Lukács Géza
Gedanken zur friedlichen Verständigung in Europa
INHALT, VORWORT
Inhalt
Vorwort
Das Selbstbestimmungsrecht der Volker im Lichte der Revisionisten
Enttäuschung nach unverwirklichten Versprechungen. Hoffnung auf Grund der Revision
Das Problem der nationalen Minderheiten
Die wichtigsten Ergebnisse der Kriegsschuldforschung
Die Wirtschaftspolitik der kommenden Zeit Erst Revision - dann Paneuropa
Das europäische Gleichgewichtssystem
Der Weg zur Revision
Vorwort
Das Wort "Frieden" hat in Europa eine zweifache, widersprechende Bedeutung. Für den Sieger bedeutet es die Achtung der Friedensverträge; für die Unterlegenen aber deren Revision.
Dieser Friede mit dieser zweifachen Bedeutung hat versagt. Die Verträge stellen ein Gemisch zweier, einander widersprechender Auffassungen dar. Die erste, juristisch und jakobinisch, faßt den Frieden als eine Sanktion auf, die Wiedergutmachung und Erniedrigung zugleich bedeutet. Die andere, evangelisch und menschenfreundlich, möchte den Sieger zum Organisator des ewigen Friedens erheben. Da man die beiden Auffassungen miteinander nicht versöhnen konnte und kann, hat man sie aufs Geratewohl aneinander gefügt.
Umwälzungen, welche organisch zusammengewachsene Gebiete zerreißen und Wirtschaftsvereinigungen, deren Bestand sich im Laufe von Jahrhunderten als zweckmäßig erwiesen hat, zersprengen, müssen von großen ethischen Ideen getragen werden, um vor dem Urteil der Geschichte und im Bewußtsein der Betroffenen die Berechtigung ihres Zerstörungswerkes zu verankern und oft unvermeidliche Härten erträglich zu machen. Fehlt dieser Trost im Völkerbewußtsein, augenblickliche Widrigkeiten im Dienste einer höheren Idee zu überwinden, dann ist es selbstverständlich, daß das Rechtsbewußtsein nach Abhilfe ruft und Unfrieden in die Welt setzt, bis ausgleichende Gerechtigkeit ihr Versöhnungswerk vollendet hat.
Das "Vae victis" der Sieger konnte als Staatsraison solange seine Berechtigung haben, als Gewalt die Friedensbedingungen diktieren durfte. Wenn heute im Zeitalter des feierlich verkündeten Selbstbestimmungsrechts der Völker gerade einzelne Staaten als Parias außerhalb des neuen Evangeliums nationaler Neuordnung stehen müssen, dann haben wir das Recht zur Frage ob auch nicht die ganze Friedensbotschaft auf selbstischen Zwecken beruhte, oder auf die Interessen Stärkerer zugeschnitten wurde.
Die Friedensverträge erzeugten demnach jenes Gefühl der Vergewaltigung, das sich in flammenden Protesten in Europa über den Bruch feierlich zugesagter Versprechungen an das Weltgewissen wandte.
Gleichlautend mit dem italienischen Regierungschef können wir die Frage aufwerfen: "Werden wirklich 60 sehr lange Jahre verfließen müssen, bevor unter die tragische Abrechnung des Soll und Habens, die aus dem Blute von zehn Millionen jungen Menschen entstanden ist, die die Sonne nicht mehr sehen werden, das Wort "Schluß" gesetzt wird? Kann man sagen, daß eine rechtliche Gleichheit unter den Nationen besteht, wenn auf der einen Seite sich bis auf die Zähne bewaffnete Staaten befinden und es auf der anderen Seite Staaten gibt, die dazu verurteilt sind, un- bewaffnet zu bleiben? Kann man von einer europäischen Wiederaufrichtung sprechen, wenn gewisse Bestimmungen der Friedensverträge, die ganze Völker an den Rand des materiellen Abgrundes und der moralischen Verzweiflung gestoßen haben, nicht abgeändert werden? Wie viel Zeit wird noch vergehen müssen, um sich zu überzeugen, daß es in dem wirtschaftlichen System der gegenwärtigen Welt etwas gibt, das scheitert und vielleicht schon zerschellt ist? Hierin liegen die bestimmten Richtlinien, mit denen man dem wahren Frieden dient, der von der Gerechtigkeit nicht getrennt werden kann. Andernfalls handelt es sich um ein von Rachsucht, Groll oder Furcht diktiertes Protokoll."
Der Vertrag von Versailles und die Verträge von Trianon, St. Germain und Neuilly stehen in der Geschichte der Friedensschlüsse völlig vereinsamt da.
Diese Verträge sind nicht auf Verhandlungen gegründet, sondern von den Siegern ausgefertigt und den Unterlegenen als bindende Satzung auferlegt worden. Sie sind daher keine Charte's im Sinne der großen europäischen Friedensschlüsse, die im 17., 18. und 19. Jahrhundert zwischen den Mächten vereinbart worden sind, um das europäische Staatensystem nach Stauungen und Konflikten immer wieder mit der Entwicklung in Einklang zu setzen und das zerstörte Gleichgewicht wiederherzustellen, sondern ein der Vertragswürdigkeit entbehrendes Verdikt, dessen Rechtskraft einzig auf der angedrohten Gewalt ruht.
Die vierzehn Punkte des amerikanischen Präsidenten wurden mit dem Friedensbedürfnis Europas nicht in Einklang gebracht. Unter der Flagge des idealen Fluges der Weltbeglückung geht Europa zugrunde.
Nun hat die Stunde der Revisionspolitik geschlagen.
Die Völker haben ein Recht auf weitestgehende Unabhängigkeit. Aber kein Staatsprinzip und auch kein Vertrag haben je die Bestimmung enthalten, daß das Recht der Völker so weit gehe, politische Kombinationen zu verwirklichen, die das Gleichgewicht eines ganzen Kontinents gefährden können. Es ist ganz klar, daß die ganze Conzeption des heutigen Friedens, auf falsch angewendete Prinzipien und Unkenntnis der Gesamtlage der europäischen Völker, beruht.
In einem Punkte stimmen wir mit dem früheren französischen Außenminister Briand überein. Recht hat er darin, daß Europa einer völligen friedlichen Neuordnung bedarf.
Die Revision wird erfolgen, weil das Bedürfnis nach ihr stärker ist als der zusammenhanglose Wille der Menschen und weil die Logik der Ereignisse es dringend verlangt, und diejenigen Staatsmänner, die heute noch Gegner einer gerechten Neuorganisation Europas sind, sind Gefangene falscher Voraussetzungen.
Die nationale Einheitsfront der Völker, welche durch die Friedensverträge so hart betroffen wurden, für den Revisionskampf als unentbehrliche Voraussetzung zu fordern, heißt nicht das Unmögliche verlangen, alle innerpolitischen Gegensätze in eitel Wohlklang aufzulösen. Aber die Forderung verlangt, diese Gegensätze im Bewußtsein auszutragen, daß die innerpolitische nationale Einheitsfront im Revisionskampf hergestellt werden muß.
Das Antlitz Europas, wie es die Pariser Verträge geschaffen haben, trägt nicht die Züge der Ewigkeit. Der Rhythmus des Lebens macht vor den Verträgen keinen "Halt", und die Geschichte lehrt uns, daß man einmal den Mut haben muß, die den europäischen Verhältnissen an sich schon nicht entsprechenden Vertragsbestimmungen der jetzigen Weltlage anzupassen.
Völker treiben keine kollektive Philosophie, noch leben und weben sie in einer kollektiven Stimmung. Wenn in ihrem historischen Dasein irgendeine Stellungnahme dem Lebensganzen gegenüber zur Geltung gelangt, so geschieht dies in der Hervorbringung des schöpferischen Geistes. An diesem kann beobachtet werden, wie ein Volk seinem Schicksal gegenübersteht.
Wie ist aber in dieser Hinsicht das Heute beschaffen? Wir sind bei dem Punkte angelangt, wo die bange Frage um das Leben einzelner Völker ins umfassende Schicksals-Problem der Menschheit einmündet. Der historische Moment, in dem wir leben, bietet das Bild einer zerklüfteten, an äußeren und inneren Widersprüchen krankenden Menschheit.
Universale und nationale Ideen mögen zu einer höheren Einheit verknüpft durch die Revision der Diktatverträge, die Wege zur besseren Zukunft, allen Völkern ebnen.
Die durch die Friedenstraktate so hart betroffenen Völker müssen sich zu einer Willens- und Tatengemeinschaft im Dienste der Befreiung ihrer und der übrigen unterdrückten Völker und damit ganz Europas vom Drucke der in der Umgebung von Paris in den Jahren 1919 und 1920 geschaffenen Nachkriegsordnung zusammenschließen.
Nicht Reden und nicht Verträge, sondern Wille und Tat formen die Geschichte der Völker und der Menschen.