Der erste Weltkrieg aus ungarischer Sicht
INHALT, EINLEITUNG
Inhalt
Csaba Szabó - Róbert Fiziker: Qui desiderat pacem, praeparat bellum / Einleitung
Oszkár Szőts Zoltán: Hauptrichtlinien in der Historiografie des Ersten Weltkrieges in Ungarn
Gábor Albert B.: Einschätzung des Ersten Weltkrieges in den sich wandelnden Geschichtslehrbüchern des 20. Jahrhunderts von den 1920er-Jahren an bis Mitte der 1960er-Jahre in Ungarn
Imre Ress: Ungarns Weg in den Krieg. Ungarische Einflussnahme auf die Außenpolitik der Habsburgermonarchie 1913-1914
István Németh: Die Verhandlungen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns über Mitteleuropa (1915-1918)
Ágnes Pogány: Zwischen Szentháromság tér und Herrengasse. Sándor Popovics und die Finanzierung des Ersten Weltkrieges
Árpád Hornyák: Serbiens nationale Ziele und außenpolitische Bestrebungen auf dem Balkan. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges
Dániel Szabó: Wer war 1914 in Ungarn begeistert und wofür?
Andrea Pető: Kontinuität und Wandel. Die Geschlechtergeschichte des Ersten Weltkrieges
Anikó Katona: Propaganda während des Ersten Weltkrieges. Repräsentation der Nation auf ungarischen Plakaten
Ferenc Maczó: Königliches Inauguraldiplom Karls IV. im Spiegel politischer Scharmützel
Tibor Balla: Die Elite der österreichisch-ungarischen Generäle des Ersten Weltkrieges
Péter Zakar: Die Militärgeistlichen der Österreich-Ungarischen Monarchie im Ersten Weltkrieg
Ferenc Pollmann: Das "Gefecht" bei Temes-Kubin und die Archivquellen
Zsolt Orbán: Szeklerburg und der Große Krieg
Tamás Csikány: Die Eroberung der "Magyaros"-Höhen am 8. März 1917
Gábor Kiss: Ärzte und Sanitätsanstalten in der königlich ungarischen Honvédarmee 1868-1918
Róbert Fiziker: Gedankensplitter über den Großen Galgenkrieg
Gábor Margittai: Geistersoldaten der Eselsinsel. Der Todesmarsch des Großen Krieges auf dem Balkan
Eszter Kaba: Alltag in den russischen Kriegsgefangenenlagern im Ersten Weltkrieg. Tatsachen und Irrglauben
Register
Publikationen der ungarischen Geschichtsforschung in Wien
Einleitung
...
Der menschliche Charakter änderte sich im Laufe der Jahrtausende kaum. Der Sieger erntete Triumph, der Besiegte litt und wurde erniedrigt. Auf den von Menschen bewohnten Kontinenten in den Jahrhunderten der Geschichte gingen die Kriege zumeist so aus.
Es überrascht also nicht, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die von den technischen Innovationen, den Entdeckungen in der Physik und Chemie und von ihren eigenen Erfindungen "berauschte" Menschheit - wie so oft im Laufe der Geschichte - erneut der Ansicht war, sich angemessen auf den Krieg vorbereitet zu haben. Nun ja, aber die europäischen Großmächte, die sich gegenüberstanden, und ihre Verbündeten hatten in ihrer Gier weltweit das Gefühl, dass ihre Vorbereitung ausreicht und der erhoffte Triumph in einem schnellen Krieg nicht ausbleibt. Das casus belli war im Wesentlichen gleichgültig: ein Anschlag, eine Grausamkeit. Nur soll er endlich beginnen, damit er so bald wie möglich zu Ende ist. Der Krieg ging aber nicht schnell, die Schützengräben saugten immer mehr Menschen und Material auf, immer mehr Nationen schalteten sich in den "Großen Krieg" ein. In der Geschichte ist es vorgekommen, dass die Schlachten nicht zu entscheiden waren, in den Kriegen entwickelte sich jedoch selten eine Pattsituation. Die Kampfhandlungen müssen so lange fortgesetzt werden, bis der Feind auf die Knie gezwungen ist. In einem Krieg kann es nur Sieger und Besiegte geben. Und "Wehe den Besiegten!"
Vergebens ist die philosophische und moralische Entwicklung der Menschheit von mehreren Jahrhunderten - der Sieger will Beute, demonstriert Stärke, erniedrigt den Verlierer und schüchtert ihn ein. Nach 1918 wurde den Gegnern der Alliierten Assoziierten Regierungen ein Frieden aufgezwungen, über den die Zeitgenossen zu Recht sagten: "Das ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand auf 20 Jahre." Ein französischer Marschall, Ferdinand Foch (1851-1929) sagte dies über den Friedensvertrag von Versailles.
Deutschland als das für den Krieg verantwortliche Land hatte durch den Frieden von Versailles beträchtliche territoriale Verluste zu ertragen. Frankreich bekam Elsass-Lothringen zurück und verschaffte sich für fünfzehn Jahre entscheidenden Einfluss im Saarland. Auch Polen wurde um bedeutende Gebiete reicher und durch seinen Zugang zum Meer wurde Deutschland geteilt. Kleinere Gebiete kamen noch zur Tschechoslowakei, zu Dänemark und Belgien. In den abgetrennten Regionen lebte eine beträchtliche deutsche Bevölkerung. Deutschland wurde neben seinen territorialen Verlusten (ein Achtel seiner Vorkriegsgebiete) auch um sein Kolonialreich gebracht. Darüber hinaus musste es seine Luft- und Seeflotte auflösen, seine kontinentale Streitmacht wurde bei 100.000 Mann maximiert. Deutschland wurde Wiedergutmachung in einer Höhe vorgeschrieben, die zu erfüllen es außerstande war.
Die Großmächte behandelten Österreich und Ungarn als Rechtsnachfolger der Monarchie und spielten ihnen dementsprechend übel mit. Der mit Österreich abgeschlossene Frieden von Saint-Germain genehmigte eine ihrer Kraft beraubte und auf 30.000 Mann eingeschränkte Armee. Wegen seiner Kriegsverantwortung musste es eine Wiedergutmachung zahlen und wurde verpflichtet, selbständig zu bleiben. Der mit Ungarn am 4. Juni 1920 geschlossene Frieden von Trianon erwies sich in seinen territorialen Bezügen am gewichtigsten. Das Land verlor zwei Drittel seines Territoriums und über die Hälfte seiner Bevölkerung. Sein Gebiet verringerte sich von 282.000 km2 (samt Kroatien: von 325.000 km2) auf 93.000 km2, die Bevölkerungszahl von 18 Millionen auf 7,6 Millionen. Die ethnischen Grenzen wurden überhaupt nicht in Betracht gezogen, deshalb gerieten mehrere Millionen Ungarn in die Nachbarstaaten (die meisten nach Rumänien und in die seitdem bereits zerfallene Tschechoslowakei).
Mit der Wiedergutmachung, der Limitierung der Armee und durch politische Isolation wollte man vermeiden, dass Ungarn irgendwann zu einer Gefahr für seine Nachbarn werden kann. Den Vertrag hatte das ungarische Parlament gezwungenermaßen zum Gesetz erhoben, die politische Elite und die öffentliche Meinung konnten ihn allerdings nie akzeptieren: Das wichtigste nationale Bestreben in den darauf folgenden Jahrzehnten zielte darauf ab, den "Raubfrieden" umzugestalten.
Auch Bulgarien litt stark unter dem unersättlichen Nationalismus seiner Nachbarn. Außer seinem empfindlichsten territorialen Verlust (Küsten-Region der Ägäis) lasteten auch auf ihm die Wiedergutmachung und die Abrüstung.
Von der Türkei wollten alle etwas abbekommen. Als Ergebnis der Größe des nationalen Unrechts und der im Land vollzogenen gesellschaftlichen Veränderungen (die Macht des Sultans wurde gestürzt, und unter Führung Kemal Atatürks ein bürgerliches System errichtet) kam in der Türkei eine Einheit zustande, die den erfolgreichen Widerstand gegen den Frieden von Sèvres ermöglichte. Der Frieden von Lausanne regelte die türkischen territorialen Fragen bereits auf annehmbare Art und Weise und machte zugleich auch den neuen Staat akzeptabel.
Die erniedrigenden Friedensverträge rissen Europa und die Welt zwei Jahrzehnte später erneut in einen Weltkrieg, der noch mehr Opfer und Leid mit sich brachte. Die Verantwortung für den Krieg trugen wieder allein die Besiegten.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Sowjetunion zu einem bedeutenden weltpolitischen Faktor, zu einer Großmacht. Die westlichen Alliierten verzichteten im Interesse des von Stalin erhofften Friedens auf Mittel- und Osteuropa, wo kommunistische gesellschaftliche Institutionen entstanden. In den folgenden 40 Jahren änderte sich die historische Einschätzung des Ersten Weltkriegs nicht: Er wurde als imperialistischer Krieg qualifiziert. Das Friedenssystem von Versailles erwies sich im Wesentlichen als Tabu, weil die aus den einstigen verfeindeten Klein- und Mittelstaaten entstandenen Volksdemokratien des Raumes im Warschauer Vertrag zu Verbündeten wurden. Über die Faktoren, die das freundschaftliche Verhältnis störten, durfte nicht einmal gesprochen werden. Wegen der vier Jahrzehnte währenden Verdrängung sowie der Einseitigkeit von Erziehung und Unterricht erstarb das Interesse für den Ersten Weltkrieg und seine Folgen in einem Teil der Gesellschaft oder schlummerte ein. Auch die ungarische Geschichtswissenschaft produzierte in der Zeit des gewesenen Sozialismus lediglich eine bedeutendere Publikation zum Thema, die auch eine gewisse Kritik beinhaltete und einige ehrliche Fragen formulierte.
Nach der Wende erschienen neben dutzenden hervorragenden Fachstudien nur einige wenige wissenschaftliche Synthesen von ungarischen Autoren. In den Jahren vor dem Zentenarium wurden endlich wichtige Arbeiten publiziert, leider ausschließlich in ungarischer Sprache. Das ist deshalb problematisch, weil die ungarischen Gesichtspunkte nur in der Ausgangssprache vorliegen und so in der internationalen Geschichtswissenschaft kaum zur Geltung kommen.
Der vorliegende Band will in diese "freiwillig übernommene" wissenschaftliche Isolation eine Bresche schlagen, da er einige der wichtigsten ungarischen Autoren umfasst und ihre Forschungsergebnisse in deutscher Sprache zugänglich macht.
In der Publikation wurde neben historiografischen und erziehungshistorischen Analysen politik-, sozial-, diplomatie- und wirtschaftshistorischen Studien ebenfalls Raum gewährt. Ein Beitrag untersucht die Rolle der Propaganda in den Jahren des Ersten Weltkrieges, während ein Autor die Krönung des letzten österreichischen Kaisers Karl I. zum König Ungarns aufarbeitete. In einer gesonderten Gruppe stehen im Band die militärhistorischen Arbeiten. Ihnen schließen sich Abhandlungen an, die die dunkle Seite des Krieges, die Lebenssituation der Kriegsgefangenen, darstellen.
Alle ungarischen Bezüge des "Großen Krieges" wird auch dieses Buch nicht enthalten.Wir glauben aber, durch die Veröffentlichung dieser Studien einen bedeutenden Schritt in der Richtung unternommen zu haben, dass auch die Historiker der westlichen Welt über die ungarischen Forschungen in Bezug auf den Ersten Weltkrieg Kenntnis erlangen.
Budapest, Wien: November 2015
Csaba Szabó und Róbert Fiziker