
CÍMLAP
Uigurische Sprachmonumente und das Kudatku Bilik
INHALT, VORWORT
Inhalt
Vorwort.
Einleitung.
Die Uïguren.
Bedeutung des Namens, ihre Heimat, ihre socialen Verhältnisse und Sprachmonumente.
Die Sprache der Uïguren.
Die Einführung der Schrift.
Uïgurische Schriftgattungen.
Uïgurische Schriftzeichen.
Ursprung und Datum des Kudatku Bilik.
Schrift des Kudatku Bilik.
Einiges über die Eigenheiten des Formen- und Wortschatzes der uïgurischen Sprache.
Kudatku Bilik.
Wörterbuch.
Alphabetisches Verzeichniss.
Vorwort
Als ich vor einigen Jahren die merkwürdige Handschrift des Kudatku Bilik
zu Gesichte bekam und in den Schriftzeichen des sybillinischen Inhaltes zu
forschen anfing, da hatte ich wirklich keine grosse Hoffnung, dass es mir
je gelingen werde, dieses älteste Manuscript und Sprachmonument der Türken,
wenn auch nur theilweise, zu lesen und zu verstehen, geschweige denn
grössere Auszüge aus demselben veröffentlichen zu können. Eine
heissbrennende Neubegierde, verbunden mit einem achtzehnjährigen Studium
türkischer Mundarten und unterstüzt durch praktische Vertrautheit mit
den heutigen Dialecten Centralasiens hat jedoch mein Vorhaben über alle
Erwartungen gefördert.
Ich bin nun im Stande, das Kudatku Bilik zu lesen, freilich nur insoferne
diess bei einem mit zweifelhaften Schriftzeichen und in einem ziemlich
fremden Dialecte geschriebenen Texte möglich ist; was jedoch den Freunden
der Turcologie hier dargereicht wird, ist das Resultat jener ersten
Versuche, die mir in dieser Richtung glückten.
Wo der Autor den Text oft ahnen, die Uebersetzung errathen muss, dort
darf der Beurtheiler keine besondern Ansprüche auf kritische Genauigkeit
machen. Keine Variante stand mir zur Verfügung, um mit ihr den Text zu
confrontiren, kein Wörterbuch, aus dem ich den fehlenden Wortschatz hätte
schöpfen können. Wenn ich daher bei der Entzifferung so manchen Wortes, das
in der Form eines dicken Striches vorliegt, in einen Irrthum verfiel oder
dessen Uebersetzung verfehlte, so soll das Niemand tadeln. Mannigfach waren
die Schwierigkeiten, die beim Zu-standekommen vorliegender Blätter besiegt
werden mussten. Aus der Menge derselben will ich nur einige hervorheben.
Erstens, die Zusammenstellung des Textes; denn wenn ich auch dort, wo
die Berichtigung der Handschrift rein unmöglich war, oft ganze Verspaare
wegliess, so finden sich doch auch in den vorliegenden Musterstücken viele
Stellen, die bei der etwaigen Entdeckung einer zweiten Copie des Kudatku
Bilik Veränderungen unterliegen werden.
Zweitens, die Transcription. Diese war schon desshalb so erschwert, weil es
sich um eine ausgestorbene Mundart handelt, die noch obendrein mit einem
Alphabete geschrieben ist, von dem einige Buchstaben drei bis vier,
andere sogar noch mehr Laute darstellen; dazu kommt noch, dass der
Originaltext durch die ewigschwankende Schreibart jedes festen
Anhaltspunktes beraubt ist und eine consequente Transcription eo
ipso unmöglich macht.
Drittens, die Uebersetzung. Einerseits stand die gebundene Redeform des
Textes - wiewohl die Verse ziemlich fliessend sind - einer wortgetreuen
Verdeutschung sehr im Wege; andererseits haben die Unleserlichkeit der
Handschrift und der Mangel an einem Wortschatz oft alles Bemühen völlig
fruchtlos gemacht.
Weit entfernt daher, die Mängel und Fehler vorliegender Arbeit zu bemänteln
oder gar zu beschönigen, kann ich nicht umhin, in Erinnerung zu bringen,
dass uns dieselbe die erste sichere Kunde von dem eigentlichen Dialecte der
Uïguren bietet, dass sie mehrere Hundert türkischer Wurzeln und Stammwörter
der Vergessenheit entrissen hat, und dass sie endlich durch den Einblick
in das früheste und allererste literarische Product der Türken, den sie
gewährt, die Bildung eines von dem bisherigen ganz abweichenden Begriffes
über die alten Culturzustände dieses Volkes nothwendig macht. Dieser nicht
unbedeutende Erfolg war vielleicht der Mühe und Anstrengung werth, die mich
die Ausarbeitung dieses Werkes kostete; denn fürwahr, meine Dervischreise
von den Ufern des Bosporus bis zur alten Timurstadt hat nicht viel mehr
Ausdauer und Geduld in Anspruch genommen.
Ich will nun noch, bevor ich dieses Vorwort schliesse, meinen innigsten
Dank der Ungarischen Academie der Wissenschaften ausdrücken, die mir
als Beitrag zu den Druckkosten die Summe von 700 Gulden grossmüthigst
bewilligt hat, und durch deren Vermittlung ich die werthvolle Handschrift
des Kudatku Bilik aus der k. k. Hofbibliothek in Wien auf mehrere Jahre zum
Privatgebrauch erhielt. Nicht minder fühle ich mich zum Danke verpflichtet
gegenüber meinem gelehrten Collegen, dem Herrn Professor Dr. B. Jülg, der
theilweise die grammaticalische Correctur des deutschen Textes überwachte;
ohne seine Forschungen auf dem Gebiete des Ost- und Westmongolischen hätte
vielleicht der Druck des ersten uïgurischen Textes im ausserrussischen
Europa gar nicht bewerkstelligt werden können, da es nur auf Grundlage der
auf Herrn Dr. Jülgs Anregung angeschafften mongolischen Typen möglich war,
das uïgurische Alphabet so leicht herzustellen. Herr Anton Schumacher,
Besitzer der Wagner'schen Universitäts-Buchhandlung in Innsbruck, hat mit
wahrer Sachliebe an dem Unternehmen sich betheiligt. Und für die schöne
Ausstattung und die mannigfaltige Sorgfalt, die er meinem Buche zu Theil
werden liess, gebührt ihm meine vollste Anerkennung.
Pest im August 1870.
Hermann Vámbéry.