...

JULIA
Aber Herr Leutnant Wir sind hier nicht allein!


Am selben Ort. Zu zweit.

JULIA
Liebst du mich noch, ja?

KOVÁCS
Soll ich dir eine Liebeserklärung machen?

JULIA
Du hast es ziemlich lange nicht mehr getan.

KOVÁCS
Aber wir haben doch gerade besprochen, daß mir die Rita gefällt. Geht das trotzdem?

JULIA
Vielleicht, wenn du dich etwas anstrengst.

KOVÁCS
Du ißt gar nicht?

JULIA
Um die Zeit esse ich nie.

KOVÁCS
Iß doch von meinem.

JULIA
Beefsteak? Das esse ich nie, ist blutig.

KOVÁCS
Aber mir zuliebe! So wirst du mir ganz schwach.

JULIA
(lacht) Na dann, vielleicht ein bißchen.

KOVÁCS
Nur einen Happen.

JULIA
(ißt) Ich möchte nicht mehr. Mir ist nicht danach.

KOVÁCS
Wenn du das alles aufißt, sage ich dir, was ich wirklich von dir halte.

JULIA
(Horcht auf) Wieso wirklich?

KOVÁCS
Interessiert dich gar nicht, wie ich da drinnen bin? Hast du mich vielleicht schon kniend meine Liebe gestehen sehen?

JULIA
Die Wahrheit ist, ich fühle mich ein bißchen schlecht.

KOVÁCS
Bedeute ich so wenig für dich? (Flüstert, mit weicher Stimme) Wie leicht könnte man beweisen, daß es nicht so ist. Es schmeckt doch, nicht?

JULIA
(Spielt nicht mehr so gerne mit) Ich will dich nur eines fragen, dann kannst du reden.

KOVÁCS
Sehr schmackhaft. Roh und blutig. Was für eine Schönheit meine Tänzerin ist. Wenn man so eine Schönheit sieht, hätte man Lust, jemanden totzuschlagen. Nur so. Vor Freude.

JULIA
(kraftlos.) Mir geht's sehr schlecht.

KOVÁCS
Iß nur ruhig auf. Oder schmeckt es dir nicht mehr? Mein Goldkäferchen, mein Blümchen, kleines Zaubervögelchen! Ich bin doch da, wenn dir was passiert. Wer würde dir was antun? Schmeckt's dir besser, ja, wenn ich dich inzwischen streichle? Warum sagst du kein Wort, was ist los? Ich sehe dich seit Tagen kaum was essen. Das muß einen Grund haben. Wir bessern jetzt deinen kleinen Appetit auf, gut, mein Vögelchen? Du sollst nur essen! (Julia kämpft mit dem Weinen, ißt weiter und hat dabei Aufstoßen.) Mut, Julia, Mut. Friß nur alles auf wie ein kleiner lieber Geier. Alle lächeln. Siehst du, was für ein gutes Spiel wir gefunden haben. Los, schön weiteressen, Julchen... nur schön weiter, einen Happen noch mir zuliebe. (Julia läuft weg) Hören Sie, wie sie aufstößt? (Für sich) Ekelhaft.


Am selben Ort. Zu zweit.

KOVÁCS
(Zur zurückkehrenden Julia) Ich habe gesagt, wenn du es ißt und nicht alles wieder erbrichst.

(Julia steht erstarrt da)


Zu Hause. Nacht. Zu zweit.

JULIA
Dreck an deinen Stiefeln, was soll das? Wo warst du? Ich warte hier auf dich...

KOVÁCS
Wir haben auf herrenlose Hunde geschossen, meine Kumpel und ich. In der Vorstadt gibt's Dreck.

JULIA
Es ist schon eins vorbei... aber nein, die Uhr geht nicht...

KOVÁCS
Du wälzt dich nur im Bett herum, warum schläfst du nicht? Worauf wartest du immer?

JULIA
Du hast viel getrunken, geh schlafen.

KOVÁCS
Halt den Mund, du Frosch, oder soll ich meine Stiefe an dir abputzen? Schwarzer Dreck auf dem Laken, das ist poetisch, und Hundshaar, das ist stinkend. Eine Bestie hat mich fast gebissen... Gefährlich sind die! Einer krepierte da, er bleckte mit den Zähnen, aber dann war er hin.

JULIA
Schlaf doch, ich schmiege mich an dich wie früher, siehst du? Es ist besser so, nicht? Du schläfst gleich ein. Siehst aber sehr blaß aus.

KOVÁCS
Kusch! lch muß nachdenken, ich muß sehr nachdenken.

JULIA
Gestern nacht hast du geschrien...

KOVÁCS
Was? Im Traum? Ich hasse es, wenn du mich belauschst...

JULIA
Zieh dir bitte die Stiefel aus, Liebster, dann schläfst du schneller ein. Oder darf ich das machen?

KOVÁCS
Der Oberst? Gut, gut. Jetzt grinst er mich an, nur so weiter, meine kleine läufige Hündin.

JULIA
Ich halte das nicht länger aus...

KOVÁCS
Du machst, was ich dir sage. Wenn ich will, dann tust du es ihm eben öfters.

JULIA
Der Morgen ist gleich da, schlaf, ich bitte dich. Wenn du bis zur Morgendämmerung nicht schläfst, bist du nachher müde und grob.

KOVÁCS
Stöhne und quengele nur, zerknittere dein Kissen, gut so. Du wirst es auch dem Herrn Major Militärrichter tun. Das Majorchen, er hat dich neulich gründlich angeschaut. Du gefällst ihm.

JULIA
Nie...

KOVÁCS
Ekelt es dich? Er ist um nichts schlechter als du oder ich. Was habe ich sonst von dir... Wird "sie" denn vielleicht abgewetzt? Es ist der Lauf der Welt, daß du tust, was ich dir sage.

JULIA
Verstehst du mich? Nie!

KOVÁCS
Seit wann pflegst du mir zu widersprechen, Julia? Ist das vielleicht die neue Mode, da der Hase das Gewehr trägt? Eine neue Mode, daß du mir ins Wort fällst... Bald werde ich mich in der Ecke ducken und drucksen wie eine Kröte, und dich nur zitternd ansehen, nicht? Deine Gäste werde ich mit einem Häubchen auf dem Kopf empfangen wie ein Stubenmädchen. Deine Stimme wird immer lauter, es wird Zeit, daß ich mich kleinmache. Richtig? Soll ich dein Pferdeknecht sein? Dein Fahrer? Dein Hund?

JULIA
Du redest dich nur in Wut.

KOVÁCS
Ich kann trotzdem nicht erreichen, daß mir Julchen nicht widerspricht. Ich kann nicht innehalten, ohne daß sie sofort was sagt. Von morgens bis abends wetzt sie ihre Zähne an mir... Du machst mich schlecht, wo du nur kannst, du denkst, ich weiß das nicht? Erzählst, wie ich zu dir bin. Schlecht, nicht? Gott hat mich mit dir bestraft, du alter Fetzen.

JULIA
Jetzt reicht's. Schlaf..

KOVÁCS
(Macht ihr nach) Von morgens bis abends dieses honigsüße Reden. Du verstehst es, auf mich zu wirken. Und wenn das nichts nützt, dann befiehlt die süße Julia! Ich dulde es nicht weiter, ich dulde es nicht, ich habe bisher genug geduldet, habe mich zurückgehalten! Ich dulde es nicht, noch ein Wort und ich... ich bringe dich um...

JULIA
Du Wahnsinniger. Laß mich los, du Schuft. Du Wahnsinniger. Wohin zerrst du mich?

KOVÁCS
Hast du schon mal so eine Ohrfeige bekommen? Ha? Es war Zeit, dir Anstand beizubringen. Es war Zeit daß ich dich unter die Fuchtel nehme. Es war Zeit! Es war Zeit, daß du verstehst, was passiert, wenn du die Grenze überschreitest.

JULIA
(Sieht vom Boden auf, ihr hängen die zerzausten Haare ins Gesicht) Wie ich dich hasse!

KOVÁCS
Und siehst du, was du angerichtet hast? Ein Schweinestall, ein Mist haufen, der Spiegel ist umgekippt und der Stuhl auch und du hast auch deine kleine Vase zerbrochen. Kehr alles auf, los, sonst...

JULIA
Ich kann nicht aufstehen. Ich bin ganz bös aufgeschlagen. (Sie kichert verkrampft) Die Puppe ist umgekippt.

KOVÁCS
Soll ich dich aufstellen, ja? Sieh, was du angerichtet hast.

JULIA
Tut weh! Laß mich! Bitte nicht!

KOVÁCS
Ich bin müde. (Er stürzt auf das Bett)

JULIA
(Wimmert, umarmt die Beine des Leutnants.)

KOVÁCS
(Streichelt sie) Du gehst arbeiten, ja? Ich warte sehr auf dich, beeile dich. (Er leidet) Warum siehst du mich so an, kleines Käferchen?


Auf der Straße. Nacht Zu zweit.

ERSTER BÜRGER
Langsam kriecht die Ruhe auf die Stadt herunter und frißt die Töne, die Nacht ist da. Hören Sie? Nur dort amüsiert man sich, nur dort. Nur dort geht es lustig zu! Oder habe nur ich das Gefühl, daß bei jedem Schritt die Müdigkeit schnurrt, sich in den Weg legt und so schmeichelt. Gehen wir schlafen, gut?

ZWEITER BÜRGER
Ich bin zu faul zum Sehen und zu faul zum Hören, ich sage auch immer wieder zu mir, wozu soviel sehen und hören? Aber das muß sein! Es geschieht so viel, Tag für Tag, ich staune nur, wie soviel ständig geschehen kann. Ich könnte fluchen, wenn ich daran denke, aber wozu auch geschieht dies alles?

ERSTER BÜRGER
Die Gemütsverfassung des Menschen ändert sich. Heute sagen auch Sie dies, morgen jenes, einmal lachen Sie nur und lachen, ein anderes Mal wiederum stöhnen und weinen Sie ohne Sinn. Alles ist immer quer durcheinander und offenbar alles ziellos. Sie sehen, alles sehnt sich so sehr nach Leben. Aber wozu? Wenn doch am Ende alles hinscheidet? Es gab etwas und es gibt das nicht mehr, pfui, man fragt sich doch, wenn es schon etwas gab, wozu es das dann gab?

ZWEITER BÜRGER
Was weiß, wer nicht einmal das weiß? Wozu? Zu nichts! Es ist besser, wenn man darauf kommt, denn die Ernüchterung läßt den Menschen früher oder später sowieso mit Haut und Knochen versteinern. Enttäuschung ist sein Fleisch, seine Sehnen sind die Gleichgültigkeit, schließlich gibt's nicht anderes, was ihn zusammenhält, nur die Gewohnheit, die Tugend der Ochsen. Die vielen Glühwürmchen wollen alle auf den Zenit und keuchen nach einem Glorienschein. Ist es nicht vielleicht besser, durchzuschlafen? Laß uns weiterschlafen, wenn wir schon damit angefangen haben, die Nacht ist doch dazu da. Gute Nacht, mein Herr, haben Sie schöne Träume!

ERSTER BÜRGER
Gute Nacht, auch Ihnen.

ZWEITER BÜRGER
Und schöne Träume, wenn ich sage, schöne Träume (Er lacht)


Vor dem Lokal. Früher Morgen. Allein.

KOVÁCS
Nur mein Spiegelbild hat mich bisher begleitet. Na ja, man bleibt immer allein. Wie blöd, wie mir das Herz klopft! Na, wann kommt denn der. (Er schaut zum Himmel) Die Sonne ist aufgegangen. Hat mich versetzt, der Hurensohn. Die sind alle mißtrauisch! (Er spuckt aus.) Na dann morgen, allein.


Im Lokal. Nacht. Zu zweit.

ANDI
Na, was hast du denn, Mädchen? Soll ich dir einen Freier rufen, damit er dir bißchen den Hof macht? Ich kann nicht ertragen, wenn meine schönen Mädchen traurig sind.

JULIA
Du bist zu aufmerksam, Andi. Du merkst alles. Aber du denkst nur an dein Bier und an deine schönen Artisten. Was bist du nur für ein Chef! Dem man nicht einmal glauben kann, wenn er die Mädchen umarmt.

ANDI
(Gemütlich) Übrigens, wenn du schwanger bist, ich schmeiß dich raus, das weiß du.

JULIA
Je weniger Haare du hast, desto dunkler denkst du, Andi. Du solltest etwas mehr auf dich achtgeben. Könntest auch mal was anderes anziehen als diese karierte Jacke. Die Gäste nennen dich nur den dicken Hausierer. Aber du hast sogar unter der Haut Geld.

ANDI
(in den Spiegel) Meine Damen! Meine Herren! Lassen Sie sich bitte nicht stören, daß ich geschminkt bin, auch Sie nicht, und lassen Sie sich nicht davon irritieren, daß meine Haare so lockig sind und, passen Sie auf mir nicht einmal gehören...


Laufendes Programm.

ANDI
Oder hassen Sie vielleicht den Kapitalisten, der im glänzenden Zylinder eine dicke Zigarre raucht, von deren Duft der Prolo betrunken wird? Hassen Sie ihn, weil er sich den ganzen Tag nur amüsiert und von den langbeinigen Mädchen umarmt wird, was? Aber wer sieht seine Tränen, wenn er ein junges Paar sich küssen sieht? Meine Damen! Meine Herren! Die Liebe! Eine gute Attraktion, eine schöne Attraktion! Aber, haha, zahlt wenig. Ein schöner Aufzug! Vorne weint die Liebe, hinten lacht der Hahn. Bitte klatschen Sie nur! Klatschen Sie! (Er schüttet Lose aus Fortunas Füllborn)


Zu Haufe. In derselben Nach Zu zweit.

KOVÁCS
Courage! Wir sind schon da. Aber Zeit, daß du hier die Augen zumachst, ich kanns nicht ertragen, ich sehe dann immer mein Spiegelbild taumeln. Und meine Augen? Was zeigen die...?

RITA
Ich sehe dort, Herr Leutnant, Ihr Herz klopfen. Ihr Herz ist blau, eine Portion Indigo, eine Portion Kobalt.

KOVÁCS
Das Soldatenherz ist aus Pappdeckeln zusammengefaltet, mit Spucke befeuchtet und so zusammengeklebt. Das können Sie nicht wissen, kleines Fräulein, so lautet die Vorschrift.

RITA
Ihre Augen, Herr Leutnant, wie trübes Wasser, milchweißer Himmel, beschattet, sieh mal. Sie ziehen Ihre werten Augenbrauen zusammen...

KOVÁCS
Du quatschtst viel. Hast schon wieder getrunken?

RITA
Sonst wäre ich vielleiht gar nicht da. Sonst würde ich vielleicht solche Leutnants gar nicht kennen. In Wirklichkeit aber trinke ich nicht, nie. Der Andi schmeißt jede sofort raus, die säuft. Er wird mich auch bald auf die Straße setzen. Zieh mir die Stiefel aus! Mensch, was lachst du, hol dich der Teufel!

KOVÁCS
Aber die Ideale, kleine Rita, die Ideale. Und der Ruhm! Ich muß diese Sachen in den Griff kriegen. Ja, ich bin ehrgeizig. Mich kann der Teufel nicht holen, weil ich an ihn nicht glaube. Teufel gibt's nicht. Der Teufel ist nur mein Schatten, nur mich gibt es und dich.

RITA
Laß mich, ich habe noch keine Lust.

KOVÁCS
Es ist schwierig mit dir. Warum ich gerade dich erwischt habe? Warum, weil du mir gefällst. Wärst du nur manchmal nicht so quengelig.

RITA
Was für schöne Blumen hier für Julia wachsen! Ich mag Blumen sehr. (Sie guckt in einen Blumenstrauß hinein.) Wie schön ist das Leben!

KOVÁCS
Meine Geliebte ist eine Blume, die mich umschlingt.

RITA
Kornblume, das ist blau... Rose, das ist rot. Rot-blau, das ist Paris. (Sie klatscht vor Freude in die Hände) Paris! (Kapriziös) Ich bin meinem Bräutigam treu...

KOVÁCS
Das kenne ich. Mädchen, die ihrem Bräutigam treu sind, haben andere Augen. Ganz andere...

RITA
Du machst mich ganz schwach.


Im Lokal. In derselben Nacht. Zu zweit.

JULIA
(Beim Schminken) Kann sein, daß ich dein Lokal verlasse, Andi,

ANDI
Du? Aber natürlich. Du verläßt es. Du tust mir ja auch leid. Aber solche Mädchen bleiben meist nicht lange.

JULIA
Du solltest wenigstens ein bißchen um mich trauern!

ANDI
Richtig. Ja. Wo ist mein schwarzes Jackett? (Er blödelt, springt herum, grinst und schneidet Grimassen.)

JULIA
(Lacht)


Am selben Ort. Beinahe zur selben Zeit.

ANDI
(Lauscht aufgeregt) Hörst du? Schon wieder, schon wieder! Und da soll man keine Angst bekommen? Die da draußen... Wer sind die? Wer sind die?

JULIA
Entlassene Wehrpflichtige.

ANDI
Vielleicht... werdet ihr auch arbeitslos, ihr Halunken, haha.

JULIA
Jetzt wirst du sie los. Die werden hier nicht mehr herumtoben, wie letzte Woche.

ANDI
Den großen Spiegel haben sie mir zerbrochen, die Halunken... Wäre es nicht doch besser, hier wegzugehen? Was kann ich hier machen.. (Er späht) Aber wer kann schon seinem Herzen befehlen, Julia?

JULIA
AIso deshalb? Der Junge... Und er ahnt nichts, was? Aber sonst, hübsch, hübsch.

ANDI
Und wenn er das ist?


Zu Hause. In derselben Nacht.

KOVÁCS
Was hast du zu beweinen, was denn? Was dachtest du, wie lange ich das noch aushalte? Ali das, was du mit mir machst, du zickiges Luder!

JULIA
Rita! Und gerade mit dir...

RITA
Was soll ich sagen?

JULIA
Nichts.

KOVÁCS
So ist das. Nichts. Wie könnte ich mich einen Mann nennen, wenn ich Julia Rechenschaft ablegen müßte. So einer...

JULIA
Mein Gott! Glaube mir, ich kann nicht mehr.

KOVÁCS
Weine nur, wie immer.

JULIA
Ich habe dich geliebt, du mieser Schuft

KOVÁCS
Du muß mich auch lieben, das bist du mir schuldig. Bis zum letzten Atemzug, das ist deine Pflicht.

RITA
Warum tust du so, als hättest du nichts geahnt?

JULIA
Habe ich geahnt, immer geahnt. Sogar gewußt. Natürlich nicht, daß gerade mit dir... eh, egal.

RITA
Du hättest auch aufpassen müssen... wie hätte ich länger widerstehen können. Dieser Strizzi ist schuld daran.

KOVÁCS
Paß auf deinen Mund auf.

RITA
Ich würde das nicht einmal meinem Feind nochmal wünschen... meinst du, mir macht das so Spaß Von dir bin ich gründlich geheilt, aber für immer.

KOVÁCS
Halts Maul, du Luder. Hau ab!

RITA
Schmeißt du mich raus? Schau mir in die Augen, oder kannst du das nicht? Paß sehr gut auf, deine Augen verraten dich. Mit den Frauen wie ein Fuhrmann... Hast du vielleicht Probleme, mein Junge?

KOVÁCS
Mach, daß du rauskommst. Hier bist du nicht gefragt. Und paß auf ich mag nicht, wenn die Augen einer Frau so funkeln.

RITA
(zu Julia) Und du? Du schweigst nur, du Armes... und du hast mir noch Leid getan.

JULIA
Laßt mich in Ruhe, ich bitte euch!

RITA
(Zu Julia) Worauf wartest du noch? Komm, geh mit...

JULIA
(Dunkel) Verschwinde hier.

RITA
Du kannst mich gern haben! Blöde Kuh! (Sie schlägt die Tür zu)


Am selben Ort. Später. Zu zweit.

KOVÁCS
(Im Bett liegend wirft er, wie immer, sein Messer in die Tür)

JULIA
Das Maß ist voll, du Dreckskerl.

KOVÁCS
(Leise) Julia, ja, Julia. Immer nur sie. Julia und ihre Blumen. Julia und ihr Leutnant. Du glaubst immer noch, daß alles zu kaufen ist. Ich bin dein Hund, ja? Der Hund ist traurig, denn sein Frauchen schaut den ganzen Tag gar nicht nach ihm. Sie läuft nach ihrem Geld. Sie geht in Gesellschaften. Macht Programme mit ihren Freundinnen. Wie schwänzelt der Hund, Julchen? Er kriecht seiner Herrin zu Füßen. Was verlangt der Hund? Er begnügt sich mit allem. Ich bin ein Hund. Du bist aus Versehen mit mir zusammen, du bedauerst es von Anfang an. Sicher ist das bedrückend, wenn jemand den ganzen Tag auf dich wartet und du hast keine Lust, nach Hause zu gehen. (Unschuldig) Hast du mich satt? Lassen wir uns scheiden...

JULIA
(Wirft ein Glas auf ihn) Du Dreckskerl, du eingebildeter Strizzi!

KOVÁCS
(Springt beiseite) Nanu, was ist denn los! Sieh mal, die Puppe ist zum Leben erwacht. Eine Freude zu sehen, daß in dem geflickten Herz Blut fließt und nicht Sägemehl. Meine Damen! Meine Herren! Ist diese Frau hier doch nicht so dumm wie Bohnenstroh? Nicht nur ein schönes leeres Köpfchen... Sieh mal! Haben die schönen Worte und der Unterricht doch gewirkt? (Julia auf dem Boden. Er hebt ihren Kopf an den Haaren, nicht gerade zärtlich. Er flüstert lieb) Sag, willst du dich noch trennen?

JULIA
(Fließt die Schminke am Gesicht runter) Ich bin so allein.

(Kovács läßt sich neben ihr herunter und trocknet ihr das Gesich ab. Sie weint noch immer.)


Im Lokal. Nachmittag. Zu zweit.

(Ersatzszene)

JUNGE
Ja?

KEGLEVICH
Ich suche den Kovács, den Exleutnant.

JUNGE
Den Mann von Julia... Gestern hat er diese Medaille vom Hals gerissen und hingeschmissen. Wenn ich die Julia sehe, gebe ich sie ihr zurück.

KEGLEVICH
Also mit der Jungfrau bezahlt, was? Er kann sehr wild sein. Ich gebe sie ihm schon.

JUNGE
Mich geht es gar nichts an, wer wie ist. Jeder hat seine eigenen Probleme. Eine schmutzige Sache, was? Da kommt er übrigens. (Ab)

KEGLEVICH
(Spielt mit der Kette in der Hand.) Ein frühreifes Gesicht. Das wird ein häßliches Alter oder ein Frühtoter.


Am selben Ort. Später. Zu zweit.

KOVÁCS
Hier ist es so verdächtig still, da man Lust bekommt, mal richtig laut zu schreien.

KEGLEVICH
Du hast es gestern hier vergessen.

KOVÁCS
Eh! Egal, wohin ich gehe. Ich habe nicht mal Lust, mich hinzusetzen.

KEGLEVICH
Ich hab mir fest vorgenommen, mit dir zu sprechen.

KOVÁCS
Aber ich spreche nicht mit dir.

KEGLEVICH
Sondern mit wem? Eh! He, Kleiner! Kellner! Wo ist er denn? Stumm oder gestorben?

KOVÁCS
Betrunkene werden wohl nicht bedient. Aber wer von uns beiden ist betrunken? Warm ist es hier, verdammt, mir fließt der Schweiß nur so runter, man wird verrückt bei dieser Hitze.

KEGLEVICH
Es ist eher kalt. Du wirst vom Teufel geritten, das sehe ich. Du bewegst dich auf Eis, Kovács.

KOVÁCS
Ich vertraue nur dir! Wenn du mich belügst...!

KEGLEVICH
Deine Julia sollst du umarmen.

KOVÁCS
Eine hinterhältige Nutte, erinnere mich bloß nicht an sie. Du beleidigst mich, wenn du Julia sagst.

KEGLEVICH
(Spielt mit der Kette in der Hand) Ein schönes Mädchen, sehr schön. Die könntest du mir in deinem Testament vermachen.

KOVÁCS
Eine Hure, eine Nutte! Ich kenne sie außen und innen. Wenn ich will, sie geht auch mit dir weg. Wenn ich will, wird das so.

KEGLEVICH
Ich gehe nach Hause, und du tust mir leid.

KOVÁCS
Ich kenne sie bis auf die Knochen. Sie tut, was ich ihr sage, sonst. Was lachst du, he?

KEGLEVICH
Was du alles sagst, Mensch!

KOVÁCS
(Mit gedämpfter Stimme) Es ist so, wie ich sage.

KEGLEVICH
Ich werde mich dann vorher umziehen.

KOVÁCS
Wer sie auch sieht, sagt: So eine sollte mir der Arzt mal verordnen. Denn es ist klar. Sie blendet wie die Sonne.

KEGLEVICH
Sag mal, was hast du denn in letzter Zeit? Du quatschst nur, Kovács, du quatschst nur. Reiß dich doch zusammen.

KOVÁCS
Schwamm drüber, trinken wir! Es leben die Frauen! Es leben die kleinen Nutten! (Stockend) Ich habe Angst, ich werde verschwinden und von mir bleibt nichts zurück. Wird man sich an mich erinnern?

KEGLEVICH
Wie deine Brüder, was? (Er zuckt die Achsel) Da gibt's keinen Garantieschein. (Er wendet sich ab.)


Im Lokal. Nacht. Unter Gästen. Wie ein Traum.

(Ersatzszene)

OBERST
Treffe ich Sie schon wieder? Warum sehen Sie mich so dunkel an, Kovács?

KOVÁCS
Herr Oberst, ich... ich will nur sagen...

OBERST
Also los! (Alle klatschen und lachen)

KOVÁCS
(Leidend) Ich habe nichts zu sagen.

OBERST
Haben Sie das gehört? Haben Sie das gehört? Das ist wirklich geistreich! (ihm wird geklatscht.)

RITA
(Tut er leid) Geh weg hier, armer Teufel, du hast hier nichts verloren.

KOVÁCS
Bist schon wieder betrunken.

RITA
Was geht das dich an?

OBERST
Haben Sie gehört? Sie sagte: "Was geht das dich an?", haha! "Was geht das dich an?" Bravo! (ihr wird geklatscht)


Zu Hause. Nacht. Zu zweit.

KOVÁCS
Wir wissen alle, wer du bist. Du bist eine niederträchtige Nutte. Eine unverschämte Nutte! Sie hat mit dem Oberst geschlafen, mit dem Herrn Major, stimmt's, meine Süße? Wir wissen alle, wer du bist.

JULIA
Ich habe Angst vor dir, versteh mich.

KOVÁCS
Du hast mir Schande gebracht, Schande! Ist das eine verzeihliche Sünde?

JULIA
Du warst heute wieder lange weg... Haben sie dich vollgequatscht.

KOVÁCS
Schönes Gesicht, Puppengesicht... ich werde dir noch die Hurerei abgewöhnen. Man soll ehrlich sein, erbarmungslos ehrlich. (Er keucht gepeinigt) Denn unsere Liebe... baut darauf. Du liebst mich, ich liebe dich, deshalb ist nichts teuer. Du hast schlechtes Blut, sehr schlechtes, der Teufel der Buhlschaft ist in dich gefahren, wie könnte ich dich denn heilen? Ich muß dich zeichnen, paßt auf Leute, paßt auf dieses Mädchen ist der Teufel, ihre Schenkel versengen einen.

JULIA
Ich bitte dich, schlage mich nicht, ich flehe dich an. Bitte, bitte.

KOVÁCS
Soll ich dir vielleicht diese Kippe unter dem Auge ausdrücken? Schönes Gesicht, Puppengesicht.. ja, das wird gut sein. (Er raucht) Was für eine Idee, was für eine Idee! Ich kämpfe mit dem allerschlimmsten Teufel. Irrlicht.. in deinen Augen, es wird schön, es wird gut, es wird alles in Ordnung sein. Weine nicht, weine nicht, ich liebe dich, weil du das?

JULIA
Bitte...

KOVÁCS
Was flüsterst du? Was? Ich habe dich was gefragt, antworte mir, wußtest du, daß ich dich liebe? Daß ich dich... so liebe?

JULIA
Was konnte ich an dir lieben, was, verdammt, wer versteht das? Unbedeutend, alles unbedeutend, alles ungültig, alles Lüge, alle Werbungen, alle Schmeicheleien, alle Versprechungen, alles Lüge. Habe ich darauf gewartet, ist das die Zukunft? Wie schön alles war, meine Güte, wie schön! Aber das ist alles nur Erinnerung, was? Ich ersticke von den Erinnerungen, ich kann nicht mehr. Ich fange an zu zittern, wenn du das Zimmer betrittst, vor Begierde nach dir, und dann siehst du mich an und ich sage, ich verlasse dich doch, dann wird mir eng ums Herz, und nachts weine ich unseretwegen. Ich bin betrunken, ich bin verrückt, wie soll es weitergehen?

KOVÁCS
Zu spät. Keine Wahl mehr. Keine Zeit. Wozu die Zukunft erleben? Wozu? Die soll nur Traum bleiben, nicht wahr?

JULIA
Warum hast du mich verwöhnt? Warum hast du mich geliebt? Ich bin schwanger. Wolltest du es nicht? Ich gebe dir ein Kind, obwohl du jetzt ein Niemand bist, ein böser, niederträchtiger Mensch. Warst du überhaupt je anders? Und es wird mit jedem Tag nur noch schlimmer, ich kann nichts Besseres erwarten. Die Zukunft ist wie ein beißender Hund, ich fürchte mich so sehr. Ich habe mir schon die Augen ausgeweint, aber sag mal, bist du soviel wert?

KOVÁCS
Red nur auf mich ein, und es kommt alles in Ordnung. Schmeichele nur, wie es deine Art ist. Vertrau mir ruhig, mein Weibchen. (Er stößt sie weg.) Du Frosch! Ich bin betrunken. Geh, oder ich mache dir deine schöne Fratze kaputt.


Am selben Ort. Zur selben Zeit. Zu zweit.

KOVÁCS
Man sagt, ich würde das Gesicht verzerren, wenn ich lächle. Mein Herz schlägt in diesem Lächeln. (Er lacht) Man sagt, ich sei böse. Wer weiß, ob es wirklich so ist. Wer weiß he? Ich bin gut...

JULIA
Jesus, wann ist diese Nacht endlich zu Ende? Wenn drüben der Rolladen hochgezogen wird, und der Morgen dann...

KOVÁCS
Was quatschst du, he? Was? Den ganzen Tag muß ich das anhören. Siehst du, was das ist? Wie ein Schmuckstück, wie kalt! Der Hauch ist eine Hure, er läßt Schweiß darauf zurück. Meine Pistole, meine Schöne, meine kleine Liebste...

JULIA
Du hättest sie doch abgeben müssen, nicht?

KOVÁCS
Müssen, nicht hätte müssen... vielleicht gebe ich sie ab, wer weiß? Haha, wer weiß? Nanu? (Er flüstert) Du hast doch keine Angst vor mir?

JULIA
Nein... doch ja. Leg sie weg. Komm, leg dich neben mich, bitte.

KOVÁCS
Haha, die geile Hündin! Ein verführerischer Teufel. Ich bin mein eigener Herr. Wer befiehlt mir? Nur ich selbst. (Er schreit) Du hast mich an der Nase herumgeführt.

JULIA
Wovon redest du?

KOVÁCS
(Grinst) Jede will nur eins, nur eins. Jede will nur herrschen, leiten, reinlegen jede wartet nur darauf. Mich aber nicht. Haha, mich nicht. Dein Körper ist heiss, deine Haut brennt, darf ich dich noch umarmen?

JULIA
Spiel nicht mit mir.

KOVÁCS
Brennende Hand, du machst Feuer. Blaue Adern, wie blau.

JULIA
Tu das weg, ich habe Angst davor.

KOVÁCS
Die ist das beste Waschmittel. Die reinigt jeden Fleck auf der Ehre. Ich soll nicht spielen. Spiel du. Ich nehme das Magazin raus, siehst du, so macht man das.. Dein Leben ist sowieso nichts wert, kein Leben ist was wert. Im Lauf ist vielleicht noch eine Kugel geblieben, wer weiß. (Er schießt auf Julia, die Pistole knallt leer. Er lacht.)

JULIA
Mir ist übel. Ich werde deinen Morgen nicht mehr sehen, Jesus.

KOVÁCS
Die Zeitungen... werden schreiben... ein betrunkener Offizier reinigte seine Pistole.

JULIA
(Flüstert) Jesus hilf mir.

KOVÁCS
Reinigte seine Pistole. (Er lacht)

JULIA
Wie blaß du bist. Dein Gesicht ist so weiß.

KOVÁCS
Reiz mich nicht, reiz mich nicht.

JULIA
Hilfe, mich verläßt die Kraft, hilfe.

KOVÁCS
Mir ist der Hals ausgetrocknet. Mit wem flüsterst du hier? Du unterhälst mich zum letzten Mal.

JULIA
Hilf, großer Gott.

KOVÁCS
Du bringst mich in Wut, paß auf. Wer weiß, ob ich für mich garantieren kann, wenn du mich so in Wut bringst. Wie kannst du wagen, mich so anzusehen, he?

JULIA
(wimmert) Habe eingepinkelt.

KOVÁCS
Ich hasse dich schon seit langem! Seit wann ich mich schon zurückhalte, mein lieber Gott. Tag für Tag machst du mich nur wütend...

JULIA
Nicht, warte, um Gottes willen, hilfe!

KOVÁCS
(Zittert der Mund) Wie lange ich dich schon hasse, mein lieber Gott. Begreifst, da es aus ist für dich? Ist deine Seele wirklich rein? (Er schießt mehrmals auf sie.)

JULIA
(wimmert) Hilfe, mein Gott.

KOVÁCS
Du muß sterben, verstehst du endlich? Dir schäumt der Mund, blutiger Schaum... was wimmerst du, verstehst du mich? Du muß sterben, es muß so sein, du Hure, du letzte Hure, ich will nur, daß du mich verstehst. Kannst du das nicht? Wie kann ich die vernünftige Seele in dir erreichen, Julia, ist sie schon ausgelöscht vielleicht? Soll ich schreien? Noch lauter? Immer noch lauter? Julia, Julia! Hast du mich verstanden oder stirbst du dumm wie ein Vieh? Anima animalis, dummes Weib, krepiere nur, ich habe Ekel vor dir, du bist gestorben, bevor du mich verstanden hast. Ich hasse dich, ich hasse dich, du bist eine Mißgeburt. Blaues Blut, rotes Blut, pulsierender Bach, ein tröpfelnder Purpurhaufen, schaumiges Blut, wer wird diesen Dreck hier aufwischen? Mein lieber Gott, was wird jetzt?

Ende