Ákos Német
Müllers Tänzer
Drama in zwei Teilen
Originaltitel: Müller táncosai
Aus dem Ungarischen von Mária Mayer-Szilágyi und Alexander Stillmark
Die Uraufführung des Werkes fand am 20. November 1992
am Katona-József-Theater/Kamra
PERSONEN
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Feri Horváth |
I. Teil
In der Vorstadt
BARON
Hast du noch Zigaretten?
HORVÁTH
starrt in die Flamme eines Streichholzes Bruder, alles ist vorbei. Raff zusammen, was du kriegen kannst, und dann nichts wie weg! Jetzt ist das Flämmchen verglüht.
Baron sieht ihn stumm an. Horváth zeichnet etwas mit dem rußigen Streichholz auf seine Handoberfläche.
HORVÁTH
Ich habe mir einiges davon versprochen. Und wenn auch der Himmel ein Bogen weißes Papier wäre!... Ich würde jeden Treueschwur darauf schreiben.
Baron lächelt kühl.
HORVÁTH
Gib den Stein her. Er wirft. Scheibenklirren - wie es in der Nacht schallt und dröhnt!
BARON
ruhig Gib endlich Ruhe.
HORVÁTH
Hast du nicht einen kalten Rücken an der Wand? Ich leg mich auf den Rücken. Wenn jetzt hier ein Penner in deinen Kleidern vor dir stände, da würdest du dich aber wundern...
In der Stehkneipe
HORVÁTH
Mensch... mein Herz schlägt wie ein Kavallerieregiment... Nur reine Herzen schlagen so.
BARON
Wir sollten endlich hier abhauen, sonst werden wir alle noch verrückt. Was sagst du der Rita, warum du so spät nach Hause kommst ?
HORVÁTH
Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Sie kann ja auch gehen. Du und ich, wir sind nur diesem Mistkerl Rechenschaft schuldig... Glaubst du an ihn?
BARON
Ich bestelle dir einen Kaffee. Eine beschissene Bude. Ich wette, in einigen Wochen sind wir hier schon Alteingesessene. Manchmal kann man sich gar nicht an einem anderen Ort vorstellen, als wohin man gerade zufällig geraten ist.
HORVÁTH
Hörst du? Da laufen welche auf der Straße. Wer sind die, und warum laufen sie? Das ist wie in einem Aquarium. Ich begreife es nicht mehr, was aus allem hier geworden ist. Auch die Rita...
BARON
Man müßte irgendeine große Sauerei machen. Damit man mich sieht... Haha, die würden sich bescheißen!
HORVÁTH
Vielleicht sollten wir Katholiken werden. Die haben so eine Stütze... Kennst du seine Geschichte?
BARON
Das Evangelium?
In der Wohnung der Gruppe
HORVÁTH
lehnt am offenen Fenster Wie der Kies am Blech runterrollt. Er läßt Kies herunterrollen. Wenn ich meine Erinnerungen auch so loswerden könnte. Gott mit euch! Adieu! Würde ich sagen. Gott segne euch! Mit Gottes Segen!
RITA
kommt herein Von wem verabschiedest du dich?
HORVÁTH
Ist der Baron gegangen?
RITA
Du belauerst ständig die Straße.
HORVÁTH
Hast du Essen gemacht?
RITA
Wo wart ihr eigentlich... schon wieder? Ihr habt ihn gesucht, stimmt's?
HORVÁTH
Gesucht? Wen?
RITA
Na, über wen reden wir denn?
HORVÁTH
Und als Erika auf dem Bahnhof auf ihn wartete! Und wie lange! Er hat Andi geschrieben, wann er ankommt.
RITA
Er hat gelogen.
HORVÁTH
liebevoll Wenn er lügt, dann lüge ich auch.
RITA
Leiser, Jutka schläft da drinnen.
HORVÁTH
Endlich ist man zuhause, und was erwartet einen?
RITA
Du kommst doch hier nicht nach Hause.
HORVÁTH
Sondern? Wohin?
RITA
Hast du vergessen, wo wir sind?
HORVÁTH
Die Jahreszeiten spielen verrückt. Mal regnet es, mal scheint die Sonne... Wenn ich nicht wüßte, welchen Monat wir haben, würde ich es nicht glauben.
RITA
Was lachst du?
HORVÁTH
Der Baron würde fragen, welchen Monat hat man denn? Dich kann man mit sowas natürlich nicht überraschen. Du behältst alles im Blick, die Wochen, die Monate, auch das Geld ...alles, nicht wahr, schöner Engel meines Herzens?
RITA
Lach nur.
Pause.
HORVÁTH
Wie schön du heute bist! Wie eine Ikone. Wenn ich ein Maler wäre...! Bösartig grinsend. Ich würde dich als die verschlafene Madonna mit dem langen Hals malen. Du würdest lange Hände haben, auch dein Blick wäre so lang, du könntest deine Wimperntusche wegschmeißen. Eine gotische Jungfrau Maria aus dem Zeitalter des Niedergangs, mit grünen Augen. Liebst du Greco?
RITA
Ich liebe dich.
HORVÁTH
hört ihr nicht zu Hörst du? Was ist das für Musik?
RITA
Gestern habe ich von uns geträumt.
HORVÁTH
Was ist das? Was ist das? Kaum zu hören. Alles quält einen.
RITA
Im Traum hast du mich geschlagen. Was für ein Traum!
HORVÁTH
Was für eine Gegend!
RITA
Man sollte den Briefträger abpassen. Wahrscheinlich hat er Angst vor euch, er meidet unser liebes Nest.
HORVÁTH
Der hat keine Angst, es gibt bloß nichts, was er bringen könnte.
RITA
Hauen wir hier ab. Fliehen wir! Ich weiß schon seit Tagen, daß der Müller alles hier endgültig verlassen hat. Er wird auch kein Telegramm schicken, daß er irgendwo auf uns wartet.
HORVÁTH
Woher weißt du das?
RITA
Ich spüre es.
HORVÁTH
Das ist zu wenig. Er muß uns doch aus der Scheiße ziehen.
RITA
Die beiden Jungs werden bald abhauen.
HORVÁTH
Glaubst du?
RITA
Das sieht doch ein Blinder.
HORVÁTH
Sie haben nichts, wohin sie gehen könnten.
RITA
Ich bitte dich, wir sollten hier auch abhauen...
HORVÁTH
Und was für eine Produktion könnten wir rausbringen? Wovon würden wir leben?
RITA
Heute in einer Woche läuft die Miete der Wohnung aus. Müller wird uns kein Geld schicken, bisher hat er noch von nirgendwo Geld geschickt. Wenn ich darüber nachdenke, muß er jetzt eigentlich in West-Berlin sein...
HORVÁTH
Es gibt kein West-Berlin mehr. Jetzt.
RITA
Das Problem mit uns ist...
HORVÁTH
Ja?
Edit kommt herein.
EDIT
Guten Tag.
HORVÁTH
Tag. Ach, Sie, Edit, nanu? Herzlich willkommen im Armesünderhaus.
RITA
Grüß dich.
EDIT
Schön bist du geworden, Mädchen.
RITA
Siehst du, über uns wirst du auch keine Kritiken mehr schreiben. So wie es aussieht, ist es vorbei mit unserer Gruppe.
EDIT
Seid ihr pleite? Ich kann euch nicht helfen. Schöne neue Welt, aber ich kann nicht helfen.
HORVÁTH
Bedauern Sie es nicht, Sie sind uns nicht verpflichtet. Edit, Sie sind Tanzkritikerin, Sie werden sich zurechtfinden, komme, was da will. Sie werden auch unseren Fall erklären können.
EDIT
Jetzt machen Sie sich lustig über mich. Das tut weh. Sie tun mir wirklich leid.
HORVÁTH
Das nützt mir nichts. Geben Sie mir eine Viertelmillion, damit ich unsere Schulden bezahlen kann. Nur die drängendsten.
EDIT
Vielleicht sollten Sie weg von Budapest.
HORVÁTH
Es ist doch gut hier. Wir vergammeln hier wie eine Beute, zwischen den vier Wänden, nur daß man sich nicht so bedrückend allein fühlt. Ich rede fast wie ein Dichter, finden Sie nicht? Ach, ich quatsche Blödsinn. Aber bitte, wie soll ein Solotänzer reden? Ich würde sogar meine Memoiren schreiben, wenn es jemanden interessieren würde! Das schwöre ich Ihnen.
EDIT
Sie sind so naiv, daß es mir schon wieder gefällt. Die Unschuld hat viele Gesichter.
HORVÁTH
Sie rauchen zu viel, ich höre es an Ihrer Stimme. Wie alt sind Sie eigentlich? Ich schätze an die vierzig. Das Halbdunkel ist gut für Sie, da wirken Sie noch anziehender. Allein Ihre Stimme!
EDIT
Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, daß Sie unverschämt sind?
HORVÁTH
Und wissen Sie, daß es mich nervt, wie Sie lächeln? Freundlichkeit paßt irgendwie nicht zu Ihnen.
EDIT
Sie sind mir böse.
HORVÁTH
Gott behüte!
EDIT
Doch doch. Und Sie haben auch allen Grund dazu.
HORVÁTH
Lächeln Sie nicht so, ich steche Sie noch ab.
RITA
Ich bitte dich! Hört endlich auf. Mir tut der Kopf sehr sehr weh.
HORVÁTH
Ja, jammer nur. Ab.
RITA
Ich setze einen Kaffee auf. Sie geht hinaus.
ERIKA
kommt herein Du bist da?
EDIT
Grüß dich, Erika.
ERIKA
Bist du wegen mir gekommen?
EDIT
Mehr als bedrückend, die Stimmung bei euch.
ERIKA
Hoffentlich bringt dich das nicht in Verlegenheit. Halte dich bloß nicht zurück.
EDIT
Sie reden über mich.
ERIKA
spöttisch So ist es.
EDIT
Sie quatschen dir die Ohren voll. Wie können sie es wagen, den Mund aufzumachen! Aasgeier!
ERIKA
Bist du krank?
EDIT
Und wenn sie den Mund aufmachen, siehst du ihre Därme, alles wollen sie fressen. Die Liebe... Sie ekeln mich an.
ERIKA
Die Liebe? Also von dir kriege ich bestimmt kein Kind, das ist sicher.
EDIT
Ich weiß, du bist dir absolut darüber im klaren, was du mir bedeutest.
ERIKA
Bin ich schön?
EDIT
Ich frage mich immer... Klar, daß ich hierher komme, was soll ich sonst tun?
ERIKA
Du stotterst?
EDIT
Lach mich bitte nicht aus.
ERIKA
Ich habe dich satt.
EDIT
Bitte! Ich bitte dich!
ERIKA
Es reicht.
EDIT
Wie kannst du so...
ERIKA
Möchtest du mit mir schlafen?
EDIT
Daß du so ordinär sein kannst!
ERIKA
Du bist doch nur deswegen in mich verliebt!
EDIT
Lach mich nicht aus.
ERIKA
Natürlich, jetzt fängst du an zu zittern. Pause. Du winselst auf deinem Stuhl wie ein geprügelter Hund. Du wartest auf mein Streicheln. Soll ich mich vorher waschen?
Edit trocknet sich die Tränen ab, lächelt.
ERIKA
Liebst du mich?
EDIT
Du kleine Bestie. Hast du vergessen, was du mir verdankst?
Erika geht lachend raus und schlägt die Tür hinter sich zu.
EDIT
Sie hat abgeschlossen... Mein Gott, und ich belausche sie schon durch das Schlüsselloch... Mach bitte auf, bitte, mach auf... Mein Gott, ob sie mich hört? Ich habe keine Stimme mehr... Mein Hals ist so trocken, als ob... Wie warm es hier ist! Mach auf, ich flehe dich an. Ich erkläre dir alles. Sie heult, überpudert hastig die Spuren ihrer Tränen, ab.
Jutka kommt verschlafen herein.
ERIKA
kommt zurück Ist sie weg?
JUTKA
Ich habe gehört, wie sie hier an der Tür rumgekratzt hat wie eine Katze.
ERIKA
Eure Meinung ist mir scheißegal. Sie schminkt sich vor dem großen Spiegel. Hast du dich ausgeschlafen?
JUTKA
Wenn ich tief schlafe, erschrecke ich oft beim Wachwerden. Im Schlaf ist man schutzlos. Man denkt an nichts... Und was ist, wenn man nicht mehr zurückkehren kann? Du verlierst dein Selbstbewußtsein...
ERIKA
Ich haue ab, ja. Auch wenn du mich nicht gefragt hast, ich weiß, daß du es weißt. Du fühlst dich hier von allem abgeschnitten. Irgendetwas Wesentliches entgeht dir hier. Ich bin nicht mehr siebzehn... Pause. Wenn ich deine Tante wäre, würde ich es nicht zulassen, daß du so viel schläfst. Geh zurück zu ihr, du bist noch zu jung. Sie hat dich bisher großgezogen, sie wird dir auch weiterhin Geld geben. Du tust einfach so, als wäre nichts passiert.
JUTKA
für sich, als würde sie träumen Als ich ein Kind war, kam es mir oft so vor, als ob sie ein schrecklicher Vogel ist. Nachts beugt sie sich über mich...
ERIKA
Wie sehe ich heute aus?
JUTKA
verschlafen Vielleicht sollte ich sie töten.
ERIKA
Du bist und bleibst ein Kind.
JUTKA
lehnt sich auf dem Bett zurück, schließt die Augen Ich werde auch von hier weggehen.
ERIKA
Wirklich: ich sehe sehr gut aus. Meine Schwester hat vor zwei Jahren ein Kind geboren. Wie ihre Brüste jetzt hängen! Ich habe, Gott sei Dank, noch eine gute Figur. Du lieber Gott, was würde ich machen, wenn ich die nicht mal hätte. Lieber Gott. Pause Erst wenn du in den Spiegel siehst, begreifst du, daß du wirklich bist.
JUTKA
Du bist gläubig, nicht wahr?
ERIKA
Seit wann interessiert dich sowas?
Pause.
JUTKA
Laß mich schlafen.
Erika zuckt die Achseln, ab. Baron kommt herein, sucht in den Schubladen. Er setzt sich neben Jutka und küßt sie.
JUTKA
öffnet die Augen Müller...
BARON
Hast du geschlafen?
JUTKA
Ich habe nur nachgedacht. Pause. Ich bin schon berühmt, nach zehn Jahren. Wir leben hier eingesperrt wie in einer Schachtel. Hier ist nur Platz für Theorien.
BARON
Willst du auch weg?
JUTKA
Weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts. Meine Gefühle... eine Katze zwischen den Tauben. Wer zum Teufel weiß, was morgen passiert? Pause. Vielleicht gehen wir alle von hier weg...
BARON
nicht sofort In letzter Zeit denke ich nur an Müller, immer nur an ihn. Was er jetzt wohl macht? Woran er denkt?
Rita kommt mit Horváth.
RITA
Stellt euch vor, ich bin rausgegangen, um einen Kaffee aufzusetzen und habe vergessen, das Gas anzuzünden.
BARON
Du siehst müde aus.
RITA
Ich habe auch nicht geschlafen in der Nacht. Es war so, daß... ach, was soll's. Sag mal, Baron, ist die Edit Kass gegangen?
BARON
War sie hier?
HORVÁTH
Wann ist sie nicht da?
JUTKA
Es läutet. Hier ist eine Kirche in der Nähe.
HORVÁTH
Meine Uhr geht nach.
BARON
Das Glockenläuten, das ist eine moralische Angelegenheit. Als Kinder sind wir immer in den Turm hinaufgeklettert. Erinnerst du dich, Jutka? Man hat das Gefühl, als wäre man betrunken. Wie gewaltig die Glocken tönten! Als hätte sich alles in betrunkene Luft verwandelt, um zu beben, um zu schwingen... Die Glocke! Die Stimme in der Kehle Gottes. Man bekommt Lust, zu purer Luft zu verdunsten!
RITA
Es gibt noch Kaffee. Willst du?
JUTKA
Was zum Teufel soll aus uns werden?
HORVÁTH
Ich kann nicht auf dem Wasser gehen, und ich kann nicht unter euch Brot verteilen. Der das könnte, ist nicht mehr da. Ich bin wahrscheinlich zu gar nichts fähig.
JUTKA
Glaube ich auch.
HORVÁTH
Ich habe entschieden. Endgültig entschieden: Wir verkaufen alles, was wir noch haben, Kostüme, den Laster, alles. Von jetzt an lebt jeder, wie er kann. Ihr bekommt auch noch etwas Geld dazu, jeder etwas und dann Adieu.
Erika lehnt an der Tür, Andi steht neben ihr.
ERIKA
Gestern hast du noch anders gesprochen.
HORVÁTH
Wir lügen alle, oder? Schluß mit den Erinnerungen, ich scheiß darauf. Ich habe mein Herz hingegeben, meine Seele hingegeben, vor euch allen hier mein Herzblut vergossen, aber jetzt halte ich es nicht mehr aus. Vor drei Wochen hatten wir unsere letzte Vorstellung, und sie hat niemanden interessiert. Selbst euch nicht. Jetzt ist es endgültig aus.
ANDI
Und jetzt? Wie geht's jetzt weiter?
HORVÁTH
Ihn hat jeder geliebt, mich liebt niemand. Auch die Jutka... Kaum zu glauben, wie ein so kleines Mädchen lieben kann, und wie sie verachten kann. Wer hätte gedacht, daß wir diesen Betrüger alle so sehr lieben? Er ist an dem Versuch gescheitert, mit uns die Welt zu erlösen. Die Ernüchterung ist eine herzzerreißende Sache... Ein auseinandergejagter Schwarm Spatzen, wir schauen alle nur, wo wir ein bißchen Nestwärme finden können. Wenn...
ANDI
Ich will hier nicht weggehen. Es kommt alles in Ordnung. Ich spüre es, ich spüre es. Ich kann's mir nicht anders vorstellen.
HORVÁTH
Ja, wenn ich ihn jetzt sehen könnte... Er hat uns gedemütigt. Wenn ich ihn nur für einen Moment sehen könnte... Er massiert sich die Schläfen.
ANDI
für sich Ich will kein Magengeschwür.
HORVÁTH
Unsere Familie... Die Familie ist ein finsteres Ding, ein nächtliches Ding. Auch die Leichen zerfallen im Dunkeln. Jeder zittertvor Haß. Woher nehmt ihr die Kraft, so zu zittern? Was ihr bekommt, wird nicht viel sein. Und es kommt nichts in Ordnung.
BARON
reißt die Fenster auf Ein Sturmwind tobt auf einmal! Wir bekommen Besuch, den Gevatter Wind. Er geht um das Haus herum wie ein Hirtenhund. Krachbumm, hörst du, Bruder? Schade, daß man nicht einen Körper aus Türen und Fenstern hat, daß der Wind einmal alles ausfegt!
HORVÁTH
Was wollt ihr noch von mir, he?
RITA
Baron!
BARON
Die vagabundierenden Seelen begeben sich jetzt auf Wanderschaft, es ist Zeit, daß wir auf Tournee gehen.
ERIKA
Du, Horváth und ihr alle solltet euch was schämen.
ANDI
Man kann ja sein eigenes Wort nicht verstehen. Was für ein Gewitter!
RITA
Baron, das Fenster, bitte!
ANDI
Wo ist Hase?
HORVÁTH
Und was könnten wir tun?
ERIKA
Ich mache meine Karriere, und ihr könnt meinetwegen hier alle verrotten.
JUTKA
zu Horváth Warum, was willst du denn machen?
ANDI
Wenn er jetzt draußen ist, dann wird er bis auf die Haut naß.
JUTKA
Weißt du, was du bist?
HORVÁTH
Paß jetzt gut auf, was du sagst, du kleine Kröte.
RITA
am Fenster Laß mich, der Wind weht doch alles weg!
BARON
grinst Da! Da kommt er!
JUTKA
Ein eingebildeter Hohlkopf. Ein Niemand. Du hast mich verstanden, ja?
RITA
Laß mich ran, du Arsch.
ERIKA
Geld? Über welches Geld quatschst du, du Blödmann? Oder willst du vor den Gläubigern abhauen?
BARON
Willst du nicht das Fenster zumachen, he? Er lacht.
HASE
platzt herein, pudelnaß Meine Herren! Das Gewitter ist da!
Zu zweit
ANDI
Und die Rita? Und du?
HORVÁTH
Wir werden heiraten, ja. Ich habe beschlossen, glücklich zu sein, unbedingt. Ich werde mich nach nichts mehr sehnen, nur jeden Morgen in die Arbeit gehen... Wohin? Das ist egal. Begeistert. Ich werde stinknormal sein, einen grauen Anzug haben, drei Kinder und solide Schulden. Ich werde fernsehen. Pfui, Scheiße wird das sein! Gott sei Dank! Und ich werde glücklich sein!
ANDI
Was lachst du?
HORVÁTH
Ist das nicht ein Blödsinn?
ANDI
Du... liebst Rita?
HORVÁTH
Sehr. Sie ist die Frau meines Lebens, das mußt du wissen. Was ist los?
ANDI
Nichts. Bin ich blaß?
HORVÁTH
Ein bißchen.
ANDI
in den Spiegel Ja, ich glaube, ein wenig Bergluft würde mir guttun. Sie legt etwas rouge auf.
HORVÁTH
hört nicht zu Verdammt, wie glücklich ich sein werde!
ANDI
Besser?
HORVÁTH
Man sagt, ich bin eingebildet. Hochnäsig! Ja! Ich bin ekelhaft eingebildet! Verdammt nochmal, ich bin auch allen überlegen, oder? Ist es nicht so?
ANDI
Hör zu.
HORVÁTH
Oder vielleicht nicht, he?
ANDI
Wie gefällt dir mein Haar so?
HORVÁTH
Und das hat Gründe! Wer könnte sich denn mit mir vergleichen? Wer wäre... ja! Würdig?
ANDI
Du hörst mir gar nicht zu.
HORVÁTH
Ist es denn möglich, daß jemand so sehr auf alle anderen scheißt?
ANDI
starrt durch das Fenster hinaus Kann es sein, daß die anderen schon gegangen sind?
HORVÁTH
Vielleicht ist es doch möglich?
ANDI
dreht sich um Ich verstehe dich nicht.
HORVÁTH
Scheiße, ich habe dich was gefragt!
ANDI
unschuldig Gefalle ich dir nicht?
HORVÁTH
Dieser Maupassant war so alt wie ich, als seine ererbte Syphilis ausbrach. Er glaubte, er würde erblinden, schreckliche Anfälle quälten ihn. Er hat sich die Kehle durchgeschnitten, wurde aber gerettet und kam ins Irrenhaus. Auf allen vieren ist er gekrochen und hat seine eigene Scheiße gefressen. Zuletzt hat er geschrieben: aus Herrn Maupassant wurde ein Tier, voilà.
Andi küßt Horváth.
HORVÁTH
Wir tun nichts ungestraft.
ANDI
Und Rita?
HORVÁTH
verwundert Ich liebe sie doch! Wo sind die denn?
Horváth und Andi küssen sich.
Am selben Ort, zu zweit
BARON
Hier riecht es nach Frau!
HASE
Weißt du, wo die Erika schon seit zwei Wochen arbeitet?
BARON
Und wir sitzen hier in der Kacke.
HASE
Kennst du das Lokal in der Herczeg Straße? Da.
BARON
Das ist doch was! Hätte ich ihr gar nicht zugetraut!
HASE
Siehst du.
BARON
Das gefällt mir, Bruder. Ach, bin ich hungrig.
HASE
In dieser Wohnung kann man nicht in Ruhe essen, dauernd stolpert man hier über jemanden.
BARON
Essen, das heißt wohl stehlen. Seit wir getrennte Kasse haben, habe ich Angst vor dem Hungertod.
HASE
Und dabei ist das eine riesige Wohnung.
BARON
Mein letztes Geld ist auch schon lange weg.
HASE
Das war mein Geld, aber lassen wir das.
BARON
Halt den Mund, du unglücklicher Sprachkrüppel.
HASE
Man hört es gar nicht mehr.
BARON
Der menschliche Körper ist wunderbar beschaffen! Wenn der Magen hungrig ist, dann ist der ganze Mensch hungrig. Warum ist das so?
HASE
Hier gibt's Brot! Und irgendein Gebäck...
BARON
mit Ekel Das kümmert sich um nichts, das frißt mit vollen Backen. Du Trottel! Frißt du das Gebäck mit Ketchup?
HASE
Du sprichst wie ein Polizist. Er hält sich den Magen. Scheiße.
BARON
Jetzt ist ihm schlecht. Ich blamiere mich ja nur mit dir, das ist die pure Wahrheit. Mit dir kann man sich nirgends sehen lassen. Was ist denn hier passiert? Ein Einbruch? Wer hat diese Bücher auf den Boden geworfen, he?
HASE
Ich habe ein wenig gelesen. Ich konnte mich für nichts entscheiden.
BARON
Eine interessante Angewohnheit. Mach hier nicht so ein Chaos, die Rita reißt dir den Kopf ab. Besonders Horváths Bücher solltest du nicht durcheinanderbringen. Er legt sich mit Schuhen aufs Bett, starrt die Decke an.
HASE
Baron, in Amerika wurde der Rekord im Witzeerzählen gebrochen, hast du das gewußt? Vierzig Stunden, Mann!
BARON
Ich war das nicht.
HASE
Wieviele Bücher die haben! Wir sollten ein paar davon ins Antiquariat bringen. Die Rita wird sich sogar freuen, dann hat sie mehr Platz im Regal.
BARON
hört nicht zu Da hast du recht.
HASE
Diese zwei hier sind bestimmt unwichtig. Und auch das große blaue dort.
BARON
Worum geht es darin?
HASE
Irgendwelche gesammelten Werke. Nichts interessantes. Nehmen wir das hier auch mit, die mit Bildern nimmt man gern in Antiquariaten. Na, dann können wir gehen. Ratlos. Wir brauchen eine Tüte.
Zu zweit
ANDI
Benutzt du Camelia? Kann sein, daß ich auch dazu übergehe.
RITA
packt Du rauchst zuviel.
ANDI
Wen interessiert's. Es hätte nur Sinn, mir das abzugewöhnen, wenn ich auf der Straße 'ne Gasmaske benutzen könnte.
RITA
Du packst nicht?
ANDI
Nein.
RITA
Du vertraust allzusehr auf den Zufall. Wir gehen hier weg.
ANDI
Du und der Feri?
RITA
Alle. Kann allerdings sein, daß die beiden Jungs die Wohnung weitermieten. Es ist sowieso egal.
ANDI
Du und Feri...
RITA
Ich verstehe dich nicht.
ANDI
Paß auf mit dem Jungen.
RITA
Was geht dich das an?
ANDI
Paß bloß auf mit ihm.
Zu zweit
HORVÁTH
Du packst schon?
RITA
Nur, was absolut überflüssig ist. Du weißt, ich hasse es, wenn ich etwas im letzten Moment machen muß.
HORVÁTH
Ordnung ist das halbe Leben.
RITA
Spotte nur.
HORVÁTH
Ich geh' schnell ins Badezimmer, um dort die Zahnbürsten schön in einer Reihe aufzustellen, wie es sich gehört. In einer Linie!
RITA
Es wird Zeit.
HORVÁTH
Und nachdem du in deiner fahrlässigen Leichtsinnigkeit auf meine Schuhe immer noch nicht draufgeschrieben hast, welcher der rechte und welcher der linke ist, kann ich auch heute nur meinem guten Schicksal danken, daß ich es richtig getroffen habe. Na, jetzt ist sie beleidigt. Jetzt werde ich wieder was erleben. Er tröstet sie.
RITA
lacht Laß mich, du Blödmann.
HORVÁTH
Sag mal, Großmutter, warum hast du so schöne Titten?
RITA
Sie sind, wie sie sein sollen.
HORVÁTH
Und sag mal, Großmutter, hoffentlich sind deine Zähne nicht zu scharf? Er küßt sie.
RITA
Ich bin aber eine Wölfin, die sich als Großmutter verkleidet hat. Sie erschreckt ihn. Jetzt muß die Wölfin leider abwaschen.
HORVÁTH
Ich habe in Ihre schönen Augen gesehen, kleines Fräulein. Sie haben mich verzaubert!
RITA
seufzt Hätte ich dir doch nie in die Augen gesehen!
Zu zweit
ANDI
Ich verstehe wirklich nicht, warum du das machst.
ERIKA
Warum? Du bist genau wie ich. Aus dir wird auch nie mehr eine Ballerina. Überhaupt sind doch alle gleich. Krabbel aus der Scheiße raus so gut du kannst, wen geht das an?
ANDI
Und das Geld, das du verdienst?
ERIKA
Geb' ich aus. Ist nicht so viel. Das ist eine simple Topless-Bar, was reißt du die Augen auf, auch am Strand sieht man so viel von mir.
ANDI
Waren sie wenigstens froh darüber, daß du tanzen kannst?
ERIKA
lacht
ANDI
Bin ich naiv?
Auf der Straße
SPIELER
plappert Na wohin habe ich gelegt, in diese oder in diese, sagen Sie bitte jetzt! Drei Streichholzschachteln, kein Betrug, keine Zauberei, hier ist die Kugel, dort ist die Kugel, wo ist die Kugel? Hier ist sie. Nein, nicht hier, sondern dort. Beobachten Sie meine Hände, es ist nichts Teuflisches daran.
HASE
Der Bursche hat aber flinke Hände! Verdammt nochmal!
SPIELER
Bitte, setzen Sie! Oder Sie! Mein Herr, Sie können nicht verlieren.
MITSPIELER I
aus der Masse Du lügst. Du legst uns rein.
SPIELER
Ich soll auf der Stelle sterben! Keine Zauberei, kein Betrug. Hier ist die Kugel, dort ist die Kugel, und schon wieder findet sich die Kugel nirgends. Aber sie ist da! Sie haben gesehen! Haben Sie nicht gesehen? Ist sie hier, oder doch nicht? Mein Herr, spielen Sie mit?
MITSPIELER II
Der Henker soll mit dir spielen. Wieviel zahlst du.
SPIELER
Eins zu drei. Mein Herr, und Sie? Drei zu eins ist die leichteste Form, Geld zu gewinnen, man braucht nur gute Augen dazu. Setzen Sie! Setzen Sie! Wenn Sie zögern, verläßt Sie Ihr Glück. Drei zu eins, wenn Sie gewinnen, wenn Sie gute Augen haben, verliere ich. Hier ist die Kugel. Hopp-Hopp, hier ist sie! Probieren Sie Ihr Glück.
HASE
Ich nicht. Ich habe kein Geld.
SPIELER
Jetzt können Sie Ihren Einsatz verdreifachen. Hopp-Hopp! Hier bitte!
BARON
Seine Hände bewegen sich gut, das muß man sagen.
HASE
Daß er nicht müde wird!
MITSPIELER II
Hier ist sie. Nein, hier.
SPIELER
Entscheiden Sie sich.
MITSPIELER II
Ich sage hier.
SPIELER
Mein Herr, Sie haben gewonnen. Ich gratuliere. Dreitausend, nehmen Sie.
MITSPIELER II
Man braucht halt gute Augen dazu!
SPIELER
Hopp-Hopp! Wo ist die Kugel, hier ist die Kugel! Hier-hier, nicht hier! Wo rollt sie... Hier rollt sie. Haben Sie? Setzen Sie, mein Herr. Hopp-Hopp, wo ist sie? Er dreht sich weg.
Mitspieler 1 tritt aus der Masse und hebt eine Schachtel hoch, darunter ist die Kugel. Er deckt sie wieder zu, tritt sehr schnell zurück.
SPIELER
Sie wagen nicht zu spielen. Sie verpassen Ihr Glück.
PASSANT
Na... hier ist sie.
SPIELER
Verloren. Hopp-Hopp-Hopp! Die Kugel rollt, sie rollt wieder, hier rollt sie, dort rollt sie. Setzen Sie, Sie werden mehr Glück haben! Hopp! Setzen Sie!
BARON
grinst Also, ich setze.
SPIELER
Wo wird sie sein?
BARON
Ich kaufe dir alle Schachteln ab, Bruder. Alle drei.
SPIELER
Das geht nicht, mein Herr.
Seine Mitspieler treten hervor.
BARON
Ich fürchte, es geht. Er kippt den Tisch um. Zu Hase. Nimm das Geld!
Zu zweit
EDIT
Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden.
ERIKA
Das ist lieb. Und du hast Blumen mitgebracht.
EDIT
Ich halte es nicht mehr aus mit dir.
ERIKA
Blumen für die Blume, nicht wahr?
EDIT
Ich bin total verrückt, ich habe den Verstand verloren. Ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll.
ERIKA
Du bist ein liebes Mädchen, Edit.
EDIT
Es ist aus, ich spüre es.
ERIKA
Du wirst doch jetzt nicht weinen?
EDIT
Aus, aus. Ich liebe dich nicht mehr.
ERIKA
flüstert Du bringst es doch nicht fertig, wegzugehen.
Edit atmet schwer, sitzt still.
Zu zweit
BARON
So ein stinkender Zigeunerbauer! Geht doch zu eurer Zigeunerhurenmutter zurück. Ich bin lange nicht mehr so gerannt. Na, Brüderchen, zähl mal. Wieviel?
HASE
Zehn....
BARON
Die Hälfte?
HASE
Alles.
BARON
Diese faulen Hurensöhne. Die haben heute nichts gearbeitet. Die verdammten Schweine!
HASE
Und jetzt haben sie das auch nicht mehr.
BARON
Die werden es bald wieder drinhaben. Du hast wohl noch Mitleid mit denen. Diebesbande!
HASE
grinst Wie blöd du bist. Und wir?
BARON
Das sind doch nur Zigeuner, kapiert? Man hätte sie verprügeln sollen.
HASE
Wenn du so reich werden willst, kommst du nicht weit. Die werden dir den Arsch aufreißen und die Därme in die Hand drücken, bevor du ins Gefängnis kommst.
BARON
Wovon sprichst du, du Dummkopf? Nichts ist gefährlich. Gefahr. Dieses Wort hat seine Bedeutung verloren. Du kannst dich doch verteidigen! Und der Knast? Wir haben keine Wohnung, wir werden auch keine haben. Also, verdammt, worauf wartest du?
HASE
grinst Du übertreibst.
BARON
Mein kleiner Freund, ich bin ein Staatsbürger der Ungarischen Republik. Die Polizisten salutieren vor mir.
HASE
Vor einem Vorstadtbaron...
BARON
Komm, wir trinken was.
HASE
Wieviele Sterne! Jeder hat einen Stern.
BARON
Unserer ist eine Sternschnuppe.
HASE
Der da ist meiner. Er leuchtet kaum. Der kleine miese.
BARON
Ich habe das Geld an mich genommen, es ist besser, wenn es an einem Ort ist.
HASE
Weißt du, wer es zu etwas bringen wird? Die Andi. Die hat keine Skrupel... Wir waren einmal zusammen.
BARON
verblüfft Hast du sie gebumst? Das behauptest du nur.
HASE
Noch nicht so lange her. Ich sage, die hat keine Skrupel.
BARON
Sie war auch mit mir zusammen. Wenn sie trinkt, ist sie halt so. Jede Frau ist so.
HASE
hört nicht zu Man müßte jetzt vierzig sein. Oder die Sechsundfünfziger! Die sind noch nach Amerika gegangen, und wir?
BARON
Die Männer sind auch so.
HASE
Ich werde nie wie ein Vierzigjähriger sein! Ich werde nicht so sein. Meine Mutter sagt immer, wie viel du verdienst! Viel, viel, ich will reich werden. Er flüstert mit einem Geldschein wie mit seiner Geliebten. Was bist du wert, du kleiner Scheißer...
In blinder Wut zerknittert Hase den Geldschein und wirft ihn weg. Baron hebt ihn auf, glättet ihn und steckt ihn Hase in die Tasche.
BARON
schlechtgelaunt Schrei nicht rum. Komm, gehen wir. Vielleicht haben die einen Platz gefunden, wo wir unsere Ärsche schwingen können. Gehen wir üben...
HASE
macht verärgert einen Spagat auf dem Tisch, sieht auf Ich will nicht mehr tanzen, begreifst du das nicht?
Leerer Platz. In der Ferne Neonlicht
FREMDER
Arbeiten Sie in der Bar?
ERIKA
Was geht Sie das an?
FREMDER
Du tanzt im Lokal, meine Tochter, und zeigst deine Brüste her... Ist dein Herz nicht traurig?
ERIKA
Lassen Sie mich in Ruhe, verschwinden Sie.
FREMDER
SEIN Herz ist traurig, ER wartet auf das verirrte Lamm. Sei Gottes weißes Lamm, meine Tochter. Er öffnet seine Tasche. ER gießt seine Gnade über uns aus.
ERIKA
Bitte, nicht, ich flehe Sie an. Bitte...
FREMDER
mit einem Rasiermesser in der Hand Es muß sein, meine Tochter, es muß sein. Versteh doch, es muß so sein.
Wohnung, zu dritt
BARON
kommt herein Meine Herren!
HORVÁTH
Der ist betrunken.
BARON
Na klar, natürlich. Mein Äußeres ist derangiert, ich habe mich angestrengt - ich habe mir überlegt, woran wohl andere denken können. Wenn man deinem Beispiel folgt, ist es allerdings das einfachste, an Frauen zu denken. Die lieben uns, sie lieben jeden, nicht wahr, meine Schöne? Man denkt immer, man hat es mit einer Königin zu tun, mit einer traurigen, skandinavischen Königin, die aus irgendeinem Grunde Stalljungen mag...
HORVÁTH
Bist du nicht ein bißchen...
BARON
Klar, man wird in solchen Fällen unsicher, es geht ja um eine Königin... Und schau dir an, was hinter dem Rücken der Könige passiert. Ich erröte.
HORVÁTH
Zieh dir was über, du kleine Kröte, bis ich dieses Vieh hier rausgeschmissen habe.
BARON
Ein Abschiedsglas, Genossen? Wir trinken auf die Damen, auf die Königin!
ANDI
Du kannst deinen Huren Befehle geben, verstehst du mich?
HORVÁTH
Das ist nicht schön, Baron, gar nicht schön. Wer den Tripper hat, soll nicht den Mädchen nachlaufen, kleiner Baron. Deine Seele ist geschlechtskrank, du Schwein. Du machst alles kaputt.
ANDI
zieht sich hastig an Schreit hier nicht herum! Großer Gott, was soll denn das? Die anderen kommen doch rein...
HORVÁTH
Wie ich dich hasse, du Ratte. Du Scheißefresser! Wie oft hast du unsere Arbeit kaputtgemacht, und vor Müller hast du die reine Unschuld gespielt.
BARON
mit Haß Wovon sprichst du?
HORVÁTH
Hör zu, du Miststück. Wenn du hier nicht in zwei Sekunden für immer verschwindest, zerschlage ich dir die Fresse.
BARON
Du haßt mich, was? Er grinst. Deine Rita wartet eine halbe Nacht drüben auf dich, nur eine Wand trennt sie von hier, und sie glaubt, du rennst den halben Tag wegen unseren Angelegenheiten hin und her. Soll ich zu ihr rübergehen, damit sie nicht umsonst wartet?
Sie schlagen sich.
ANDI
Jesus, die bringen sich gegenseitig um!
BARON
Jetzt mache ich dich wirklich kalt, du Hurensohn.
RITA
kommt herein Was ist hier los?
ANDI
Ich wollte nur...
RITA
schreit auf Was zum Teufel geht hier vor?
HORVÁTH
Ach, nichts... Der Baron hat mit Andilein geschäkert, und ich bin gerade im falschen Moment hereingekommen. Dieser Mistkerl hatte an Jutka nicht genug.
BARON
lacht War es so, Andilein? War es gut mit mir, meine kleine Fee? Zu Rita. Aber dein Ferilein ist bis zu den Ohren rot von Lippenstift, hast du das noch nicht bemerkt?
HORVÁTH
Jetzt reicht's! Ja, ich habe dich betrogen, du blöde Kuh. Was hast du denn gedacht? Das weißt du doch schon seit Wochen, oder? Du bist doch die letzte Schlampe, warum hast du mir keine Szene gemacht, warum hast mich so lange hängen lassen? Du hast doch gewußt, wo ich bin! Und wie du immer verstanden hast, mich zu quälen! Du bist doch selbst schuld, warum bist du bei mir geblieben? Warum, du mieses kleines Dreckstück?
ANDI
zittert Laß sie... Sie ist ganz blaß!
HORVÁTH
Ihr verdammte Bagage! Und mir gebt ihr die Schuld daran! Schaut doch einmal in den Spiegel, es gibt auf der Welt keine größere Scheiße als euch! Ich habe oft gedacht, nach Müller haue ich auch ab. Wie oft ist mir kotzübel geworden von euch... Zu Rita. Und besonders von dir, du blonde Schönheit! Wozu bist du eigentlich auf der Welt. Schau endlich mal in den Spiegel: eine heruntergekommene abgetanzte Hupfdohle aus der Vorstadt, noch sechs Jahre, dann bist du dreißig, und hast nichts aus deinem Leben gemacht.
BARON
Du wirst heiser, Horváth.
HORVÁTH
Du hast nicht mal ein Kind. Stellt euch vor, dieses kleine Dummchen kann nicht mal ein Kind bekommen. Haha, sie kann's nicht. Also. Denk mal darüber nach. Ab.
BARON
zu Rita Nicht daß du mir jetzt hier in Ohnmacht fällst.
Beim Begräbnis Zusatzszene
HASE
Verdammter Mist, wenn es wenigstens nicht regnen würde.
HORVÁTH
gereizt, steht Hand in Hand mit Andi Was soll jetzt die Scheiße? Der Pfarrer verspätet sich.
BARON
leise Hör auf zu heulen.
Andi schnieft nur noch.
HASE
Wer geht schon gerne raus bei diesem beschissenen Novemberwetter? Ich habe nicht mal einen Wintermantel... Ich bin wahrscheinlich krank.
HORVÁTH
Ihr könnt mich mal... wenigstens zurechtweisen, daß ich auf dem Friedhof nicht fluchen soll.
HASE
Baron, wußtest du, daß Erika Reformierte war? Ich war noch nie auf einer reformierten Beerdigung.
RITA
Evangelisch... aber egal.
HASE
Warum, was ist der Unterschied?
BARON
leise Hör auf, du verfluchter Idiot. Du bist auf dem Friedhof.
HASE
Warum? Darf man nicht mal fragen?
RITA
Der Unterschied ist, daß Erika eine Schwäbin war, und die sind nicht reformiert, Häschen. Sie wollte in die BRD, das heißt jetzt Deutschland.
HASE
Sie wollte abhauen? Baron, hast du gewußt, daß sie Deutsche war?
ANDI
Vielleicht hätte sie dort sogar Arbeit gefunden.
RITA
leise Der Pfarrer ist da. Wer sich nicht anständig benimmt, ist für mich gestorben.
HORVÁTH
Hat jemand Edit Bescheid gesagt?
BARON
Wer hätte das tun sollen?
ANDI
Die beiden haben sich getrennt, habt ihr das nicht gewußt?
RITA
Hier ist ein Taschentuch.
ANDI
Danke.
Alle schauen sie an.
HASE
Die Edit? Na, was daraus noch werden soll?
RITA
Der Herr Pfarrer winkt, wir sollen kommen.
Andi schluchzt
HASE
schaut zum Himmel hinauf und schlägt den Kragen seiner Jeansjacke hoch Dieser beschissene Regen.
Alle ab.
Wohnung, zu zweit
RITA
Wenigstens ist jetzt der Umzug viel leichter.
ANDI
im Stehen Eigentlich... Ich glaube, ich muß dich um Entschuldigung bitten. Pause. Wenn ich dir erzähle, wie es passiert ist...
RITA
Du denkst wirklich, das interessiert mich?
ANDI
Er hat's gewollt. Er liebt mich, das mußt du akzeptieren. Ich kann es dir nicht schonender sagen. Wir unterhielten uns, oft... Zuerst gab's nichts, nein, nur... Verträumt. Er hat sich bei jedem Treffen verspätet, das ist häßlich an ihm, aber... er liebt mich. Nur mich. Er hat es mir gesagt.
RITA
Und du hast ihm geglaubt?
ANDI
Ich werde ihn halten.
RITA
Das wirst du sehen.
ANDI
Ich brauche auch jemanden.
RITA
Jeder braucht jemanden.
ANDI
So lange... habe ich gar nicht gelebt.
RITA
Nicht doch, schämst du dich etwa?
ANDI
bricht in Tränen aus Mein Gott, ich will Kinder, eine Familie... Warum bist du so mies zu mir?
RITA
Soll ich lieb zu dir sein?
ANDI
Ich weiß, es ist Blödsinn... Aber ich hätte so gerne, daß mich jeder mag. Ich bin müde. Das Ganze ist irgendwie völlig falsch gelaufen...
Sie schweigen.
ANDI
Soll ich dir runtertragen helfen?
RITA
schüttelt den Kopf Also, Gott mit dir. Ihr seht mich hier nicht wieder.
Beim Juwelier Zusatzszene
VERKÄUFER
Und woran haben Sie gedacht?
BARON
Ich habe ans Ficken gedacht, aber zeigen Sie mir bitte eine goldene Uhr.
VERKÄUFER
Bitte schön. Oder diese hier. Ich kann Ihnen aber auch diese hier empfehlen.
BARON
Kann ich in D-Mark bezahlen?
VERKÄUFER
Aber sicher.
BARON
Bitte, hier ist ein Tausender. Ich hoffe, Sie können herausgeben.
VERKÄUFER
Aber mein Herr, das ist doch ein Stück kariertes Papier mit der Aufschrift hundert Mark.
BARON
Oh, Pardon. Er schreibt. Noch eine Null, so ist es perfekt.
VERKÄUFER
Mach, daß du rauskommst, mein Junge.
BARON
Akzeptieren Sie diesen Scheck nicht?
VERKÄUFER
Verschwinde, bevor ich die Polizei rufe.
BARON
grinst, stützt sich auf das Glaspult und spielt mit der Uhr Oder wissen Sie was? Schenken Sie sie mir einfach. Das wäre nett von Ihnen. Sonst werde ich vielleicht noch böse auf Sie.
Er lacht laut und wirft die Uhr auf das Pult.
Wohnung
Später Nachmittag. Dämmerung. Ballettmusik vom Band. Andi und Horváth üben vor dem großen Spiegel verschiedene Tanzelemente, zäh und ausdauernd.
HORVÁTH
vor dem Spiegel, das Mädchen im Arm Ich will, daß du eine Königin wirst. Nicht immer die alltäglichen Sachen. Ein gekröntes Paar...
Sie sehen in den Spiegel, das Zimmer ist voller Schatten.
Wohnung mit Sonnenschein
Horváth mit Gitarre, summt.
ANDI
aus der Küche Was ist das?
HORVÁTH
Was?
ANDI
Das Lied?
HORVÁTH
Bob Dylan, glaube ich.
ANDI
Ich wußte gar nicht, daß du ihn magst...
HORVÁTH
Ich war noch im Kindergarten, als er das schrieb.
ANDI
Lebt der eigentlich noch? Plötzlich. Weißt du, was diese Woche im Kreuzworträtsel war? Wer war der Bassist der Beatles!
HORVÁTH
zupft noch einmal an der Gitarre, dann stellt er sie weg und legt sich hin, beobachtet Andi durch die Küchentür Ich weiß nicht, warum die Frauen so anziehend sind, wenn sie Hausarbeit machen.
ANDI
lacht Laß mich jetzt. Ich will das hier fertig machen. Sie bringt das Essen.
HORVÁTH
spuckt es aus Pfui, was ist denn das?
Andi erstarrt.
HORVÁTH
Wann lernst du endlich richtig kochen? Ich bin fünfundzwanzig und habe noch kein Mädchen getroffen, das eine normale Suppe hätte kochen können... Bis auf die Rita... Du könntest bei ihr ein paar Stunden nehmen.
Es klingelt, sie sehen einander an.
ANDI
Bist du es, Hase? Komm rein.
HASE
Was schaust du mich so komisch an? Habt ihr vielleicht George Bush erwartet? Er läßt ausrichten, er kommt heute nicht, weil er unten auf dem Platz Schach spielt mit den Rentnern. Er setzt sich gemütlich hin. Dann geht er zum Fußballspiel. Deshalb bin ich da.
ANDI
Ich bin jetzt schon wie Pavlovs Hund. Wenn jemand klingelt...
HASE
Erwartet ihr jemanden?
ANDI
Nein... Ich weiß nicht. Ich habe einen Manager gebeten, uns anzusehen, er kommt aber erst am Abend, wenn er überhaupt kommt.
HASE
betrachtet sie von Kopf bis Fuß Bist du schwanger?
ANDI
Oh, nein. Das fehlte noch. Sie wird ein wenig rot. Nein, bin ich nicht, glaub mir. Wir könnten jetzt sowieso nichts mit einem Kind anfangen.
HASE
Ich habe wirklich den Eindruck...
ANDI
Das müßte ich doch wissen! Wahrscheinlich habe ich etwas zugenommen. Hase, das ist unverschämt, daß du sowas merkst.
HASE
Es wird also keinen Kronprinzen geben.
HORVÁTH
Halt's Maul, du Strafe Gottes. Kannst du von nichts anderem reden? Du kreuzt hier auf und quatschst Blödsinn. Wie soll sie schwanger sein, sie nimmt doch die Pille. Und überhaupt, was sollte ich jetzt mit einem Kind anfangen?
HASE
Du reagierst, als hätte ich dich beleidigt. Als unsere Väter in unserem Alter waren...
HORVÁTH
sehr aufgeregt, überdeutlich Ich sage dir im Ernst, ich bin noch nie einem anstrengenderen Idioten begegnet als dir. Gerade jetzt, wo wir alles neu anfangen... Andilein weiß genau, was ich tun würde, wenn sie schwanger werden wollte, sie weiß es ganz genau. Aber davon ist nicht die Rede, hörst du, Hase? Ich werde nicht am Ende in einer Kellerwohnung landen und dreckige Windeln waschen... Dieser Blödmann kommt hier rein und verkündet uns grinsend eine gute Nachricht. Nein danke, ich will nichts davon wissen, verstehst du, kleiner Freund? Und das muß jeder verstehen. Ich lasse nicht zu, daß Andi ihr Kind in einer Waschschüssel zur Welt bringt.
ANDI
plötzlich, dunkel Wir werden nie ein Kind bekommen.
Sie schweigen. Horváth geht wieder zum Fenster. Andi geht.
HORVÁTH
grübelnd Man bleibt allein, siehst du, Hase? Die Rita wollte das auch, nur ist ihr das nicht gelungen, weil ich es ihr nicht erlaubt habe. Die Frauen wollen Kinder gebären, drei Kilo rosarotes Fleisch, damit sie dich dann dir selbst überlassen können... Jeder ist allein... Zynisch. Wir können uns nur auf die Regierung verlassen.
Hase lacht und ißt mit gutem Appetit Horváths Abendessen.
HORVÁTH
reinigt seine Fingernägel Vielleicht sollte man Politiker werden. Scheißegal welche Partei, das sind doch alles Exhibitionisten. Oder Abgeordneter?
HASE
satt Ich habe jedenfalls die freidemokratischen Exhibitionisten gewählt. Obwohl die Kommunisten auch sehr sympathisch sind, das viele Rot hat dem Stadtbild richtig gut getan.
HORVÁTH
Weißt du, was dir fehlt, mein Freund Hase? Dir fehlt der Glaube.
HASE
Hehe, das ist wahr, deshalb kann ich auch ohne Luft leben.
HORVÁTH
Probieren wir's aus!
Horváth drückt Hases Kopf herunter, sie ringen.
HORVÁTH
Verdammt, jetzt bin ich hungrig. Pause. Ich sollte doch heiraten. Ja, wahrscheinlich... Aber die Frauen untersuchen bereits beim ersten Händedruck meine Lebenslinie. Verdächtig...
HASE
Deine Lebenslinie geht über deine Hand hinaus, es ist nicht schwer, ihr zu folgen. Du hast ganz einfach eine obszöne Lebenslinie, eine perverse Lebenslinie. Du wirst hundertfünfzig Jahre leben, du Schwein! Wie ich dich beneide!
HORVÁTH
hört nicht zu Die Frage ist, wozu das Ganze gut ist?
HASE
in Gedanken Als ich zu euch kam, habe ich immer nur dich nachgeahmt. Aber warum zum Teufel war mir das alles so wichtig? Diese winzige Ballettgruppe? Und allen anderen auch? Ja, ich weiß, ich rede schon wieder...
HORVÁTH
in Gedanken Die einzige Rechtfertigung ist, was du gemacht hast. Nur der Erfolg zählt. Ich werde es zu etwas bringen... Soll ich dir auch einschenken?
HASE
Entschuldige, ich habe nicht zugehört.
ANDI
kommt herein Wollt ihr nicht lieber runtergehen und dort ein Bier trinken? Ehrlich gesagt, mir ist ein bißchen schlecht. Sie lächelt.
HORVÁTH
irritiert Andilein ist schlecht, sieh mal an... Nicht sehr, nur ein bißchen... Sie macht alles gerade noch, fein, elegant... Stimmt's? Richtig, bravo! Nur ja an der Oberfläche entlang! Wozu sich in irgendetwas einmischen, nicht wahr? Bitte nur keine Anstrengung! Dazu sind die Prolos da... Dein ganzes Leben ist so verlaufen. Jemand, der nie um etwas zu kämpfen hatte wie ein Tier, verdient nicht, daß... Was kann dir schon passieren? Mutti hätschelt dich, Vati hätschelt dich, und die wunderschönen rosafarbenen nach Babypuder riechenden Liebesaffären... Jeder würde sein Blut vergießen, um Andilein lächeln zu sehen. Er lacht. Soll ich mir die Adern aufschneiden, um dich, meine Liebe, zu unterhalten? Würdest du das bitte als kleine Aufmerksamkeit annehmen? Oh, welche Ehre für mich. Ich hoffe, daß ich dich einmal... als normalen Mensch sehen kann... Daß du morgens keine Lust hast aufzustehen... Dieses Lächeln, und dein morgendliches Geflenne macht mich verrückt... Zischt. Ich will sehen, wie du dich schindest.
ANDI
Warum redest du so?
HORVÁTH
Andilein ist blaß geworden. Andilein spürt endlich was. Etwas hat sich in der großen Dunkelheit bewegt. Wenn du mich wenigstens hin und wieder hassen würdest. Warum bist du so sehr in mich vernarrt?
ANDI
Ich warte nur darauf, daß du dich endlich in mich verliebst. Schreit. Um mich an dir zu rächen, du Arschloch. Manchmal, manchmal möchte ich mir die Füße an dir abtreten. Manchmal...
HORVÁTH
Weiter! Bravo! Bravo! Selbst das trägste Reptilienherz kann schlagen... Wer hätte das gedacht?
ANDI
Du tötest mich... völlig. Ich warte seit Monaten auf nichts anderes, auf nichts anderes, nur daß du dich ganz normal in mich verliebst. Ich hätte so gerne für dich gesorgt.
HORVÁTH
Jetzt fängt sie schon wieder an mit der Flennerei.
ANDI
Ich will dich nicht verlassen, versteh mich doch endlich.
HORVÁTH
Und wenn... ich dir meine Liebe gestehe?
Sie schweigen.
HORVÁTH
Auch dann nicht? Wirklich, was wird dann sein? Haha, was wird dann sein?
ANDI
Ich fühle mich nicht wohl...
HORVÁTH
Weil du nicht ißt. Warum ißt du nicht? Schreit. Warum ißt du nicht? Wer hat dir erlaubt, nicht zu essen? Andilein, ich flehe dich an, ich liebe dich, iß nur bitte, iß bitte, hier... Es schmeckt sehr gut... Soll ich um deine Hand bitten?... Ich bitte um deine Hand, du hast ja nur darauf gewartet... Nur iß vorher... Schinken, in Öl gebraten, du hast ihn für mich gemacht wie eine richtige Frau... Wie ich dich liebe! Meine Liebe, du wirst meine gute Frau werden! Nur ganz ruhig, du sollst dich ganz wohlfühlen.
ANDI
kraftlos Mir ist sehr schlecht.
HORVÁTH
Nur schön langsam, oder schmeckt es dir nicht mehr? Seit Tagen ißt du nichts, meine kleine Vegetarierin, es schmeckt dir vielleicht nicht? Nur das verliebte Streicheln, das hättest du gern kiloweise... Es schmeckt Andilein nicht, es ist nicht nach ihrem Geschmack, es ist zu schwer für sie. Ja, das Leben ist auch schwer! Das hier ist aber nur Schinken, hast du keinen Appetit darauf?
Andi kämpft mit den Tränen, sie ißt würgend.
HORVÁTH
leise flüsternd Ein weiches Daunenkissen, das ist unser Leben, Mutti hätschelt uns und zieht uns auf. Wie sie uns liebt! Wie uns alle lieben! Andilein ist eine süße Fee, wer würde sie nicht lieben? Sie schließt jeden ins Herz, das Leben ist ein einziges großes Lächeln, die Onkel sind lieb, die Tanten sind lieb, und wir kriegen alles, und Andilein stopft schön langsam alles in sich hinein...
Andi kommt das Essen hoch, sie läuft zur Toilette. Krampfhaftes Kotzen, Weinen, Wasserspülung.
HASE
währenddessen Wie sie weint... Mir wird ganz... Hast du wirklich nicht gemerkt, daß sie schwanger ist?
HORVÁTH
kühl Das geht dich gar nichts an. Zu der hereintretenden Andi. Ich habe gesagt, du kannst mit meinem Wohlwollen rechnen, wenn du es ißt, und nicht, wenn du alles rauskotzt. Andi erstarrt.
Zu zweit
JUTKA
fröhlich Wenn man genug trinkt, vergißt man alles, was für eine Wohltat! Warum hat man mich nicht rechtzeitig über alles aufgeklärt? Es gibt entsprechende Methoden dafür, aber ich habe mir alles selber beibringen müssen. Meiner Tochter, wenn ich eine haben werde, erzähle ich alles rechtzeitig, damit sie nicht so lange braucht, bis sie sich auskennt. Morgens beim Aufwachen fühlst du dich beschissen, du siehst in den Spiegel... Was gibt dir Kraft? Sie trinkt. Jetzt kommt wieder Stimmung ins Blut, hochprozentige Stimmung, das lodert wie ein Scheiterhaufen!
BARON
blättert suchend in einem Notizheft Weißt du die Nummer von der Edit Kass?
JUTKA
Telefon? Ich habe dir ganz vergessen zu sagen, daß deine Mutter angerufen hat... Ich glaube, sie wird gleich da sein. Sie sagte, sie schwingt sich rasch auf einen Besen und huscht mal hierher, vielleicht macht sie noch eine oder zwei Runden und schaut bei ihren Freundinnen vorbei und lädt sie zum Tee ein. Sie werden den Himmel bevölkern, sie sind aus Richtung Osten zu erwarten, mit den Novemberschneewolken... Mein liebes Herrgottchen, wie ich sie mag! Deine Mutter ist meine beste Freundin, mit ihr bespreche ich alles, wie ich ihren kleinen Sohn einwickeln soll... Verdammte Sau, wie bin ich hierher geraten? Sie weint.
BARON
Da, jetzt habe ich sie.
JUTKA
Ja, ich bin betrunken... Aber wie konntest du wagen, mit mir in diesem Ton zu sprechen, du Mistkerl? Sie will ihm eine Flasche an den Kopf werfen.
BARON
blickt auf, sieht ihr direkt in die Augen. Pause. Ich zähle, wie deine Gehirnzellen absterben.
JUTKA
Ich bin verdammt talentiert. Aus mir kann noch alles werden! Mich haben mehrere Agenten angesehen.
BARON
Ruf bitte diese Nummer an.
JUTKA
schüttelt den Kopf Wie bin ich hierher geraten?
BARON
Ach laß, ich mach' schon. Er wählt.
JUTKA
Ich bin schon zwanzig. Bald einundzwanzig. Denn...
BARON
Die Edit Kass. Sprich mit ihr.
JUTKA
Was?
BARON
Du bist sehr lieb zu ihr, verstanden? Du lädst sie hierher ein. Sag, daß du allein bist. Daß du mich rausgeschmissen hast.
JUTKA
Rausgeschmissen.
BARON
Sprich schon, verdammt!
JUTKA
Edit? Grüß dich. Gut, danke. Ich schmeiße ihn raus, diesen kleinen Blödmann. Wen? Zu Baron. Wie heißt du? Den Baron.
BARON
flüstert Du bist allein. Du fühlst dich sehr einsam.
JUTKA
Meine liebe Edit, ich bin so allein. Alle scheißen auf mich. Viele Agenten haben mich angesehen, aber keiner nimmt mich. Was soll denn aus mir werden? He? Was wird aus mir?
BARON
Gut, gut hast du das gemacht.
JUTKA
Und warum habe ich niemanden? Mit der Erika war ich gut befreundet... Aber sie hat mich auch verlassen.
BARON
flüstert Lade sie ein.
JUTKA
Ich wurde von meiner Tante erzogen. Sie hat mich gehaßt, weil sie alt und häßlich war. Sie schluchzt, ist kaum zu verstehen. Meine wahre Mutter...
BARON
flüstert Lade sie hierher ein, du dumme Kuh!
JUTKA
...an Gebärmutterkrebs gestorben.
BARON
Es reicht, du Unglückswurm, du läßt dich zu lange bemitleiden. Flüstert. Sag, daß du hier auf sie wartest.
JUTKA
Ich warte auf dich. Sie legt auf. ...Sie haben gesagt, sie würde zurückkommen. Ich war drei Jahre alt.
BARON
Du spinnst doch. Vor seinem vierten Lebensjahr erinnert man sich an gar nichts. Und jetzt hör auf zu trinken. Ab.
JUTKA
zündet sich eine Zigarette an Wie kann sie denn zurückkommen? Außer wenn... Sie raucht. Da kann man nichts machen. Es gibt sehr wenige Dinge auf der Welt, für die es sich wirklich lohnt. Und das ganze Leben vergeht damit, daß man danach sucht. Sie raucht. Als hätten wir geschworen, einander nie ein nettes Wort zu sagen. Ich bin ständig damit beschäftigt, herauszufinden, wie ich dich quälen könnte, und du auch. Kleiner Baron, mach einen Fehler, und ich beiße zurück, und du kannst schreien so viel du willst. Sie raucht. Wie oft haben wir uns betrogen, und wie lange sind wir erst zusammen?
EDIT
kommt herein Entschuldigung, die Tür war offen.
JUTKA
sieht sie nicht an So schnell? Du bist aber flink.
EDIT
Wir sind schließlich fast Nachbarn... Ich habe doch deinem Freund damals gesagt, daß diese Wohnung billig vermietet wird, hat er es dir nicht erzählt? Schön hast du es hier... beziehungsweise ihr. Pause. Bestimmt ist es sündhaft teuer, denke ich mir. Pause. Ist was passiert? Du warst so merkwürdig am Telefon... Meine Kleine, wie zerzaust du aussiehst! Du bist doch nicht krank?
JUTKA
gleichgültig Nein, ich bin betrunken.
EDIT
Soll ich einen Kaffee aufsetzen?
JUTKA
Sowas trinke ich nicht.
EDIT
Du bist ja völlig naßgeschwitzt.
JUTKA
Verdammt, wie kommt es, daß früher die Menschen nicht gleich vor Angst gestorben sind, wenn die Sonne unterging?
EDIT
Du bist ja ganz heiser. Bist du krank?
JUTKA
gleichgültig Du mußt dich sehr beeilt haben, daß du so schnell hier bist.
EDIT
Ich habe mich sehr beeilt. Ich habe gespürt, daß was nicht in Ordnung ist mit dir.
JUTKA
Hast du bei dir in der Wohnung einen Spiegel? So einen großen Spiegel. Hier gibt es auch einen großen Spiegel.
EDIT
Mein Kleines... Sie streichelt ihr die Haare.
JUTKA
Die Wohnung ist schön, findest du? Nicht mal die Möbel gehören uns, du lobst also das Eigentum von jemand anderem.
EDIT
Erzähl mir alles, ja? Hast du Vertrauen zu mir, ja?
JUTKA
Immer dieser verdammte große Spiegel!
EDIT
Du solltest schlafen, du mußt dich ausruhen... Ich werde mich um dich kümmern.
JUTKA
Ich müßte ihn zerschlagen.
EDIT
Ich weiß es schon lange! Sehr lange.
JUTKA
Denn... wenn man sich sieht, erschrickt man nur. Man bekommt Haß auf sich selbst.
EDIT
Wie schmutzig hier alles ist... Die vielen Flaschen. Schrecklich!
JUTKA
sieht in den Spiegel Bin ich wirklich so besoffen? Träume ich das alles? Sie lacht. Mache ich das alles und auch das, was jetzt noch kommt? Ich? Sie zieht ihre Augenlider hoch. Nein, ich bin nüchtern.
EDIT
Schnell ins Bad, mein Kleines! Dann mußt du aber schlafen.
JUTKA
Schluß mit dem Drumherumreden, ich bin todmüde von dem Ganzen hier. Gehen wir zu dir rauf... Ich hasse es hier...
In der Wohnung von Edit Kass
BARON
plündert die Wohnung Ich wußte, daß diese Nutte so viel Schmuck hat... Und erzählt noch, wo sie ihr Geld aufbewahrt. Dumme Kuh! Eine dumme Kuh! So viel Bargeld zu Hause zu haben, hinter einem verrosteten Schloß. Strafe muß sein. Er macht weiter. Mal sehen, was diese Lesbe raucht. Scheiße raucht sie. Ultralight und teuer wie Gift. Er riecht daran. Und dazu auch noch süß, pfui! Furchtbar! Und was trinkt diese Lesbe? Sie trinkt Pisse... Nur schön süß muß es sein, wenn ihr Leben schon sauer ist. Na, also das trinke ich wirklich nicht. Er trinkt. Scheißdunkelheit! Ein Glück, daß diese Neonreklame da ist. Ich würde mir sonst noch die Eier abreißen, mit der Brechstange... Und morgen beim Doktor: »Entschuldigung, ich habe mich mit der Brechstange an den Eiern gestoßen.« Er arbeitet weiter. Wer sagt denn, daß ich nicht mehr kann? Das hier ist doch nicht alles. Er arbeitet weiter.
Eine Tür wird zugeschlagen, jemand kommt. Baron horcht.
EDIT
im off Hier herein, nur hier herein... Laß die Schuhe im Bad... Du findest dort ein Badetuch und alles...
JUTKA
im off Wäre es nicht besser, wenn...
BARON
Scheiße.
Baron springt mit der Beute hinter den Vorhang, in der Hand ein Messer. Edit kommt herein, macht Licht, trinkt aus der Flasche.
JUTKA
kommt herein Na, was ist? Kriege ich nichts?
Edit schenkt ein.
JUTKA
Warum zittert deine Hand?
EDIT
Nur ein wenig. Ich bin müde.
JUTKA
Und warum versagt dir die Stimme?
EDIT
Weil ich... Halsschmerzen habe.
JUTKA
Und warum bist du so blaß?
EDIT
Das macht nur das Neonlicht.
JUTKA
Und warum siehst mich so an?
EDIT
Es ist sehr warm hier! Sie tritt in Richtung Vorhang.
BARON
wie ein Gebet murmelnd Wenn du ihn wegziehst, stirbst du. Na, los, zieh ihn nur weg, worauf wartest du, zieh ihn schon weg.
EDIT
Ich weiß gar nicht, was ich dir jetzt sagen soll.
BARON
Zieh ihn weg. Zieh ihn weg.
JUTKA
Nichts.
EDIT
Ich war noch nie in einer solchen Situation. Sie entfernt sich vom Vorhang.
JUTKA
Das glaube ich nicht.
EDIT
Was glaubst du nicht?
JUTKA
Warum lügst du?
EDIT
Wie kannst du mir so was sagen?
JUTKA
Warum lügst du alle an?
EDIT
Du weißt nicht, was du da redest. Sie nähert sich dem Vorhang. Du bist krank.
BARON
Zieh ihn weg. Zieh ihn endlich weg. Hier bin ich.
JUTKA
Und du bist eine Lesbe.
EDIT
Hör auf! Hör auf!
BARON
flüsternd Ich warte auf dich, mein Schatz. Ich warte auf dich, meine Liebe. Hier warte ich auf dich.
EDIT
schluchzend Ich halte es nicht länger aus! Verstehst du nicht, ich kann nicht mehr. Warum seid ihr alle so?
JUTKA
Wie so?
BARON
Was ist dein Leben wert? Faß den Vorhang an. Faß ihn. So. Und jetzt zieh ihn weg!
EDIT
So häßlich. So gleichgültig. Ohne Geist. Ohne Talent. Ihr habt nichts in euch. Sie tritt vom Vorhang weg, streichelt das Mädchen.
JUTKA
Nimm deine schmutzige Hand weg, du Miststück! Ich hasse dich, du ekelst mich an. Ich habe alles so satt, daß ich am liebsten sterben würde. Euch und alles.
EDIT
schreiend Schluß! Hör endlich auf! Sie geht zum Fenster, zieht den Vorhang weg.
BARON
lächelnd Grüß Gott!
Er sticht sie kalt ab. Jutka nimmt die Brechstange und schlägt völlig außer sich auf die Frau ein, ohne dabei Baron wahrzunehmen.
JUTKA
Oh, krepier nur! Du bist an allem schuld. Teufel! Die sind alle Teufel! Alle, alle, alle.
BARON
Wie kann in einem Menschen so viel Blut drin sein? So viel, so viel...
JUTKA
Ich töte sie, ich töte. Habe ich sie schon genug getötet?
BARON
Du bist krank! Komm, gehen wir hier weg... Los.
JUTKA
Nein!!!
Baron schleppt das Mädchen weg.
II. Teil
In der Wohnung
Ein halbes Jahr ist vergangen. Die drei Mädchen üben im Kostüm Cancan im Zimmer mit dem großen Spiegel, unter Horváths energischer Leitung. Musik vom Tonbandgerät. Der Tanz endet mit einem dreifachen Spagat. Die drei Mädchen, verschwitzt, mit fliegendem Atem, heben die Köpfe und blicken ängstlich auf Horváth.
HORVÁTH
gestikuliert, schreit Altbacken, das war altbacken! Ihr sollt sie nicht streicheln... Er schlägt mit der Hand auf. ...sondern wild machen! Offenbach, das ist ein verrückter Hühnerhof, unten die Hähne... und ihr Hirn ist schon ausgeblasen. Zu Jutka. Nicht Schlittschuh laufen, sondern fliegen, mein Schatz. Fliegen!
Horváth fährt das Band ab, fliegt wirklich, zeigt wie in Extase, was er meint: der verrückt gewordene Hühnerhof. Die Mädchen, völlig erschöpft, Schweißtropfen auf der Stirn, sehen ihm gebannt zu.
HORVÁTH
keucht Der Cancan, das Gewitter des Körpers... Oben ballen sich die Wolken, die Luft hat sich abgekühlt, die Bäume krümmen sich... Sie müssen Gänsehaut bekommen! Er bleibt stehen.
Türklingel.
HORVÁTH
Na, gut, Pause. Es hat geklingelt. Brüllt. Verdammt! Bewegt sich vielleicht mal eine von euch zur Tür?
ANDI
kalt Im Kostüm? So gehe ich nicht raus. Du wolltest, daß wir im Kostüm proben.
Horváth preßt die Lippen fest zusammen, so daß sie wie eine Messerklinge aussehen, geht raus und schlägt die Tür zu. Kommt mit dem Manager zurück.
MANAGER
familiär Meine schönen Damen, küß die Hand. Zu Horváth. Wie steht es mit der Produktion, Herr Choreograph? Ich sehe, wir geizen nicht mit Energie...
HORVÁTH
verärgert Die »Produktion« ist fertig. Ich hoffe, Sie haben sie auch schon verkauft.
MANAGER
Natürlich, natürlich. Aber sicher. Genauer gesagt, man hat sich mehrfach sehr dafür interessiert. Höhnisch. Ich werde mir meine Prozente verdienen.
Bis zum Ende dieses Aktes sehen Rita und Horváth einander nicht in die Augen.
RITA
Ich gehe, für heute ist Schluß, denke ich. Kommst du mit, Jutka?
JUTKA
zu Horváth Sieh mal, was ich kann!
Sie wirft die Beine hoch und macht fast in der Luft ein Spagat. Die beiden Mädchen gehen sich umziehen, in der Tür lächelt Jutka Horváth zu.
MANAGER
Herr Horváth, ich beneide Sie, wissen Sie das? Sie halten sich da einen richtigen Harem.
HORVÁTH
Sehr witzig. Ich setze einen Kaffee auf, bevor mir der Kopf platzt. Aber setzen Sie sich doch! Ab.
MANAGER
Na, liebe Andi? Alle haben uns verlassen... Sie können jetzt ganz vertraulich mit Ihrem Impresario sprechen.
ANDI
Laß mich endlich in Ruhe.
MANAGER
Meine sehr verehrte Tänzerin, Ihr wohlgeformter Hintern wird sich verkühlen, darf ich Ihnen beim Aufstehen helfen? Es wäre mir eine Ehre...
ANDI
Deine ständige Anmache geht mir auf den Sack, das schwöre ich dir.
MANAGER
mit dumpfer Stimme Du sprichst, als hättest du endgültig auf das Leben verzichtet. Und das soll ich dir abkaufen? Du bist leer, dein Kopf ist leer, nur dein Baby wirbelt da drin herum. Warum hast du dich mit diesem karrieregeilen Scheißkerl eingelassen? Denkst du etwa, der wird es zu etwas bringen? Nein. Nie, das kannst du mir glauben, nie! Wenn ihr zusammenbleibt, werdet ihr in einer Vorstadtbude enden. Eure Nummer ist gut, und alles andere auch, muß ich sagen... Ich besorge euch einen super Choreographen. Ist der Meister gut, sind die Mädchen gut... Ich rieche den Erfolg wie ein Araber das Sandgewitter. Ich beuge mich herab, ich schmecke den Sand auf der Zunge... und ich spüre ihn.
ANDI
mit großen Augen Mein Baby... wirbelt in mir herum? Wie gern ich es gehabt hätte. Jungfrau Maria, warum quälst du mich so? Über ihr geschminktes Gesicht fließen Tränen. Mein Kind... Ich werde nie mehr schuldlos sein. Scheißleben, und dabei hat alles so herrlich angefangen. Und wie schön es aussah! Ich glaube, ich habe Fieber. Sie sieht in den Spiegel. Schuldig... Ich kann nie wieder schwanger werden.
MANAGER
Hat der Arzt das gesagt?
ANDI
Nein, im Gegenteil. Schmerzhaft bewußt. Aber ich... weiß es.
MANAGER
Du hast wunderschöne Beine.
ANDI
Hey!... Ist doch alles egal!
Sie küßt ihn lange.
MANAGER
Du bist ein merkwürdiges Mädchen. Ich will nicht, daß...
ANDI
Was?
MANAGER
Du bist merkwürdig. Ich will nicht, daß der Junge uns dabei erwischt. Pause. Du machst mir Angst... Ja, du hast bestimmt Fieber. Einmal willst du es, einmal nicht... Ich komme morgen wieder vorbei. Ab.
Horváth steht in der Tür mit einem teuflischen Lächeln im Gesicht. Er rührt in seinem Kaffee.
ANDI
erschöpft, kann kaum reden Ich lasse nicht zu... Verstehst du... Ich dulde es nicht, daß du mich noch einmal mit diesem Menschen allein läßt. Ich bitte dich...
HORVÁTH
Warum denn, ist was passiert?
ANDI
Du willst uns verkaufen... Du willst uns alle verkaufen, das ganze Ensemble. Erregt. Du glaubst, ich habe nicht kapiert, warum du gerade jetzt den verdammten Kaffee machen mußtest. Sie schluchzt. Du bist gemein... Ein Mörder.
HORVÁTH
flüsternd Du haßt mich, ja?
ANDI
Du hast mal gesagt, das Leben ist so traurig wie ein Vorstadt-striptease, wo die alten Frauen Angst haben, daß niemand mehr neugierig auf sie ist... Mein Kind, mich... verkaufst du. Miserabler Striptease, wo die Frauen häßlich sind... Du machst sie dazu. Müller hat nur über dich gelacht... Ich hasse dich.
HORVÁTH
Macht nichts, macht nichts, wichtig ist, meine Liebe, daß ihr euch verkaufen laßt. Er dreht sich um und geht ab.
Rita kommt im Straßenkleid herein. Die beiden Mädchen sehen sich einen Moment lang an.
ANDI
mit ausgetrocknetem Hals, flüsternd Wo sind wir nur gelandet?
Schweigen.
RITA
zündet sich eine Zigarette an, setzt sich Würdelos, stimmt's, daß ich hier bin? Ja, ich erniedrige mich zutiefst. Sie lächelt Andi an. Ich sehe, wie du leidest, mir fallen die Monate von damals ein, die letzten Jahre, meine Jahre.
ANDI
Warum bist du hier? Warum bist du hier?
RITA
Die Dinge sind immer dieselben. Alles wiederholt sich. Alles ist dasselbe. Nichts wird sich je ändern, die Dinge sind die Herren, nicht wir. Du schimpfst mit dem Feri, daß er sich jeden Vorstellungstag rasieren soll... Früher habe ich mit ihm geschimpft. Er quält dich, du bist eine Maus im Laufrad, früher war ich die Maus. Warum lassen wir das alle zu? Wer weiß?
ANDI
Eines Tages verlasse ich ihn. Ich verlasse euch, alles. Eines Tages bin ich weit weg von hier. Ich heirate... Einen Fremden. Wie er heißen wird? Er wird keinen Namen haben. Ich werde seinen Namen nie erfahren. Du siehst mich nie wieder, wird er sagen, wenn du mir nachforschst. Es wird ein Fremder sein, ein absolut Fremder.
RITA
lachend Keine von uns wird jemals heiraten.
ANDI
Jeden Tag bekomme ich Angebote. Und du auch. Auf kleinen abgerissenen Zetteln. In jeder Vorstellung starren uns sechzehnjährige Jungen an, und reiche Araber und Wiener.
RITA
Wenn es darauf ankommt, bleibst du allein. Sie sieht sie an. Nur die Erika, nur sie... Sie hat jemanden verrückt gemacht, damit er sie mitnimmt. Sie schaudert.
ANDI
abergläubisch Den Teufel.
Horváth kommt zurück, hinter ihm Jutka, sie lehnt im Türrahmen.
HORVÁTH
Nanu, meine schönen Damen? Nach der Tanzstunde der kleine Moralkurs? Welche Lektion ist heute dran?
ANDI
Das Gewitter des Körpers, mein Herr. Oben ballen sich die Wolken, und unten kühlt sich die Luft ab, mich schüttelt es schon vor Kälte. Sie verbeugt sich artig, ab.
Zu zweit
HORVÁTH
hockt sich neben das Mädchen Ein halbes Jahr sind wir schon zu viert allein. Ich dachte, uns hält nur die Not zusammen, sonst nichts. Er raucht Ritas Zigarette weiter. Baron wartet auf Begnadigung... Oder auf die letzte Instanz. Und Hase? Verschwunden, verduftet, der wird nie wieder zurückkommen. Und wir übrigen? Was für eine Karriere! Ich komme mir wie ein sündiger Bischof vor, der die Unsterblichkeit für Geld verkauft.
ANDI
Ihr wart Müllers Lieblinge...
HORVÁTH
grinst säuerlich Wir waren Müllers Lieblinge...
ANDI
sieht ihn lange an Denkst du nicht manchmal, daß wir auch glücklich waren?
Horváth lacht.
ANDI
Von Stadt zu Stadt, in kleinen Klubs und großen öden Hallen. Wenn ich daran denke, komme ich mir wie geohrfeigt vor... Wir verklären unsere Vergangenheit und putschen uns damit auf. Oder es wird mir wie Erika gehen... Welcher Teufel hat ihr das angetan? Wenn er sie nur getötet hätte... Den wird man nie erwischen. Jutka wagte nicht, zu ihr hineinzugehen, obwohl sie ihre beste Freundin war, deshalb habe ich sie identifiziert. Wie oft ich von ihr träume!
Andi krümmt sich zusammen, Horváth raucht und sieht das Mädchen nachdenklich an. Lange Pause.
HORVÁTH
Hast du immer noch Krämpfe?
ANDI
Warum interessiert dich das? Es hat dich nie interessiert... Du hast gesagt, ich soll es allein erledigen, wenn ich Probleme habe. Du hast mich ausgelacht, du hast gesagt, ich bin jämmerlich, eine Jammergestalt... Flüstert. Du duldest niemanden, der nicht vollkommen ist.
HORVÁTH
Das stimmt nicht, ich bin auch nicht vollkommen. Niemand ist das. Ich glaube aber, daß man danach streben muß. Verärgert. Das verstehst du natürlich nicht. Für dich bedeuten diese Worte etwas anderes... Das heißt: sie bedeuten nichts. Nichts, was einen Sinn hätte. Ihr seid verkrampft, voller Angst. Angst haben kann man immer noch, das ganze Leben lang... Man muß das alles abwürgen, jeden Faden zerreißen, der einen zurückhält, du mußt allein herausfinden, wie du die Sache in den Griff kriegst.
ANDI
Du sprichst über mein Kind.
HORVÁTH
ruhig Sei nicht albern. Pause. Darüber habe ich überhaupt nicht gesprochen, aber du verstehst nicht mal, worum es geht.
ANDI
Wie verständnislos du bist. Verständnislos wie... Du siehst nicht, was wichtig ist.
HORVÁTH
Du bist total fertig. Was wichtig ist...? Du bist mir wichtig, wirklich, und... ich sehe, wie du in diesem Sumpf versinkst. Wie du dich bemitleidest! Sanft. Man darf sich nicht so sehr bemitleiden! Weißt du das denn nicht, Andilein? Die Vergangenheit ist ein Ding ohne Wert. Es gibt gar keine Vergangenheit. Denk nicht mehr daran.
ANDI
Du Blödmann. Sie sieht ihm in die Augen. Manchmal hasse ich dich wirklich.
HORVÁTH
raucht nachdenklich Wohin führt dich dein Weg, Andilein?
ANDI
Und deiner?
Auf der Straße
JUTKA
Wenn ich nur wüßte, was dich hier hält...
RITA
Ganz einfach, die Arbeit. Ich fühle nichts mehr für die anderen, jeder hat seine eigenen Probleme. Zögernd. Weißt du, mit der Andi habe ich sogar Mitleid.
JUTKA
Ich habe mich sehr gewundert, daß du zurückgekommen bist.
RITA
Du warst ganz verblüfft, ich erinnere mich.
JUTKA
Auf einmal ging die Tür auf und du warst da. Ich dachte nur, jetzt gibt es Zirkus. Ich mag sowas nicht.
RITA
Was soll ich machen, ich muß arbeiten. Leise, nach einer Pause. Die Tür ging auf und ich war da... Wenn du wüßtest, wie mir das Herz klopfte.
In der Wohnung
ANDI
Durch das Fenster beobachtest du sie, ja? Ich höre ihre Stimmen. Das Problem ist, daß du mich anlügst. Du hängst nur am Fenster, rauchst eine nach der anderen und lügst, und niemand weiß, was dir durch den Kopf geht. Heute weiß ich natürlich, daß ich dir nichts bedeutet habe, und auch die anderen nicht, glaube ich. Es gab aber eine Zeit, da habe ich mich damit abgequält, herauszufinden, woran du denkst. Woran oder an wen...
HORVÁTH
Oh, das ist rührend. Mach weiter, vielleicht verliebe ich mich noch in dich. Aber paß gut auf, daß ich mich nicht langweile. Du weinst, meine Süße?
Andi sucht in ihrer Handtasche.
HORVÁTH
Sie weint? Bei dieser Beleuchtung ist sie noch reizender. Aber das Leben! Das ist eine andere Geschichte, meine Liebe. Was hätten wir einander noch zu sagen?
ANDI
leise Es ist also... zuende? Sie faßt seine Hand, sieht ihn aber nicht an. Seit der Abtreibung weiß ich es. Diese beschissene Wohnung hat alles in mir abgetötet, und dieses beschissene Jahr. Sie sieht in den Spiegel. Was hat sich geändert? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht. Ich wollte deine Frau werden, für dich sorgen... Das erste Mal in meinem Leben für jemanden sorgen. Wie oft habe ich meine Mutter angerufen, bevor du nach Hause kamst, damit ich wenigstens einmal am Tag ein nettes Wort höre. Oder manchmal nur, um sie um Rat zu bitten, wie ich etwas kochen soll. Natürlich habe ich von nichts was verstanden. Das hat dich aber nicht gestört, nur mich. Und manchmal warst du zu mir so... Wie beschissen dieses Jahr war, ich weiß gar nicht, warum ich das alles durchgemacht habe.
Lange Stille, im Zimmer wird es langsam dämmerig, der einzige farbige Fleck ist das Mädchen im kurzen roten Rock, sie liegt auf dem Rücken und sieht zur Decke hinauf, versucht ihre Gedanken zu ordnen. Horváth steht am Fenster, mit dem Rücken zu ihr.
ANDI
Manchmal denke ich, wir sollten nochmal von vorne anfangen. Ganz anders.
HORVÁTH
lacht auf
Auf der Straße
HASE
Macht es dir was aus, daß ich auf dich gewartet habe?
RITA
lacht Nein, überhaupt nicht. Ich habe dich lange nicht gesehen. Hattest du hier in der Gegend zu tun?
HASE
Ich habe gehört, daß die Mannschaft wieder zusammen ist, und ich dachte, ich schaue mal bei euch vorbei.
RITA
Du warst lange nicht mehr bei uns. Inzwischen haben wir uns vom Ballett verabschiedet. Horváth versucht es in letzter Zeit mit Cancan.
HASE
Wird was daraus?
RITA
nach kurzem Zögern Na klar.
HASE
Und wie ist es?
RITA
Wieder zu tanzen? Sie lächelt. Super.
HASE
plötzlich Weißt du was? Gehen wir rüber in den Lunapark. Es ist ja nur ein Sprung von hier.
RITA
Lieber nicht, ich habe keine Lust. Ich bin müde.
HASE
zieht sie an der Hand Bitte...
Der Lunapark
Eine Bank. Ferner Lärm. Rita und Hase, mit Hotdog in der Hand.
HASE
Wie war's?
RITA
Die Achterbahn? Prima. Prima hat sie mir den Magen umgedreht.
HASE
Der Hotdog ist dafür genau das richtige. Er ißt. Hier fühle ich mich sauwohl. Wenn du wüßtest, wie beschissen meine Arbeit ist! Ach, du weißt gar nicht, daß ich arbeite, was? Tja, alles hat einmal ein Ende. Pause. Mein Chef ist so saublöd, daß es zum verrücktwerden ist. Im Ernst. Er schreibt »Teller« mit Doppel-S. Ich glaube, er hat höchstens drei Klassen geschafft. Nein, eher nur zwei wie der Personenzug. Neulich ist er morgens mit völlig zerkratztem Gesicht gekommen... Ich wußte natürlich sofort, daß er am Vortag versucht hat, mit Gabel und Messer zu essen.
Er bekleckert sich. Rita lacht, versucht seine Kleidung zu reinigen.
RITA
Hasilein, uns haben deine Blödeleien gefehlt, im Ernst, du bist ja voller Senf!
HASE
Und dabei hatte ich ausdrücklich Ketchup verlangt!
RITA
lacht sehr, lehnt sich an Hase, hustet Oh, ich habe mich an diesem Scheiß-Hotdog verschluckt.
HASE
betrachtet sie prüfend Die Achterbahn... Ich hatte mal einen Freund, der sich als Kleinkind den Kopf eingeschlagen hat. Am Wandschrank. Er bekam einen haardünnen Riß in seinem Schädel, einen so dünnen, daß niemand ihn bemerkt hat. Dann, einige Jahre später, fuhr er Achterbahn und als er herauskam, begann er fürchterlich zu husten. Er hustete so sehr, daß ich sofort wußte, alles ist zu spät. Zuende.
RITA
Jesus, Maria! Was ist mit ihm passiert?
HASE
verlegen Ich erzähle es lieber nicht, weil er zufällig am Leben geblieben ist. Kann sein, daß dir auch nichts passieren wird. Im Ernst, kann sein!
RITA
Jesus, Maria! Ich spüre, mein Haarriß ist wieder aufgebrochen.
HASE
Siehst du? Siehst du? Ich habe es dir gesagt. Hier hinten... nein, vorne an der Stirn. Das ist halb so schlimm. Es besteht Hoffnung.
RITA
Ja? Wirklich? Ist das dein Ernst?
HASE
Es besteht Hoffnung, ich schwöre es dir. Laß mich mal sehen. Bei uns auf unserer Etage wohnte ein Arzt, so daß ich in solchen Fragen ein Profi bin. Er umarmt sie.
RITA
Also, ich komme noch einmal davon. Gott sei Dank. Langsam faßt sie Hases Hand und dreht ihm den Arm nach hinten. Interessant, ich fühle mich schon viel besser, mir geht's richtig gut. Dir auch? Nicht? Warum denn nicht? Hast du was?
HASE
leicht stöhnend Ich fürchte, in deinem Zustand werden dir solche Kunststücke ernstlich schaden. Kann sein, daß du starke Schmerzen bekommst...
RITA
Interessant. Ich spüre keine Schmerzen.
Sie verdreht ihm weiter den Arm. Hase schreit auf. Eine alte Frau geht vorbei.
HASE
stöhnend Meine Dame, ich bin in die Hände einer brutalen Frau geraten. Wenn Sie an einer Telefonzelle vorbeikommen, rufen Sie bitte die Polizei.
FRAU
Ihr jungen Leute, glaubt wohl, man kann alles machen. Sie schlurft fort.
Hase legt die Hand auf Ritas Schulter und sieht ihr wie ein kleiner Junge ins Gesicht. Rita sieht verlegen zu Boden. Geht weg von ihm.
HASE
trinkt, dreht die Coladose in der Hand hin und her Diese Scheiße wird uns überleben. Er schmeißt sie voller Kraft weg. Verdammtes Leben. Ich bin nicht erfolgreich, was soll ich machen? Jeder schafft es irgendwie. Ich schäme mich. Die erfolgreichste Sache der Welt ist der Erfolg. Ich werde beim Roulette die Bank sprengen. Ich kaufe die Hawaii-Inseln. Oder ich werde Arzt. Die sind reich.
RITA
Die werden aber nachts hochgescheucht.
HASE
Ich werde plastischer Chirurg. Da kommen die Frauen nicht mit Sirenengeheul im Rettungswagen angefahren, um ihre Brüste aufpumpen zu lassen. Er denkt nach. Oder doch?
RITA
Ich glaube sogar, daß wir jetzt so, zu dritt, ankommen werden. Ich sollte aber vielleicht trotzdem dort weggehen. Ich sollte weggehen. Aber wohin?
HASE
Du machst dir nur was vor. Aber du hast recht. Wer macht das nicht?
RITA
traurig Was verstehst du schon davon, Hase?
HASE
Siehst du die drei Tauben dort? Am Geländer. Die gucken dauernd auf meinen Hotdog. Er verbirgt ihn und zeigt ihnen den Finger. Das könnt ihr haben.
RITA
Vielleicht hast du recht. Vielleicht sollte ich abhauen. Mich langweilt das alles. Und wie mich alles langweilt, Jesus. Verdammt. Sie streckt sich auf der Bank aus.
HASE
Die sehen zu. Die sehen mich an. Es sind schon vier. Sie scharrt im Staub herum und denkt... Unruhig. Sag mal, hast du »Die Vögel« gesehen? Hitchcock.
RITA
Nur weg hier. Für immer. Wie die Wolken. Egal, wohin.
HASE
Ich fühle mich beschissen. Hör zu... Wir geben ihnen freiwillig unseren Hotdog und fliehen zusammen.
RITA
Mit mir wird es schlimm enden.
HASE
Huh, jetzt sind sie weggeflogen. Was sagst du?
RITA
Nichts. Nicht wichtig.
HASE
umarmt sie, Rita läßt es zu, leise Spürst du jetzt nicht an der Seite deiner Stirn einen leichten Druck? Du weißt, dein Haarriß...
RITA
Du Mistkerl. Lachend boxt sie ihn in die Seite.
HASE
Du weißt gar nicht, wie ich mich fühle... Wenn man etwas sagen will, was einem sehr am Herzen liegt, dann gelingt es wahrscheinlich nicht. Es ist schön mit dir. Schön... Aber da sollte ich mehr sagen.
RITA
lächelt ihn an Hase, du redest viel zu viel.
HASE.
Ich war einmal in einem sehr heruntergekommenen Kino, allein, und saß ganz vorne. Und sah, daß etwas vor mir qualmte. Was ist das, fragte ich mich. Jemand hatte eine Kippe oder ein Streichholz auf den Boden geworfen, und dort lag, weißt du, allerlei Papier und alles mögliche. Und es qualmte und brannte auch. Ich sprang auf und wollte schreien, weil nur ich es sah. Heraus kam aber nur ein F-F-F... Und alle haben mich angeschrien, ich soll mich setzen und still sein. Ich stand da und ich fühlte mich wie ein Idiot.
RITA
Das muß schrecklich gewesen sein.
HASE
Alle haben gezischt: pssst!
RITA
Ich hätte auch gezischt.
HASE
Am schlimmsten war aber, daß sie mich für gaga hielten. Die Wahrheit ist, daß sowas auch schon früher passiert ist. Danach war ich mit einem Mädchen verabredet. Ich bin aus dem Kino rausgeschlichen und habe für sie Blumen gekauft Immer mehr schreiend. und da spürte ich, daß ich ihr nicht würde sagen können, daß ich Blumen für sie mitgebracht habe, nur so viel: »Blumen«, und dann gebe ich sie ihr, und dann trafen wir uns und ich stand einfach nur da, wie ein Idiot, ich konnte kein einziges verdammtes Wort rausbringen, ich stand nur da, verdammt, sie war schon sehr nervös, ich habe sie nämlich nicht mal begrüßt, und sie hat mich angeschrien, und ich dachte, na jetzt, jetzt werde ich so gut ich kann schreien, »Blumen«, ich habe dann den Mund aufgemacht Schreit. und geschrien: Feuer, Feuer, Feuer! Er legt sein Gesicht in die Hände und lacht.
RITA
lacht sehr Laß uns zum Riesenrad gehen!
HASE
finster Gut. Sehr gerne. Obwohl, ich muß dir das sagen, da ich früher auf einem solchen Platz gearbeitet habe, also ich habe gesehen, daß die Kerle, die diese schwebenden Kästen anmontieren, sich jeden Tag fürchterlich besaufen und hin und wieder die Zahnräder miteinander verwechseln. Na ja, das merkt man aber erst, wenn...
Rita genießt es sehr, hört ihm aufmerksam zu. Hase will sie plötzlich küssen.
RITA
Nein, das nicht. Hase. Nein.
Sie gehen weg. Hase beginnt nach einer kurzen Verlegenheit wieder Possen zu reißen. Rundherum drehen sich die Räder, die Schiffsschaukeln schwingen, die Ausrufer schreien, es geht sehr lebhaft zu. Lichter, Neonreklamen, Mickymäuse, wandelnde Marlboroschachteln, Jahrmarktswahnsinn. Langsam wird es still.
Abendstille
RITA
allein Es hat sich nicht gelohnt... Es hat sich nicht gelohnt...
FREMDER
Es gibt nur wenige Dinge, die sich lohnen, aber Sie können das noch nicht wissen.
RITA
Sie erschrecken mich. Sie haben mich aber ganz schön erschreckt, ehrlich!
FREMDER
freundlich lächelnd Entschuldigen Sie. Das wollte ich nicht. Ich möchte auf keinen Fall jemanden erschrecken. Darf ich mich setzen?
RITA
Ich bin ja sowieso allein, absolut allein.
FREMDER
Wir sind nie allein. Einer ist stets darauf bedacht, was aus uns wird.
RITA
Glauben Sie? Ich glaube das nicht. Sie sind Pfarrer, ja? Sie lacht. Sonst würde ich nicht mit Ihnen hier sitzen. Das hier ist ein anrüchiger Ort. Wenn Sie wüßten! Ein Pfarrer ist hier sehr ungewöhnlich. Alles ist friedlich, sehen Sie, und am Ende beginne ich doch noch zu weinen. Entschuldigung. Meine Kindheit ist mir eingefallen, wissen Sie, meine Mutter. Daß ich mit Ihnen so rede, merkwürdig... Wie oft bin ich zu Weihnachten bei der Mitternachtsmesse im Schoß meiner Mutter eingeschlafen. Wo gibt's das schon? Ich werde rührselig. Das gehört sich nicht. Ich schütte meine Seele vor Ihnen aus, und warum? Weil Sie ein Fremder sind.
FREMDER
hört ihr aufmerksam zu Die Seele. Das einzige, wofür es sich lohnt. Er lächelt. Ich hoffe, Sie wissen, daß wir sie nicht verlieren dürfen.
RITA
Meine Seele! Damit haben Sie nichts zu tun. Vergessen Sie es. Warum sitzen Sie hier mit mir zusammen, Ihre Lämmer warten sicher schon auf Sie.
FREMDER
zögernd Weißes Lamm, lebt in Gefahr... An einem fremden Ort, an einem schlechten Ort. Die Seele leuchtet glänzend, unmöglich, sie zu beschmutzen.
RITA
Was reden Sie da zusammen, mit Gott, leben Sie wohl. Wieviele um mich besorgt sind, zu viele! Jeder will was von mir, was wollen Sie? Meine Seligkeit, sagt man so, nicht? Sie bemühen sich vergebens. Ich fürchte, sie ist hin für immer.
FREMDER
mit rauher Stimme Sie sind Tänzerin, nicht wahr?
RITA
Woher wissen Sie das?
FREMDER
Ich beobachte Sie schon seit langem. Wenn Sie wüßten, wie lange schon, meine Tochter! Ich bin Ihnen auf der Spur...
RITA
Mir auf der Spur? Lohnt sich nicht. Das wäre wie ein schlechter Traum für Sie. Und beim Erwachen hätten Sie keine angenehmen Erinnerungen. Sie würden mir nur immer schmeicheln wollen. Sie würden alles haben wollen, auch Sie. Die Unruhe würde Sie jagen, die schlimmste Krankheit. Und nur ans Geld würden Sie denken. Sie würden auf Tricks verfallen wie ein Zauberer, in großem Stil. Und einen Hofstaat haben! Ich bin charakterlos, und Sie würden das genießen, Vater! Und das ist nur ein kleiner Vorgeschmack.
FREMDER
Sie machen mich traurig, meine Tochter. Ihre unsterbliche Seele ist krank.
RITA
Und wahrscheinlich nicht unsterblich. Sie bricht in Tränen aus. Oh, Vater, warum gibt es keine Rettung? Bitte, helfen Sie, Sie sehen, ich weine, bitte. Sie sind vielleicht der letzte unschuldige Mensch... Sonst hätten Sie gesehen, wer ich bin, und wären an mir vorbeigegangen. Ich bin ein wertloses, kleines Nichts. Ich habe mich erniedrigt, ich bin feige. Warum kann ich nicht die Konsequenzen daraus ziehen? Vielleicht sind meine Gefühle zu tief oder zu seicht. Ich werde nie sehen, was in der Tiefe wohnt.
FREMDER
In der Tiefe tost es, brodelt es, es wird einem schwindlig, wenn man hinabsieht. Sie würden erschrecken vor dem Anblick... Das muß untergehen, erbarmungslos umkommen, verstehst du mich? Wie heißt es doch...? Herr! Aus der Tiefe rufe ich zu dir... Wenn es dich peinigt, reiße es aus! Was auch immer es sei, ein Körperteil oder ein Gedanke.
RITA
mit wahnsinniger Hoffnung Gibt es ein ewiges Leben?
FREMDER
Ja, es gibt ein ewiges, reines Leben. Zögernd. Und bis dahin? Alles, was reines..., tätiges Leben ist, die Erziehung der Kinder, die Angst davor, was kommen wird. Die Schwelle, die wir alle übertreten müssen... Traumverloren. Was bringt der Tag der Abrechnung?
RITA
wie von Sinnen Tätiges Leben, und Kinder erziehen... Vater, ich hatte drei Abtreibungen. Wer hat das gewollt? Wer erniedrigt uns so?
FREMDER
Ich weiß, wer das ist.
RITA
Warum kann ich kein Kind mehr bekommen? Und warum sind wir allein?
FREMDER
SEIN Herz ist traurig und wartet auf die Gefallenen. Stoße von dir, meine Tochter, was dich peinigt. Reinheit. Weißt du, was das ist? Die Reinheit des Schnees, der Bettwäsche, des sauberen Leinens, des Schaumes vom fließenden Bach. Wir müssen rein werden. Wie leid du mir tust, meine Tochter. Mir bricht das Herz.
RITA
Oh mein Gott! Sie schluchzt.
FREMDER
Wenn ich Tränen hätte, würde ich mit dir weinen, meine Tochter. Er greift in seine Tasche und öffnet sie. SEINE Gnade über uns.
HORVÁTH
kommt dazu Rita! Du hier?
Der Fremde verschwindet rasch.
RITA
Feri! Feri! Sie läuft zu ihm.
Zu zweit Zusatzszene
HASE
Ich weiß, warum Sie mich sprechen wollen. Sie wollen, daß ich die Stelle von Feri Horváth in dieser neuen Gruppe übernehme. Sie wollen Horváth rausschmeißen.
MANAGER
Wenn Sie es schon wissen... Sie sind ein kluger Junge, Hase.
HASE
gelangweilt Ich fürchte, dazu haben Sie keine Macht.
MANAGER
lächelt Dazu habe ich jede Macht... Hase. Warum nennt man Sie eigentlich so?
HASE
gelangweilt Weil ich als Kind eine Hasenscharte hatte. Eigentlich habe ich auch heute noch einen Sprachfehler...
MANAGER
Das merkt man gar nicht.
HASE
...beziehungsweise, jetzt ist es damit hoffentlich vorbei. Ungefähr seit Müller wegging. Obwohl...
MANAGER
Die Gruppe hat sich vor einem halben Jahr aufgelöst...
HASE
...ich damit nirgendwohin gegangen bin.
MANAGER
...und ich habe mir in den Kopf gesetzt, sie wieder auf die Beine zu stellen.
HASE
Um ehrlich zu sein, wollte ich es auch nie behandeln lassen. Ich hab mich geschämt.
MANAGER
Offen gesagt: ich glaube, da kann ich viel machen.
HASE
Mein Sprachfehler interessiert mich nicht mehr.
MANAGER
Aber nicht so! Wer weiß, was kommt!
HASE
Wer weiß, was mich eigentlich interessiert?
MANAGER
Verstehen Sie: die Horváth-Gruppe ist lebensunfähig.
HASE
Worüber reden wir denn?
MANAGER
Wir sprechen über dasselbe, mein Freund. Über die Zukunft.
HASE
Vielen Dank für Ihr Angebot, ich lehne dankend ab.
MANAGER
Oh Mann! Warum?
HASE
Ich weiß, warum.
MANAGER
Sie denken nicht nach, mein junger Freund. Ihr alle denkt nie nach. Natürlich brauche ich Sie nicht, damit Sie nachdenken, sondern damit Sie tanzen.
HASE
Ich glaube nicht, daß es Sie wirklich interessiert, aber ich kann es Ihnen ja sagen.
MANAGER
traurig Ich wollte nur das Beste für Sie. Sie sind verrückt, mein Sohn. Aus Ihnen wird nichts.
HASE
Ich übernehme Horváths Stelle nicht, weil er viel begabter ist als ich. Er ist ein Talent. Passen Sie gut auf ihn auf, er kann Ihnen noch sehr wichtig werden.
MANAGER
traurig Sie tun mir sehr leid. Sie sind nicht zu überzeugen. Sie werden das noch einmal bereuen. Aber dann werde ich nicht mehr meine Hand über Sie halten können.
HASE
höflich Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Er dreht sich noch einmal um. Sie sind ein guter Mensch. Ich habe mich in Ihnen angenehm getäuscht. Ab.
Im Sprechzimmer im Zuchthaus
zu dritt, Jutka und Horváth besuchen den Baron
JUTKA
Grüß dich.
BARON
Grüß euch.
HORVÁTH
Hallo. Wie geht's?
Allgemeine Verlegenheit.
JUTKA
durchs Gitter Wir haben bis dreizehn Uhr Zeit, hat der Bulle gesagt.
BARON
Red nicht so.
JUTKA
Egal. Also bis eins. Bis eins...
HORVÁTH
sitzt neben Jutka, tiefes Schweigen Jutka hat dir was mitgebracht. Wir haben es draußen gelassen.
JUTKA
Ich habe dir...
BARON
Ich brauche nichts, danke.
JUTKA
Ein Paket. Was du magst. Ich mußte es draußen abgeben. Wir bleiben bis eins.
BARON
Laß das bitte.
JUTKA
Sie haben gesagt, du wirst es bekommen.
BARON
Das habe ich dir doch schon das letzte Mal gesagt.
JUTKA
Heute habe ich von dir geträumt, weißt du.
BARON
lustlos Und was hast du geträumt?
JUTKA
Daß sich alles zum Guten wenden wird. Du warst nicht hier...
BARON
Ich höre, du heiratest, Horváth. Das machst du richtig.
JUTKA
Es war sehr schön...
BARON
Mit Rita fährst du gut, glaub mir.
JUTKA
Warum komme ich nur immer wieder hierher?
HORVÁTH
Das ist noch nicht sicher. Sie will es unbedingt.
BARON
Einmal solltest du das auch unbedingt wollen.
HORVÁTH
Lassen wir das jetzt.
BARON
Endlich jemand, der dich aushält.
JUTKA
Ich bin ganz sicher, alles wird sich zum Guten wenden.
BARON
Jutka, man hält dich schon für blöd, daß du so oft kommst. Deine ganze Zeit verbringst du hier.
HORVÁTH
Mensch, laß das. Was wird mit dir? Manchmal habe ich das Gefühl, daß man dich umprogrammiert hat.
BARON
Jede Rechnung muß man irgendwann bezahlen, Horváth. Ich will nicht ewig ein Ganove bleiben. Er geht auf und ab. Die Anklage steht fest, ich warte auf das Urteil. Ich habe einen Menschen getötet, und?... Ich habe ihre Wohnung durchwühlt, ich habe ihre Sachen geraubt, und es hat doch nicht geklappt. Ist dann nicht alles egal? Ich kann nicht ewig hier sitzen. Ich muß die Wahrheit über mich wissen.
JUTKA
flüstert Die Richter werden nichts verstehen.
BARON
Wir können nicht ständig flüchten vor dem, was kommt. Ich habe die Nase sehr hoch getragen, obwohl ich ein armes Würstchen war, ein kleiner Ganove. Es wird Zeit, daß ich endlich anfange, das alles zu begreifen. Ich wollte ein starker Typ sein, ein ganz gerissener Kerl, aber dieser Trick ist mir nicht gelungen, daran gehe ich jetzt kaputt. Dafür muß ich geradestehen.
JUTKA
Baron... Ich möchte auf dich warten. Ich möchte, daß... Ich weiß nicht, ob es geht. Baron... Wirst du mich hassen?
BARON
Das hätte so schön sein können! Ein Haus voller Kinder! Bei den Geburten wäre ich dabeigewesen. Hier ist es nicht interessant. Verbrecher, Verrückte, Lumpen, vergiß es, sieh zu, daß du da so schnell wie möglich rauskommst, vergiß mich! Dazu war ich jetzt immerhin schon fähig. Ich bin ein Wurm, ein Wurm mit gutem Geschmack, es ekelt mich vor mir. Mit klatschnassen Haaren und zitterndem Mund muß ich es im Traum doch immer wieder tun. Ganz alleine. Die sogenannten Anständigen kotzen mich an. Du auch. Was weißt du schon über mich? Bruchstücke... Wenn ich mein Leben erzähle, beschmutze ich jeden damit. Was für eine Spur ziehe ich hinter mir her? Wäre es nicht sinnvoller, sofort zu verschwinden, für immer? Worauf warte ich noch? Ich zähle meine Schritte. Ich schreibe endlose Kommentare zu meinem Leben. Na los, dann, lebe wohl, Zauber der Phantasie! Begraben wir sie, Erde drauf, nur schnell, nur schnell.
JUTKA
Aber hier kommst du doch noch raus!
BARON
Ich hätte nichts mehr zu erwarten. Und niemand würde auf mich warten. Du auch nicht. Gelangweilt. Das Leben bleibt nicht stehen. Bin ich schon soweit? Irgendwie fühle ich mich betrogen, nicht einmal ein Ganove konnte ich werden. Tief durchatmen! Das mildert das Schamgefühl. Er lacht angestrengt.
JUTKA
Ich halte das nicht länger aus. Ich kann deine Quälereien nicht länger ertragen. Ich habe alles für dich getan, das schwöre ich. Natürlich, du hast in allem recht. Aber was erwartest du noch von mir?
BARON
Du kommst also nicht mehr.
JUTKA
Aber das willst du doch gerade.
BARON
lacht sie aus Wie dumm bist du eigentlich. Wenn das hier zu Ende ist, wirst du es schwerer haben. Das weißt du bloß noch nicht.
JUTKA
Du hast mir doch eben gesagt, was das für einen Sinn hätte.
BARON
ruhig Das hätte wirklich keinen Sinn. Geh bitte!
JUTKA
Sei mir nicht böse, ich kann nicht wiederkommen. Ich weiß, daß ich in Wahrheit an nichts schuld bin. Ich will das vergessen. Ab.
BARON
Du wunderst dich über gar nichts mehr, stimmt's?
HORVÁTH
Du hast schon den Strick um den Hals, besser, du schweigst. Das ist kein Spaß mehr, alles ist entschieden. Er bietet Baron eine Zigarette an. Mensch, sag doch, was bleibt von dir? Baron raucht. Jedes Tier will seine Haut retten. Irgendeine Lösung gibt's dann immer. Man muß nur danach suchen.
BARON
Jedes Tier will seine Haut retten... Es weint unter dem Messer. Und was erhebt den Menschen aus dem Schmutz, aus dem tierischen Dasein? Ist unsere Haut aus Gold? Ist sie so viel wert? Wer weiß im voraus, was nach alldem auf einen wartet? Etwas Schönes oder der reine Wahnsinn? Aber ich habe den Strick schon um den Hals, und es ist besser, wenn ich schweige.
HORVÁTH
Heul doch wenigstens, winsele, leck den Richtern die Schuhe ab. Was bleibt sonst von dir? Er zündet sich eine Zigarette an. Verrinnender Sand.
BARON
Seit einem halben Jahr sitze ich in Einzelhaft, und ein weiteres halbes Jahr werde ich noch hier sitzen, und auf die Gnade warten, die natürlich kommen wird. Ich überdenke mein Leben und werde meinem einzigen Besucher, also dir, erzählen, worauf ich dabei gekommen bin. Welche Rechte hatte ich, und welche Pflichten. Was hätte ich tun können? Ich habe die Aufgabe und das Recht auf die Probe gestellt, und sie hielten sich nicht die Waage. Wiegen wir das Werk, das hier auf der Erde vollbracht wurde: Strich um Strich, Gewicht für Gewicht. Was bleibt von mir zurück? Meine Schuld ist ein Zufall, mein Leben ein Zufall, ich war Raskolnikows Axt. Ich muß endlich begreifen, wozu ich vierundzwanzig Jahre lang gelebt habe. Ich glaube, ich habe diese ganze Geschichte nicht kapiert. Aber das zählt natürlich überhaupt nicht.
HORVÁTH
sich am Gitterfenster auf die Zehen stellend Siehst du die Häftlinge essen? In der Mitte der Wärter. Zwanzig Jahre lang wirst du auch so essen. Wie merkwürdig das da drüben ist! Er grinst. Hör mal, dem Müller würde das gefallen!
BARON
Mit dem Müller zu arbeiten war natürlich schrecklich. Er hat die künstliche Beleuchtung gehaßt, aber auch die offene Sonne. Und ich, der sich um die Raumanmietung kümmern mußte, habe manchmal gedacht, ich werde verrückt. Er wollte nur gefiltertes Licht, nur Wolken, nur Wolken... oder Dämmerung. Man hatte das Gefühl, daß er mit Gott ringt. Quäle dich nur, quäle dich, und wer sagt, daß es gelingen wird? Wie er uns inszenierte, war schrecklich. Oder habe ich das schon gesagt? Horváth, hörst du? Wenn du jemanden inszenieren wirst, wird er dich hassen. Oder er wird Angst haben vor dir. Du wirst ihm befehlen müssen. Mach Skizzen, zeichne ihn auf ein Papier, wenn du jemanden gezeichnet hast, wird er in deiner Macht sein. Hörst du? Dieser Weg führt natürlich in die Hölle.
HORVÁTH
die Häftlinge beobachtend Es ist wie ein barocker deutscher Alptraum. Das Abendmahl der Sankt-Georg-Schützen beim Prinzen. Wer hat das gemalt?
BARON
Holbein, ja, der tapfere Mistkerl, den mag ich. Er hat sich jeden Tag besoffen und seine Frau verprügelt. Er suchte nach dem Weg zur Seligkeit.
HORVÁTH
Wie ein Gemälde. Siehst du denn nicht? Er lacht und klopft auf das Gitter. Grau sind sie, was? Verdammt grau!
Auf einem Platz Zusatzszene
Sie kann in der Mitte des Stückes plaziert werden.
Zwei Gestalten beugen sich über einen Körper. Es ist spätabends.
POLIZIST 1
Mensch, woraus bist du? Ich kann nicht mehr sehen...
POLIZIST 2
Ist dir übel?
POLIZIST 1
Daran kann man sich einfach nicht gewöhnen.
POLIZIST 2
untersucht den Körper Auf dem Bauch das blutige Kreuz. Der »Bruder« war wieder mal am Werk.
POLIZIST 1
Aber warum zerstückelt er sie so? Mit Brechreiz kämpfend. Überall nur...
POLIZIST 2
Und jetzt?
POLIZIST 1
Ja, ja, Herr Leutnant, jetzt haben wir ein Problem. Er wendet sich ab.