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Kamarás István

Judas oder Petrus?

INHALT, EINLEITUNG


Inhalt

Einleitung

I. Geländebegehung
II. Diagnose
III. Diskurs über die Berufung, den Zölibat und die Berufsmodifizierung
IV. Schlußwort: mit Öffnung

Erklärung der im Text vorkommenden kirchlichen und theologischen Ausdrücke.
Die Annahme des Buches: "Judas oder Petrus"? 1992-94

Einleitung

Viele haben versucht, mir von einer Veröffentlichung dieses Buches abzuraten. Etliche Menschen auch schon davon, im Kreise der berufswechselnden Priester Nachforschungen zu führen. Sie machten mich aufmerksam, (haben gefleht, sogar gedroht), daß es die interne Angelegenheit der Kirche wäre, daß es ein sehr heikles, eigentlich noch nicht aktuelles Thema sei, daß man keine Schmutzwäsche vor der Öffentlichkeit waschen sollte, weil das dem Priesterberuf Schaden zufügen würde. Andere, ebenfalls viele, sahen es ganz anders. Das zweite Vatikanische Konzil öffnete die Fenster nicht nur zur Welt, sondern auch zu unserer Kirche. Es gibt keine "Tabuthemen" mehr, nur ein verantwortungsloser Umgang mit diesen Themen. Es gibt viel heiklere Themen als dieses, nämlich jene geschehenen Dinge, die von den dem Beruf Treugebliebenen begangen wurden. Es wäre besser, wenn wir darüber schreiben würden, als ein nach Sensation jagender Außenstehender, damit ein solches Buch, eben die Berufung stärke. Die Meinung, daß man diese Themen "vor den Kindern" nicht besprechen sollte, ist aus zweierlei Gründen nicht haltbar. Einerseits kann man, muß man sogar dem Kind von vielem berichten, damit es weiß, daß es sich bloß darum und nicht um etwas anderes handelt, womit man ihm Angst einjagen will. Andererseits: seit dem Konzil sind wir (Gottes pilgerndes Volk) bereits mündige Erwachsene geworden.

Viele haben uns gefragt, warum wir gerade über dieses Thema schreiben, da es so viele andere gäbe, warum wir über keine positiven Beispiele berichten. Ich schrieb und schreibe nicht nur darüber. In dieser Serie erschien bereits ein Band, dessen Hauptdarsteller jene Priester sind, die eine Pfarrgemeinde aufbauen, d.h., die aus einer Kirchengemeinde eine wirkliche kirchliche Gemeinschaft formen. Das sind mehrheitlich positive Beispiele. Ich möchte mich in Zukunft auch noch mit der Vorbereitung auf die priesterliche Laufbahn, mit der spirituellen Bewegung der Seelsorger und auch mit anderen, ähnlichen Fragen beschäftigen. Darum schreibe ich nicht nur über positive Beispiele, denn ich habe eine andere Aufgabe: Als Religionssoziologe stelle ich eine Situation dar, aber ich werte sie nicht, denn als Soziologe schreibe ich keine Heldengedichte, sondern ich versuche eine Gesamtschau und eine Erklärung zu geben. Mehre rieten mir, daß es zwar sehr wichtig wäre, aber doch sollte ich darüber nicht schreiben, daß es zwar ungeheuer wichtig wäre, aber doch sollte ich es nicht veröffentlichen. Aber ich kann dem Rat nicht folgen, denn mein Gewissen erlaubt es mir nicht. Ich bin ein Eingeweihter und ein Verpflichteter dieses Anliegens geworden.

Warum nenne ich die Gattung dieses Buches: Religiographie? Nicht deshalb wählte ich den auch von meinen Lektoren für problematisch empfundenen Titel, um meine Leser auf die Schiene des "Entweder- Oder" Urteilens zu stellen, sondern um sie sowohl die Fragen, als auch die möglichen Antworten selber formulieren zu lassen. Darum " Graphie" (und nicht Logie), weil ich nur darstellen, sehen und nachdenken lasse, Vorurteile zerstreuen und nicht urteilen oder erklären will. Ich wählte diese neue Wortschöpfung: Religiographie, denn die von mir untersuchte Erscheinung hat keinen Platz in den begrifflichen Schachteln der Soziologie. Die Religiographie setzt auch die psychologische, kirchengeschichtliche und theologische Reflexion voraus und innerhalb dieser Disziplinen auch das Kirchenrecht, die Dogmatik und die Pastoral. Selbst mit all diesen Disziplinen ist die zu beschreibende Erscheinung nicht zu begreifen, denn der Geist weht dort (von dort und dorthin), wo er will (von wo und wohin). Auf jeden Fall kann ein Soziograph, der eine Religiographie schreibt schon damit große Dienste tun, wenn er veranschaulicht, wieweit sein Mandat reicht, und wo die Grenze jener Sphäre ist, in der der Geist wirkt.

Für wen schreibe ich dieses Buch? Für Priesteramtskandidaten, für die treudienenden Priester, für die berufswechselnden Priester, für die an dem allgemeinen Priestertum interessierten Gläubigen, für die Priestererzieher, für all jene, die irgendeine Berufung haben, sowie für die Neugierigen, für die eine Sensation oder einen Skandal witternden Außenstehenden, damit sie genau sehen, daß es sich nur darum, und nicht um mehr oder nicht um etwas anderes handelt. Auf den Leser wartet keine leichte Unterhaltung oder eine nützliche Orientierung, sondern eine Aufgabe: Das hier Niedergeschriebene soll man neu interpretieren, vielleicht soll man alles noch einmal durchdenken, um dem Thema entsprechend stilgemäss zu sagen: der priesterliche Talar sollte neu geknöpft werden. Die Hochwürden!

Es bleibt jetzt nichts anderes übrig, als all jenen, die meine Arbeit mit Rat und Tat unterstützen, Dank zu sagen. Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken, deshalb erwähne ich, daß sich einige von ihnen nicht gefreut haben, als ich die Ergebnisse meiner Untersuchungen veröffentlichen wollte. Die Mehrheit aber war der Meinung, daß es in unserer Kirche keine heiklen Fragen, aber Schulden gäbe. In der Tilgung derer waren sie mir eine echte Hilfe mit ihren Analysen, mit ihren Ansichten und Ratschlägen.


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