
CÍMLAP
Révai Sámuel
Grundbedingungen der gesellschaftlichen Wohlfahrt
VORWORT
Ich habe mir das Studium der socialen Frage zur Aufgabe gestellt; diese
ist in unserer Zeit zu einer offenen, weltbewegenden Frage geworden und
hält alle Kreise der Gesellschaft in ständiger Aufregung. Nicht allein an
den berufsmässigen Staatsmann, nicht allein an die fachkundigen Männer der
Gesellschafts-Wissenschaft tritt diese Frage heran; vielmehr stellt sie
selbst an schwächer ausgerüstete, anspruchslose Beobachter die Forderung,
sich eingehend und ernstlich mit ihr zu beschäftigen. Wenngleich es in
erster Reihe leitenden Personen und Klassen zusteht, sich mit den
wichtigsten Lebensfragen ganzer Völker und Nationen zu beschäftigen, ihnen
ihre Fähigkeiten, sowie ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen; wenn es auch
ihre berufsmässige Aufgabe ist, die sich immer mehr und energischer in den
Vordergrund drängenden bedeutungsvollen Ideen und Strömungen in Betracht zu
ziehen, so kann doch kein einsichtig denkender Mensch sich dem Problem
entziehen , der mit unbefangenem Sinn, mit klarem Blick dem Wogen und
Wallen, dem Gären und Treiben mächtiger Elemente gegenübersteht, woraus
sich, unter Beseitigung der wirtschaftlichen Formen der Gegenwart, die
gesellschaftliche Organisation der Zukunft herausgestalten soll.
Zu Beginn des abgelaufenen Jahrhunderts haben sich mit wirtschaftlichen,
namentlich aber mit der socialen Frage nur wenige beschäftigt; damals war
die Brotfrage lange nicht zu einer so brennenden geworden wie in unserer
Zeit, und gleichwie das seiner eigenen Kraft vertrauende, auf sich selbst
angewiesene und sich stützende Raubtier erst dann auf Beute auszieht, wenn
es von Hunger getrieben wird: also ergiebt sich auch der "homo sapiens" in
sein Los, insolange nicht seine tierischen Instinkte durch heftiges,
peinliches Rollen und Knurren des Magens wachgerufen werden. In unseren
Tagen ist die Frage zu einer ernstlich dringenden, ja sogar drohenden
geworden, da durch das Übergewicht von Maschinen, Dampfkraft und
Elektricität die wirtschaftlichen Zustände sich von Grund aus verändert
haben. Infolge zahlloser Ubelstände, welche auf unser wirtschaftliches
Leben, auf die Gliederung und Organisation desselben einen gewaltigen
Druck, einen störenden Einfluss üben; durch das Anwachsen der Legionen von
Vermögenslosen und Millionen von Bedürftigen, sowie die jedermann in seinen
elementarsten Lebensinteressen fortwährend bedrohende allgemeine Krise,
gelangte die sociale Frage vor allen anderen Problemen in den Vordergrund.
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