Lukács Géza
Fort mit den Friedensverträgen von Versailles, Trianon, Neuilly, St. Germain, Sèvres
INHALT, VORWORT
Inhalt
Vorwort des Verfassers
Die Wirkungen des Versailler Friedensvertrages auf Deutschland
Der Friedensvertrag von Trianon
Der Friedensvertrag von Neuilly
Die Folgen der Friedensverträge für die Randstaaten
Die Folgen der Friedens vertrage für die Welt
Benutzte Literatur
Vorwort
Wir dürfen den Charakter unserer Zeit nicht verkennen; es ist eine Zeit gewaltiger Gärung, gefahrvoller Aufgaben, schwindelnder Übergänge, rastlosen Wirkens und Gegenwirkens.
Sicher ist es, daß große Erschütterungen und rapide Übergänge verderblicher sein können, als alle ohnmächtigen Bemühungen, welche eine gewaltsame Verspätung zum Zweck haben. Sie zerreißen in dem Sturme der Leidenschaften, der sie begleitet, das schönste Gewebe höherer Menschenbildung und feinerer Sittlichkeit.
Die Veranlassung zu dergleichen verwegenen Operationen ist zuweilen ein ungeduldiger Trieb der Völker, oder ein Blendwerk, womit unweise und schwärmerische Reformatoren sie täuschen. Es ist ganz einleuchtend, daß die Fehler derjenigen Staatsmänner, die sich in Versailles, Trianon, St. Germain, Neuilly und Sevres, wo sie als Diktatoren auftraten, auf einmal ganz nahe am letzten fernen Ziel der Menschheit glaubten, die dringendsten Bedürfnisse der Zeit aus den Augen verloren und ganz vergaßen, daß die verderblichen Fehler, die sie verrichten, zu entsetzlichen Katastrophen führen werden.
Alle Aufmerksamkeit, alle Besorgnisse, alle Warnungen der denkenden Köpfe und der fühlenden Herzen müssen jetzt dahin gerichtet sein, daß die schwere Last, welche die einzelnen Nationen tragen müssen, erleichtert werde, daß die schwer leidenden Völker wieder zum Leben erwachen könnten. Jedes absichtliche Bestreben der Entente-Regierungen, den großen Gang der Natur in der immer steigenden Verbesserung des menschlichen Geschlechts und seines Zustandes zu hemmen, ist nicht bloß ein frevelhaftes und fruchtloses Bestreben, sondern erweckt auch unfehlbar den Widerwillen und den Haß derer, gegen welche es gerichtet ist, und die Neigung, Gewalt durch Gewalt abzuwehren.
Diejenigen Staatsmänner der Entente-Staaten, die bei der Konstruierung der Pariser Friedensverträge mitgewirkt haben, scheinen die Idee der immerwährenden Perfektibilität der Menschengattung nicht anerkennen zu wollen. Diese Idee ist eine ebenso notwendige Vernunftidee, als jene der ewigen Fortdauer der Substanzen, und hat, so lange man sie so gebraucht, wie sie allein gebraucht werden muß, ihren hohen Wert. Sie wird nur dann trüglich und gefahrvoll, wenn man sie in eine andere Sphäre hinüberziehen, wenn man damit in den Weltlauf pfuschen will, wenn man das Gesetz der Natur, nach welchem nichts plötzlich bewirkt werden kann, verkennt, wenn man sich einbildet, daß diese oder jene Operation auf einmal das Ideal realisieren, oder daß sie auch nur von einer Stufe der Vollkommenheit sogleich auf eine weit höhere, ohne daß die Mittelstufen betreten würden, führen werde.
Den Pariser Friedenskonferenzen sahen wir natürlich nicht mit der Einbildung entgegen, wonach durch die dort zu treffenden Abmachungen jenes Ideal verwirklicht werden kann, welches so oft von den führenden Teilnehmern der Konferenz verkündet wurde. Nach der gewaltsamen Erpressung der verschiedenen Waffenstillstandsersuchen, ahnten wir schon, daß die Verträge, welche solchen Antezedentien folgen, niemals den Frieden bringen würden, den Europa als Basis der Weiterentwicklung benötigt. Nach dem ersten Waffenstillstandsvertrag wußten wir, daß die Wege sämtlicher Friedensdelegationen Leidenswege sein werden, wir wußten genau, schon auf Grund der Formalitäten, daß in Versailles, Trianon, Neuilly usw. keine Verträge geschlossen, sondern Diktate entgegengenommen werden.
Fälle, die die Weltgeschichte nicht kennt!!
Es gibt in allen menschlichen Verhältnissen und Unternehmungen einen Punkt der Reife, den die Natur der Dinge bezeichnet hat, und den wir ungestraft weder vorrücken noch zurückdrängen können. Bis auf eine gewisse Weite ist ein solches Bestreben überhaupt nur möglich: denn absolute Gewalt über die natürlichen Folgen seiner eigenen Taten ist dem Menschen nicht gegeben; aber auch, so weit es möglich ist, wird es immer verderblich sein, und früher oder später muß die Fruchtlosigkeit dieses Bestrebens durchaus in ihrer ganzen Blöße erscheinen.
Das duldende Vertrauen künstlich lahmgelegter Kräfte darf nicht die Quelle des Systems der Machtvolleren werden. Alles was bei den Entente-Staaten darauf berechnet ist, erscheint als geeignet diesem duldenden Vertrauen ein Ende zu bereiten.
Der Weg zur besseren Existenz der durch die Pariser Verträge bis aufs äußerste geschwächten Staaten, muß durch kraftvolle Entschlüsse und zielbewußte Unternehmungen gefunden werden. Durch energische Mittel muß erprobt werden, ob das Prinzip des Lebens, oder dasjenige des Todes den Sieg davontragen wird.
In dieser Arbeit wollen wir auf Grund der Untersuchung der wichtigeren Bestimmungen der einzelnen Friedensdiktate, deren Unhaltbarkeit und Unmöglichkeit beweisen. Wir wollen die furchtbaren Wirkungen dieser Unheil verkündenden Instrumente der breiten Öffentlichkeit zeigen und auch im Auslande bekannt machen.
Schöne und große Staaten, mit ruhmreicher Vergangenheit und vielversprechender Zukunft dürfen nicht, können nicht zu ewigen Fesseln verdammt sein!
Die Vergangenheit gehört der Geschichte; unser Ziel, das eigentümliche Erbteil aller menschlichen Weisheit - ist die Zukunft! Wir wollen ihr, wir müssen ihr mit Mut und Hoffnungen entgegentreten! Das alles, was wir als Übel fühlen, soll uns zur Erhöhung unserer Bestrebungen, das was wir für möglich halten, zum Leitstern auf der künftigen Bahn dienen.
Wir haben beweisen können, daß die Verträge von Versailles, Trianon usw. nicht nur für die ehemals verbündeten mitteleuropäischen Staaten, sondern für ganz Europa, sogar für die ganze Welt kranke Verhältnisse zeitigten. Mögen sich noch so viel Konferenzen mit der Möglichkeit der Weltgenesung befassen, so lange die besprochenen Verträge Geltung haben, sehe ich keine Entwirrungsmöglichkeit aus dem Chaos, in welchem wir uns alle infolge der Kurzsichtigkeit und Böswilligkeit jener Herren befinden, die uns den Sieg des Rechts verkündeten.
Unsere Waffen werden stärker sein, denn wir werden sie im Zeichen der Gerechtigkeit so lange nicht niederlegen, bis die Grundlagen gerechterer, reiferer, menschlicherer und den natürlichen Verhältnissen entsprechenderer Verträge geschaffen werden.
Berlin, im Mai 1922
Der Verfasser